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  • Editorial

Raus aus der Stressfalle

, Horst von Buttlar

Alle klagen über Stress. Aber die ersehnte Entschleunigung kommt nicht von selbst - sie muss erkämpft werden. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Trevor Good
Horst von Buttlar

Seit Langem frage ich mich, ob der Stress, über den wir fortwährend klagen und berichten, tatsächlich ein neues Phänomen unserer Zeit ist. Oder ob wir uns das Drama nicht auch ein wenig einbilden. Weil alle darüber reden, spürt man sie halt auch, den Stress und die Überforderung.

Was genau hat sich eigentlich geändert? Ich meine, wir können uns ja bei vielen Themen nicht entscheiden, ob früher nun alles besser oder schlechter war. Einerseits sind unsere Eltern früher jeden Tag acht Kilometer (in kurzen Hosen, auch im Winter!) zu Fuß in die Schule gegangen. Andererseits war früher um 17 Uhr Feierabend, und dann gab es nur Familie, Wein, Weib und Gesang. Es war härter, einfacher, langsamer, menschlicher, radikaler, langweiliger, wie man es sich halt bastelt.

Was hat man früher im Büro gemacht?

Wir mögen einprägsame Erzählungen über Wandel, lieben Zeitgeisterfahrten und Schlagwörter, mit denen man auf jeder Party eine neue Ära ausrufen kann. Wenn ein Manager Selbstmord begeht, ist das tragisch, wenn zwei sich umbringen, hat man einen Trend.

Capital-Cover
Die neue Capital, am 20. März im Handel

Ich habe oft die berühmten „Onkel“ im Bekanntenkreis befragt, die in den 70er-Jahren bei Siemens oder der Deutschen Bank waren. Denn ohne diesen Computer vor unserer Nase stellt sich ja zuallererst eine ganz elementare Frage: Was um Gottes willen hat man früher eigentlich im Büro gemacht? Man konnte ja nicht gleich in die Kantine gehen (und noch nicht mal im Intranet schauen, was es zu essen gibt).

Die Antworten enthalten Wörter wie „Postbesprechung“, „Rohrpost“ und „Aktennotiz“, die Botschaft klingt zunächst banal: Es war nicht besser oder schlechter. Sondern anders. Und es geht nicht darum, ob man weniger gearbeitet und dafür mehr geraucht und getrunken hat.

Statistisch wird man eh kaum zeigen können, ob heute mehr Menschen­ als früher noch nach 22 Uhr im Büro sind. Zumal Präsenz heute eine sich auflösende Kategorie ist und nichts über Belastung aussagt.

Unsere Tage sind nicht länger, sondern eher dichter geworden. Ja, im Kern haben wir eine elementare Verdichtung unseres Alltags erfahren, eine Fülle und Taktung in unserem Entscheidungsspielraum.

Von alleine verschwindet der Stress nicht

Die Ironie dabei ist, dass wir die Entschleunigung, nach der wir uns sehnen, oft meiden oder überspielen: Ein DAX-Vorstand gestand mir einmal, er lese morgens im Büro keine Zeitung mehr, weil es dann so aussehe, als habe er nichts zu tun. „Ein guter Journalist muss auch mal eine Stunde aus dem Fenster schauen können“, riet mir einst ein großer Reporter. Ich würde sagen: Klar! Aber wie würde das wirken? Und man würde 17-mal unterbrochen.

Die Entschleunigung müssen wir uns also selbst erkämpfen, denn von alleine verschwindet der Stress (siehe unsere Geschichte über den Stress in der April-Ausgabe) nicht mehr.

Vielleicht wäre der erste Schritt, wenn wir schon „busy“ sind, auf keinen Fall mehr „busy“ zu tun. Keine Posen mehr. Zumal diese Verdichtung ein Problem hat: Sie macht unsere Akkus leer; wir brauchen aber auch etwas, das sie füllt. Und das geht nur durch positiven Stress.

Ich erlebe das übrigens, wenn wir ein Heft ins Druckhaus schicken. Dann bin ich erschöpft und erfüllt zugleich, und darauf kommt es am Ende bei jedem Job an: Erfüllung.

Und jetzt tauchen Sie ein in die Welt der Wirtschaft!

Horst von Buttlar

Chefredakteur

Wenn Sie eintauchen woilen, brauchen Sie die neue Capital. Hier können Sie sich ab dem 20. Februar die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.

Eine Inhaltsübersicht gibt es hier.


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