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Integration ist keine Fanmeile

, Horst von Buttlar

Die Deutschen haben sich durch ihre Offenheit gegenüber den Flüchtlingen selbst überwältigt. Drei Dinge sind jetzt für die „Jahrhundertaufgabe“ wichtig. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Horst von Buttlar

Es gibt Stimmen, die nun von  einer „Jahrhundertchance“ sprechen, angesichts der Hunderttausenden, die bei uns Schutz und Arbeit oder ein neues Leben suchen. Dieses Wort ist groß, vielleicht zu groß, und doch muss man feststellen: Wenn Deutschland es jetzt richtig anpackt, werden wir für Jahre Tausende Herzen gewinnen – und unser Land verändern, sogar verbessern.

Wenn wir es nicht hinbekommen, wird die Stimmung, mit der sich die Deutschen selbst ein wenig überwältigt haben, kippen – und wir werden in einigen Jahren unschöne Dinge erleben: Spannungen, Enttäuschungen und Parallelgesellschaften. Es werden Berichte sein, wie wir sie einst über Russlanddeutsche oder Auswanderer aus dem Balkan lesen mussten, über Kriminalität, verlorene Jahrgänge, „unbeschulbare“ junge Menschen.

Bisher steht nur eines fest: Die Wahl, ob dieses Land sich dieser Herausforderung stellen will, haben wir nicht mehr. Und das liegt nicht daran, wie Horst Seehofer suggeriert, dass jemand den Stöpsel aus einer Flasche gezogen hat. Die Flasche, um im Bild zu bleiben, hatte nie einen Stöpsel.

Die "schweigende Mehrheit" hat die Macht übernommen

Capital 10/2015
Die neue Capital erscheint am 17. September

Es kommt auch nicht darauf an, ob die Grenzen gerade geschlossen sind oder geöffnet – Hunderttausende sind ja bereits hier. Der Satz von Angela Merkel „Wir schaffen das“ galt länger als 72 Stunden.

Wie also bekommen wir diese Jahrhundertaufgabe hin?

Etwas Gutes ist passiert in den vergangenen Wochen: Die Mehrheit, die so oft die „schweigende Mehrheit“ ist, hat die Macht übernommen, irgendwann zwischen Heidenau und dem entsetzlichen Bild des toten Jungen am Strand. Diese Mehrheit wollte die Bilder nicht den Rechtsradikalen überlassen – in der Flut der Bilder der „Großen Flucht“, die uns mal beschämen, oft entsetzen und auch Angst einflößen, erzeugte sie neue Bilder, die rühren und stolz machen: ein Land, das Spalier steht für jene, die in ihrer Not auch zu Fuß nach Deutschland kommen.

Dieses Deutschland von seiner besten Seite, das Sommermärchendeutschland, das seit Monaten schon im Verborgenen geholfen hat, muss der Energiekern für die kommenden Jahre sein. Wenn wir es richtig anpacken. Dazu sind drei Dinge wichtig.

Erstens: Wir dürfen uns nicht vom Hass treiben lassen – die Politiker, die im Sommer panisch in Flüchtlingslager reisten, wirkten peinlich überfordert. Ihnen fiel bald nichts mehr ein, außer möglichst laut ihre Abscheu kund zu tun, eifrig befeuert von Menschen, die in Kommentaren und sozialen Medien sich überboten in ihrem Ekel. Wer andere, was immer sie denken und tun, als „Pack“, „Dreck“ oder „abstoßend“ beschimpft, spricht ihnen auch das Menschsein ab, bedient sich also der gleichen Rhetorik. „Wir sind das Pack“, war die schallende Antwort, eine fast smarte Selbstironie für den Straßenpöbel, die aber an ihrer Botschaft die empfindlichste Stelle traf: Fast genüsslich spürte der Mob die Überforderung der Politiker. Das eigentlich Beunruhigende daran ist, wie schnell dieses Land, das immer so selbstsicher tut, aus der Fassung zu bringen ist.

Die schweigende Mehrheit wiederum hat die Flüchtlinge einfach so laut willkommen geheißen, dass der Hass übertönt wurde. Es gab neue Töne, neue Bilder, die um die Welt gingen. Politiker müssen lernen, diese Welle einfach zu reiten.

Zweitens: Wir dürfen nicht naiv sein. Integration ist keine Fanmeile. Die Arbeit beginnt erst nach dem Spalier am Bahnhof, in Hunderten Städten und Dörfern. Und die wird hart, sie wird die Grenzen unserer Solidarität testen. Es sind nicht nur syrische Ärzte zu uns gekommen, die in den kommenden 50 Jahren den greisen Deutschen die Hüftgelenke operieren. Im Grunde wissen wir gar nicht, wer zu uns gekommen ist – die Schätzungen über Nationalitäten, Alter und vor allem die Bildung sind grob und vage. Wenn man bedenkt, wie lange dieses Land über den gezielten und gesteuerten Zuzug von Fachkräften gestritten hat, ist der ungesteuerte Strom nicht nur Herausforderung, er kann auch eine Katastrophe werden.

Womit wir beim dritten Punkt sind: Wir dürfen Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik nicht verwechseln. Erstere wird mit dem Kopf organisiert, die zweite mit dem Herzen. Erstere steuert rational, folgt Eigeninteressen, Letztere gestaltet aus der Not heraus. Die #refugeewelcome-Hashtag-Schreiber, die auf Twitter und Facebook ihre Fanfaren posten, haben es leicht: Wenn man aus seiner schicken Altbauwohnung grenzenlose Menschlichkeit fordert, hat man wenig Arbeit, aber ein sehr gutes Gewissen. Gefühle aber, die uns alle überwältigt haben, dürfen nicht die Leitplanken für langfristig denkende Politik sein. Zwischen dem Begrüßungsgeld und dem „Jammerossi“ lagen Anfang der 90er-Jahre auch nur wenige Jahre – die haben das Land über Jahre beschäftigt, Kraft gekostet, es manchmal zerrissen. Und das waren alles Menschen, die bereits Deutsch sprachen.

Der Ruck ist längst der Betriebsmodus

Lasst uns trotz allem entspannt sein: Wir sind reich, uns geht es gut. Es geht weder um den Euro noch um Exits. Wenn ein Land das hinbekommen kann, ja muss, dann Deutschland. Zumal der umgekehrte Weg, wenn sich Deutschland also abgeschottet hätte, eine etwas vage Fiktion ist: Wie genau hätten wir das angestellt? Abgesehen davon, dass man sich über Jahre geschämt hätte.

Deutschland, in der Griechenland-Krise noch von einer „Eiskönigin“ regiert,  hat plötzlich eine Wir-schaffen-das-Kanzlerin. Die Energie, die von dieser Haltung freigesetzt wird, wird unser Land verbessern. Vor 20 Jahren musste ein „Ruck“ noch in Reden gefordert werden. Der Ruck ist längst der Betriebsmodus.

Wenn wir es richtig anpacken, dann wird es eine Jahrhundertchance.

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