• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Business as Usual

Die Tücken der Selbstständigkeit

, Anne Weitzdörfer

Nicht nur Selbstständige müssen lernen, ihr schlechtes Gewissen zu ignorieren – und sich selbst besser zu managen. Von Anne Weitzdörfer

Erschöpfter Mann sitzt vor einem Notebook © Getty Images
Arbeiten bis zur Erschöpfung: Abschalten ist gar nicht so leicht

Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der BerufsweltAnne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt

 


Till ist ein sehr sympathischer und offener Typ. Nach seinem Philosophiestudium war er ein paar Jahre in einer Beratung, was ihm zunächst sehr viel Spaß gemacht hat. Allerdings wuchs mit jedem Jahr der Wunsch, weniger und vor allem selbstbestimmter zu arbeiten. Und so hat er sich vor zwei Jahren selbstständig gemacht. Der Start verlief gut, und er hat gut zu tun. Er merkt allerdings auch, dass er seinem Wunsch, weniger zu arbeiten, überhaupt nicht näher kommt. Sein Alltag ist eher „selbst“ und „ständig“, und irgendwie fährt er durchgängig auf der letzten Rille.

Till ist sich dabei sehr wohl bewusst, dass er es selbst in der Hand hat, weniger zu arbeiten. Aber er kriegt es einfach nicht hin: Er möchte die Kunden, die er gewonnen hat, nicht enttäuschen. Und er möchte die Aufträge, die er hat, abarbeiten. Er weiß ja nie, was kommt. Und ob was kommt. Und das lässt ihn seinen Terminkalender immer lückenlos füllen. Ohne Puffer, sodass er oft die Wochenenden durcharbeitet, um irgendwie wieder vor die Welle zu kommen. Urlaub? Fehlanzeige. Denn nach drei Tagen Ruhe befällt ihn der Stress, wie er an den nächsten Auftrag kommt. Ein Teufelskreis, den wohl alle Selbstständigen kennen.

"Findest du es okay, jetzt laufen zu gehen?"

Capital 11/2016
Die aktuelle Capital

Nach gründlicher Analyse hat Till sich vorgenommen, sich selbst besser zu managen. Im ersten Schritt hat er sich jede Woche einen Tag am Schreibtisch geblockt, in dem er nur administrative Dinge abarbeitet: E-Mails, Angebote, Rechnungen, Reisekosten. Und er hat sich vorgenommen, diesen Tag nur in absoluten Ausnahmefällen für Kunden zu verplanen. Und weil es ja das erklärte Ziel war, wirklich weniger zu arbeiten, hat er einen weiteren Nachmittag pro Woche geblockt. Für sich selbst: Sport, Freunde, das Buch, das er schon immer mal lesen wollte.

Klingt ganz einfach, oder? Und doch ist es Till extrem schwergefallen, beides umzusetzen. Weil jedes Mal wieder eine leise Stimme im Hinterkopf gefragt hat: „Findest du es okay, jetzt laufen zu gehen? Solltest du nicht lieber arbeiten? Wenn du zum Kunden fährst, könntest du den Tag abrechnen.“ Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis Till einen ganzen Monat durchgehalten hat: einen Tag pro Woche am Schreibtisch, einen Nachmittag für sich, keine Wochenendarbeit. Er war verdammt stolz.

Sich zum Nicht-Arbeiten zu zwingen fällt Selbstständigen besonders schwer – aber auch Festangestellte kennen das Problem. Also: nicht mehr die Präsentation am Wochenende fertig machen, nicht mehr um 23.30 Uhr Mails checken, nicht mehr auf die Stimme hören, die fragt, was aus der Beförderung wird, wenn man dieses eine Projekt ablehnt. Selbstständige haben dabei nur einen Vorteil: keine Ausreden. Zwischen Festangestellten und einem vernünftigen Selbstmanagement steht häufig die beliebteste Ausflucht der Welt: „Dass ich zu viel arbeite, liegt allein an meinem Chef.“

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen:


Artikel zum Thema
Autor
  • Business as Usual
Warum Manager Vorurteile ablegen sollten

Es macht das Arbeitsleben deutlich leichter, wenn man anderen nicht immer das Schlechteste unterstellt. Von Anne WeitzdörferMEHR

  • Business as Usual
Teams brauchen Anerkennung

Anne Weitzdörfer warnt davor, Teams immer nur zu fordern. Manchmal müssen Chefs auch Anerkennung zeigenMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.