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  • Editorial

Merkels leiser Satz

, von Horst von Buttlar

Manchmal ist die Aufregung über einen Satz größer als der Satz selbst. Und solch eine Aufregung erleben wir derzeit im Verhältnis zwischen Deutschland und den USA. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

„Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück weit vorbei“, hat Angela Merkel vor einigen Wochen gesagt. Ein Satz, der für Schockwellen sorgte, in den USA wie in Deutschland und Europa. Die Kanzlerin war enttäuscht über den NATO-Gipfel und das G7-Treffen, nach der lärmenden Europa-Tour von Donald Trump. Alsbald wurde „eine neue Ära“ oder gleich das „Ende des Westens“ ausgerufen. G7 heißt seitdem auch gern mal „G7 minus 1“.

War es denn richtig und klug, diesen Satz zu sagen?

Zunächst einmal war es ja ein leiser Satz im Vergleich zu den Tweet-Tiraden, die Trump seit Amtsantritt von sich gibt. Die einzigen Länder, die ihr Fett noch nicht abbekommen haben, sind jene, die er nicht kennt. Merkels Aussage war aber auch besonnen im Vergleich zu früheren Eruptionen („Freunde abhören – das geht gar nicht“) oder der Kampagne, die Gerhard Schröder 2003 von deutschen Marktplätzen aus lostrat. Das deutsch-amerikanische Verhältnis ist ziemlich elastisch, sturmerprobt und von tiefer Stabilität. Es würde selbst acht Jahre Donald Trump überstehen. G7 wird G7 bleiben.

Keine Kampfansage an die USA

Capital 07/2017
Die neue Capital

Trump muss man aus der Logik der Innenpolitik verstehen, ob er nun Deutschlands Exportüberschüsse attackiert oder Regierungschefs osteuropäischer Zwergstaaten von der Bühne schubst. Er kämpft und schlägt um sich, denn er braucht Erfolg und Anerkennung. Ironischerweise wäre es wohl am klügsten, ihm beides irgendwie zu gewähren.

„Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen“, hatte Merkel angefügt, was ebenfalls für hitzige Diskussionen sorgte. Es ist offenkundig, dass Europa zumindest militärisch dazu kaum in der Lage ist. Aber auch diese Aussage ist weniger revolutionär, als der Lärm darum nahelegt. Und sie ist auch keine Kampfansage an die USA.

Vor 28 Jahren, im Mai 1989, bot ein US-Präsident den Deutschen an, „Partners in Leadership“ zu sein – eine Rolle, die wir nie ganz ausfüllen wollten, was in den USA immer noch wehmütig kommentiert wird. Schon in den beiden Großkrisen des Kontinents allerdings, der Euro- und der Flüchtlingskrise, hat Europa genau das tun müssen. Die USA hielten sich, auch unter Barack Obama, unschön zurück. Die Trump-Jahre, ob es nun zwei, vier oder acht werden, werden nicht leicht. Bisher sind sie eine verstörende, impulsive Improvisation. Aber keine neue Ära.

Die neue Capital ist am 22. Juni erschienen. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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