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  • Reportage

Männer fliegen auf Drohnen

, Jens Brambusch

Drohnen sind das Männerspielzeug der Moderne. Ein Ausflug in die Welt der unbemannten Flugobjekte. Von Jens Brambusch

Auf der Cebit in Hannover kamen dieses Jahr 100.000 Besucher in die Halle der Drohnenpiloten
Auf der Cebit in Hannover kamen dieses Jahr 100.000 Besucher in die Halle der Drohnenpiloten - Foto: Getty Images

Es war eine Schnapsidee. Aber dieses Video hat Frank Wernecke umgehauen. Er hatte es im Netz gefunden und angeschaut. Dann hatte er es sich gleich noch mal angeschaut. Und dann noch mal: Drohnen zischen durch einen Wald, rasen um Baumstämme herum, flitzen über Büsche. Eine Verfolgungsjagd wie bei „Star Wars“ – mit der Natur als Parcours. Es war das Video eines Drohnenrennens in Neuseeland, und es sah nach verdammt viel Spaß aus. Dort, erfuhr Wernecke, wurden gerade erste Drohnen-Meisterschaften geplant, eine eigene Rennserie. Und er fragte sich: Warum nur in Neuseeland? Warum nicht auch in Deutschland?

Frank Wernecke besaß zu diesem Zeitpunkt nicht einmal eine Drohne. Aber er ist Inhaber und Geschäftsführer der Digitalagentur Laf.li in Berlin – und wenn der 45-Jährige eine Idee für gut hält, dann setzt er sie um. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass er sich schleunigst mit Drohnen beschäftigen sollte. „Da passiert gerade so viel Spannendes“, erklärt er heute, „da muss man dabei sein.“

Drohnen sind das Männerspielzeug der Gegenwart. Das, was früher einmal die Modelleisenbahn im verstaubten Hobbykeller war. Nur draußen, in der Luft, und viel, viel schneller. Kindheitsträume werden wahr: einmal Pilot sein! Weltweit werden mittlerweile jeden Monat 300.000 Hobby-Drohnen verkauft. In Deutschland sollen nach Schätzungen der Flugsicherung bereits 400.000 der Quirls mit vier bis acht Propellern über das Land schweben.

Schon für unter 50 Euro gibt es Einsteigermodelle. Sogenannte Fun- und Mini-Drohnen. Einige Preisklassen darüber fliegen Filmdrohnen mit hochauflösenden Kameras, die atemberaubende Bilder liefern, wie man sie früher nur aus Willy-Bogner-Filmen kannte. Es gibt autonom fliegende Kameras, die selbstständig einem Motiv folgen können: Mountainbikern, Skifahrern oder Seglern auf dem Meer. Dank der Software, die in den Drohnen steckt, ist die Bedienung per Fernsteuerung oder Smartphone kinderleicht. Niemand muss mehr – wie früher bei Modellhubschraubern – wochenlang üben, um crashfrei zu landen. Es ist ein Riesenmarkt.

„Die Software kann 8000 Korrekturen in einer Sekunde durchführen, um beispielsweise den Flugwinkel zu korrigieren“, sagt Lieven Leue. Der Softwareentwickler aus Berlin ist ambitionierter Bastler und Drohnenpilot. 2014 kaufte er sich einen Rahmen, Motor und Propeller – und begann, seine erste Racing-Drohne zusammenzulöten, 150 Stundenkilometer schnell. Mittlerweile besitzt er vier der Racer und hat einige Tausend Euro investiert. Wie viel genau, das weiß er nicht und will es auch gar nicht wissen. Allein 20 Akkus hat er gekauft. Denn seine Renndrohnen saugen die Batterien in zwei bis drei Minuten leer. Danach sind sie glühend heiß. In menschenleeren Parks oder Wäldern geht Leue mit Freunden fliegen. Die Hindernisse sind mal Bänke, unter denen er durchfliegt, mal Bäume, mal Mauern. „Man spürt das Adrenalin“, sagt er. „Und fluchen gehört auch dazu.“ Oft zerschellen die Drohnen an den Hindernissen, dann heißt es wieder: löten.

Drei sind ein Verein

Frank Wernecke, Initiator der Dronemasters in Berlin © Gene Glover
Frank Wernecke, Initiator der Dronemasters in Berlin

Nachdem Frank Wernecke das Video aus Neuseeland x-mal gesehen hatte, vergingen noch einige Wochen, bis er sich selbst eine Drohne kaufte. Wesentlich schneller war er darin, seine Idee von einem deutschen Drohnenrennen anzuschieben. Gleich nach seinem Erweckungserlebnis im Internet begann er, über Twitter andere drohnenbegeisterte Berliner zu suchen. Zum Gründungstreffen in einer Pizzeria in Kreuzberg kamen zwar nur zwei Mitstreiter, aber: „Drei sind schon ein Verein“, postete er noch während des Treffens. Den Verein nannten sie Dronemasters – und es dauerte nur zwei Monate bis zum ersten Rennen in Berlin.

Im September 2015 mietete Wernecke die Trabrennbahn in Karlshorst, nachdem das eigentlich schon genehmigte Rennen auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof wieder abgesagt wurde – die Parkverwaltung fürchtete wegen des großen Medieninteresses eine Massenveranstaltung. Und auch in Karlshorst hatten sie noch einmal Pech: Kräftige Windböen und Regen machten die Rennen unter freiem Himmel unmöglich. Der Kurs wurde in die Halle verlegt, in der normalerweise Pferdewetten angenommen werden. Aber: Es gab den Parcours aus Drainagerohren, Bambusstäben, Gartenleuchten und Lichterketten; ein paar Dutzend Piloten und 200 Zuschauer. Der Start einer Rennserie.

Mit ähnlichen Veranstaltungen etabliert sich gerade rund um die Welt der Drohnensport – und das in erstaunlicher Geschwindigkeit: Vereine werden gegründet, Ligen entstehen, es gibt nationale und internationale Meisterschaften. Die Fédération Aéronautique Internationale, der Weltverband für Luftsport, hat gerade ein Regelwerk für Rennen ausgearbeitet. Was 2014 in Australien und Neuseeland mit ein paar Freaks und ihren Basteleien begann, hat auch die USA, Großbritannien und Frankreich erreicht. Sponsoren wie Red Bull schicken Teams ins Rennen. Im März 2016 fand der World Drone Prix in Dubai statt. Preisgeld insgesamt: 1 Mio. Dollar.

World Drone Prix in Dubai
World Drone Prix in Dubai: Fliegen vor imposanter Kulisse - Foto: Getty Images

Das Publikum ist noch nicht riesig – das Potenzial aber schon. Denn die Zuschauer könnten quasi mit an Bord der Drohnen sitzen. Bei den Rennen nämlich fliegen die Piloten nicht nach Sicht, die Drohnen haben stattdessen jeweils eine Kamera an Bord – und die Piloten tragen Videobrillen, in die das Videosignal übertragen wird. FPV heißt die Technologie: First Person View. „Das ist wie eine Mischung aus Realität und Videospiel“, schwärmt Leue, „man denkt, man sitzt im Cockpit.“ Und natürlich ließen sich die Bilder problemlos auch für Zuschauer übertragen.

Silicon Valley für Drohnen

Frank Wernecke geht es aber mit Dronemasters nicht nur um Drohnenrennen: „Wir wollen eine Art Inkubator auf dem Gebiet sein. Ideen entwickeln und Projekte finanzieren.“ Eine Ausgründung ist geplant. Wie die neue Firma heißen soll, weiß er noch nicht. Der Arbeitstitel aber ist klar: „Silicon Valley für Drohnen“.

Alle paar Wochen laden die Dronemasters seit dem vergangenen Jahr zum Netzwerken ein. Immer gibt es vier bis fünf Vorträge rund ums Thema Drohnen, mal geht es um den Einsatz von Drohnen in der ökologischen Landwirtschaft, mal um die Möglichkeiten, Tatorte per Drohne zu dokumentieren.

Zum ersten Treffen kamen 50 Besucher, zum zweiten schon 100, manche reisten extra aus den Niederlanden oder Tschechien an. Schnell wurden Unternehmen aufmerksam, die Veranstaltungen finden jetzt bei VW statt, auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin oder bei Microsoft. Die Cebit in Hannover stellte bei der Messe im März Dronemasters eine Halle, in der auf 2000 Quadratmetern ein Parcours aufgebaut wurde. Es gab Rennen und Vorträge, in fünf Tagen kamen 100.000 Menschen.

Die Einsatzmöglichkeiten der Drohnen, schwärmt Wernecke, seien ja auch unendlich: Sie helfen der Feuerwehr, die Ausmaße von Bränden zu erkennen. Die Polizei kann sie einsetzen, um Großveranstaltungen zu überwachen. Amazon experimentiert mit einem Drohnenlieferdienst. Und eine Frankfurter Klinik lässt Blutkonserven per Drohne einfliegen. Statt wie bisher 25 Minuten dauert der Transport nur noch sieben Minuten. Ihre Fähigkeiten, sagt Wernecke, seien noch lange nicht ausgeschöpft: „Wir haben hier den ganz seltenen Fall, dass die Technologie weiter ist als die Geschäftsmodelle.“

Infografik: Verbraucher schicken Drohnen auf Höhenflug | Statista
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Drogenschmuggel per Drohne

Der schnelle Fortschritt bei der Technologie hat allerdings auch Probleme verursacht: Die meisten Piloten kaufen eine Drohne, laden sie und fliegen los – ohne so recht zu wissen, was sie da tun und was sie dürfen. Der ADAC spricht bereits von einer „neuen Qualität der Verkehrsgefährdung“ durch Drohnen. Für die Besatzungen von Rettungshubschraubern etwa können Kollisionen mit Drohnen lebensgefährlich sein. Schon mehrmals hat der Tower in Hamburg Verkehrsflugzeuge vor Drohnen in der Einflugschneise warnen müssen. In den USA wurden der Luftfahrtbehörde in den vergangenen 14 Monaten 1348 Vorfälle gemeldet, bei denen Drohnen Flugzeugen bei Start oder Landung gefährlich nahekamen.

Dazu gab es Dutzende Unfälle oder Beinaheunfälle: In Berlin etwa krachte eine Drohne am Alexanderplatz gegen die Fassade eines Kaufhauses, fing Feuer, stürzte ab und verfehlte einen Passanten nur knapp. Beim Weltcup-Slalom in Italien wäre der Österreicher Marcel Hirscher beinahe von einer abstürzenden Kameradrohne erschlagen worden. Auf deutschen Autobahnen sind schon Drohnen gegen Fahrzeuge geprallt.

Und wie jede neue Technologie lässt auch diese sich für Illegales einsetzen: In Hamburg etwa versuchten Unbekannte, mit einer Drohne Drogen in ein Gefängnis zu schmuggeln. Die Luftpost kam allerdings nie an, eine Böe schlug den Mini-Heli gegen die Knastmauern. In Japan hat die Polizei mittlerweile Drohnen mit Netzen ausgerüstet, um damit wiederum andere Drohnen vom Himmel holen zu können. In den Niederlanden richtet das Unternehmen „Guard from Above“ Adler ab, die die Multicopter abfangen sollen. Auftraggeber ist die Polizei.

Die japanische Polizei nutzt bereits Drohnen  mit Netzen, um illegale  Drohnen aus der Luft zu  fischen
Die japanische Polizei nutzt bereits Drohnen mit Netzen, um illegale Drohnen aus der Luft zu fischen - Foto: Getty Images

Und in Deutschland? Da versucht man, einem drohenden Chaos am Himmel mit Paragrafen Herr zu werden. 2012 wurden Drohnen erstmals in das Luftverkehrsgesetz aufgenommen. Piloten von „unbemannten Luftfahrtsystemen“ benötigen seitdem eine Erlaubnis – allerdings nur, wenn sie die Drohnen kommerziell einsetzen wollen. In Hamburg gibt es mittlerweile sogar eine Spezialabteilung in der Wirtschaftsbehörde. Der „Aerodrome-Inspector“ bittet Antragsteller zum Vorfliegen ins Amt.

Das Verkehrsministerium sieht eine steigende Gefährdungslage in Anbetracht des Booms und will das Luftfahrtgesetz sogar noch einmal verschärfen. Demnach sollen alle Drohnen über 500 Gramm kennzeichnungspflichtig werden – unabhängig davon ob privat oder gewerblich genutzt. Somit will die Regierung der „Drohnenflucht“ nach Unfällen vorbeugen. Dazu soll die maximale Flughöhe auf 100 Meter begrenzt werden.

Die Drohnenrennen wird eine eventuelle Gesetzesänderung nicht stören. Wernecke hat seine Dronemasters auch in diesem Jahr ausgerichtet, am Sonntag, dem 4. September. Wieder auf der Trabrennbahn Karlshorst in Berlin. Neben dem Hindernisrennen flogen gewerbliche Drohnen auch einen Marathon über 42 Kilometer. Ein Dutzend Unternehmen hatten sich angemeldet. Es gab eine Boxengasse, in der Akkus und Rotoren gewechselt wurden. Und in der Mitte der Rennbahn stand ein großer Grill. Bratwurst im Brötchen gab es. Die Zuschauer bekamen ihre Snacks dann gebracht – natürlich per Drohne.

Mehr zum Thema Drohnen: Die 5 wichtigsten Drohnenregeln und Warum wir neue Regeln für Drohnen brauchen (Gastkommentar von Martin Maslaton)

Der Beitrag ist zuerst in Capital 9/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.

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