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Die Parmalat-Pleite

, Capital-Redaktion

Die Wirtschaft ist voller Skandale und Kämpfe. Capital erinnert an die besten. Diesmal: Parmalat - Milchmädchen-Rechnung

Calisto Tanzi hat Parmalat geformt und in den Abgrund gerissen © Illustration: Jindrich Novotny / Foto: ROPI
Calisto Tanzi hat Parmalat geformt und in den Abgrund gerissen

Die Finanzpolizei wartet schon. Als Calisto Tanzi in der Mailänder Innenstadt in seinen schwarzen Mercedes steigen will, wird er auf offener Straße verhaftet. Neun Stunden sitzt der Parmalat-Gründer im Verhör, dann packt er aus. Der Staatsanwalt wird später sagen, er habe „Dinge gehört, die man kaum glauben konnte“.

Es war der 27. Dezember 2003. Der Tag, an dem der Nahrungsmittelkonzern Parmalat Insolvenz anmeldete – und einer der größten Wirtschaftsskandale Italiens publik wurde. 135.000 Anleger verloren damals mit ihren Anleihen Abermillionen. Fast sieht es so aus, als wäre Parmalat das Vorbild für all die dubiosen Unternehmensanleihen, die derzeit in Deutschland implodieren.

Tanzi galt als Italiens Vorzeigeunternehmer. Der Sohn eines kleinen Wurst- und Konservenfabrikanten aus Parma hatte im Alter von 21 Jahren den väterlichen Betrieb übernommen. 1961 gründete er die Molkereifirma und baute sie zum größten Nahrungsmittelkonzern des Landes aus. 1990 brachte er Parmalat an die Börse. Die Firma hatte 36.000 Beschäftigte in 30 Ländern und machte umgerechnet 7,5 Mrd. Euro Umsatz. Zu Tanzis Reich gehörten der AC Parma und ein Reiseunternehmen.

Gefälschte Bilanzen

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Alles schien perfekt. Bis 2003. Plötzlich konnte Parmalat einzelne Anleihen nicht mehr bedienen. In der Bilanz verbuchte flüssige Mittel bei der Bank of America von 4 Mrd. Euro existierten gar nicht. Und das war längst nicht alles. Insgesamt fehlten 14 Mrd. Euro.

Seit Jahren hatte Parmalat seine desaströse Lage mit gefälschten Bilanzen vertuscht. Ein Richter nannte Parmalat die „größte Schuldenfabrik des europäischen Kapitalismus“. Zwei Jahre schrumpfte der Insolvenzverwalter das Unternehmen gesund. Seit Oktober 2005 ist es wieder an der Börse. Im Juni 2011 wurde Parmalat schließlich von dem französischen Milchindustriekonzern Lactalis übernommen.

Tanzi blieb noch einige Jahre auf freiem Fuß. Er gab sich reuig, bat um Verzeihung. Doch dann entdeckten Ermittler in mehreren Kellern Gemälde bekannter Künstler für über 100 Mio. Euro. In drei Prozessen wurde Tanzi schuldig gesprochen. Mal wegen betrügerischen Bankrotts, mal wegen Insolvenzbetrug und der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Zuletzt bekam er 18 Jahre aufgebrummt. Seit Mai 2011 sitzt Tanzi nun in Haft. Wie lange, ist fraglich. Der 78-Jährige sei herzkrank, sagen seine Anwälte. Und fordern Haftverschonung.

Hauptperson

Calisto Tanzi war einer der angesehensten Unternehmer Italiens. Aus dem kleinen väterlichen Betrieb in der Provinzstadt Collecchio formte er den Weltkonzern Parmalat. Spätestens als er 1991 den Drittligisten AC Parma kaufte und ihn zum UEFA-Pokal-Sieger machte, gewann Tanzi die Herzen der Norditaliener. In Erinnerung bleiben wird er aber als „der Pate von Parma“. Sein korruptes Netzwerk aus Politik, Wirtschaft und Kirche bescherte Italien einen der größten Finanzskandale.

 

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