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Gundbert Scherf, der Umrüster

, Thomas Steinmann

Gundbert Scherf wechselte 2014 von McKinsey ins Verteidigungsministerium. Dort krempelt der 34-Jährige gerade das verkrustete Rüstungswesen um. Schon bald geht er zurück zu McKinsey.

Gundbert Scherf, Rüstungsbeauftragter des Bundesverteidigungsministeriums © Jonas Holthaus
Gundbert Scherf, Rüstungsbeauftragter des Bundesverteidigungsministeriums

Seit 2007 sucht Capital für das Projekt „Junge Elite“ in ganz Deutschland nach Talenten wie Phil Pezus und kürt alljährlich die „Top 40 unter 40“ in den vier Kategorien „Unternehmer“, „Manager“, „Politik“ sowie „Staat und Gesellschaft“. Alle sind jünger als 40 Jahre, haben beachtliche Erfolge vorzuweisen und noch viel Potenzial. Einige sind schon an der Spitze, andere noch auf dem Sprung dorthin; manche machen durch bahnbrechende Ideen und Start-ups auf sich aufmerksam, andere gehen den Weg durch Konzerne und Institutionen.


Die Chefin ist nicht da, also bittet Gundbert Scherf kurzerhand in ihr Büro. Da ist einfach mehr Platz. Und schwupps sitzt Scherf an dem Besprechungstisch, an dem Verteidigungsstaatssekretärin Katrin Suder sonst die Topmanager von Rüstungskonzernen oder wichtige Parlamentarier empfängt.

Im Verteidigungsministerium mit seiner besonderen Hierarchiekultur gibt es nicht viele Leute, die sich so etwas trauen – erst recht in der Leitungsebene, wo man in den langen Gängen ehrfürchtig an den Porträts früherer Minister vorbeigeht. Bei Scherf ist das anders. Der 34-Jährige trägt zwar einen Titel, wie es ihn nur bei der Truppe gibt: „Beauftragter für die strategische Steuerung nationaler und internationaler Rüstungsaktivitäten der Bundeswehr“ – mit Besoldung wie ein General.

Aber ansonsten wirkt Scherf, der im September 2014 zusammen mit seiner McKinsey-Kollegin Suder in den Bendlerblock kam und sie gerade während ihrer Babypause vertritt, wie ein lebender Kulturwandel für den Apparat. Selbst bei Terminen mit der Ministerin erscheint Scherf häufig ohne Krawatte. Sobald seine Themen abgearbeitet sind, verlässt er manchmal einfach die Sitzung.

Chief Operating Officer für von der Leyens Agenda Rüstung

Auch wenn er nun in einer riesigen Behörde sitzt, ist Scherf immer noch Berater statt Beamter. „Die Bundeswehr hat natürlich andere Ziele, ist aber in Größe und Komplexität wie ein Dax-Konzern“, sagt er. sagt er. 240.000 Mitarbeiter, 2000 laufende Rüstungsprojekte, 100 Mrd. Euro Investitionssumme, 10.000 Leute, die sich um Tausende Verträge kümmern. Seine Chefin Suder, eine enge Vertraute von Ministerin Ursula von der Leyen, bezeichnet er als „CEO des Rüstungsbereichs“, sich selbst als Chief Operating Officer für von der Leyens Agenda Rüstung. „Ich muss liefern.“ Zusammen mit Suder soll er das verkrustete Rüstungswesen aufbrechen und das Missmanagement bei milliardenteuren Großprojekten beenden. Darüber hinaus beauftragte die Ministerin Scherf mit dem Aufbau eines neuen Bereichs für Cyberverteidigung und IT bei der Bundeswehr.

Scherf hat in vier Ländern studiert, er hat zwei Master in VWL und Politikwissenschaft in der Tasche, dazu eine Promotion in Berlin und Paris. Schon mit Mitte 20 fing er bei McKinsey an, als Berater für den öffentlichen Sektor. Scherf schrieb Studien über die europäische Verteidigungsindustrie und betreute Kraftwerksprojekte in Südafrika, für die er wochenweise einflog. Als Suder ihn fragte, ob er mit ins Ministerium wechselt, fehlten ihm nur noch ein paar Monate bis zur Ernennung als Partner.

Damals sagte sich Scherf: „Man muss die Wellen reiten, wenn sie kommen. Man kann sie nicht hinpusten.“ Ihn reizte die „riesige Aufgabe“. Dafür tauschte er die sichere Karriere bei McKinsey mit einem Job auf dem Schleudersitz - ohne den Fallschirm der Verbeamtung. „Am Anfang haben uns die meisten nicht mehr als drei Monate gegeben“, sagt Scherf.

Für ihn und drei Mitarbeiter gab es in den ersten Wochen nur ein enges Büro, zwei Computer und zwei Telefone. Dafür jede Menge Leute im Rüstungsapparat, die schon viele große Reformversprechen gehört und später scheitern gesehen haben. „Wer ist schon begeistert, wenn jemand mit 32 von außen kommt und alles anders machen will?“, fragt Scherf. „Man muss überzeugen und beweisen, dass man auch auf anderem Wege zum Ziel kommt.“ Aber das sei bei McKinsey auch nicht anders gewesen, ebenso wie die Wochen mit 60 bis 70 Stunden Arbeit. Wobei es Scherf nun sogar regelmäßig zwei Mal die Woche zum Tennis schafft – zwischen sieben und acht Uhr morgens.

Als Partner zurück zu McKinsey

Zusammen mit Suder setzte Scherf ein neues Projektmanagement für die großen Rüstungsvorhaben auf. Die wichtigsten und teuersten Projekte werden heute viel enger vom Ministerium geführt, ein neues Rüstungsboard wacht über Fortschritte und Probleme. Es gibt eine Datenbank für Verträge, damit die Bundeswehr sich bei Verhandlungen mit der Industrie nicht mehr über den Tisch ziehen lässt. Selbst Abgeordnete der Opposition behaupten nicht, dass gar nichts passiert sei – auch wenn längst nicht alle Mängel abgestellt sind, die neue Raketenabwehr Meads teurer wird als geplant und der Kauf neuer Korvetten für die Marine in politischen Hinterzimmerdeals entschieden wird.

Nach Scherfs Einschätzung befindet sich die Rüstungsreform bereits in der 75. Spielminute. Für ihn selbst wird im Ministerium bald Abpfiff sein, die Schlussphase muss sein mittlerweile 25 Leute starkes Team ohne ihn bestreiten. Anfang Januar wechselt der Rüstungsbeauftragte zurück zu McKinsey, dann als Partner, der allerdings nichts mit Verteidigungs- und Rüstungsthemen zu tun haben wird. „Ich glaube stark an amerikanische Berufsbiografien“, sagt er. Man sei unabhängiger, freier und kompromissloser, wenn man Aufgaben nur für eine bestimmte Zeit übernehme. „Man muss sich nicht mit jedem vertragen, sondern kann auf das Ergebnis hinarbeiten.“ In der Arbeitswelt von morgen, glaubt Scherf, werden solche Seitenwechsel und Jobbiografien häufiger vorkommen und positiver besetzt sein, als dies heute vielfach der Fall ist.

Wenn Scherf Ende Dezember sein Büro im Bendlerblock räumt, nimmt er eine wichtige Erkenntnis mit: Selbst in einem Tanker wie der Bundeswehr kann man unternehmerisch denken und arbeiten: „Dafür muss man kein Start-up sein.“

Bereits erschienen sind die Porträts von Tarek Müller, About You und Phil Pezus, Thyssenkrupp

Wir haben der Jungen Elite unsere Titelgeschichte der aktuellen Capital gewidmet: Die Top 40 unter 40 - Deutschlands "Junge Elite": Wie sie denkt - und unser Land verändern will.

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