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  • Essay

Rente gut, alles gut

, Horst von Buttlar

Der Bundestag debattiert über die Mütterrente und die Rente mit 63. Schaden sie unserem Land? Horst von Buttlar hat in die Glaskugel geschaut und sieht im Jahr 2020 Kanzler Gabriel bei Korrekturarbeiten.

Deutschland 2020. Berlin, Kreuzberg
Deutschland 2020. Berlin, Kreuzberg

„Möchten Sie noch etwas trinken?“ „Mein Glas ist doch noch halb voll.“ Oh Gott, dachte Heimfeld, schon wieder diese Metapher. Das Glas halb voll auf dem Tisch vor ihm, das Glas halb voll im ganzen Land. „Also nichts mehr?“ Die Kellnerin stand vor ihm und klackerte mit zwei leeren Biergläsern in der Hand. Er überlegte. Nein, es reichte.

Seit zwei Stunden saß Lars Heimfeld im Würgeengel, seiner Stammkneipe in Kreuzberg, und dachte über Deutschland nach. Er hatte drei Weizen getrunken und vier Sätze geschrieben, sie kauerten sich auf dem Display seines iFold zusammen wie eine dezimierte Schafherde, und einer von den Sätzen musste jetzt wieder verschwinden. „Das Glas ist manchmal auch halb voll.“ Was für ein beschissener Satz, er war schon immer beschissen gewesen.

Vor einigen Jahren noch hätte Lars Heimfeld dieses Land in wunderbar langen und kurzen Sätzen beschreiben können, ach was, er hatte es vermessen, umrundet, seziert, zerschnitten, ja, er hatte die besten Reden für den Kanzler geschrieben. Nun sollte er wieder eine schreiben, die wichtigste, die große Warum-Deutschland-sich-ändern-muss-Rede. Und sein Kopf war leer.

Heimfeld steckte sich eine Gauloises Green an, er mochte diesen Biotabak, so süß und voll, vor allem aber genoss er es, dass man hier wieder rauchen durfte. Kreuzberg hatte zum Jahresanfang das Rauchverbot aufgehoben, als erster Bezirk Berlins, um Touristen und andere Trinker anzulocken, in seine immer leerer werdenden Kneipen.

Verdamtes 2020

Ein Marketinggag, damit man vergaß, dass der halbe Liter inzwischen 7,60 Euro kostete. Ob das mit dem Mindestlohn zu tun hatte, wusste Heimfeld nicht, es war ihm auch egal, er wusste, wie man die 12,50 Euro verteidigte, wie man sie „den Menschen da draußen im Lande“ erklärte.

Er rollte den iFold zusammen, legte zwei Zwanziger auf den Tisch. Zweimal zwanzig. 2020. Er lächelte. Eigentlich ein gutes Datum für Redenschreiber. So rund, so einfach. Zwanzigzwanzig. Daraus konnte man gut 2030 machen. Der große Plan für die Zukunft. Aber niemand mochte 2020, weil in diesem verdammten Jahr andere Zahlen durch das Land schwirrten. 4,3 Millionen, die keine Arbeit hatten. 120 Milliarden, die der Bund jedes Jahr in die Rentenkasse zahlte. Und dann noch die beiden Minus­zahlen. Minus vier und minus zwei: Defizit und Wachstum.

Heimfeld war 41 Jahre alt, und früher hatte er Freunden beim Weißwein erzählt, dass er einen Traumjob hatte. Redenschreiber für den Kanzler, für Sigmar Gabriel. Inzwischen aber quälte er sich, weil er spürte, wie sprachlos er geworden war.

Obwohl er genau wusste, wie alles begonnen hatte. Damals, 2014, als sie die Rente mit 63 eingeführt hatten, jene Reform, die man bald als „Jahrhundertfehler“ bezeichnet hatte. Zunächst war nichts passiert (außer dass Deutschland bei der WM in Brasilien in der Vorrunde ausschied).

Alles wurde noch schlimmer

Aber dann gab es die ersten Anzeichen. Wie ein Virus, das sich ausbreitet. Die Zahl der Frühverrentun­gen nahm zu, dann explodierte sie. Schon bald musste die Regierung den Rentenbeitrag anheben, dann wurde der Rentenzuschuss erhöht.

Als das Kabinett Merkel, nach dem donnernden Rücktritt von Wolfgang Schäuble, 2016 die Erbschaftsteuer erhöhte und den Spitzensteuersatz auf 49 Prozent anhob, kam das Wachstum zum Erliegen.

Vor allem aber hatte die Regierung 2014 etwas getan, was sie nie in einer Rentenformel berechnen konnte: Sie hatte den Deutschen etwas in den Kopf gesetzt, es ging jetzt nur noch darum, dass irgendwo irgendjemand mehr wollte, ein größerer Zuschuss hier, etwas mehr Geld und Anspruch dort.

Gabriel, der seit 2017 mit der Linken und den Grünen regierte, hatte den Absturz beschleunigt. Die Steuern angehoben, auf 53 Prozent. Die Vermögensteuer eingeführt. Mindestlohn hoch. Alles wurde noch schlimmer, eine Spirale nach unten.

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Mut zur Wahrheit

Sigmar Gabriel

Seit einigen Monaten nun hatte er verstanden, dass sich in den Köpfen dringend etwas ändern musste. Und dass dummerweise er dafür zuständig war. Ja, Deutschland musste mal wieder richtig reformieren.

Am nächsten Morgen stand Sigmar Gabriel an einem Fenster des Kanzleramts, an dem der Regen in schmalen Schlieren lief, um sich zwei Meter tiefer in dem immer dunkler werdenden Beton einzunisten. Seit sieben Jahren saß Gabriel nun am Kabinettstisch, seit drei Jahren als Chef, und jedes Jahr an diesem Tisch der Macht hatte im Schnitt zwei Kilo mehr bedeutet, aber da er auch an Größe gewonnen hatte, also an Statur, verlor keiner ein Wort darüber.

Er blickte auf das Sofa, auf dem dieser Heimfeld saß, dieser Phrasendrescher, der ihm endlich mal eine zündende Idee liefern sollte. „Nein, nicht Schröder, bloß nicht Schröder“, sagte Gabriel. „Der erste Agenda-2010-Vergleich, und die SPD ist fertig. Da kann ich den Laden zuschließen.“

„Es soll nicht nur Schröder sein, ich plane große Reformer aus 30 Jahren in die Rede …“

„Das merkt doch keiner. Ich muss das auch dem Eckrentner in Eckernförde erklären.“

Heimfeld war etwas beleidigt, er hatte viel gelesen diesmal, die großen Befreiungsschläge, rhetorische Rucksäcke, voll mit Zukunftsformeln. Von Ruud Lubbers, 1990, Niederlande. „Unser Land ist krank.“ Göran Persson, 1996, Schweden. „Alles, was Menschen Arbeit gibt, muss geprüft werden.“ Gerhard Schröder, 2003, Deutschland. „Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von den Einzelnen fordern müssen.“ François Hollande, Frankreich, 2014. „Wenn Frankreich sein Schicksal selbst bestimmen will, dann muss es unbedingt seine wirtschaftliche Kraft wiederfinden.“

Essen, glotzen und alle zwei Jahre eine neue iWatch

Immer ging es um eine Einsicht, die alle schon hatten, aber einer musste sie aussprechen und dann etwas tun, und wenn er es tat, dann wussten alle, dass er es tun musste, doch man beschimpfte ihn trotzdem. Heimfeld ahnte: Egal, was er Gabriel ins Skript schrieb, am Ende würde es einfach nur grausam werden.

„Es muss positiver sein“, warf Yasmin Fahimi ein, die Kanzleramtsministerin. „Auch um die Gewerkschaften ins Boot zu holen.“

„Die sind doch völlig durch­geknallt“, sagte der Kanzler.

„Man muss den Leuten die Wahrheit sagen“, sagte Heimfeld.

„Wahrheit …“ Gabriel schnaufte. „Die Leute wollen keine Wahrheit. Sie wollen essen, glotzen und alle zwei Jahre eine neue iWatch.“

Sie kamen nicht weiter. Das Treffen wurde verlegt, eine Woche später sollte Heimfeld wiederkommen, ins Willy-Brandt-Haus.

Ein Tag im Februar

Einer dieser Februartage in Berlin, klar und Sonne, die den Alex leuchten lässt. Heimfeld betrat das Foyer, blickte kurz auf die beiden Riesen, die Bronzestatue von Willy Brandt und die Steinskulptur von Helmut Schmidt, und ging zu der kleinen Runde, die sich schon eine Stunde vorher getroffen hatte. Es war ein schmaler Raum mit einer viel zu großen Topfpflanze. Neben Gabriel und Fahimi saßen dort Michelle Müntefering, die Rentenministerin, und Peer Steinbrück, Aufsichtsrat der Deutschen Energie, jenes Ungetüms, das 2015 aus der Notfusion von RWE und Eon hervorgegangen war. Auch „Zeit“-Herausgeber Gerhard Schröder war gekommen.

„Er sieht wieder besser aus“, dachte Heimfeld, „gut, dass er nicht mehr färbt. Das schlohweiße Haar steht ihm.“ Heimfeld war überrascht, dass Schröder da war. Der Kanzler war zwar sein Ziehsohn aus Niedersachsen, aber Gabriels Groll war groß, seit Schröder in seiner „Zeit“-Kolumne („Auf eine Cohiba mit …“) die Regierung immer unverhohlener kritisierte. Inzwischen in fast jeder zweiten Woche. Ja, schimpfte Gabriel dann, ich weiß, er hat ja alles vorausgesagt. In diesem blöden Buch, aus dem er immer zitierte: „Klare Worte“, 2014 war es erschienen, in dem Schicksalsjahr, und Schröder hatte vor dem Virus gewarnt, das sich danach ausgebreitet hatte. „Ein absolut falsches Signal“, hatte er geschrieben. Signale, das hatte Gabriel gelernt, sind wichtig für ein Volk.

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Die Riege der Ratgeber

Fahimi, Schröder, Gysi

Schröder, der nun immer warnte und mahnte, wusste seit Jahren alles besser. Gabriel schätzte dennoch seinen Rat, denn an vielen Tagen fühlte er sich im Kanzleramt verdammt einsam, in diesem dunklen Betonblock, der seit einigen Jahren so baufällig war, dass der Volksmund ihn „Tiefgarage“ getauft hatte. An manchen Abenden, wenn Gabriel auf dieses verunsicherte Land schaute, das er ändern musste, dann schnaubte er über den Dächern Berlins, in einer Verächtlichkeit, die das Kanzleramt lange nicht erlebt hatte.

Hatten nicht alle mitgemacht damals, auch die CDU, die ihn nun so boshaft attackierte? De Maizière, der CDU-Chef, hatte doch auch am Kabinettstisch gesessen! Und er, Gabriel, musste alles ausbaden, während Angela Merkel als EU-Außenministerin irgendwo die Welt rettete. Zusammen mit Gysi, dem Entschwebten, der, seit er im Auswärtigen Amt saß, seine Stirn ständig in tiefe, nachdenkliche Nahostfalten legte wie damals Joschka Fischer.

„Da wird Wagenknecht niemals mitmachen“, sagte Michelle Müntefering. Gabriel schreckte hoch.

Ach ja, die Rentenreform. Rente mit 63 wieder weg. Rente 67+ (das klang besser als 69) einführen. Und sie mussten an den Etat der Bundesagentur für Arbeit und Gerechtigkeit (so hatte Sozialministerin Wagenknecht sie 2017 umbenannt).

„Die Wagenknecht macht bei nichts mit“

„Alle müssen mitmachen, sonst können wir die Auflagen nicht erfüllen“, sagte Steinbrück. „Antonis Samaras kommt in zwei Wochen nach Berlin.“ Der Grieche, auch das noch. Den 2018 alle gefeiert hatten, als er Griechenland zurück an den Kapitalmarkt geführt hatte. Samaras hatte zwar die Wahl verloren, aber er war nun respektiert und hatte seit zwei Jahren den verdienten Vorsitz der DeMo (DebtMonitor) Group der EU. Und seit acht Monaten kam diese Truppe von Aufpassern nach Berlin.

„Die Wagenknecht macht bei nichts mit, außer bei einem Konjunkturpaket“, sagte Schröder.

„Noch eines kriegt sie nicht“, sagte Gabriel. „Was ist denn aus den 50 Milliarden geworden, die wir letztes Jahr verblasen haben?“

Die Runde spielte plötzlich alles durch: Neuwahlen, Koalitionsbruch, Verhandlungen mit der CDU.„Scheiße, das ist echt wie damals“, sagte Schröder. „Ich sach nur: Mach es, Sigmar, mach eine Agenda 2020.“

„2030“, sagte Heimfeld leise.

„Sach ich doch.“

Gabriel fuhr zurück ins Kanzleramt, verkroch sich in sein Büro und öffnete eine Flasche Rotwein. Er blickte über den Tiergarten. Im Dunkel drehte sich „Sigmar 1“, auch „Kanzlerwindrad“ genannt. Sie hatten es 2018 aufgestellt, als Symbol, nachdem man die 35 Prozent Anteil Erneuerbarer schon zwei Jahre früher als geplant erreicht hatte. Was für ein Triumph! Aber keiner hatte sich so richtig gefreut. Alles sein Verdienst, dachte Gabriel, überhaupt war er der Einzige gewesen, der in der Großen Koalition was gebacken bekommen hatte. „Hier stand Schröder vor 17 Jahren und fragte sich wohl das Gleiche“, dachte er dann. „Soll ich auch ein Reformkanzler werden?“

Rat bei Franz

Am nächsten Morgen blies Gabriel alle Termine ab, und ließ sich zu den Münteferings fahren. Er brauchte jetzt den Rat vom Franz, der wusste doch, wie man so was macht, und er wollte Michelle ins Boot holen. Sie müsste die Rentenreform exekutieren, sie war tough, alle hatten sie unterschätzt. Der Kanzler stieg aus dem Wagen, sein Leibwächter ging zur Tür, klingelte. Das Ganze dauerte nur zehn Sekunden, aber in 120 Sekunden würde der Besuch in der Welt sein, denn zufällig stand neben der Parklücke ein schmaler, blasser Mann, ein Google Glass Mini am linken Auge, und er machte ein Foto.

„Was will Gabriel bei Münte?“, postete er kurz darauf, und ganz Berlin orakelte sofort über den Schnappschuss der „Süddeutschen Allgemeinen“, die wie immer gut informiert war (genauso gut wie früher, als sie noch aus zwei Zeitungen, „FAZ“ und „Süddeutsche“, bestand). Gabriel aber bemerkte den Reporter nicht, er wusste, dass er nach diesem Besuch eine Entscheidung fällen musste.

„Du musst das machen, Sigmar“, sagte Müntefering und drehte seinen Gehstock in der weißen Hand. „Rente gut, alles gut. Das ist ganz einfach. Alle meckern, aber dann geht es aufwärts.“

„Du weißt, dass die SPD dann kollabiert. Noch eine Rentenreform. Die dritte innerhalb von 20 Jahren.“ Müntefering drehte den Stock. „Es gibt Fehler, die korrigiert werden müssen. Und die SPD überlebt Fehler. Sie ist wehleidig, aber zäh.“

„Das sagt sich so leicht.“

Michelle saß zwei Meter weiter vor ihrem iFold und tat so, als lese sie Akten. „Sie wird das machen“, sagte Müntefering, hob den Stock und deutete nach rechts. „Sie schafft das.“

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Dann kam die Rede

Die Rede

Michelle blickte hoch, und Gabriel sah Angst, aber hinter der Brille flackerte auch Entschlossenheit. Würde sie das für ihn durchziehen? Korrigieren, was Nahles ihnen eingebrockt hatte. Sie hatte die Dimension ihrer Reformen einfach nicht durchschaut. Man erzählte sich ja, dass sie inzwischen in Brandenburg eine Kita leitete. „Da züchtet sie den Nachschub für ihre klamme Rentenkasse“, hatte Steinbrück einmal gefeixt und so laut gelacht, wie er es manchmal in jenem komischen Wahlkampf getan hatte, 2013, dem letzten Wahlkampf, in dem es darum gegangen war, wer das deutsche Fett verwalten sollte.

„Du musst Gysi auf deine Seite bringen“, sagte Münte.

„Der schwirrt bei der Uno rum“, brummte er. Gysi beriet über die ­Saudis, den zweiten Arabischen Frühling. „Ruf am besten gleich an“, sagte Münte, „ich kann dann einspringen.“ Gabriel schwieg, überlegte, drückte den Knopf an seinem Handgelenk. Es klingelte gefühlte 20-mal.

Gabriel konnte noch nicht mal das Wort Rente zu Ende sprechen.

„Nein, nicht das noch!“, schrie Gysi. „Ich muss meinen Laden gerade von einem Einsatz bei den Scheichs überzeugen. Ich muss vier Dutzend Pazifisten einzeln dahinschleifen.“

„Gregor, dann war’s das.“

„Das hast du schon oft gesagt.“

„Ich ziehe das durch. Ich will nicht mit ansehen, dass dieses Land zugrunde geht. Ich habe ihm neue Energie gebracht, aber ich will nicht dasitzen, während Arbeitslose mein Windrad im Tiergarten anglotzen.“

Der Paukenschlag

Man hat lange darüber gestritten, warum Gysi dabei mitmachte, einige glaubten, dass er tatsächlich damals schon träumte, UN-Generalsekretär zu werden. Er war einfach nicht mehr so nah dran an diesem Deutschland im Jahr 2020, einem Land, das sich ändern musste, weil es 2014 einen Fehler gemacht hatte. Jahrhundertfehler war übertrieben, aber es war ein falsches Signal gewesen, ein tipping point, an dem der Abstieg begann. Jedes Land hat solche Momente. So wie 2006 einmal das „Sommermärchen“ begonnen hatte, ein Sommer voller Fußball, in dem Deutschland sich das erste Mal seit Jahren wieder gut gefühlt hatte.

Und so saß Heimfeld zwei Tage später wieder beim Weizen, seine Sätze erschienen auf dem iFold wie im Rausch, denn er hatte nun einen Kanzler mit Ziel. Und irgendwann stand dann da der Satz: „Wir werden kürzen, um wieder stark zu sein.“ (Zu verkopft, würde Münte später sagen, das ist ja schlimmer als Hegel.)

Aber Sigmar Gabriel sprach ihn aus, an einem Märztag im Jahr 2020. Unter der Kuppel des Reichstags, die seit zwei Jahren etwas dunkler war, seit elastische Solarpanels auf die Kuppel montiert worden waren.

Der Kanzler sagte: „Wir werden Leistungen reduzieren, weil wir glauben, dass es dann vielen besser geht. Weil wir gelernt haben, dass nichts schädlicher ist, als ohne Not falsche Geschenke zu machen.“

„Gute Rede, danke“

Und als der Kanzler das sagte, da saßen sie oben auf der Tribüne wie Veteranen, der greise Norbert Blüm, Schäuble war gekommen, daneben Franz Müntefering und Gerhard Schröder, mit diesem Lächeln, das so viele mochten und andere verachteten. Und die Mehrheit verstand, dass es notwendig war. De Maizière, der Oppositionsführer, war zahm; Christian Lindner, der FDP-Chef, warnte, die Reform nicht „einfach kopf- und herzlos“ durchzuführen. Auf der Regierungsbank kauerte Michelle Müntefering, die diese großen Worte nun in Paragrafen umsetzen musste.

Am nächsten Tag lobte die „Süddeutsche Allgemeine“ die Rede als „mutigste Ankündigung seit Schröders Agenda im Jahr 2003“. Ein „Paukenschlag“, schrieb der All-Media-Supplier „Welt24“. Und die staatliche „Le Monde“ verglich Gabriels Rede mit Hollandes „le tournant“, der Wende in Frankreich im Jahr 2015.

Abends stand Gabriel wieder am Fenster, es war eine klare Nacht, „Sigmar 1“ drehte sich stumm und durchschnitt das Sichtfeld zum Potsdamer Platz in stummer Routine.

„Super gelaufen“, hatte Heimfeld gewhattet. Und Gabriel hatte zurückgewhattet: „Gute Rede, danke.“

Der Kampf aber, das wusste er, hatte gerade erst begonnen.

Illustration: Jan Steins


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