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Ölspekulant Lufthansa

, Bernd Ziesemer

Die Fluggesellschaft gibt viel Geld für Optionsgeschäfte aus. Dabei gilt das sogenannte Hedging unter vielen Experten als veraltet. Von Bernd Ziesemer


Bernd Ziesemer war Chefredakteur des „Handelsblatt“. In der Kolumne „Déjà-vu“ greift er jeden Monat Strategien, Probleme und Pläne von Unternehmen auf – und durchleuchtet sie bis in die Vergangenheit.


Der Preis für Flugzeugtreibstoff fiel im Januar auf ein neues Fünf-Jahres-Tief. Seitdem ging es zwar wieder etwas bergauf – aber verglichen mit 2011 kostet Kerosin immer noch deutlich weniger als die Hälfte. Gute Zeiten für die Lufthansa: Im ersten Quartal dieses Jahres sparte der Konzern so im Vergleich zum Vorjahr 471 Mio. Euro. Die Spritrechnung sähe allerdings noch besser aus, wenn der Konzern nicht zum Spekulanten mutiert wäre: 185 Mio. Euro gingen für die Optionen drauf, mit denen die Lufthansa den Dollarpreis ihres Treibstoffs absichern wollte. Unterm Strich lösten sich so fast 40 Prozent des schönen Kerosingewinns wieder auf.

Um diesen verwirrenden Effekt zu verstehen, muss man sich die Geschäfte der Lufthansa etwas genauer anschauen. Der Konzern deckt sich seit Jahren mit langlaufenden Optionen auf den Kauf- und gleichzeitig auch auf den Verkaufspreis von Erdöl ein. Diese sogenannten Collars sichern den Kerosinpreis für eine gewisse Zeitspanne also sowohl nach oben als auch nach unten ab. Oder anders gesagt: Der Konzern wettet auf einen bestimmten Preiskorridor. Steigt Kerosin über die Obergrenze dieses Korridors, profitiert die Lufthansa. Fällt Kerosin jedoch unter die Untergrenze, macht die Lufthansa Verluste. Genau das war in den letzten Monaten der Fall.

Es kann sehr teuer werden

Der Preis für den Spezialtreibstoff Kerosin richtet sich mit kleineren Schwankungen nach dem allgemeinen Erdölpreis. Einige Airlines träumen trotzdem davon, sich durch ausgefinkelte Wetten auf den Kerosinpreis langfristige Zusatzgewinne zu verschaffen. In einem hocheffizienten und extrem liquiden Markt wie dem Erdölgeschäft grenzt diese Vorstellung jedoch an Größenwahn. Könnten Airlines wirklich den Preis von Erdöl und Kerosin vorhersagen, sollten sie die Branche wechseln – und als Rohstoffhändler Milliarden verdienen.

Capital 08/2016
Die aktuelle Capital

Offiziell dienen die teuren Optionsgeschäfte jedoch nur der Abfederung großer Preisschwankungen. Die Fluggesellschaften zahlen viele Millionen Dollar dafür, dass sie ihren Cashflow und damit auch ihre Gewinne verstetigen. Liegen die Airlines jedoch völlig schief mit ihren Prognosen, kann es trotzdem sehr teuer werden. Die amerikanische Delta Air Lines verbuchte im letzten Jahr einen Verlust aus Optionsgeschäften von 2,3 Mrd. Dollar. Konzernchef Scott Kirby ist seitdem davon überzeugt, das ganze Hedging sei nichts anderes als ein „manipuliertes Spiel, das die Wall Street reicher macht“.

Das sehen viele moderne Ökonomen und Spieltheoretiker ganz ähnlich. Ein positiver Langfristeffekt auf die Gewinne oder den Börsenkurs von Airlines sei schlicht nicht festzustellen, urteilten schon 2006 zwei britische Wissenschaftler in einer Studie. Manche Fluggesellschaften haben seitdem das Hedging massiv zurückgefahren – oder sogar ganz eingestellt wie beispielsweise der Billigflieger Norwegian. Lufthansa betreibt dagegen immer noch sehr umfangreiche Absicherungsgeschäfte.

Statt viel Geld auszugeben, um die Quartalsgewinne zu glätten, böte sich ein viel einfacherer und billigerer Weg an: Die Lufthansa könnte schlicht das ganze Quartalsdenken im Konzern abschaffen.

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