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Niemand redet über Steuern

, Horst von Buttlar

Steuersenkungen stehen nicht auf der politischen Agenda. Also muss man selbst sehen, wo man Steuern sparen kann. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

Auch eine Art Willkommenskultur: Als ich vor einem Jahr nach Berlin gezogen bin, war der erste Brief einer Behörde, den ich bekam, eine Zahlungsaufforderung des Finanzamts. Ein reibungsloser Übergang aus Hamburg! Als meine Kinder geboren wurden, war einer der ersten Behördenakte, gleich nach der Geburtsurkunde, die Zuteilung einer Steueridentifikationsnummer. Ich weiß noch, wie ich das Schreiben in den Händen hielt, neben mir das winzige Wunder, das noch halb im Himmel schien, und ich die Lust verspürte, beim nächsten kleinen Geschäft den Hintern mit diesem Schreiben abzuwischen.

Okay, lassen wir das. Ich bin wirklich kein Steuerrebell, allein der Begriff ist schon albern. Ich sehe den Sinn der Abgaben und finde das Preis-Leistungs-Verhältnis in Deutschland recht passabel. Mir ist auch manchmal etwas seltsam zumute, in einem Land zu leben, in dem ein Buch „1000 ganz legale Steuertricks“ jahrelang ein Bestseller war.

Andererseits: Die derzeitige Stille um das Thema finde ich auch etwas gespenstisch. Es ist ja nicht so, dass es für alle Zeit erledigt wäre. Diese fiskalischen Freudentänze über die schwarze Null sind ein doppelter PR-Coup: Zum einen feiern Politiker sich für eine Leistung, die andere vollbracht haben – nämlich die Steuerzahler, die seit Jahren einen richtig guten Job machen.

Gehaltserhöhung wird brutal wegbesteuert

Capital 12/2015
Die neue Capital erscheint am 19. November

Zum anderen wird der Eindruck erweckt, als sei da irgendeine Anstrengung oder gar furiose Gestaltung im Spiel. Einen Kuchen, der wie von Zauberhand wächst, kann man ziemlich einfach verteilen. Und man wird nachlässig, verschwenderisch, setzt diffuse Prioritäten.

Das Problem ist nicht, dass wir wieder Steuerwunschsätze auf Bierdeckel malen müssen. Das Problem lässt sich in einer Zahl ausdrücken: 52.881. Ab diesem Einkommen greift in Deutschland der Spitzensteuersatz von 42 Prozent, hinzu kommen Kirchensteuer und der Soli (den Kosenamen sollten wir uns mal abgewöhnen, sonst wird der nie abgeschafft).

Jeder, der im Job anfängt, etwas besser zu verdienen, ist bald ernüchtert: Die Gehaltserhöhung wird so brutal wegbesteuert, dass kaum ein Plus übrig bleibt – zumal sich ja jedes Jahr noch die berühmten Bemessungsgrenzen für Abgaben erhöhen. Der erhoffte Wohlstandssprung bleibt für Heerscharen von Besserverdienern ein Trippelschritt, der sie wohl nie aus ihrer Drei- oder Vier-Zimmer-Wohnung führt.

Es gibt derzeit keinen Politiker, der dieses Problem ernsthaft anpacken will – und niemand wird damit 2017 Wahlkampf führen. So bleibt Ihnen vorerst nur unsere Anleitung zum Selbstbasteln: Das ist teils mühsam, teils auch skurril. Aber es lohnt sich.

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