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Warum Otto Bock an die Börse will

, von Ines Zöttl

Hans Georg Näder ist einer der ungewöhnlichsten Unternehmer Deutschlands. Und einer der erfolgreichsten: Den Prothesenhersteller Otto Bock hat er zur Weltmarke gemacht. Jetzt will er an die Börse

Hans Georg Näder © Alexander Gehring
Als 28-Jähriger ist Hans Georg Näder an die Spitze von Otto Bock gerückt. Nun will er das Familienunternehmen an die Börse bringen

Als Hans Georg Näder kürzlich in New York war, kam er am Adidas-Flagshipstore im Szeneviertel Soho vorbei. Fasziniert von der perfekt inszenierten Hommage an den Sport machte er sich eine Notiz – so wie immer, wenn ihm auf seinen Reisen etwas auffällt. Bald darauf trudelte im niedersächsischen Duderstadt eine Nachricht ein: „Ich habe das Marketing gebeten, mit Adidas Kontakt aufzunehmen“, sagt Näder. Seine Idee: ein Co-Branding der Sportmarke mit seinem Unternehmen Otto Bock, dem Weltmarktführer für Prothesen.

Andere Manager benutzen Begriffe wie Strategie oder Marktdurchdringung, um den eigenen Erfolg zu erklären. Näders Wort dafür heißt: Neugier. „Wenn ich irgendwo in der Welt etwas sehe, was für uns interessant sein könnte, dann nehme ich das mit“, sagt er. Er sitzt nun in seinem Berliner Büro mit Blick zum Potsdamer Platz, vor sich einen Stapel mit Zeitungsausrissen, die er an Mitarbeiter verteilen wird, und zwei Armprothesen. „Gedankenmuster“ nennt er sie, Ideen, wie die Prothesen der Zukunft aussehen könnten. Die eine ein täuschend echter Frauenarm, bei dem man meint, das Blut unter der Haut pulsieren zu sehen, eine Spiegelung des unversehrten Arms. Die andere ein schwarzes Kunststoffgehäuse mit Lochmuster, das das medizinische Hilfsmittel in ein Stil-Accessoire verwandelt.

„Viele Jahre lang gab es den Trend, Behinderung zu verstecken. Heute nicht mehr“, sagt Näder. „Daran habe ich vermutlich einen großen Anteil.“ Über 100 Designpreise hat Otto Bock gewonnen. Der Chef selbst sieht aus wie der Kunstsammler, der er ist. Zum weißen Wuschelhaar trägt er eine schwarze Brille und ein fürs Berliner Klima zu dünnes Polohemd und Samtblazer.

Kerngeschäft von Otto Bock soll an die Börse

1990 hat er die Führung des väterlichen Betriebs übernommen, einer der Erben aus der deutschen Provinz, die in zweiter oder dritter Generation den Erfolg der Väter fortsetzen müssen. Näder ist einer von ihnen, und doch ist er anders. Von Duderstadt ist er nach Berlin gezogen, er sammelt Kunst, segelt Hochseeregatten und genießt offen den Reichtum, den er hat. Dem Unternehmen hat diese Lebenslust nicht geschadet, im Gegenteil: 2015 wurde die 1-Mrd.-Euro-Umsatzschwelle geknackt. Als Nächstes, noch vor dem 100. Jubiläum 2019, soll das Kerngeschäft Healthcare an die Börse. Näder gehört nicht zu den Unternehmern, die nicht loslassen können.

Wie bei vielen Hidden Champions begann die Geschichte von Otto Bock mit einer Innovation eines Gründers, die den Markt umkrempelte. Es war 1919, der Weltkrieg hatte ein Heer von Versehrten hinterlassen. „Kriegskrüppel“ wurden sie genannt. Mit handwerklicher Fertigung war der Bedarf an Prothesen nicht mehr zu decken. Also erfand Näders Großvater die Serienproduktion: den standardisierten Bau von Prothesenteilen, die aus der Fabrik in Thüringen an die Orthopädiemechaniker geliefert wurden.

Handprothesen von Otto Bock © Alexander Gehring
Handprothesen von Otto Bock

1948 wurden die Fabrik und das Privatvermögen der Familie in Königsee entschädigungslos enteignet. Otto Bock und sein Schwiegersohn Max Näder fingen neu an: auf der anderen Seite der Zonengrenze, in Duderstadt. Oft waren es pure Nöte, die die Erfinder beflügelten. Es fehlte an allem – Fachkräften, Geld, Material. Auch Pappelholz war knapp, das bevorzugte Material zum Bau von Beinprothesen. Also setzte Bock zum ersten Mal Polyurethan-Kunststoffe ein.

Als der junge Betriebswirt Hans Georg 1990 mit 28 Jahren an die Firmenspitze rückte, fehlte es ihm nur an einem: Erfahrung. „Das hätte fürchterlich schiefgehen können“, sagt er selbst beinahe drei Jahrzehnte später. Doch der Junior lieferte. Von umgerechnet 100 Mio. Euro kletterte der Umsatz auf heute 1,2 Mrd. Euro. Aus 1000 Beschäftigten wurden 8000, die in 56 Ländern arbeiten. Otto Bock ist Marktführer in der technischen Orthopädie.

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Prothesen helfen bei der Inklusion

Fünf bis acht Prozent des Umsatzes investiert das Unternehmen in Forschung und Entwicklung. Geht es nach Näder, würde sich Otto Bock quasi selbst abschaffen. „Der Traum wäre, dass wir einen Arm oder ein Bein biodigital reproduzieren können.“ Das ist keine Utopie. Am 3-D-Druck von Muskeln und nachwachsenden Körperteilen wird in Näders Reich genauso geforscht wie an Gangrobotern, sogenannten Exoskeletten.

Prothesen helfen bei der Inklusion, dass also Menschen mit Handicap vom Alltagsleben nicht mehr ausgeschlossen sind. Auch wenn er den Begriff nicht mag. „Das klingt, als wäre etwas kaputt, wie bei einer Heizung.“

Bei den Paralympics 2016 in Rio durfte er die Fackel tragen: ein Mittfünfziger, dem man ansieht, dass er gern isst, und der in weißen Bermudas am Atlantik entlangjoggte. Näder genoss jede Sekunde. Und legte sich gleich noch mit dem IOC-Präsidenten Thomas Bach an, dem er vorwarf, Korruption und Doping nicht deutlich genug zu verdammen. Die Paralympics, findet Näder, seien heute die „besseren Olympics“. Mit dem Krankensport von einst, als Schwestern mit weißem Käppi die Sportler auf die Rennbahn begleiteten, hätten sie nichts mehr gemein.

Behinderung aus der Tabuzone geholt zu haben, das ist sein Verdienst. Vielleicht gelang ihm das gerade deshalb so glaubwürdig, weil er selbst ohne Scheu genießt – ob edlen Rotwein oder die „schöne Pellkartoffel“. „Ich gehe offen damit um, und ich teile auch.“ Näder besitzt 1200 Werke zeitgenössischer Kunst. Seiner Heimatstadt Duderstadt hat er eine Kunsthalle spendiert. Näder ist größter Arbeitgeber und Ehrenbürger der Stadt. Je nach Saison, Laune und Terminen wohnt Näder mal da, mal dort: in Berlin, Duderstadt, der Villa am Schwielowsee oder dem Anwesen in Uruguay. 2013 hat er den finnischen Bootsbauer Baltic Yachts gekauft, der ihm nun seine x-te Pink-Gin-Yacht baut – und nebenbei „zehn Prozent Ebitda“ zum Firmenergebnis beiträgt.

Erlebnispark der menschlichen Mobilität

Otto Bock Science Center in Berlin © dpa
Futuristisch: Otto Bock Science Center in Berlin

Scheu, Berührungsangst, Mitleid – all das, was Menschen mit und ohne Behinderung oft trennt, kommt im Otto Bock Science Center in Berlin nicht vor. Näder hat seine Repräsentanz als Erlebnispark der menschlichen Mobilität gestaltet – oder des Fehlens derselben. Schon das Gebäude ist ein Ausrufezeichen: ein Neubau mit einer wellenförmigen Fassade, der weithin signalisiert, dass hier einer nichts zu verstecken hat.

Im Stockwerk über dem Chefbüro passt an diesem Morgen eine Physiotherapeutin einem Kunden das neue Bein an. Auf einem Laufband probiert er unsicher die ersten zweibeinigen Schritte.

Unten führt derweil ein Student Touristen durch eine Ausstellung, in der Prothesen wie Kunstwerke arrangiert sind. Eine Art Fototapete bedeckt den Boden, saftiges Gras, über das ein schmaler Steg führt. „Gehen Sie rüber“, sagt der Student. Kein Problem, rasch ist die Wiese überquert. Was soll das?

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Gleich zwei Megatrends

Doch auf dem kurzen Rückweg verändert sich plötzlich die Sicht nach unten. Der Steg ist derselbe, aber nun balanciert der Passant über einer Häuserschlucht. Tief unten rasen Autos, der Wind pfeift. Der Tritt wird unsicher, der Fuß setzt falsch auf. Absturz. Der Körper hat sich von der virtuellen Umgebung täuschen lassen und das Gleichgewicht verloren. Nur ein Experiment. „So fühlt sich ein wechselnder Untergrund für jemanden mit Prothese an“, sagt der Student. „Möchten Sie jetzt ein Rollstuhlrennen fahren?“

Die Branche profitiert von zwei Megatrends. In den Industrieländern werden die Menschen älter und Krankheiten mit orthopädischen Folgeschäden wie Schlaganfall, Diabetes, Arthrose und Osteoporose häufiger. In den Schwellenländern wächst mit steigender Wirtschaftskraft die Bereitschaft, für Gesundheit Geld auszugeben – und die Zahl der Verkehrs- und Arbeitsunfälle ist dort hoch. Bei Otto Bock paart sich das Streben nach Technologieführerschaft mit der Entschlossenheit, Märkte zu erobern, egal wo. „Als Nächstes stehen Niederlassungen in Israel, Iran, Irak an“, sagt Näder.

Um Forschung und Auslandsexpansion zu finanzieren und dauerhaft zu sichern, ist der nächste Schritt für ihn nur logisch: Die Kernsparte soll an die Börse. Ein ungewöhnlicher Schritt für einen Familienunternehmer – allerdings geht es Näder auch darum, das Vermögen der Familie nicht in einem einzigen Unternehmen zu binden. Schließlich hat sie schon einmal alles verloren.

In der Berliner Repräsentanz von Otto Bock werden Prothesen präsentiert wie Kunstwerke des technisch Möglichen © Alexander Gehring
In der Berliner Repräsentanz von Otto Bock werden Prothesen präsentiert wie Kunstwerke des technisch Möglichen

Auf rund 3,5 Mrd. Euro schätzen Analysten den Wert von Otto Bock. Erste Station soll der TecDax sein, das eigentliche Ziel aber ist der MDax. „Wir sind immer gewachsen und haben immer Geld verdient“, sagt Näder. 2020 will er „garantiert bei 2 Mrd. Umsatz“ ankommen.

Er hat sich einen CFO an Bord geholt, der das Unternehmen börsenfest machen soll. Aus dem Stapel seiner Notizen zieht er die Börsenstory, die ihm seine Fachleute konzipiert haben. Als Brand-Architekt tritt er selbst darin auf als der, der disruptive change vorangetrieben habe.

CEO ohne Laptop

Viele im deutschen Mittelstand „werden die digitale Transformation nicht schaffen“, glaubt er. Er schon. Beim Frühstück hat er einen Artikel ausgerissen über eine mögliche Fusion der Musikdienste Soundcloud und Spotify. Für ihn ein Lehrstück, „was Dienstleistungen in einer digitalen Welt bedeuten können“. Näder, den seine Angestellten stets mit seinem Titel als Professor ansprechen, versteht sich als Ideengeber und Dirigent, nicht als Mikromanager. „Ich bin wahrscheinlich der einzige CEO Deutschlands ohne Laptop“, sagt er.

Er wollte schon mal an die Börse, in den Dotcom-Jahren der Millenniumswende. „Das machst du erst, wenn ich in den ewigen Jagdgründen bin“, sagte ihm sein Vater damals. Ein Frühstück lang, „acht bis zehn Stunden“, redeten sie sich die Köpfe heiß, dann gab der Junior nach. Heute ist niemand mehr da, der seine Pläne aufhalten könnte. Die Töchter studieren, ob sie seine Nachfolge antreten wollen oder können, ist offen. Näder plant eine Konstruktion, die der Familie alle Stimmrechte sichert. „Garantiert zwei, drei Jahre“ nach dem Börsengang will er noch als Chef weitermachen. „Dann müssen jüngere Truppen ran.“

Hat er Angst vor der Leere danach? Weit gefehlt. In Berlin hat er vor einer Weile das 24.000 Quadratmeter große Gelände der früheren Bötzow-Brauerei gekauft. Er wird dort eine Rollstuhlmanufaktur eröffnen. Und einen Standort schaffen für Innovation, Kunst, Kulinarisches – und Geschäft. Alles, was ihm selbst am Herzen liegt.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 2/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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