• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Versicherung

PKV-Beiträge: Was Versicherte tun können

, von Britta Langenberg

Von 2017 an verlangen viele private Krankenversicherer höhere Beiträge von ihren Kunden. Wie Betroffene am besten darauf reagieren.

Operation Cash: Viele Versicher­te fühlen sich angesichts zwei­stelliger Beitragssteigerungen überfordert – ein Tarifwechsel hilft

Um die absehbaren Wutanfälle zu dämpfen, versuchten es die PR-Strategen der privaten Krankenversicherer (PKV) in diesem Jahr mit einem kontrollierten Schock. Bereits Ende September ließen sie via „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ durchsickern, dass die Beiträge für sechs der knapp neun Millionen Privatversicherten zum Jahresanfang sprunghaft ansteigen werden. Erwartungsmanagement nennt man so was.

Ob die Methode wirkt, werden die kommenden Wochen zeigen. Inzwischen haben die meisten Privatversicherten mit der Post ihre persönliche Prämienrechnung für 2017 erhalten – und wissen nun auf Euro und Cent genau, was ab Januar finanziell auf sie zukommt: meist ein saftiger Aufpreis.

Die aktuelle Beitragsrunde gilt als eine der teuersten seit Langem. Im Schnitt steigen die Prämien um elf Prozent, das entspricht in vielen Fällen einem monatlichen Plus von 50 bis 80 Euro. Es kann auch härter kommen: „In der Spitze ist ein Plus von 20 oder 30 Prozent durchaus realistisch“, sagt Gerhard Reichl, PKV-Experte bei der Kölner Ratingagentur Assekurata. Einen Vorgeschmack lieferte in diesem Frühjahr die DKV, die ihren Versicherten Tarifsteigerungen von bis zu 130 Euro in Rechnung stellte.

Die Prämiensprünge treffen vor allem Ältere ab 50 Jahren hart, deren Monatsbeitrag oft jetzt schon auf einem Niveau von 600 bis 800 Euro liegt. Die üblichen Beitragssteigerungen von vier bis fünf Prozent pro Jahr nehmen viele Versicherte noch hin. Die anstehenden Aufpreise sind jedoch erheblich schmerzhafter und lösen die bange Frage aus: Was, wenn das so weitergeht?

Versicherer stehen bei ihren Kunden im Wort

Die Antwort heißt: Beweglich bleiben! Ein privater Krankenschutz ist relativ flexibel – und eröffnet Chancen für einen Tarifumstieg in der eigenen Gesellschaft. Mit dem gesetzlich verbrieften Wechselrecht können fast alle Versicherten ihre Prämie drücken, ohne ihr angespartes Alterspolster aufzugeben.

Jahrelang blockten viele Krankenversicherer solche Versuche nach Kräften ab. Seit Jahresbeginn hat sich jedoch ein Großteil von ihnen auf „Leitlinien für einen kundenorientierten Tarifwechsel“ verpflichtet – und steht nun bei den Kunden im Wort. Beim Bearbeitungstempo sind erste Verbesserungen bereits erkennbar, wie Capital in einer Umfrage unter den 25 teilnehmenden Gesellschaften ermittelte. Während Kunden nach einer Anfrage zum Tarifwechsel früher oft wochenlang auf Antwort warten mussten, reagieren heute 18 der befragten Anbieter nach eigenen Angaben binnen acht Arbeitstagen. Viele sind noch schneller.

Marktbeobachter wie der unabhängige Versicherungsberater Stefan Albers bestätigen das forschere Tempo: „Ich war wirklich baff: Bei Versicherern, wo früher nichts ging, läuft es jetzt.“ Albers lotst Mandanten regelmäßig durch den Tarifdschungel der Gesellschaften. Das Sparpotenzial ist nach seiner Erfahrung beträchtlich. Vor allem ältere Kunden können ohne Leistungseinbußen oft mehr als 1200 Euro im Jahr sparen. Mitunter lässt sich die Prämie sogar halbieren. Alle Gesellschaften, die sich der Selbstverpflichtung angeschlossen haben, versprechen darüber hinaus einen verbesserten Wechselservice.

Warum es teurer wird

Gegen die Folgen der Beitragssteigerungen lässt sich etwas unternehmen, gegen die Prämiensprünge selbst nicht. Oft erwischt es in diesem Jahr Kunden wie die der Debeka, deren Beiträge längere Zeit nahezu unverändert blieben. Nun müssen sie die Rechnung für gestiegene Leistungsausgaben mehrerer Jahre auf einen Schlag begleichen.

Als Erklärung für die exorbitanten Steigerungen verweisen die Versicherer gern auf eine Ausnahmesituation: Zu dem üblichen Plus wegen gestiegener Gesundheitsausgaben komme in diesem Jahr die „geradezu historische Sondersituation“ dauerhaft niedriger Zinsen hinzu, erklärt etwa der PKV-Verband. Wegen der Flaute an den Finanzmärkten erwirtschaften die Gesellschaften nicht genügend Kapital für die Alterspolster der Kunden. Diese Lücke müssen die Privatversicherten nun durch höhere Beiträge ausgleichen. „Die kalte Dusche kommt in diesem Jahr aus zwei Bottichen“, resümiert einer aus der Branche.

Tatsächlich konnte laut Bundesregierung zuletzt kaum ein Anbieter den Rechnungszins von 3,5 Prozent dauerhaft nachweisen, der in vielen alten Tarifen als Rechengröße einkalkuliert ist. Nach einer Faustformel müssen die Kunden 0,1 Prozentpunkte Senkung bei der Rechengröße nun mit rund einem Prozent mehr Beiträgen ausgleichen.

Als alleinige Erklärung für die aktuellen Erhöhungen reicht das allerdings vielfach nicht aus. Was die Branche geflissentlich verschweigt, sind ihre hausgemachten Probleme: So steigen bei einigen Gesellschaften die Beiträge kurioserweise auch, weil immer weniger Kunden kündigen. Deren Erbmasse – die Alterspolster – sollte eigentlich an das restliche Kundenkollektiv gehen und die Beiträge stabilisieren. Doch die Stornozahlen haben sich laut Assekurata teilweise halbiert. So wechseln immer weniger Kunden zu anderen PKV-Unternehmen, weil das unattraktiver wurde. Zudem dürfen die Gesellschaften säumige Zahler nicht mehr ohne Weiteres entlassen.

Auch eine verfehlte Geschäftspolitik kann die Beiträge nach oben treiben, etwa wenn eine Gesellschaft jahrelang Billigtarife verkauft oder zu viele kleine Kollektive gebildet hat – und sich das Verhältnis von Gesunden zu Kranken dann ungünstig entwickelt. Worauf seine steigenden Prämien zurückzuführen sind, legt indes kein Unternehmen offen.

[Seitenwechsel]

Mehr Transparenz

Wer den Tarif wechseln will, hat bessere Voraussetzungen als noch vor zwölf Monaten. Die 25 Versicherer, die der Leitlinie für eine kundenfreundlichere Beratung folgen, bemühen sich spürbar um besseren Service. 21 von ihnen beantworteten den Capital-Fragebogen – immerhin drei (Allianz, DKV und HUK) bieten Kunden online umfassend Übersicht über ihre Tarifwelt, 14 beraten ausschließlich oder hauptsächlich persönlich. Die meisten Anbieter benennen auf Anfrage mindestens drei Alternativen zum aktuellen Tarif.

Über die Qualität der Beratung sagt das allerdings nicht viel. Schon wegen der Fülle an Angeboten und Leistungsmodulen präsentieren die meisten Gesellschaften ihren Kunden nur eine Auswahl von Alternativen: Elf Gesellschaften geben an, regelmäßig so zu verfahren – weitere fünf zumindest bei manchen Kundengruppen wie Angestellten.

Die Systematik der Auswahl wird von einem Wirtschaftsprüfer testiert, lässt allerdings Spielräume. „Das eigentliche Problem der Kunden löst die neue Leitlinie nicht: die Suche nach der günstigsten und leistungsstärksten Alternative“, urteilt Albers. Weil die Gesellschaften sinkende Beitragseinnahmen fürchteten, würden allzu oft falsche oder teure Tarifalternativen empfohlen.

An Leistungsvergleichen herrscht neuerdings kein Mangel mehr. Die meisten Versicherer – vom Marktriesen Allianz bis hin zur kleinen Pax – listen in ihren Informationsschriften den Schutz des alten und neuen Tarifs nebeneinander auf. Das ist ein Fortschritt, besonders wenn Kunden positive und negative Veränderungen leicht erkennen können. Die konkreten Konsequenzen eines Tarifwechsels lassen sich laut Albers indes kaum abschätzen: „Kein Mensch vermutet hinter dem Begriff ‚geschlossener Hilfsmittelkatalog‘ die Einschränkung, dass seine Prothese künftig nicht mehr erstattet werden könnte.“

Am einfachsten drücken Kunden ihre Prämie, indem sie ihren Selbstbehalt erhöhen. Das ist allerdings nur in Maßen zu empfehlen: Zum einen kann man den höheren Eigenanteil später nicht ohne Weiteres wieder senken; zum anderen beteiligt sich bei Angestellten der Arbeitgeber nicht an diesen Kosten. Abhängig Beschäftigte wählen daher maximal einen Betrag von bis zu 600 Euro jährlich, Selbstständige das Doppelte.

Mitunter bluffen die Anbieter, um potenzielle Tarifwechsler abzuschrecken. Bietet etwa der gewünschte Zieltarif bessere Leistungen als der aktuelle, folgt oft fett gedruckt der Hinweis, dass für Mehrleistungen ein neuer Gesundheitscheck mit eventuellen Risikozuschlägen fällig sei.

Von solchem Alarmismus sollten sich Interessenten nicht beirren lassen: Häufig geht es bei solchen Zuschlägen um relativ kleine Beträge. Sollte es tatsächlich spürbar teurer werden, bleibt Kunden immer noch das Recht, auf einzelne Mehrleistungen im neuen Tarif zu verzichten.

Vorsicht vor Neppern

Die Angst der Kunden vor explodierenden Beiträgen macht nicht nur die Versicherer kreativ, sie ruft auch immer mehr windige Geschäftemacher auf den Plan, die übers Internet ihre Dienste als Berater bei einem Tarifwechsel anpreisen – gegen Erfolgshonorar. Das Versprechen: je nach Gesellschaft eine durchschnittliche Kostenreduzierung um bis zu 60 Prozent. Verlangt wird dafür das Sechs- bis Zwölffache der monatlichen Beitragsersparnis. Das sind leicht mal 2 000 Euro. Ein ordentlicher Verdienst.

Experten warnen vor einer erfolgsabhängigen Bezahlung: „Die Gefahr ist groß, an reine Gewinnmaximierer zu geraten“, sagt Timo Voß vom Bund der Versicherten (BdV). Weil die Anbieter unmittelbar von der Beitragsersparnis profitierten, hätten sie ein Interesse daran, den Beitrag des Kunden auf ein Minimum zu drücken – ganz gleich wie mager die Leistungen des Kunden nach der Radikalkur ausfallen.

Einige der Dienstleister hat Voß im Sommer testweise selbst kontaktiert. Seine Legende: Er sei seit zehn Jahren bei seiner Gesellschaft und wolle nun den Tarif wechseln. Im schlimmsten Fall riet ein Bielefelder Makler, zu kündigen und einen Vertrag bei einem neuen Versicherer abzuschließen. „Eine fatale Fehlberatung“, urteilt Voß. Bei einer solchen „Umdeckung“ geht das Alterspolster des Kunden verloren. Alleiniger Gewinner ist der Vermittler.

Wer auf Nummer sicher gehen will, sucht sich anderweitig sachkundige Unterstützung für eine Tarifoptimierung. Am sichersten ist der Weg über neutrale Fachleute, die nach festen Honorarsätzen bezahlt werden – etwa unabhängige Versicherungsberater (www.bvvb.de), Verbraucherschützer (BdV: 60 Euro Jahresbeitrag) oder auch mancher Makler. MLP etwa bietet eine Wechselberatung auch für Nichtkunden – gegen ein Pauschalhonorar.

Der Aufwand für einen Tarifwechsel zahlt sich für viele allemal aus. Schließlich kommt die nächste Beitragserhöhung bestimmt.

Leistungscheck

Welchen Service die Versicherten mit Wechselwünschen nach den PKV-Leitlinien einfordern können

Bearbeitung: Kundenanfragen werden binnen 15 Arbeitstagen beantwortet, zumindest eine Zwischennachricht ist Pflicht. Der Versicherer benennt stets den Ansprechpartner für den Kunden oder gibt eine Rufnummer an.

Risikoprüfung: Wird eine erneute Gesundheitsprüfung nötig, erfolgt diese unverzüglich. Erhebt der Versicherer einen Risikozuschlag, klärt er darüber auf, dass der Kunde diesen durch Leistungsverzicht vermeiden kann.

Beratung: Die Beratung für einen Tarifwechsel erfolgt für jeden Kunden individuell, strikt ausgerichtet am Bedarf und den Wünschen des Versicherten.

Vergleich: Der Kunde erhält eine verständliche Übersicht der Leistungs-unterschiede zwischen Zieltarifen und dem bisherigen Schutz. Der jeweilige Beitrag wird genannt.

Alternativen: Der Versicherer liefert einen Überblick über aktuelle Angebote sowie beliebte Tarife mit vielen Kunden, die infrage kommen. Wer lediglich eine Auswahl von Alternativen präsentiert, muss dies kenntlich machen.

Dokumentation: Der Kunde darf eine Dokumentation der Wechselberatung verlangen (und sollte sich diese auch unbedingt aushändigen lassen).

Der Beitrag ist zuerst in Capital 12/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


Artikel zum Thema