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  • Editorial

Lehrstück für Staatseingriffe

, Horst von Buttlar

Wenn der Staat eingreift, muss er irgendwann wieder raus. Dieser Exit ist momentan das große Problem vor allem für Europa. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Horst von Buttlar

Stellen Sie sich eine Heizung vor. Brenner, Thermostat, Kreislauf. Einer Person ist zu kalt, sie dreht einen Heizkörper auf. Es wird zu heiß, jemand öffnet ein Fenster, kalte Luft strömt rein. Die Heizung bollert, der Brenner zieht mehr Energie. Eine weitere Person geht an den Heizkreisregler, doch in manchen Räumen ist es nun viel zu heiß, in anderen zu kalt. Jemand schlägt vor, zusätzlich den Holzofen anzumachen.

Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, das Heizsystem ist ein – vereinfachtes – Bild für unser Finanzsystem. Was wir seit Jahresbeginn wieder erleben und nur noch in Schlagworten verarbeiten können, ist ein Lehrstück für Staatseingriffe. Natürlich ist ein Wirtschaftssystem viel komplexer als eine Heizung, doch der Mechanismus ist ähnlich: Wenn man einmal in das System eingreift, muss man es wieder tun.

Getriebene in der Interventionsspirale

Im Grunde befinden wir uns in diesem Modus seit Ausbruch der Finanzkrise. Entscheidend ist bei den Eingriffen, dass der Exit gelingt. Bei vielen Banken, General Motors und den Konjunkturmaßnahmen war das erfolgreich. In den USA könnte dieses Jahr der Ausstieg aus QE losgehen, wenn die Notenbank die geldpolitische Lockerung beendet.

In Europa und Japan aber sind Staat und Notenbanken, bei all ihrer Macht, Gefangene und Getriebene in der Interventionsspirale. Das Problem ist, dass sich durch positive Rückkopplungen die Dynamik im System exponentiell verstärkt: Das viele frische Geld sorgt für neue Verzerrungen, vielleicht für neue Blasen, die irgendwann neue, noch größere Eingriffe nach sich ziehen werden. Einfach gesagt: Je mehr wir retten, desto mehr muss gerettet werden.

Seit Beginn der Eurokrise gab es mehrere Momente, in denen das System vor dem Zusammenbruch stand. Seit Sommer 2012 hatten wir eine Phase relativer Ruhe dank einer genialen Taktik, die EZB-Chef Mario Draghi anwendete: Seine „Whatever it takes“-Rede war eine simulierte Intervention, der ultimative Eingriff wurde nur noch angedroht. Seit Jahresanfang aber müssen wir erleben, dass es so einfach leider nicht ist. Mini-, Null- und Strafzinsen plagen uns, erste Notenbanken kapitulieren vor der Wucht der Verzerrungen, wir reden wieder vom Währungskrieg. Anders gesagt: Die Heizung findet nicht zurück zur Normaltemperatur, und deshalb stellen wir erste Elektroradiatoren auf.

Ich bin kein Gegner staatlicher Interventionen, ich sehe sie pragmatisch: Es gibt Zeiten, da muss der Staat rein – und irgendwann wieder raus. Gefährlich wird es, wenn man nur noch die Symptome bekämpft – und die Steuerungsfähigkeit hochkomplexer Systeme überschätzt. An diesem Punkt sind wir wieder. Der Kessel unserer Heizung kocht.

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