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Krisen-Konjunktur für Containerbauer

, Jonas Breng

Wie der ostdeutsche Containerbauer Bicoba in der Flüchtlingskrise das Geschäft seines Lebens macht. Von Jonas Beeng

In der Werkhalle von Bicoba transportiert ein Arbeiter einen frisch geschweißten Wohncontainer © Jonas Breng
In der Werkhalle von Bicoba transportiert ein Arbeiter einen frisch geschweißten Wohncontainer

Der Mann, der Tausenden Flüchtlingen in Deutschland ein Zuhause baut, will alles, nur kein Held sein. „Ich bin Unternehmer“, sagt Bernd-Heinz Boehm grimmig, „da musst du volle Pulle geben. Sonst bist du weg.“

Es ist ein brütend heißer Sommertag. Boehm steht in seiner Fabrik in Sachsen-Anhalt, wischt sich mit einem Lappen den Schweiß aus dem Nacken und brummt etwas von „wunderschönen Zeiten“. Boehm ist 65 Jahre alt, Chef und Miteigentümer der Bismarker Containerbau GmbH. Ein glatzköpfiger Mann mit Händen wie Schraubstöcken und Bügelfalten, an denen man sich schneiden könnte. Im kleinen Dorf Bismark heißt es, Boehm sei so wie seine Produkte: kantig und ein bisschen ungemütlich.

Was Boehm als „wunderschöne Zeiten“ bezeichnet, heißt in der Politik Flüchtlingskrise. Für den Unternehmer ist es das Geschäft seines Lebens. Denn während Flüchtlingsunterkünfte in ganz Deutschland aus allen Nähten platzen, wird hier in der Provinz – zwischen Maisfeldern und Fachwerkhäusern – neuer Wohnraum zusammengeschraubt.

monatelange Wartezeiten, massenhaft Überstunden

Angefangen hat alles im Januar 2014. Da war bei Boehm, der die Kriegsbilder aus Syrien nur aus der Tagesschau kannte, das Weltgeschehen plötzlich auf dem Schreibtisch gelandet – ein Auftrag: 140 Wohncontainer für ein Flüchtlingsheim in Hamburg. Seitdem gehe es ab, sagt Boehm: 2015 Rekordumsatz, schon im Juni; monatelange Wartezeiten, massenhaft Überstunden. Zusätzlich zu seinen 72 Mitarbeitern musste Boehm schon 35 Leiharbeiter einstellen. Es hätten sogar mehr sein können, aber auf seine Anzeige im Lokalblatt meldeten sich nicht ausreichend Leute.

„Wir kommen bald an den Punkt, an dem wir nicht mehr können“, sagt Boehm, während er in großen Schritten durch die Fabrik marschiert. Hinter ihm spritzen Funkenfontänen aus Schweißgeräten. Die Luft stinkt nach Metall und Plastik.

Die Halle, in der aus Holz, Blech und PVC eine Heimat auf Zeit wird, sieht aus wie ein heruntergekommener Flugzeughangar. „Tach, Männer“, bellt Boehm alle paar Meter, ohne stehen zu bleiben. Konstruiert wird nach Baukastenprinzip. Sieben Container schafft die Firma an einem guten Tag, sie gehen vor allem nach Nord- und Ostdeutschland. In Hamburg und Hannover stehen große Flüchtlingsheime, die ausschließlich aus Boehms Wohnzellen bestehen. Das Geschäft läuft in der Regel über Zwischenhändler. Die kaufen bei Bicoba und vermieten dann weiter an die Länder und Kommunen. Mittlerweile rufen die Gemeinden aber auch schon selbst bei Boehm an.

„Ich bin Preuße“

„Bei dem Chaos kommen wir kaum noch dazu, den Laden sauber zu halten“, sagt Boehm und tritt einen Klumpen Plastikfolie zur Seite. Boehm kann Unordnung nicht leiden. Oben in seinem Büro hängt hinter dem Schreibtisch ein Bild des alten Fritz. Boehm sagt: „Ich bin Preuße. Einer der letzten, die hier rumlaufen.“

Wer in der Flüchtlingsdebatte Sachsen-Anhalt hört, denkt schnell an Tröglitz, an grölende Skinheads und brennende Heime. Boehm sagt, er würde jeden feuern, der sich in solch eine Richtung äußert. Deutschland brauche neue Leute. Es sei genauso wie damals mit den Hugenotten in Preußen. Das seien auch Flüchtlinge gewesen. Und ohne sie: kein Aufstieg.

Boehm steht jetzt neben einem frisch lackierten Container, der aussieht wie ein riesiger Legostein. Die Flüchtlinge müssten sich ja auch wohlfühlen, sagt Boehm und steckt den Kopf durchs Fenster. Er starrt in eine nackte, leere Zelle, in der ein paar Kabel aus der Wand hängen. Man würde ihn jetzt gerne fragen, was er damit meint – wohlfühlen. Aber da zieht er den Kopf schon wieder heraus. Boehm hat keine Zeit für so etwas. Es gibt viel zu tun.


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