• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Thema

Litauens Unternehmer greifen zur Waffe

, Andrea Rehmsmeier

Litauen gilt als Musterstaat der EU: solides Wachstum, stabile Finanzen, eine starke Wirtschaft. Doch der Konflikt in der Ukraine und die Angst vor einem neuen Krieg mit Russland treiben selbst Hightechunternehmer an die Waffen.

Zwei Männer im Kampfmontur üben Schießen © Jan Thönnessen/Freiwilligenbataillon Litauen
In einer Halle am Rand von Vilnius proben Unternehmer ihre Verteidigungsbereitschaft

Vor ein paar Stunden hat Kristijonas Vizbaras in seinem Labor noch frisch produzierte Laserdioden überprüft, jetzt liegt er auf dem staubigen Boden und visiert durch ein Zielrohr einen kleinen weißen Fleck am Ende der Halle an. Bis zur Zielscheibe sind es 50 Meter. Konzentration, der jungenhafte Zug ist aus seinem Gesicht gewichen. Kristijonas ist jetzt nicht mehr Unternehmer, er ist Soldat.

Der Trainer gibt den Schießbefehl. Die Salve donnert durch die alte Lagerhalle, Pulverdampf steigt auf. Die Zielscheibe ist durchsiebt. „Heute staune ich über mich selbst“, strahlt Kristijonas. „Ich muss sagen, ich habe einen guten Tag!“

Der 30-Jährige ist Physiker, Elektroingenieur und Firmenchef in Litauens aufstrebender Hightechbranche. Doch sollten eines Tages russische Panzer in Vilnius einrollen – ein Schreckensszenario, das im Baltikum jetzt viele beschwören –, dann wird er vorbereitet sein. Im Frühjahr 2014, als russischsprachige Kämpfer die Krim besetzten, hat er seinen Waffenschein gemacht und ist dem litauischen Freiwilligenbataillon „Sauliu Sajunga“ beigetreten – ebenso wie seine Brüder, sein Vater und die meisten seiner Freunde.

Mittelschicht rüstet sich für den Guerillakrieg

Er besitzt ein großkalibriges Gewehr aus deutscher Produktion, NATO-Standardwaffe, das er inzwischen gekonnt bedient – im Liegen und Stehen, im Knien und im Ausfallschritt: Magazin wechseln, entsichern, anlegen. Kompakt liegt die Waffe in der Hand, die Wucht des Schusses geht nach vorn, der Rückstoß ist kaum zu spüren. Wer so ein Präzisionsgewehr bedienen will, braucht keine große Kunstfertigkeit. Er muss es nur tun.

In Litauen tun zurzeit viele, was sie bis vor Kurzem nur aus Computerspielen kannten: Die gebildete Mittelschicht rüstet sich für den Guerillakrieg. Auch viele Unternehmer haben sich seit Beginn der Ukraine-Krise an die in Litauen legendäre Sauliu Sajunga (deutsch: Schützenunion) erinnert. Die paramilitärische Organisation hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg gegründet, um Widerstand zu leisten gegen Besatzungsmächte. 1940 wurde sie von den Sowjets aufgelöst, 50 Jahre später, nach der litauischen Unabhängigkeit, wurde sie wiedergegründet.

An diesem Abend in der Trainingshalle sind unter den acht Nachwuchsschützen vier Selbstständige. Darius ist Architekt und Grafikdesigner, Tadas ist Inhaber einer Elektrofirma. Die Brüder Kristijonas und Augustinas führen mit dem älteren Bruder Dominykas das Laserunternehmen Brolis Semiconductors. Auch dabei ist ihre Angestellte Ieva. Die Physikerin ist an diesem Abend die einzige Frau. Wie ihre Chefs führt sie jetzt ein Doppelleben zwischen Häuserkampf und Hightech.

[Seitenwechsel]

Ukraine-Krieg zerstörte heile Managerwelt

Brolis Semiconductors, gegründet Ende 2012, ist in der globalen Halbleiterindustrie schon jetzt eine Hausnummer. Niemand, der die Brüder Vizbaras in dem modernen Geschäftskomplex am Rande von Vilnius durch die Gänge eilen sieht, denkt an Flecktarnanzug und Springerstiefel. Wenn Kristijonas kein Businesssakko trägt, dann hüllt er sich für das „Molekularstrahlepitaxielabor“ in einen blütenweißen Schutzanzug mit Mundschutz und Spezialschuhen. Kleinste Partikel können Millionenschäden anrichten an dem hochsensiblen Reaktor, der das Herzstück des Unternehmens bildet. Hier werden Laserdioden für die Unterhaltungselektronik oder die Forschung gefertigt. In Kürze will Brolis Semiconductors ein zweites Labor in Betrieb nehmen.

Kristijonas gehört zu Litauens junger Unternehmergeneration, die die Sowjetzeit fast nur noch aus düsteren Erzählungen kennt. Er ist ein Machertyp – versiert darin, die Chancen zu ergreifen, die Europa ihm bietet: Studium in München, Unternehmensgründung mit Millionen-Startgeld aus litauischem Risikokapital und EU-Fördermitteln, Messeauftritte von San Francisco bis Schanghai. Und all das bei den speziellen Standortvorteilen seines Heimatlandes: vergleichsweise günstige Immobilienpreise, niedrige Arbeitskosten und hochkarätige Ausbildungsinstitute im Hightechbereich.

In diese globalisierte Managerwelt ist der Ukraine-Krieg eingebrochen wie ein Albtraum. „Noch nie im Leben habe ich mich für Waffen interessiert“, sagt Kristijonas. „Doch wie wir jetzt sehen, haben sich die Russen nicht verändert. Meine Großeltern haben uns Kindern erzählt, wie sie damals alle und jeden ermordet oder deportiert haben. Ja, wir vertrauen der NATO. Aber unsere Kampfbereitschaft ist ein Signal, dass Russland bei uns überhaupt nicht willkommen ist.“

„So können Sie jedem Aggressor begegnen“

Den NATO-Bündnispartnern kommt die Alarmstimmung an der Ostgrenze offenbar gar nicht ungelegen. In der alten Lagerhalle bekommen die Schützen hohen Besuch. Fünf Amerikaner in den Uniformen der Special Forces stellen Fragen und geben Tipps. Sie gehören einem Bataillon der US-Armee an, das für zivile Angelegenheiten zuständig ist. Sie seien auf Stippvisite in Litauen, um „freundschaftliche Kontakte aufzubauen“, sagt Captain Sheri Drake. Den Ritterschlag als einsatzfähige Kampfeinheit erhält die Schützenunion Mitte Mai: „Flammendes Schwert“ ist der Name eines Manövers mit regulären Einheiten der litauischen und US-amerikanischen Streitkräfte. Im Kriegsfall seien die Mitglieder für Patrouillendienste oder auch für Guerillaeinsätze eingeplant, sagt Kristijonas.

Die litauischen Hobbyschützen geben sich alle Mühe, ihre Kampfeignung schon jetzt unter Beweis zu stellen. „Schauen Sie sich den ukrainisch-russischen Konflikt im Gebiet Donezk an“, fachsimpeln sie. „In städtischen Gebieten lässt sich die Verteidigung sehr viel effektiver organisieren als auf dem offenen Feld.“ Und die Amerikaner pflichten ihnen bei. „Das ist die richtige Einstellung! So können Sie jedem Aggressor begegnen!“

Nach zwei Stunden Schießtraining hängt beißender Pulverdampf in der Halle, Patronenhülsen und zersiebte Pappstücke überall. Kristijonas legt sein Gewehr behutsam in den Koffer zurück. „Das Schießen verscheucht den Alltagsstress“, plaudert er. „Ich habe meinen Spaß daran. Jeder Mann hätte das.“ Aber was, wenn aus dem Spiel eines Tages Ernst würde? Würde er sein Unternehmen zurücklassen? „Ich täte es nicht gern, ich will niemanden umbringen“, sagt Kristijonas. „Aber im Einsatzfall wüsste ich, was ich zu tun hätte.“


Artikel zum Thema

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.