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  • Reportage

KTG: Der Felduntergang

, Thomas Steinmann und Jens Brambusch

Siegfried Hofreiter hat Europas größten Agrarkonzern geformt – mit den Millionen von Anlegern. Jetzt ist KTG Agrar pleite, das Geld weg. Ein Familienkrimi

Landfrust: Siegfried Hofreiter, einstiger Chef des Agrarkonzerns KTG © laif
Landfrust: Siegfried Hofreiter, einstiger Chef des Agrarkonzerns KTG

„Gegen 16 Uhr gab es gestern in der Straße An den Eichen in Oranienburg einen Polizeieinsatz, weil eine Porschefahrerin dort ausgerastet sein soll. Bevor die Frau das dortige Firmenobjekt verließ, soll sie mehrere Sachbeschädigungen im Inneren begangen, auf mehrere Tische uriniert und unter anderem zwei Laptops beschädigt haben. Mitarbeiter der Firma hielten die teilweise schreiende Frau fest, um weitere Straftaten zu verhindern. Anschließend verließ die Frau wutentbrannt den Ort. Der Schaden – vor allem an den Laptops – wird mit circa 1 800 Euro beziffert. Gegen die Verursacherin wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Kriminalpolizei führt die Ermittlungen.“

Meldung der Polizeidirektion Brandenburg-Nord, 20. September 2016

Es hatte ein Tag des Neuanfangs werden sollen in Oranienburg, einer Kreisstadt nördlich von Berlin. Der Landwirtschaftskonzern KTG Agrar, dessen Verwaltung hier inmitten von Feldern sitzt, hatte zuletzt harte Wochen hinter sich: Anfang Juli musste das Unternehmen Insolvenz anmelden, externe Sanierer übernahmen das Kommando. Was das 25-köpfige Team vorfand, war ein Desaster. Ein Dickicht aus 120 Firmen, mit fast 400 Mio. Euro überschuldet. Das Getreide und der Mais auf den ausgedörrten Feldern waren verkümmert, nicht einmal Geld für Diesel gab es, um die spärliche Ernte einzufahren. Die knapp 1 000 Mitarbeiter bangten um ihre Jobs, die Zeichner mehrerer KTG-Anleihen um fast 350 Mio. Euro. Eine der größten Pleiten auf dem deutschen Markt für Mittelstandsbonds bahnte sich an.

Nun gab es erstmals Hoffnung. Die Verwalter hatten einen Käufer für den Pleitekonzern gefunden. Der Totalausfall war abgewendet.

An diesem 19. September, einem Montag, richteten sich die Abgesandten des neuen Eigentümers am KTG-Sitz ein. Doch die Vergangenheit holte das Unternehmen für einen Augenblick ein. Bei der Porschefahrerin, von der die Polizei später in ihrer Meldung berichtete, handelte es sich um Beatrice Ams, 45, die Großaktionärin und Aufsichtsrätin des KTG-Konzerns. Gemeinsam mit Vorstandschef Siegfried Hofreiter, ihrem langjährigen Lebensgefährten, hatte Ams bis zuletzt das Unternehmen dominiert. Nun saßen andere Herren mit eigenen Plänen in ihrem Eckbüro. Da rastete sie aus.

Bauer sucht Geld

Die Szene markiert den Tiefpunkt einer zunächst strahlenden Wirtschaftsgeschichte, die so hell schien, dass sie rund 12 000 Privatanleger blendete – ebenso Analysten, Journalisten und Berater. Die Munich Strategy Group kürte KTG noch im Jahr 2014 zum besten deutschen Mittelstandskonzern, weil das Unternehmen rasant wuchs. Auch Capital empfahl die Papiere einmal – wenn auch schon 2013, als KTG noch keinen riesigen Schuldenberg angehäuft hatte. Der Höhenflug entpuppt sich nun als Blindflug, Absturz inklusive. Mittlerweile ermittelt auch die Staatsanwaltschaft.

Wieder einmal ist eine Mittelstandsanleihe implodiert, haben Anleger ihr Geld verloren. Der Fall erinnert an Prokon. Oder German Pellets. Immer wurde eine Story verkauft, mit satten Renditen und grünem Anstrich. KTG Agrar vermarktete die Bonds als „Biowertpapiere“, weil es auf einem Teil seiner Äcker nach Ökostandards produzierte. 7,25 Prozent Zinsen kassieren und Gutes tun – Anleger lieben solche Geschichten. Sogar von der Umweltbank wurden die Anleihen vertrieben.

Capital hat versucht zu dokumentieren, was bei KTG Agrar schiefgelaufen ist. Weder Hofreiter noch Ams reagierten auf eine Anfrage mit der Bitte, zu den Vorgängen Stellung zu nehmen – aber Hunderte Seiten Handelsregisterauszüge, Dutzende Gespräche mit anderen Beteiligten und interne Dokumente zeigen auch so ein deutliches Bild. Es hat wenig mit dem gemein, das Hofreiter von seinem „integrierten Agrarkonzern“ zeichnete. Vielmehr scheint es, als hätten Hofreiter und alte Weggefährten ein Schattenreich aus privaten Unternehmen um den KTG-Konzern herum gebaut.

Die fast 350 Mio. Euro der Anleihenkäufer sind größtenteils vernichtet. Werte sind kaum vorhanden, das wurde bei der Gläubigerversammlung klar. Was bleibt, sind viele Fragen: War KTG-Herrscher Hofreiter nur ein Blender? Oder auch ein Betrüger? Aber vor allem: Wo sind die Millionen geblieben?

Der Aufstieg

Lange klang es wie eine Erfolgsstory: Mitte der 90er-Jahre bewirtschafteten der bayerische Bauernsohn Siegfried Hofreiter und die gelernte Gärtnerin Beatrice Ams gerade einmal 600 Hektar Acker – aber in wenigen Jahren formte Hofreiter da raus Europas größten Agrarkonzern. Aus ein paar Flächen in Ostdeutschland baute er ein Unternehmen mit zuletzt 320 Mio. Euro Umsatz.

Wie besessen kaufte und pachtete Hofreiter Flächen, auf denen er Getreide, Mais und Soja anbaute. Zuletzt kontrollierte er ein Reich von 45 000 Hektar an zwölf Standorten in Deutschland, sowie in Litauen und Rumänien.

Parallel stieg KTG groß ins Biogasgeschäft ein. Am Ende betrieb die börsennotierte Energiesparte 21 Anlagen mit 60 Megawatt, wurde zu einem der größten Ökostromerzeuger im Land. Später schluckte Hofreiter Hersteller für Tiefkühlkost, Bioaufstriche und Speiseöl und baute daraus eine eigene Foodsparte. Sein Slogan: „Vom Feld bis auf den Teller“. Schon 2007 führte Hofreiter KTG mit viel Tamtam an die Börse. Am Tag der Erstnotierung fuhr der Chef der Bauern AG im Traktor vor.

Dabei tritt der 54-Jährige, von Freunden Siggi genannt, kaum wie ein Top-Manager auf. Eher wie Balu, der Bär – aber eloquent. Man kann sagen: bauernschlau. „Ackern fürs Leben“ ist ein anderer Slogan von ihm. Die Anleger glaubten dem Mann, der mit seinen abgelatschten Schuhen, den schlabberigen Pullis und leichtem bayerischen Akzent wirkte, als würde er noch selbst auf das Feld rausfahren. Hofreiter sei ein „Menschenfänger“, sagt einer, der ihn öfters erlebt hat. Doch das war nur die eine Seite des KTG-Chefs.

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Traute KTG-Idylle aus dem Prospekt © KTG
Traute KTG-Idylle aus dem Prospekt

Nur Kosten gedrückt

„Bei KTG fühlt man sich wie in einem Freitagabendkrimi“, sagt Jan Sommer. Der Biobauer betreibt einen Hof mit 30 Hektar in Müncheberg, eine Autostunde östlich von Berlin. Hier, wo auf den Feldern endlose Reihen von Maisstauden stehen, liegt ein wichtiger Teil des KTG-Reiches.

In seiner Küche erzählt Sommer, wie der KTG-Chef in der Region seine Gier nach Flächen stillte. Um zu wachsen, habe sich Hofreiter für Betriebe „auf der Kante“ interessiert, sagt er. Wenn ein Betrieb in wirtschaftliche Nöte geriet, war Hofreiter zur Stelle, bot Finanzhilfe an und ließ sich im Gegenzug eine Kaufoption zusichern – für alle Fälle. Damit hatte KTG die Unternehmen in der Hand und konnte im Laufe der Jahre mehrere Großbetriebe schlucken, einige mit mehr als 1 000 Hektar.

Wann immer Hofreiter einen Betrieb kaufte, spulte er ein knallhartes Programm ab. Mitarbeiter wurden entlassen, Gebäude und Maschinen verkauft. Nur zur Erntezeit rückte ein Trupp von Helfern mit Mähdreschern an, arbeitete Tag und Nacht und zog dann weiter: von Sachsen-Anhalt nach Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, schließlich nach Litauen.

„Hofreiter hat die ganze Zeit nur Kosten gedrückt“, sagt Sommer, ein studierter Agraringenieur. Einen „großen Bluff“ nennt er das Versprechen, auf den KTG-Äckern würden im Jahr zwei Ernten eingefahren: erst Getreide, dann Gräser oder Hirse für die Biogasanlagen. Maximal zwei Prozent Rendite lasse sich mit der Landwirtschaft verdienen, sagt Sommer. Wie Hofreiter die versprochenen 7,25 Prozent Zinsen für seine Investoren erwirtschaften wollte, sei ihm stets ein Rätsel gewesen. „Mit Landwirtschaft ist das unmöglich.“

Schönreden und Schönrechnen

Schon bevor KTG in diesem Sommer kollabierte, gab es Anzeichen, dass der Konzern in Schwierigkeiten geraten könnte. Lange hatte das Unternehmen in der Branche und bei Geschäftspartnern den Ruf, ein schlechter Zahler zu sein. Vergangenes Jahr machte dann auf dem Land die Runde, dass Hofreiter Flächen verkaufte und sie wieder zurückpachtete. 36 Mio. Euro – so weiß man heute – spülte er so in die KTG-Kasse, Hofreiter brauchte dringend Liquidität. Dank der gestiegenen Bodenpreise konnte KTG die Flächen über Buchwert verkaufen, vor allem an institutionelle Investoren wie den Versicherungskonzern Munich Re.

Die Anleger bekamen davon nichts mit, KTG konnte das Land weiter als „bewirtschaftete Fläche“ ausweisen. Dafür nahm Hofreiter auch teils horrende Pachtzinsen in Kauf. Statt der vielerorts üblichen 80 Euro pro Hektar zahlte KTG bis zu 360 Euro. Die Wachstumsstory musste weitergehen.

Mit Schönreden und Schönrechnen konnte Hofreiter noch eine Weile verbergen, wie dramatisch die Finanzlage im Konzern bereits war. Noch im Mai 2016 schwärmte er öffentlich von seinen nächsten Plänen. Als die ersten Gerüchte über Geldnöte kursierten, beschwor er das angeblich „profitable Kerngeschäft“. Da soll es intern längst die Ansage gegeben haben, Lieferanten hinzuhalten, die sich per Telefon über nicht bezahlte Rechnungen beschwerten.

Eine Rolex zum Fest

Das Lügengebäude stürzte erst ein, als KTG im Juni eine Zinszahlung von rund 18 Mio. Euro für eine Anleihe nicht stemmen konnte. Und das, obwohl der Konzern mit hohen Subventionen gepäppelt wurde: Pro Jahr kassierte KTG rund 12 Mio. Euro Agrarbeihlifen der EU für seine Flächen in Deutschland und Litauen, dazu viele weitere Millionen aus der Ökostromförderung. Das Geld ist weg, genau wie das der Anleger.

Es wird Jahre dauern, in allen Details zu rekonstruieren, wo die Millionen geblieben sind; ob sie durch Nachlässigkeit verbrannt wurden oder mit der Absicht zum Betrug. Fest steht: Seit 2007 summierte sich der Cashflow aus der laufenden Geschäftstätigkeit auf minus 240 Mio. Euro. Für einen kleinen Teil des Geldes ist der Verbleib schnell geklärt. Die Führungskräfte, die Hofreiter ergeben waren, lebten dafür auf großem Fuß. Es gab üppige Gehälter, dazu auch mal eine Rolex „Oyster“ zu Weihnachten. Der Chef selbst gönnte sich einen Hubschrauber. Leasingkosten allein im vergangenen Jahr: 1,5 Mio. Euro.

Aber man muss das Firmengeflecht hinter KTG durchschauen, wenn man begreifen will, wo weitere Millionen versickert sind – und warum das so lange unbemerkt blieb. Die Recherchen von Capital legen nahe, dass bei KTG die Grenzen zwischen Unternehmen des Hofreiter-Clans und denen des Konzerns verschwammen. Hofreiter und Ams jonglierten mit Firmen und Beteiligungen, schoben Anteile und Geld hin und her. Vertraute übernahmen zugleich Führungspositionen in Konzernfirmen und bei privaten Beteiligungen – mal im Auftrag der KTG-Aktionäre, mal im Auftrag der Familie.

Höher als der Marktpreis

Da gab es zum Beispiel den Dienstleister A.M.S. Agroservice auf Usedom. Er gehört Beatrice Ams privat. Wenn KTG-Betriebe externe Helfer und Maschinen benötigten, wurde immer wieder die Firma der Großaktionärin beauftragt – zu Preisen weit über dem marktüblichen Niveau. Laut Insidern soll bisweilen das 200-fache des Marktpreises berechnet worden sein.

Auch der gemeinsame Sohn von Hofreiter und Ams profitierte schon als Teenager von Geschäften mit dem Konzern – als Mitgesellschafter eines Agrarbetriebs, der für mehr als 700 000 Euro pro Jahr Maissilage und andere Substrate für eine Biogastochter der Energiesparte lieferte. Vertragslaufzeit: 15 Jahre. Als Vertreterin für ihren minderjährigen Sohn weist das Handelsregister KTG-Aufsichtsrätin Ams aus.

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KTG-Chef Hofreiter vor dem Fuhrpark - am Ende hatten die Fahrzeuge nicht einmal mehr Diesel © laif
KTG-Chef Hofreiter vor dem Fuhrpark - am Ende hatten die Fahrzeuge nicht einmal mehr Diesel

Wer fragt, fliegt

Dass das komplizierte Firmengeflecht zulasten der Aktionäre gehen könnte, hatte der Konzern in seinen Anleiheprospekten sogar selbst erwähnt. Es bestünden vielfältige Verträge und Beziehungen zu „nahestehenden Personen“, hieß es darin. Dabei bestehe „ein erhöhtes Risiko, dass die Vertragsbedingungen nicht marktgerecht sein könnten, sondern unter Umständen erheblich zum Nachteil der Gesellschaft vom Marktstandard abweichen“. Das ist nicht übertrieben. Selbst als KTG schon längst an der Börse war, liefen die Geschäfte des Konzerns wie in einem Familienunternehmen. Bis

2008 saß im Vorstand nicht nur Hofreiters Lebensgefährtin Ams, sondern auch sein jüngerer Bruder Werner. Nachdem beide ausgeschieden waren, regierte Hofreiter bei KTG wie ein Fürst. Sein Hofstaat bestand aus Managern, die kuschten. Widerworte duldete er nicht. Hofreiter war herrisch bis cholerisch. Dann wieder charmant bis väterlich. Jede Entscheidung ging über seinen Tisch. Wer nachfragte, flog raus. Das war sein anderes Gesicht.

Macht man sich heute da ran, das Firmengeflecht hinter KTG zu entwirren, landet man zunächst in Hamburg. Die Ferdinandstraße nahe der Binnenalster, wo sich der offizielle Hauptsitz der KTG-Gruppe befindet, ist eine der feinsten Adressen der Stadt. In den alten Kontorhäusern residieren traditionsreiche Reedereien und Privatbanken. Die KTG-Büros dagegen quetschen sich auf wenige Quadratmeter im zweiten Stock eines vergilbten Nachkriegsbaus. Auf dem Flur hängen neben einem Briefkasten zwei Schilder: „KTG Gruppe“ und „Empfang“. Bürozeiten: 9 bis 15 Uhr, freitags bis 12. Die Ferdinandstraße ist Teil der Seifenblase, die Hofreiter verkaufte. Als KTG an die Börse ging, brauchte er einen Sitz in der Handelsmetropole – nicht im piefigen Oranienburg.

KTG-Schattenreich

Neben dem offiziellen Firmensitz liegt aber auch die Zentrale des KTG-Schattenreichs in Hamburg, in der Schauenburgerstraße nicht weit entfernt vom Rathaus. Hier sitzt die Dachgesellschaft, über die Ams ihren 38-Prozent-Anteil am KTG-Konzern hält. Auch die private Stiftung von Hofreiter und Ams hat hier einen Briefkasten, dazu eine Reihe weiterer Gesellschaften. Viele von ihnen wurden einmal von der Berliner Cormoran eingerichtet, einem Dienstleister, der leere Firmenmäntel verkauft. Auf Wunsch stellt der Cormoran-Eigentümer auch Personen, die im Handelsregister offiziell als Geschäftsführer firmieren: sich selbst – oder seine Sekretärin.

Der Berliner Firmenhändler half Hofreiter und Ams dabei, ein Geflecht von privaten Firmen und Beteiligungen rund um den Konzern zu bauen. Dafür wurden Vorratsgesellschaften gekauft und dort als Geschäftsführer immer wieder die gleichen Vertrauten installiert. Etwa Winfried B., ein mehr als 80 Jahre alter Rentner. B. agierte auch als Geschäftsführer oder Vorstand bei mehreren KTG-Firmen. „Hofreiter hatte alle Fäden in der Hand. Aber er brauchte Strohleute“, sagt ein Firmeninsider. Dafür habe er eine Handvoll „honoriger Buddys“ gehabt, die wenig fragten und viel unterschrieben.

Ein Firmenvehikel names Sampi

Der honorige Buddy Winfried B. leitete so seit 2010 offiziell als Vorstand die N.E.W. Organic Energy AG (NOE), die ihren Sitz ebenfalls in der Schauenburgerstraße hat. Als KTG im Biogasgeschäft expandierte, beauftragte der Konzern die NOE mit dem Bau zahlreicher Anlagen. Diese Verträge als Generalunternehmer waren ein lukratives Geschäft. Allein von Mitte 2010 bis Ende 2011 schlossen mehrere Biogas-Tochterfirmen von KTG Verträge mit der NOE ab. Es ging um 60 Mio. Euro. Schon bei einer marktüblichen Marge von drei Prozent dürfte damit bei der NOE, einer reinen Abwicklungsfirma ohne Personal, ein Gewinn in Millionenhöhe verbucht worden sein.

Wer sich für den Eigentümer des Großauftragnehmers interessiert, muss sich erneut durch ein kompliziertes Dickicht aus Zwischengesellschaften, Beteiligungen und Anteilsverkäufen schlagen. Am Ende landet er bei einer Gesellschaft namens Sampi Verwaltungs AG. Bei Sampi handelt es sich um ein Firmenvehikel, das im Jahr 2011 gegründet wurde und seitdem immer wieder auftauchte, wenn im KTG-Reich Anteile an Unternehmen zwischen dem Konzern und dem Familienumfeld verschoben wurden. So auch beim Biogasanlagenbauer NOE. Dort übernahm Sampi 2011 über eine dritte Gesellschaft eine Mehrheitsbeteiligung – just zu der Zeit, in der die größten Umsätze anfielen. Erst 2014, als Kürzungen der Ökostromförderung den Biogasboom beendeten, ging der Anlagenbauer zurück an den Konzern.

Der Partyservice aus Bayern

Doch wer steckt hinter Sampi? Als einziger Gesellschafter ist eine Firma eingetragen, die nach den Recherchen von Capital direkt in das Umfeld der Familie Hofreiter führt. Ihr Name: GPS Kadeltshofen GmbH, merkwürdigerweise ein Partyservice aus der Nähe von Neu-Ulm. Dessen Eigentümer ist Eugen S. – ein alter Weggefährte von Hofreiter aus den frühen 90er-Jahren.

Damals hatte Hofreiter sich in Sulzemoos mit einer Reihe von Firmen versucht: Eine Hühnerfarm war darunter, ein Zuchtbetrieb für Chinchillas, zwei Fahrradfirmen und der Getränkevertrieb Tropicana. Schon damals mischten seine Brüder Josef und Werner mit – und auch Eugen S.

Bei der Bavaria Radsport führte der Kaufmann einige Jahre lang die Geschäfte, zeitgleich mit Hofreiter. Auch bei der Bavaria Import-Export amtierte Eugen S. als Geschäftsführer. Beide Gesellschaften gingen pleite und wurden laut Handelsregister bis 1997 „durch Abweisung des Konkurses mangels Masse aufgelöst“. Siegfried Hofreiter wurde 2002 für Konkursverschleppung in mehreren Fällen verurteilt. Doch das Verhältnis zu Eugen S. überstand den Bankrott. Noch heute taucht der alte Wegbegleiter im Familienumfeld auf – etwa im Aufsichtsrat eines privaten Unternehmens von Werner Hofreiter, zusammen mit Beatrice Ams. Keiner der Beteiligten wollte sich auf Anfrage zu dem Beziehungsgeflecht zwischen dem Konzern und privaten Gesellschaften äußern.

Aktionäre nicht unterrichtet

Auch auf die Firma Sampi, jene Investmentfirma, die Eugen S. faktisch kontrolliert, stößt man häufiger – etwa bei einem Deal mit Tiefkühlkost. Für Hofreiters „Vom Feld bis auf den Teller“-Strategie kaufte KTG Anfang 2011 den Tiefkühlkosthersteller Frenzel – auch bekannt als das „Iglo Ostdeutschlands“. Aber während der KTG-Chef öffentlich noch über die „hervorragende Wachstumsperspektive“ des Tiefkühlgeschäfts schwärmte, lief 2014 eine Aktion an, um Frenzel aus dem offiziellen Konzern ins KTG-Schattenreich zu holen.

Im November 2014 übernahm Sampi mithilfe einer Vorratsgesellschaft eine belgische Firma namens De Buitenakkers – eine Tochter des Lebensmittelkonzerns Greenyard. Im Geschäftsbericht von Greenyard für 2014 ist zwar zu lesen, die Tochter sei komplett an „die KTG-Agrar-Gruppe“ verkauft worden. Tatsächlich gehörte De Buitenakkers ab November 2014 der Sampi, wie Registereinträge belegen.

Von allen diesen Aktivitäten erfuhren die Aktionäre nichts. Selbst, dass Hofreiter den Tiefkühlkosthersteller Frenzel rückwirkend zum 1. Juli 2015 verkauft hatte, blieb lange geheim. Erst im Frühsommer 2016, als KTG schon mit der Pleite kämpfte, wurde das bekannt – und auch der Käufer: De Buitenakkers. Offizielle Begründung: Die Margen bei Frenzel hätten sich nicht wie erwartet entwickelt.

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„Siggi“ und „Trixie“ trennen sich

Auch das Spannendste an dem Deal tauchte erst vor wenigen Monaten in der Bilanz für 2015 auf: Für den Verkauf floss trotz der bereits angespannten Finanzlage des Konzerns kein Geld. Stattdessen gewährte KTG dem Käufer De Buitenakkers ein Darlehen von 26,9 Mio. Euro – was besonders brisant ist, wenn man nun weiß, dass hinter dem neuen Eigentümer das Hofreiter-Umfeld steckt. Das Verkäuferdarlehen wurde in der KTG-Konzernbilanz als Vermögenswert verbucht. Nach Capital-Informationen wurde die Forderung bis heute nicht beglichen. Auch zu diesem Vorgang äußerte sich Hofreiter nicht.

Die Schlagzahl bei den seltsamen Geschäften nahm im Jahr 2015 deutlich zu. KTG stand zu diesem Zeitpunkt das Wasser bereits bis zum Hals. Hofreiter brauchte Geld, um die erste KTG-Anleihe zurückzuzahlen. Also verkaufte er die KTG-Beteiligung an der Sojuz-Gruppe, einem gigantischen Schweinemastbetrieb in Russland, den der Fleischriese Tönnies zusammen mit KTG hochgezogen hatte. Parallel suchten Management und Aufsichtsrat fieberhaft nach Investoren.

Die Rettung dürfte dadurch nicht leichter geworden sein, dass auch Hofreiters Privatleben komplizierter wurde. Nach seiner Verurteilung 2002 hatte Hofreiter fünf Jahre lang keine Kapitalgesellschaft führen dürfen. So kam es, dass zunächst seine Lebensgefährtin KTG führte. Im Jahr des Börsengangs 2007 übernahm Hofreiter den Chefposten. Jahrelang teilten sich Vorstandschef und Aufsichtsrätin Ams Schreibtisch und Bett. Mitte 2015 aber trennten sich „Siggi“ und „Trixie“. Hofreiter kam mit einer deutlich jüngeren Mitarbeiterin zusammen. Insider berichten, dass der Rosenkrieg auch ins Unternehmen getragen wurde.

Bilanzen aufgehübscht

Trotzdem schien im Herbst 2015 noch einmal die Rettung für KTG gefunden. Die chinesische Beteiligungsgesellschaft Fosun wollte eine Wandelanleihe in Höhe von 40 Mio. Euro zeichnen. Hofreiter feierte den Deal bereits öffentlich. Zu früh: Als die KTG-Delegation im Dezember nach China flog, um den Vertrag zu unterzeichnen, verschwand der Fosun-Chef auf mysteriöse Weise und tauchte erst Tage später wieder auf. Der Deal war geplatzt.

Im Laufe des Jahres 2015 hatte KTG auch begonnen, die Bilanz aufzuhübschen. Der Konzern türmte einen Berg von 170 Mio. Euro an Forderungen gegen externe Unternehmen auf und verbuchte ihn in der Bilanz als Vermögen. 83 Mio. Euro entfielen allein auf die KTK Getreidelager und Handels AG.Offiziell fungierte die KTK, die mehrheitlich einem Münchner Finanzdienstleister gehört, als Vermarkter der KTG-Gruppe. Sie nahm die gesamte Ernte ab und verkaufte sie weiter: an externe Abnehmer, aber auch an Biogastöchter im Konzern. Tatsächlich hatte die Vertriebsfirma eine andere Funktion. Die KTK habe zuletzt als „Bad Bank des Konzerns“ gedient, sagt ein Insider. Das Getreide sei zu überhöhten Preisen an die KTK verkauft worden, die es dann zu niedrigeren Marktpreisen weiterverkaufen musste. Die Differenz sei in der Konzernbilanz als Forderung an die KTK verbucht worden. So wurde Vermögen geschaffen – jedoch nur auf dem Papier.

Geschäfte zwischen Konzern und Familie

Ohne solche Tricks wäre die Konzernbilanz zuletzt tiefrot gewesen. So schaffte KTG es zumindest noch bis Anfang Juli 2016 – dann musste der Konzern Insolvenz beantragen. Inzwischen haben die Wirtschaftsprüfer ihr Testat für den Abschluss 2015 zurückgezogen.

Die Geschäfte zwischen Konzern und Familie haben aber selbst nach dem Insolvenzantrag nicht aufgehört. Schon drei Wochen nach dem Antrag verkündeten die externen Sanierer den Verkauf von Bio-Zentrale, einem Hersteller von Ölen und Brotaufstrich. Der Umsatz des Unternehmens, das seit 2013 dem KTG-Konzern gehörte, hatte dank des Booms im Biosegment 2015 um fast 20 Prozent auf 54 Mio. Euro zugelegt. Nun ging es an einen Investor. Für 3 Mio. Euro. Inzwischen ist auch bekannt, an wen: eine frisch gegründete Firma, in deren Aufsichtsrat ein Bekannter von Hofreiters neuer Lebensgefährtin sitzt.

Für künftige Geschäfte baut Hofreiter womöglich ebenfalls vor: mit der ectus Verwaltungs AG, einer neuen Firma, die sein Hauslieferant auf Vorrat eingerichtet hat. Laut Registerauszug amtiert dort seit August Hofreiters neue, 27-jährige Partnerin als Alleinvorstand, er selbst ist Aufsichtsratschef. Als Unternehmenszweck ist angegeben: „Verwaltung eigenen Vermögens, insbesondere von eigenen Immobilien“.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 11/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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