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Selbsterkenntnis ist der Problemlöser

, Anne Weitzdörfer

Viele Probleme im Arbeitsalltag lassen sich mit einem simplen ersten Schritt lösen: Selbsterkenntnis. Von Anne Weitzdörfer

Eine Frau schaut unzufrieden auf ein Notebook © Getty Images
Mit Offenheit und Ehrlichkeit sollten Führungskräfte an Probleme herangehen

Ulrich ist ein hagerer, extrem analytischer Typ mit einem hohen Anspruch an sich selbst. Er hat Mathematik studiert, am Lehrstuhl promoviert und arbeitet heute in einem Institut, das in wirtschaftspolitischen Fragen berät. Sein Job macht ihm viel Spaß, und er mag seine Kollegen und sein Team. Sein Anliegen, als er zu mir kam, war so klar wie sein Verstand: Er habe sich mit dem Thema Führung auseinandergesetzt, bislang allerdings sehr theoretisch. Nun wolle er das Ergebnis in der Praxis reflektieren und bat um Unterstützung dabei. Gesagt, getan.

Das Stimmungsbild bei seinen Mitarbeitern war sehr unterschiedlich. Die einen finden Ulrich spitze: sachlich, analytisch und fordernd. Die anderen attestieren, dass er seinen Job tatsächlich überaus ernst nehme – dass er ihnen dabei aber permanent das Gefühl vermittle, er sei mit ihrer Leistung unzufrieden. Und das sei auf Dauer sehr demotivierend.

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Capital 03/2017
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Warum „funktioniert“ sein Führungsstil bei den einen, bei den anderen aber nicht? Die erste Erkenntnis ist fast banal: Mitarbeiter, die Ulrich ähnlich sind, können ihn lesen. Sie wissen, dass seine kritische Art nichts mit ihnen zu tun hat, und verstehen Anregungen als konstruktive Kritik an ihrer Arbeit. Die anderen dagegen sehen die Kritik zwar in erster Linie als Kritik an ihrer Arbeit – aber eben auch an ihrer Person. So verstanden jedoch verstärkt Kritik eigene Zweifel, und manche kommen da nicht mehr heraus. Für Ulrich war das erst unverständlich – dann aber augenöffnend.

In unserem nächsten Gespräch hatte er das Feedback für sich bereits komplett auseinandergenommen und präsentierte eine blitzsaubere Ableitung: Nicht seine Mitarbeiter, sondern er selbst sei das Problem. Denn in seiner Haltung gegenüber den Mitarbeitern spiegelten sich nur seine eigene Unsicherheit und Zweifel. Das spürten die Mitarbeiter und nähmen die Kritik persönlich. Also müsse er an sich arbeiten. Seine Lösung war so einfach wie brillant: Er hat jedem Mitarbeiter genau aufgeschlüsselt und erklärt, was ihn in der Zusammenarbeit anstrengt und verunsichert. Jeden Einzelnen bat er dann um konkrete Unterstützung bei seiner Weiterentwicklung als Führungskraft. Die waren erstaunt über so viel Ehrlichkeit und Selbstreflexion – und in gleichem Maße bereit zu unterstützen. Problem gelöst, und zwar wirklich so einfach.

Mich hat die Offenheit, mit der Ulrich das Thema und sich selbst betrachtet hat, wirklich beeindruckt – und die Frage hinterlassen, ob nicht eine Menge Probleme auf diese Art und Weise lösbar wären. Wenn Sie also Schwierigkeiten mit einem Ihrer Mitarbeiter haben, wissen Sie jetzt, wie es gehen kann: ein furchtloser Blick in den Spiegel, eine große Schippe Ehrlichkeit, die Dinge beim Namen nennen und den Mut haben, Ihr Gegenüber in die Lösung mit einzubeziehen. Hut ab, Ulrich!


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der BerufsweltAnne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt

 


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