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Putins Milchmann

, Nils Kreimeier

Seit dem Ukraine-Konflikt haben es deutsche Unternehmen in Russland schwer. Doch ausgerechnet ein badischer Landwirt ist dort der größte Milchproduzent – und verteidigt Präsident Putin

Stephan Dürr © Max Sher
Ekoniva-Chef Stefan Dürr auf dem Gelände eines seiner Milchbetriebe im Gebiet Woronesch. Insgesamt gehören 60.000 Stück Vieh zum Unternehmen

Wenn Wladimir Putin will, dann kann er ein sehr freundlicher Mensch sein. Es ist August 2014, der neue Ost-West-Konflikt ist in vollem Gange. Und der russische Präsident empfängt im Gouverneurspalast von Woronesch einen Deutschen – den badischen Landwirt Stefan Dürr. Putin rückt Dürr einen Stuhl zurecht, und dann plaudern sie, die meiste Zeit auf Deutsch. „Es war ein Gespräch wie in einer Kneipe, wenn man sich trifft und über alles mal so redet“, sagt Dürr. Das Gespräch kommt auch auf die europäischen Sanktionen gegen Russland. Der Deutsche rät zu Gegenmaßnahmen. Wenige Tage später ist ein russisches Einfuhrverbot für Lebensmittel aus der EU in Kraft.

Wenn Dürr heute diese Geschichte erzählt, dann weiß er, dass er sich damit angreifbar macht. Ein deutscher Unternehmer! Für ein Import-Embargo. Das dazu beiträgt, dass die deutschen Geschäfte in Russland zunehmend schlechter laufen. Allein im Jahr 2015 sind die Ausfuhren ins größte Land der Erde noch einmal um mehr als 25 Prozent eingebrochen. Der deutsche Russlandhandel, lange eine feste Säule des Exportgeschäfts, ist eine Katastrophe. Es vergeht keine Woche, in der Verbandsvertreter nicht das Sanktionsregime beklagen und vor Jobverlusten warnen. Westliche Milchprodukte, Fleisch, Obst und Gemüse kommen praktisch nicht mehr auf den russischen Markt. Und da kommt ein Deutscher und findet das alles richtig?

In Russland systemrelevant

Dürr ist nicht irgendein Bauer. Der 52-Jährige hat mit seinem Betrieb Ekoniva im südrussischen Liski ein kleines Wunder vollbracht. Binnen weniger Jahre stieg die Agrarfirma zum größten Milchproduzenten Russlands auf. 60.000 Stück Vieh und fast 200.000 Hektar Land gehören dazu – eine Fläche, die fast so groß ist wie Luxemburg. 100 Mio. Euro Umsatz 2015 macht Dürr damit. Inzwischen steht Ekoniva auf der Liste der systemrelevanten Unternehmen, neben Schwergewichten wie Gazprom, Rosneft oder Severstal. Unter einer eigenen Marke bringt das Unternehmen jetzt auch Käse auf den Markt – der Bedarf ist groß, weil ja offiziell kein französischer Camembert oder holländischer Gouda mehr ins Land darf. „Jetzt kommt der von der Metro hier zu uns und fragt: ,Stefan, können wir irgendwie mehr machen? Wir würden es auch vorfinanzieren‘“, sagt Dürr in diesem badischen Dialekt, bei dem die Stimme am Ende der Sätze oft oben bleibt, als käme da noch etwas. „Das glaubt einem in Deutschland niemand.“

Ein Milchbauer also, der von dem Importverbot profitiert. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Denn Dürr leidet auch unter dem Sanktionsregime. Es ist schwer geworden, an Kredite zu kommen, weil die russischen Banken sich nicht mehr refinanzieren können. Zugleich fließen die Zuschüsse aus Moskau nur noch sehr zäh, da der Staat sparen muss. Der Handel mit Landmaschinen, mit dem Dürr ursprünglich groß geworden war, ist zum Erliegen gekommen. „Als Unternehmer braucht man Stabilität. Das Tagesgeschäft birgt ja schon genug Unsicherheiten. Und dieses Hin und Her bei den Sanktionen ist wirklich Mist“, sagt Dürr. Als die Deutsche Botschaft in Moskau ihn nicht zur Feier des 3. Oktober einlud, verletzte ihn das. Was also treibt ihn dazu, den russischen Präsidenten in seinem Embargo zu unterstützen?

Liski, rund 600 Kilometer südlich von Moskau. Dürr bittet in seinen mit Schlamm bespritzten Mitsubishi-Geländewagen und räumt den Beifahrersitz frei. Dann brettert er los, quer über die Felder, Huckel, Bodenwellen, alles in vollem Tempo. Schwarzerdegebiet, einer der fruchtbarsten Böden überhaupt, schwerer Lehm, der an den Schuhen kleben bleibt. Dürrs Blick geht in die Weite, hin und wieder steht ein Ekoniva- Schild dazwischen. Besitzerstolz. Unvorstellbar viel Land für einen, der auf einem kleinen badischen Hof aufgewachsen ist. Und plötzlich sieht der Mann mit dem krausen Haar aus wie einer dieser Pio niere, die einst den amerikanischen Westen besiedelten – weil dort so viel Platz war, wie sie ihn in Europa niemals bekommen hätten.

Das Dorf Schutschje südöstlich von  Woronesch ist so etwas wie die Keimzelle von Ekoniva. Die Firma spendete hier  auch für den Bau des Kindergartens  und der Kirche © Max Sher
Das Dorf Schutschje südöstlich von Woronesch ist so etwas wie die Keimzelle von Ekoniva. Die Firma spendete hier auch für den Bau des Kindergartens und der Kirche

Russland als Ort der Freiheit: Man muss einen sehr speziellen Blick haben, um das so zu sehen. Und man muss sich auf die russische Mentalität einlassen. Eine Hand wäscht die andere. Beziehungen statt Rechtssicherheit. Politische Einflussnahme. Verletzter Stolz.

Dass Dürr in Russland nicht nur Geschäfte macht, sondern inzwischen russisch denkt, zeigt sich in seiner Haltung zu den Sanktionen: „Was die EU macht, ist ja eine Strafe, aber die Russen haben bis heute nicht verstanden, wofür sie eigentlich bestraft werden, auch vom Herzen her.“ Die Krim, die Verletzung des Völkerrechts? Dürr zuckt mit den Schultern. „Je härter die Sanktionen des Westens sind, desto mehr schweißt es die Russen zusammen.“ Der Deutsche versteht die Leute um ihn herum nicht nur, er fühlt wie sie. Und wahrscheinlich ist genau das sein Erfolgsgeheimnis.

Er biegt auf den Hof vor einem seiner Milchbetriebe ein. 70 Kühe stehen in einem Melkkarussell, das sich langsam dreht, hinten klatscht hin und wieder ein Kuhfladen herunter. Dürr lacht kurz, als ihn beinahe einer trifft. Für jeden Mitarbeiter hat er ein Wort übrig, die Melkerinnen lächeln, wenn er kommt. Als der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew den Betrieb besichtigte, hatten grimmige Sicherheitsleute zuvor alles und jeden durchgecheckt. Dann sah die Pförtnerin einen angetrockneten Kuhfladen und zog ein Messer aus dem Kittel, um ihn wegzukratzen. Die Leibwächter drehten fast durch, diese potenzielle Mordwaffe hatten sie übersehen. Dürr kann sich wegschmeißen, wenn er davon erzählt.

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Ekoniva-Kälber vor ihren  Ruhehütten aus Plastik © Max Sher
Ekoniva-Kälber vor ihren Ruhehütten aus Plastik

Er kennt das Land seit Jahrzehnten. „Russland lag ja Anfang der 90er-Jahre komplett im Chaos. Und da kam Herr Dürr mit seiner Begeisterung und mit offenem Herzen. Er hat immer das Positive gesehen“, sagt Olga Ohly, Mitgesellschafterin bei Ekoniva, die den Unternehmer seit Studententagen kennt.

Noch vor dem Untergang der Sowjetunion kommt Dürr als Student der Geoökologie zu einem Praktikum in die Nähe von Moskau. Perestroika, Aufbruchstimmung, alles soll anders werden, und die Russen wollen wissen, wie das mit der Landwirtschaft in Deutschland läuft. Dürr organisiert Fahrten mit der Bayerischen Jungbauernschaft, nimmt an Ausschusssitzungen der Staatsduma teil. Es ist eine Zeit, in der alles möglich ist, und so kann auch ein deutscher Student plötzlich zum Politikberater werden. „Die Beratung der russischen Staatsduma habe ich mit viel Überzeugung und Herzblut gemacht“, sagt er. „Zum Reichwerden war das nichts, aber man hat sehr viele Leute kennengelernt.“

Draht zum Gouverneur

Deutsche Milchexporte nach Russland

Darunter auch einen Mann namens Alexej Gordejew. Gordejew wurde dann unter Putin russischer Landwirtschaftsminister und ist seit 2009 Gouverneur des Gebiets Woronesch – wo die Zentrale von Ekoniva sitzt. Dürr nennt ihn seinen Freund. Als der Deutsche zum orthodoxen Glauben übertrat, wurde Gordejew zu seinem Paten. Auch die russische Staatsbürgerschaft hat Dürr jetzt zusätzlich zu seiner deutschen, Putin persönlich hat sie ihm verliehen. Auf Betreiben Gordejews. Es war diese Idee, die Dürr schließlich eine Audienz bei Putin einbrachte.

Die Beziehung zu Gordejew ist nützlich. Wenn Verwaltungsbeamte die Hand aufhalten wollen, reicht ein Anruf beim Gouverneur, und das Problem ist vom Tisch. Auch der eine oder andere Kredit einer Staatsbank dürfte leichter fließen, wenn das Institut weiß, dass der Schuldner einen weit oben platzierten Bekannten hat. Doch eine Freundschaft zum Gouverneur bringt auch Verpflichtungen mit sich. Wenn man mit Dürr übers Land fährt, zeigt er auf Kriegerdenkmäler und Kindergärten, die er mitfinanziert hat. Den Milchbetrieb hat Dürr ursprünglich nur übernommen, weil ihm Gordejew das dringend nahelegte: Der Gouverneur machte dem Deutschen klar, dass es hilfreich wäre, wenn einer die defizitäre Milchproduktion mit den vielen Arbeitsplätzen übernähme. Dürr gehorchte und machte die Sache gleich richtig. Er erweiterte und modernisierte den Betrieb, schaffte neue Maschinen an und schuf eigene Marken.

Ein Freund namens Hopp

Die verschachtelte Struktur des Unternehmens ist ein typisches Beispiel russischer Improvisationskunst. Über allem steht die Walldorfer Ekosem-Agrar GmbH, die aber als deutsche Firma kein Land in Russland erwerben darf. Darum gibt es darunter zwei weitere Gesellschaften, die wiederum Anteile an zwei in Russland registrierten Unternehmen halten. Auch die sind zwar letztlich mehrheitlich deutsch, gelten aber als russisches Kapital. Schlussendlich kombiniert Dürr mit diesem Trick das Angenehme aus beiden Welten: Er bekommt die Expansionschancen in Russland und zugleich den Zugang zum deutschen Kapitalmarkt.

Doch es sind nicht nur die Kontakte, die Dürr weiterhalfen, sondern auch seine Bereitschaft, in ein Geschäft einzusteigen, auf das in Russland niemand besonders scharf war. Das große Geld wurde woanders gemacht, in der Ölförderung oder im Bankensektor. Erst jetzt, da kaum noch Importe ins Land kommen, entdecken auch die Russen ihre eigene Landwirtschaft wieder. Dürr freut sich, dass die Liberalen im Moskauer Machtapparat, die immer gegen Agrarsubventionen waren, jetzt verstummt sind. Überhaupt sind ihm die Marktradikalen, die Anfang der 90er-Jahre die russische Wirtschaft umwälzten, ein Dorn im Auge. „Wir waren damals gegen die Privatisierung landwirtschaftlicher Flächen, weil sich sonst Oligarchen wie in der Ölindustrie alles unter den Nagel gerissen hätten“, sagt Dürr.

Es ist eine Haltung, die man oft antrifft in diesem Land: Liberalisierung ist eine westliche Idee, Russland aber funktioniert nach anderen Spielregeln – und nicht unbedingt schlecht, für den, der sich daran hält.

Wenn man den Landwirt nach Vorbildern fragt, dann fällt der Name Dietmar Hopp – das Paradebeispiel des gütigen Firmenpatriarchen. Dessen Umgang mit Menschen habe ihn stets beeindruckt, sagt Dürr. Er kennt den Mitgründer des Software-Riesen SAP seit Langem, schließlich sind sie in der gleichen Region aufgewachsen. Und Hopp hat ein bisschen dabei geholfen, dass Ekosem auf die Beine kam. Seine Stiftung beteiligte sich zu je zehn Prozent an zwei Anleihen, die das Unternehmen in Europa auflegte. Und als es im März darum ging, die Anleihen zu verlängern, warf der SAP-Gründer seine Autorität in die Waagschale, um skeptische Anteilseigner zu überzeugen. Auf Nachfrage stellt Hopp seinem alten Bekannten ein wohlwollendes Zeugnis aus: Man habe zwar „nie zusammen Fußball gespielt“, pflege aber doch „ein sehr freundschaftliches Verhältnis“. „Ich habe Stefan Dürr als sehr intelligenten, fleißigen jungen Mann erlebt“, sagt Hopp.

Es ist Abend geworden in Liski, und der Landwirt sitzt beim Bier an einer üppig gedeckten Tafel in seinem Haus. Dürr kann stundenlang aufzählen, was falsch läuft in Russland, wie Korruption und Bürokratie vieles kaputt machen. Putin aber, der Mann, der ihn zum Russen gemacht hat, ist aus Dürrs Sicht für all das nicht verantwortlich. Auch im Streit um die Ukraine habe der Präsident nur das Beste gewollt. „Putin will, dass dieser Konflikt in Ordnung kommt, da bin ich mir hundertprozentig sicher“, sagt Dürr. Es ist eine sehr russische Sicht auf die Welt.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 05/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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