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Casual erobert die Männermode

, Siems Luckwaldt, Horst von Buttlar und Martin Kaelble

Marc Freyberg, Marcel Braun, Bruno Sälzer und Armin Fichtel: Vier deutsche Modemanager zu neuen Trends, dem deutschen Mann und ihren persönlichen Stilregeln

Die vier Manager posieren in der Auslage des Modeladens The Store im Berliner Soho House © Jonas Holthaus
Die vier Manager posieren in der Auslage des Modeladens The Store im Berliner Soho House

Mit diesen vier Modemanagern sprach Capital (v.l.n.r. auf dem Foto): Bruno Sälzer (Bench), Armin Fichtel (s.Oliver), Marc Freyberg (Brax) und Marcel Braun (Holy Fashion Group). In der Juli-Ausgabe lesen Sie ein Gespräch mit den vier Managern über die Krise der Modebranche und wie es weitergeht.


Capital: Meine Herren, früher war der deutsche Mann ja wie in einem Loriot-Sketch: Er ging mit seiner Frau einkaufen und die hat ausgesucht, dann spielten sich abenteuerliche Szenen ab im Laden. Hat sich der deutsche Mann gewandelt und ist heute modischer als früher?

Marcel Braun: Ich denke schon. Das kann man schon sagen, dass die Männer heute häufiger selber eine Meinung, ja einen eigenen Stil haben und natürlich auch selber einkaufen.

Marc Freyberg: Absolut. Da müssen Sie nur einmal in den Laden gehen. Da ist vielleicht noch die Freundin dabei, aber der Mann hat mittlerweile seinen eigenen Kopf. Das ist nicht mehr wie bei Loriot.

Capital: Gibt es nicht auch eine gewisse Ermattung beim Modekunden, eine Shopping-Fatigue?

Braun: Es galt doch schon immer in der Kleiderindustrie: Man verkauft in den vollen Schrank. Und da hat schon ein ehemaliger Chef von mir gesagt: Schau mal raus, da draußen läuft keiner nackt rum. Da muss man halt immer wieder etwas wirklich Neues bringen, so dass der Mann in den Schrank schaut und sagt: Die alte Jacke geht eigentlich nicht mehr.

Fichtel: Meistens bemerkt es die Ehefrau...

Freyberg: Die Frau oder der Sohn oder die Tochter. Aber unsere Branche ist eben so verrückt, das muss man wirklich mal sagen, dass wir bei einem Trend glauben, der wäre durch, dabei ist er noch gar nicht angekommen beim Konsumenten. Na und wenn das alles so einfach wäre, dann könnte man ja auch einen Affen hinsetzen, der das alles macht an unserer Stelle. Unser Geschäft ist Management und Trends kuratieren. Es gibt keinen echten Bedarf für Bekleidung aktuell. Das heißt, wir müssen irgendwie Bedürfnisse kitzeln und wecken.

Capital: Stichwort Trends: Das Thema Casualisierung ist in aller Munde. Herr Braun, was heißt das für Sie jetzt als Spezialist in der Herrenmode, wenn die Trainingshose zum Sakko tragbar wird?

Braun: Diese Jogg-Suits, diese Jersey Suits sind für uns ein enormes Wachstumsfeld. Da waren wir von Anfang an dabei. Und jetzt verkaufen wir vielleicht ein bisschen weniger Krawatten, aber dafür ein oder zwei Sakkos mehr.

"Casualisierung kommt aus der Sneaker-Welle"

Capital: Das arbeitet Ihnen, Herr Sälzer, mit dem Casual-Label Bench in die Hände. Schafft es diese neue Lässigkeit vielleicht bei manchem Unternehmen auch bis in den Boardroom?

Sälzer: Zunächst einmal: Diese Casualisierung in der Bekleidung kommt ja aus der Sneaker-Welle. Wenn ich einen Sneaker habe, dann kann ich keinen Standard-Anzug dazu tragen...

Braun: Ich hätte gesagt diese Casualisierung kam durch die Casual Fridays, und die sind schon älter als die Sneaker-Welle. Das begann alles in Kalifornien.

Sälzer: In jedem Fall reicht ein Blick nach Kalifornien. Die Vorstände - nicht die von der Deutschen Bank, sondern die von Apple, Google, Facebook, wenn man sieht wie die ihre Hauptversammlung machen: Die gehen mit dem Hoodie da hoch. Und jetzt kommt es: Das ist der Unterschied zwischen Apple und dem von Daimler Benz - der Marktwert von Apple ist deutlich höher. Das ist ein entscheidender Unterschied. Diejenigen, die casualmäßig eine Hauptversammlung abhalten, sind heute oft bedeutsamer als die alte Industrie.

Capital 07/2016
Die neue Capital erscheint am 16. Juni

Capital: Deswegen fangen deutsche Manager an, ihren Schlips auszuziehen...

Sälzer: Genau. Aber Musk, Cook und Zuckerberg, die da in der lässigen Klamotte stehen, sind doch die Stars der Welt.

Braun: Ich werde jetzt nicht mit meinen Marken versuchen dem Bruno Sälzer mit Bench Konkurrenz zu machen. Da bin ich nicht glaubwürdig. Aber ich werde mein Produkt mehr in die Richtung entwickeln, also mehr casual. Was man aber auch sagen muss: Männer finden das mitunter wahnsinnig schwierig. Es ist eben viel einfacher von Montag bis Donnerstag einen blauen Anzug und ein weißes Hemd anzuziehen.

Capital: Wo wir uns hier in Berlin treffen – eine Frage zur Fashion Week: Ist es tatsächlich eine Leistungsschau des deutschen Modestandortes? Oder nur ein Incentive-Event für Hauptsponsoren und eine große Blogger-Bespaßung?

Sälzer: Die Catwalk-Shows haben heute kaum eine internationale Bedeutung, weil keine großen Marken mehr da sind. Aber die Messen, das ist etwas anderes. Das ist mit Abstand Europas größter Messe-Event für Street Wear und Urban Wear. Insoweit ist es tatsächlich eine Art Leistungsshow. Das liegt im Trend mit dem was wir grade diskutiert haben: Mehr casual, mehr Variationen, Yoga, Sport- und Gym-Wear.

Fichtel: Als Messestandort für Textil ist Berlin auf jeden Fall ganz klar die Nummer Eins. Früher galt das mal für Düsseldorf. Das ist eigentlich eine Lokal-Messe geworden. Die Schauen sind vielleicht ein nettes Drumherum, aber Business wird natürlich auf der Messe gemacht, ganz klar.

Braun: Messe ist halt immer eine Gelegenheit mit den Kunden zu sprechen, dem Kunden etwas zu zeigen, das kann man gar nicht richtig quantifizieren. Wir waren auch schon mal ein Jahr nicht in Berlin, und irgendwie hat man's dann doch gespürt.

"Locker mit dem Bauchgefühl das Richtige nehmen"

Capital: Würden Sie mit Joop denn noch mal eine Show auf der Fashionweek machen?

Braun: Naja, mit jedem Markeninstrument frag ich mich ja: Was will ich damit erreichen? Und ehrlich gesagt, von dieser Show hab ich momentan nichts. Mein Fokus bei Joop liegt halt nicht auf einer Kollektion, die hier einen richtigen Wumms kreieren würde für den Konsumenten. Deshalb: Heute eine Show? Nein. Ist das in zwei Jahren anders? Vielleicht.

Capital: Meine Herren, wo wir die ganze Zeit über Mode reden, wollen wir Sie zum Abschluss natürlich auch nach ihren persönlichen Stilregeln fragen. Was haben Sie als Mantra vor Augen, wenn Sie morgens vor Ihrem Kleiderschrank stehen?

Braun: Nicht verkleiden, locker mit dem Bauchgefühl das Richtige nehmen. Und die Dinge müssen einfach zusammen passen, aus einem Guss kommen. Aber eine Stilregel? Ich glaub da hat jeder seinen eigenen Stil, und irgendwie ein Buch zu nehmen und zu schreiben, wie zieht sich der englische Gentleman an, das ist vorbei. Also von daher muss es einfach ehrlich und echt wirken, zu jedem Tag. Und zum heutigen Tag hab ich halt eine Krawatte angezogen.

Freyberg: Ganz der Schweizer eben... (Gelächter)

Capital: Ihr Stil-Motto, Herr Freyberg?

Freyberg: Jung zu sein, aber nicht krampfhaft jugendlich zu wirken. Für mich ist das wichtig: ich bin 44. Und ich versuche auch immer Brüche in meine Bekleidung reinzubringen. Zum Beispiel heute - vielleicht auch ein No-Go aber ich hab gerne und voller Überzeugung einen weißen Sneaker zum blauen Anzug angezogen.

Capital: Und Ihre Regel, Herr Sälzer?

Sälzer: Also wenn ich mich rausrechne, dann haben wir jetzt in München 100 Leute, die sind im Schnitt unter 30. (lacht) Da versuche ich natürlich look-technisch einigermaßen dran zu bleiben. Und so kleide ich mich dann auch. Also ich war aber auch immer schon eher ein Look & Style Typ, als dass ich jetzt immer genau gewusst habe, was jetzt dieser Meter Stoff beim Anzug kostet. Wie gesagt, mein Umfeld ist halt ein extrem junges und sehr weibliches. Ich glaube, zwischen 75 und 80 Prozent sind Frauen unter 30. Da muss man schon gucken, wie man aussieht.

Fichtel: Da kann ich Herrn Sälzer nur zustimmen.

Capital: Sie haben bei s.Oliver die gleichen Prozentzahlen?

Fichtel: Bei uns arbeiten rund 1800 Mitarbeiter am Firmensitz. Davon sind mindestens 80 Prozent Frauen, die meisten unter 30. Insofern bin ich im Anzug für meine Verhältnisse schon sehr seriös gekleidet. Ich versuche mich im Alltag eher wertig-casual zu kleiden, aber niemals auf eine übertriebene Art und Weise. Kleidungsstücke mit großem, sichtbaren Label werden Sie bei mir nicht finden. Ich lege Wert auf wirklich schöne Qualität und einen gleichzeitig lässigen Look, so fühle ich mich am Wohlsten.

Capital: Meine Herren, das war ein schönes Schlusswort. Vielen Dank!

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