• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Editorial

Immobilienmarkt - gefühlter Wahnsinn

, von Horst von Buttlar

Die Preise für Immobilien erreichen zum Teil aberwitzige Höhen. Trotzdem bleibt der große Knall aus. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

Die Geschichte des deutschen Immobilienmarkts erinnert bisweilen an eine mäßig spannende Netflix-Serie. Man schaut Folge um Folge, und irgendwie geht es auch weiter, aber man fragt sich die ganze Zeit, wann endlich etwas Spannendes passiert. Wann der große Knall kommt. Aber er kommt nicht. Er wird nur, und deshalb sind die meisten Serien auch so gut, die ganze Zeit angedeutet.

Der Knall auf dem Immobilienmarkt, er will auch im achten Jahr des Booms nicht eintreten. Je mehr Studien und Warnungen auftauchen, dass die Preise aberwitzig und jeder fundamentalen Bewertung enteilt sind, desto munterer scheint das Treiben weiterzugehen.

Der Keim einer Immobilienblase fehlt

Capital 05/2017
Die neue Capital

Der Markt, heißt es dann, funktioniere doch. Geld sei im Überfluss da, geerbt oder frisch erzeugt von der Notenbank. Vor allem aber bleibe die Nachfrage hoch, und die Preise für die Angebote würden schließlich bezahlt. Das ist richtig. Diese Logik galt allerdings auch für die EM.TV-Aktie am Neuen Markt.

Was also ist der Unterschied zu klassischen Blasen? Nun, wer heute in deutschen Städten eine Wohnung oder ein Haus kauft, spekuliert in erster Linie nicht auf höhere Preise in zwei Jahren. Er kauft aus Mangel an Alternativen oder weil er wohnen will. Es fehlt also der Keim jeder Blase: dass blind und gierig gekauft wird, weil man auf schnell steigende Preise hofft. (Im Gegenteil fürchten die meisten Käufer diese ja eher, und deshalb schlagen sie zu.)

Dennoch streikt oft der gesunde Menschenverstand. Denn natürlich sind viele Preise, auch wenn sie bezahlt werden, ein Aberwitz. Vor Kurzem ließ mich ein Freund den Preis eines Hauses am Rande von Berlin raten. Also keine Lage wie Mitte, Schwabing oder Eppendorf, die schon vor einigen Jahre außer Kontrolle geraten sind. Wenn mich Bekannte nach Immobilien fragen, überschlage ich meistens den Preis und addiere 20 bis 30 Prozent. Hier schätzte ich 650.000. Es waren knapp 800.000. „Das ist Wahnsinn“, sagte ich. Er nickte: „Ich weiß.“

Der neue Capital-Immobilien-Kompass: Hier finden Sie detaillierte Informationen zu rund 11.000 Orten in ganz Deutschland, die laufend aktualisert werden.

Aktuelle Immobilienpreise und detaillierte Karten für alle Wohnviertel Deutschlands finden Sie im Capital Immobilien-Kompass:

immobilien-kompass.capital.de


Das Problem ist also, dass eine ganze Generation ihre Träume auf diesem gefühlten Wahnsinn errichtet. Für den alles mobilisiert wird, Sparbücher der Eltern, Bausparverträge, Lebensversicherungen. Was gottlob nicht passiert: dass neue Kreditsegmente („Subprime“) entstehen, Häuser auf Halde im Nirgendwo gebaut oder ganz neue Finanzinstrumente erfunden werden.

Und so hat der deutsche Immobilienmarkt auch in seiner Überhitzung etwas Konservatives. Wie eine mäßig spannende Serie halt. Wir werden uns wohl noch einige Staffeln anschauen müssen vor dem großen Knall.

Die neue Capital mit dem großen Immobilien-Kompass erscheint am 20. April. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


Artikel zum Thema