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Peter Raue: Netzwerk aus Leidenschaft

, Martin Kaelble

Peter Raue sieht sich nicht als Netzwerker. Wie er es dennoch geschafft hat, Kontakte zu wichtigen Personen aus Kultur und Politik zu knüpfen, erklärt er im Interview mit Capital.

Peter Raue ist als bestvernetzter Strippenzieher des Berliner Kulturbetriebs berühmt geworden. © Getty Images
Peter Raue ist als bestvernetzter Strippenzieher des Berliner Kulturbetriebs berühmt geworden.

Peter Raue, 75, Anwalt und Kunstsammler, berühmt geworden als bestvernetzter Strippenzieher des Berliner Kulturbetriebs.


Capital: Herr Raue, Sie gelten als Knotenpunkt im Berliner Kunst- und Kulturbetrieb, als außergewöhnlich gut vernetzt. Zum Beispiel haben Sie 2002 die legendäre MoMa-Austellung an die Berliner Nationalgalerie gebracht, angeblich dank Ihrer guten Beziehungen. Wie genau fädelt man so etwas ein?

Ein gutes Beispiel, weil dieses Ereignis genau nicht aus einer Networking-Strategie heraus entstanden ist. Ich kannte den Chef des MoMa aus meinem beruflichen Umfeld als Anwalt. Das nächtliche Plaudern über die Folgen der temporären Schließung des MoMa war die Geburtsstunde dieser Ausstellung: Dass sie nicht, wie von MoMa geplant, in mehreren Städten gezeigt worden, sondern für sieben Monate die Heimat in Berlin finden sollte. Das Zustande kommen dieser Ausstellung ist also reiner Zufall, basierend auf Freundschaft.

Dass der dort geschmiedete Plan in wenigen Tagen Realität werden konnte, wurde sicher erleichtert dadurch, dass ich die Handelnden und Entscheidenden gut kannte. Da erweist es sich als Vorteil. Mit einem Netzwerksystem hat das überhaupt nichts zu tun!

Sie würden sich also nicht als Netzwerker bezeichnen?

Ich bin kein „Netzwerker“. Ich knüpfe keine Fäden, um im entscheidenden Moment die rechte Verbindung „anzuzapfen“. Freilich: Wenn man beruflich seit über vier Jahrzehnten mit einem Schwergewicht auf dem Kulturbereich tätig und auf dem Gebiet persönlich engagiert ist, entstehen Freundschaften, Bekanntschaften, Beziehungen. Nicht geplant, das ist Zufall. Diese Beziehungen ergeben sich „aus der Natur der Sache“. Und auch darüber muss man sich klar sein: Die Beziehungen zu den Entscheidungsträgern dieser Stadt nehmen – ich bin jetzt 75 Jahre alt – ab und nicht zu. Im öffentlichen Dienst geht jedermann mit spätestens 65 Jahren in die Pension, es wächst eine ganz junge Generation nach, die kennenzulernen viel schwieriger ist, als die Bindungen und Verbindungen zu Gleichaltrigen. Dennoch ist es natürlich hilfreich, wenn man entscheidende Personen in den Behörden, in den Theatern und Konzertsälen kennt, die kurze Wege zur Lösung von Problemen und Realisierung von Projekten gehen kann. All das ist ein intuitives Zugehen auf die Menschen, die man kennengelernt hat, denen man vertraut.

Im Kulturbetrieb ergeben sich Beziehungen also eher von selber…

Von selber würde ich nicht sagen: Man muss natürlich etwas dazu tun, Lust an der Arbeit mit Berliner Intendanten und Regisseuren, Dirigenten und Galeristen haben. Dieses inhaltliche Interesse ist die Basis meiner Beziehungen zu den „Kulturschaffende“ dieser Stadt. In einem richtigen Netzwerk geht es nicht um Inhalte, sondern um die Sicherheit, sich überall einschalten zu können, für jedes Problem den richtigen Ansprechpartner zu kennen. Ein Netzwerker knüpft planmäßig sein Netz um Zugang zu den „Entscheidungsträgern“ zu finden. Mein Zugang - soweit ich ihn habe - basiert auf freundschaftlichen Beziehungen.

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"Das Herz in mir sei stets der stärkere Gebieter"

Es kann also besser sein, kein System beim Netzwerken zu haben?

Ich brauche kein „System“. Kein „Beziehungsgeflecht“. Das Herz in mir sei stets der stärkere Gebieter.

Was ist am Ende erfolgreicher?

Zwei völlig andere Aspekte, die der Lobbyisten als professionelle Netzwerker einerseits und der kulturpassionierte Stadtmensch andererseits hat. Wo der „bessere“ Erfolg zu erwarten ist, das weiß ich nicht. Aber das weiß ich: Beim Öffnen der Herzen für ein Anliegen bei denen, die darüber entscheiden, ist, glaube ich, der Engagierte eher, als der professionelle Netzwerker erfolgreich.

Wie wichtig sind im Kulturbetrieb Partys und Dinner für die Beziehungen?

Ich schätze das gering ein. Es gibt jedenfalls in Berlin keinen Kreis, kein regelmäßiges „Table-Dinner“, wo die Entscheidenden, Einflussreichen und Mächtigen sich treffen und Entscheidungen treffen. So ist Präsenz auf Partys und Dinners doch ein Surfen an der Oberfläche. Wenn wir privat etwa ein Hauskonzert veranstalten, laden wir Freunde ein. Viele davon sind aktiv im Berliner Kulturleben engagiert und tätig, andere nicht. Es steckt kein Plan dahinter, kein „keilen“, wenn man nun einladen müsse, um ein Ziel zu erreichen. Naturgemäß zählen zu meinem Freunden- und Bekanntenkreis auch Menschen, die Entscheidungen in politischem und kulturellem Leben treffen. Das ist aber nicht die Folge eines Planes.


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