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Internet-Telefonie mit Schmerzen

, Georg Dahm

Wir alle brauchen ständig neue Technik. Wir alle führen ein zweites Leben im Netz. Georg Dahm lotst uns durch den digitalen Dschungel. Diesmal geht es um Probleme mit der Internet-Telefonie

Telefon © Getty Images
Das gute alte Festnetztelefon hat bald ausgespielt

Ich habe einen Freund, den kaum etwas umwirft – bis heute frage ich mich, wie er sein Unternehmen seelisch unbeschadet durch die Finanzkrise geführt hat. Ein einziges Mal nur habe ich ihn am Rande der Verzweiflung erlebt: als er mit seinem Büro innerhalb Hamburgs umzog und seine Firma im „Diese Rufnummer ist uns nicht bekannt“-Orkus verscholl. Einen Kurzurlaub lang hat der Mann mehr Zeit mit der Hotline seines Festnetzanbieters verbracht als mit uns.

Derlei Unbill droht mir nicht: Soeben habe ich das zweite Büro in Folge bezogen, das gar keine Festnetzbuchsen mehr hat. Wer hier seine Firma nicht per Handy führen mag (oder kann, weil auf sein Netz so viel Verlass ist wie auf Horst Seehofer), dem bleibt gar nichts anderes übrig, als auf Internet-Telefonie umzustellen oder, um die Protzvokabel zu bemühen: Voice over IP (VoIP).

Georg Dahm © Jindrich Novotny
Georg Dahm ist Technik- und ­Wissenschaftsjournalist. Derzeit gründet er das digitale­ Wissenschaftsmagazin „Substanz“: substanzmagazin.de

In der Theorie ganz simpel: Rufnummer bei einem VoIP-Anbieter wie Sipgate gebucht (wer nur eine einzige Rufnummer braucht, bekommt die sogar ohne Grundgebühr), Telefoniesoftware auf dem Laptop installiert, schon telefoniere ich unter meiner 040-Nummer in Singapur oder Bordeaux so günstig wie daheim in Altona – solange ich Internet habe. Mit den passenden Apps wird auch das Smartphone VoIP-fähig, und wer ein klassisches Telefon auf dem Schreibtisch braucht, bekommt ab 40 Euro ein VoIP-Modell, das so hässlich ist wie dessen Vorfahren – aber eben nicht mehr an die Telefonbuchse angeschlossen wird.

So weit zur Theorie. In der Praxis lernt der VoIP-Novize schnell und schmerzhaft, dass es einem technischen Wunder gleichkommt, Sprache in Datenpakete zu zerhacken, durchs Netz zu jagen und fehlerfrei wieder zusammenzubauen – und das alles in zwei Richtungen gleichzeitig.

Grütze und Abstürze

Wann man das lernt? Zum Beispiel, wenn das vorhin noch saubere VoIP-Telefonat im Gekrächze versinkt, obwohl das iPhone direkt neben der WLAN-Antenne liegt. Oder wenn das VoIP-Programm auf dem einen Windows-Laptop wunderbar funktioniert und auf dem anderen nur Grütze überträgt. Oder wenn das neue VoIP-Telefon gerne mal abstürzt und das fünfseitige Konfigurationsmenü mit seinen insgesamt 85 Optionen leider nur eine partielle Ähnlichkeit aufweist mit der Anleitung des VoIP-Anbieters. So viel geflucht habe ich zuletzt um die Jahrtausendwende, als ich in meinen WGs diese fürchterlichen ISDN-Anlagen einrichtete.

Unterwegs mache ich derzeit gute Erfahrungen mit den VoIP-Apps von Zoiper – das kann bei Ihnen aber ganz anders aussehen. Als stabilste Lösung für unser Büro haben sich die VoIP-tauglichen Telefonanlagen aus der Fritzbox-Serie bewährt: Sie sind für die wichtigsten VoIP-Anbieter vorkonfiguriert und liefern meistens eine saubere Sprachqualität an Smartphones und analoge Telefone. Nur unser Netzwerk-Crack rümpft ein bisschen die Nase, weil Fritzboxen ja kein Profi-, sondern Heim-Equipment seien. Aber ganz ehrlich: Auch er schätzt einen halbwegs frühen Feierabend.

Was der Markt hergibt

Im Büro

Einen schmerzarmen VoIP-Einstieg bieten die Telefonanlagen Fritzbox 7390 und 7490 (199 bzw. 249 Euro, avm.de); Android- und iOS-Telefone werden per App zur Nebenstelle. Wer es klassischer mag und die leicht holprige Einrichtung nicht scheut: Das Snom 720 kombiniert saubere VoIP-Übertragung mit vertrauter Tasten-Optik (168 Euro, snom.de).

Im Hotel

Für den Laptop gibt es neben der Freeware Phoner Lite (phonerlite.de) auch Gratis-Programme kommerzieller Anbieter wie counterpath.com, zoiper.com oder globaliptel.com. Meist haben die Bezahlversionen mehr Sprachverbesserungs- oder Sicherheitsfunktionen. Unbedingt vor Abreise testen, ob die Benutzeroberfläche gefällt und das Programm mit der Hardware harmoniert!

Auf der Straße

Auch auf dem Smartphone gilt: unter verschiedenen Netzbedingungen testen, wie gut die VoIP-App mit der eigenen Hardware harmoniert. Gängige Apps sind Sipdroid (kostenlos, Android), Bria (7 Euro, Android und iOS) und das erwähnte Zoiper (kostenlos, Android und iOS).

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