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Lebensversicherung: So gut ist Ihr Anbieter

, von Britta Langenberg

Eine Lebensversicherung zu kündigen lohnt sich nur selten. Die Verzinsung vieler Altverträge ist kaum zu toppen, und die Gesellschaften wirtschaften meist solide. Trotzdem sollten Kunden ihre Policen von Zeit zu Zeit überprüfen lassen

Ein Reiter mit der Aufschrift Lebensversicherung in einem Hängeregister
Lebensversicherung: Viele Altverträge sind gut verzinst

Und sie rechnen doch! Auch wenn immer wieder behauptet wird, die Deutschen agierten in Finanzdingen zumeist irrational, stimmt das nicht ganz – jedenfalls, soweit es Lebensversicherungen betrifft. Die Zahl, die das belegt, lautet: 2,86 Prozent. Auf diesen Wert sank 2015 der Anteil der Riester-, Renten- und Kapitallebensversicherungsverträge, die gekündigt wurden – weniger als in den vorangegangenen zwei Jahrzehnten.

Altpolicen zu behalten ist in der Regel sinnvoll. Denn die rund 54 Millionen klassischen Garantieverträge in deutschen Versicherungsordnern bieten, wonach Anleger heute händeringend suchen: eine solide Zinsanlage, die je nach Abschlussdatum oft Jahr für Jahr noch sichere 1,5 bis 3 Prozent abwirft. Wer solch ein Investment besitzt, hält am besten daran fest – und steigt nur in Notfällen aus. Das gilt vor allem für Inhaber von Policen aus den Jahren vor 2005, die eine steuerfreie Auszahlung verheißen.

Wie gut die meisten Altversicherten dastehen, zeigt ein Vergleich des Kölner Ratingunternehmens Assekurata: Zum ersten Mal überhaupt liegt demnach der durchschnittliche Garantiezins im Bestand mit nahezu drei Prozent höher als die laufende Verzinsung neu abgeschlossener Verträge.

Mit den Problemen, die sich aus den vergleichsweise opulenten Zinsversprechen ergeben, die vor allem Ende der 90er-Jahre abgegeben wurden, müssen sich die Versicherungsunternehmen herumschlagen. Inzwischen räumen einzelne Vorstände ein, dass diese Garantien „schlicht zu hoch“ waren. Die Unternehmen müssen die Zusagen bedienen, obwohl ihre Anlageprofis in Zeiten von Nullzinsen immer weniger Rendite erwirtschaften. Zuletzt erzielten sie auf dem Rentenmarkt nach Assekurata-Schätzungen mit Neuanlagen durchschnittlich gerade noch 1,3 bis 2,2 Prozent pro Jahr.

Die noch gut 80 verbliebenen deutschen Lebensversicherer mühen sich nun, ihr Geschäft wetterfest zu machen. Damit sie in der voraussichtlich noch länger andauernden Zinsflaute zahlungsfähig bleiben, unterfüttern sie seit 2011 die hohen Garantien ihrer Altkunden mit immer mehr Kapital: Jedes Jahr fließen Milliarden in einen gesonderten Topf, die Zinszusatzreserve. Die zurückgelegten Gelder summieren sich bereits auf gut 30 Mrd. Euro. In diesem Jahr dürften geschätzt noch einmal 14 bis 15 Mrd. Euro hinzukommen.

Immer geringere Erträge bei der Kapitalanlage und die immensen Abflüsse für die Garantiesicherung mindern die Überschussbeteiligung der Kunden immer weiter. „Die Gewinnbeteiligung wird im kommenden Jahr branchenweit ganz sicher wieder sinken“, prophezeit Joachim Geiberger vom Analysehaus Morgen & Morgen. Schon jetzt erhalten viele Altkunden nur noch den fest zugesagten Garantiezins.

Noch reichen die Reserven

Immer wichtiger wird in der andauernden Zinsflaute für die Versicherten die Frage, wie es um die Stabilität ihrer Gesellschaft bestellt ist – also vor allem um die finanzielle Ausstattung und die Fähigkeit, Kundenversprechen auch künftig einzulösen. Antworten darauf liefert das aktuelle Rating von Morgen & Morgen, das Capital exklusiv präsentiert.

„Alles in allem schlagen sich die Lebensversicherer achtbar“, urteilt Geiberger. Seine Analysten untersuchten und bewerteten in diesem Jahr erneut die Bilanzen von fast 70 Lebensversicherern. Das Ergebnis: Noch verfügen die Unternehmen über ausreichende Reserven, vor allem dank hoher Buchgewinne auf festverzinsliche Wertpapiere. Alle 49 Unternehmen, die sich dem Belastungstest stellten, hielten dem Krisenszenario stand. Ein leichter Abwärtstrend ist allerdings erkennbar: In diesem Jahr schnitten elf Gesellschaften schlechter ab als im Vorjahr – oder nahmen am Test erst gar nicht mehr teil.

Mit guten Leistungen in allen drei Disziplinen („Unternehmen“, „Sicherheit“, „Produkt“) glänzten in der Spitzengruppe vor allem der Marktführer Allianz sowie Europa, Stuttgarter und die kleine R+V a.G. In sehr schwacher Verfassung präsentierten sich hingegen etwa Generali, Gothaer, Münchener Verein und Provinzial Rheinland – wenngleich kein Unternehmen in der wichtigen Disziplin „Sicherheit“ patzte.

Noch gebe es in den Gesellschaften „extrem viel Reserven in den Kapitalanlagen“, urteilt Lars Heermann, Analyst bei Assekurata. Zu einer positiven Einschätzung kam jüngst auch Fitch Ratings für 20 Unternehmen: Die untersuchten Gesellschaften könnten ihre Garantien bis 2034 bedienen, errechneten die Experten.

Mit jedem zusätzlichen Jahr, in dem Niedrigzinsen die Erträge der Gesellschaften mindern, nimmt die Nervosität im Markt zu. Felix Hufeld, Chef der Finanzaufsicht Bafin, mahnt jedoch zur Besonnenheit: Es werde hin und wieder so getan, als stünden die Pleiten zahlreicher Lebensversicherer bevor. Er jedoch könne diese „Gefahr nicht erkennen“.

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Versicherer schichten um

Also alles halb so schlimm? Nicht ganz. Zwar gibt es keinen Anlass zu überstürzten Kündigungen. Kunden können ihre Police allerdings auch nicht mehr wie früher bis zum Auszahlungstermin einfach in der Schublade liegen lassen. Sie sollten ihre Gesellschaft und die Entwicklung ihres Vertrags mithilfe der jährlichen Standmitteilung im Blick behalten – und in regelmäßigen Abständen prüfen, ob eine Fortführung sinnvoll ist.

Wie viel Ertrag die Gesellschaften in der Zinsflaute laufend verdienen

Bei allen Vorteilen, die Altversicherte dank hoher Zinszusagen noch genießen, müssen auch sie damit rechnen, dass sich ihre Guthaben schlechter entwickeln, als sie es bisher erwarten. Die Versicherer verdienen immer weniger am Kapitalmarkt – und mindern nun teilweise bereits sicher geglaubte Zahlungen, die nicht garantiert sind, um auch Neukunden noch eine anständige Verzinsung gewährleisten zu können.

So reduzieren die Gesellschaften ihren Versicherten beispielsweise nachträglich bereits eingestellte Schlussüberschüsse: „Anfangs waren das Einzelfälle, inzwischen ist das im Markt die Regel“, sagt Assekurata-Analyst Heermann. Als Schlussüberschuss werden Gelder reserviert, die Kunden erst zum Vertragsende zustehen – zuvor allerdings gekürzt werden können.

Einen Rechtsanspruch auf Auszahlung dieses Bestandteils haben Kunden nicht. Wer auf seinen laufenden Standmitteilungen vom Versicherer beobachtet, dass die in Aussicht gestellte Summe der reservierten Schlussüberschüsse sinkt, sollte dennoch bei seiner Gesellschaft nachfragen. Schließlich scheuen die Unternehmen breite Kritikwellen in der Öffentlichkeit.

Wer mit einem hohen Anteil Eigenmit- teln in schlechten Zeiten gerüstet ist

Viele Kunden können bei sinkenden Erträgen gegensteuern, indem sie ihren – oftmals seit dem Abschluss vor vielen Jahren unberührten – Vertrag entrümpeln. Einer der folgenden Kniffe dürfte in nahezu jedem Fall die Rendite um ein paar Zehntelpunkte erhöhen: Erstens, den Vertrag auf jährliche Zahlweise umstellen; zweitens, unnötige Zusatzpolicen zum Unfalltod kündigen; und drittens, auf dynamische Erhöhungen im letzten Vertragsdrittel verzichten.

Erhöhte Wachsamkeit müssen insbesondere Kunden walten lassen, deren Verträge nurmehr noch in geschlossenen Gemeinschaften verwaltet werden, weil der Versicherer den Verkauf von klassischen Policen gestoppt oder gleich die ganze Gesellschaft stillgelegt hat.

Allein beim Düsseldorfer Ergo-Konzern sind mehr als sechs Millionen Policen von solchen Stilllegungen betroffen. Zuletzt verkaufte Ende September die Arag rund 320.000 klassische Policen an den Abwickler Frankfurter Leben. Die Finanzaufsicht Bafin muss dem Deal allerdings noch zustimmen.

Transaktionen wie diese werden Experten zufolge branchenweit zunehmen. Die Aufseher sollen darüber wachen, dass kein Kunde schlechtergestellt wird. Doch Versicherte tun gut daran, ihre Guthaben auch selbst im Auge zu behalten. Den Vertrag kündigen sollten sie jedoch niemals, ohne zuvor andere Optionen erwogen zu haben – am besten mithilfe eines unabhängigen Versicherungsberaters oder von Verbraucherschützern. Rechnen wird sich ein Schnitt derzeit schon wegen fehlender Alternativanlagen allerdings nur sehr selten.

Letzte Option: Notausstieg

Wer aufgrund einer finanziellen Notlage – etwa nach einer Scheidung – nicht anders kann, als die Police aufzugeben, sollte zumindest eine Option prüfen, um sein eingezahltes Geld womöglich doch noch fast vollständig zurückzuholen. Die Vorlage dafür lieferte der Bundesgerichtshof: Viele Versicherer haben ihre Kunden bei Vertragsabschlüssen zwischen Mitte 1994 und Ende 2007 fehlerhaft oder nicht ausreichend informiert. Daraus ergibt sich für die Betroffenen ein „ewiges“ Widerspruchsrecht (Az. IV ZR 76/11).

Die Chancen, einen solchen Vertrag zu haben, stehen nicht schlecht: Rund 60 Prozent der fraglichen Lebens- und Rentenpolicen kommen nach Schätzungen der Verbraucherzentrale Hamburg für eine Rückabwicklung infrage. Deren Expertin Kerstin Becker-Eiselen empfiehlt, die mögliche Rückzahlung grob per Onlinerechner zu ermitteln (www.vzhh.de) und den Vertrag dann juristisch zu checken. Für alle anderen Vorsorgesparer lautet die Empfehlung weiterhin: „Halten“.

 

Der Beitrag ist zuerst in Capital 11/2016 erschienen. Dort finden Sie auch die vollständige Tabelle mit allen untersuchten Gesellschaften. In unserem Abo-Shop können Sie die Ausgabe bestellen.


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