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"Hausbesuche mache ich nicht mehr"

, Thomas Steinmann

38 Jahre lang war Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt Teamarzt des FC Bayern. Im Interview mit Capital sprach er 2014 über die Erwartungen des Vereins, seine Behandlungsmethoden - und seine Patienten von Bolt bis Bono

Müller-Wohlfahrt
Noch im Bayern-Outfit: Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt (Foto: dpa)

 


Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, 72, kam 1977 als Mannschaftsarzt zum FC Bayern München. Seit 1995 ist er auch für die Nationalmannschaft tätig. Der Orthopäde führt eine Praxis am Münchner Marienplatz. Seine Patienten kommen aus der ganzen Welt


 

Das Regent-Hotel am Berliner Gendarmenmarkt ist das Zuhause des FC Bayern, wenn der Club in der Hauptstadt gastiert. An einem sonnigen Samstagmittag im Mai 2014 sitzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt auf einem ausladenden Sofa in der Lounge, er trägt Turnschuhe und den roten Trainingsanzug des Clubs. Am Abend steht das DFB-Pokalfinale gegen Dortmund an, und der Teamarzt des FC Bayern muss noch ein paar Spieler fit kriegen.

Schon damals gibt es Spannungen mit Trainer Pep Guardiola, weil der Coach Mittelfeldstar Thiago zur Behandlung einer Knieverletzung zu einem Arzt nach Barcelona geschickt hat. "Zu Thiago kann ich Ihnen einiges sagen", hat Müller-Wohlfahrt schon vorher am Telefon gesagt. Im Interview für das Dossier "Best of Germany", in dem Capital im vergangenen Sommer Weltmarken aus Deutschland vorgestellt hat, geht es dann doch um andere, um wirtschaftliche Themen. Es wird eines der letzten Interviews sein, das Müller-Wohlfahrt als Mannschaftsarzt des FC Bayern München gegeben hat, bevor er nun seinen Rücktritt erklärte.  

Sie haben in Ihrem Leben mehr als 35 000 Muskeln abgetastet. Können Sie Ihre Patienten schon an ihren Muskeln erkennen?

Manche Sportler würde ich – so glaube ich – beim Abtasten der Muskulatur wiedererkennen.


Wie sind Sie Weltmarktführer bei der Therapie von Muskelverletzungen geworden?

Als ich 1975 mit der Behandlung von Profifußballern begonnen habe, gab es weder ein Kernspingerät noch die Möglichkeit einer Ultraschalluntersuchung, noch irgendetwas, um Weichteile wie Muskeln bildlich darzustellen. Die einzige Chance sah ich damals darin, mich in der Palpation, also dem Ertasten, dem Erfühlen von Gewebe zu üben, um Verletzungen in der Muskulatur aufzuspüren. Ich musste über viele Jahre möglichst viele Tasteindrücke gewinnen und speichern, um mehr und mehr Sicherheit zu bekommen. Trotz des immensen Fortschrittes in der Apparatemedizin ist es in meinen Augen unerlässlich, dass Ärzte nicht nur den Bildern vertrauen.

Das heißt, Ihre Karriere beruht auf sehr viel Handarbeit.

1977 holte mich der FC Bayern mit sehr hohen Erwartungen nach München. Also habe ich meine Eigenstudien vertieft. Ich bin in das anatomi- sche Institut der hiesigen Universität gegangen und habe präpariert, wenn die Studenten fertig waren. Mir war klar, dass ich hart arbeiten und mich sportmedizinisch bilden musste, um Stars wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier von meiner Arbeit zu überzeugen. Als Bayern-Spieler dann den Verein wechselten, kamen sie zur Behandlung oft nach München zurück und brachten ihre neuen Mannschaftskollegen mit. So wuchs mein Bekanntheitsgrad national und international.


Heute haben Sie Patienten von Bolt bis Bono. Fliegen die Promis nur für einen Termin bei Ihnen ein?

Natürlich nicht bei einfachen Problemen, sondern bei Beschwerden, die an ihrem Heimatort keiner so richtig in den Griff bekommt. Usain Bolt war schon als 16-Jähriger in unserer Praxis, als ihn niemand kannte. Usain hatte damals gerade mal das Geld für den Flug. Heute empfiehlt Bolt mich weiter. Erst vor einigen Wochen hat er einen Cricketspieler aus Indien zu mir geschickt. Meist informieren wir die Patienten vorab, dass es sinnvoll ist, sich ein oder gar zwei Wochen Zeit zu nehmen, damit wir nicht nur die Diagnose stellen, sondern auch intensiv behandeln können.

Abrechnung nach Gebührenordnung

Kümmern Sie sich nur um Sportler? Oder kommen auch Scheichs und Oligarchen?

Es kommen seit Langem Patienten aus vielen Kulturkreisen zu uns – auch aus arabischen Ländern.

Und sonst?

Persönlichkeiten aus der Kultur, Wirtschaft und Politik. Zu meiner großen Freude auch Musiker: Solis- ten und Dirigenten aus dem Bereich der Klassik, Größen aus der Jazzszene oder der Rock- und Popmusik. Machen Sie auch Hausbesuche? Das habe ich früher getan, abends um zehn oder elf, wenn die Sprechstunde in der Praxis beendet war. Irgendwann hat meine Frau gesagt: Du bist verrückt, so geht das nicht weiter. Sie hat verlangt, dass ich spätestens um neun Uhr meine Arbeit beende.

Warum kommen viele Medizintouristen hierher? Genießt Deutschland einen besonderen Ruf?

Wie uns das Ausland sieht, ist schwierig zu beurteilen. Viele Ärzte in Europa oder in den USA meinen, sie bieten die bessere Medizin an. Früher bin ich angegriffen worden, als die ersten ausländischen Fußballer, Leichtathleten, Tennisspieler und Skifahrer zu mir kamen. Es wurde dort nicht gerne gesehen, dass sich die eigenen

Stars einem Arzt aus dem Ausland anvertrauen. Heute ist das anders.
 Wie groß ist Ihr Patientenstamm? Sind das Hunderte, Tausende?

Das kann ich nicht sagen. Neben immer wieder neuen Patienten habe ich sehr, sehr viele langjährige Patienten, auch unter den Nicht-Sportlern. Einige von ihnen kommen seit mehr als 35 Jahren zu mir.

Wie muss man sich das vorstellen: Schleusen Sie dann die Prominenten im Akkord durch Ihre Praxis?

Einen Schnelldurchgang gibt es bei mir nicht. Ich arbeite zwölf Stunden am Tag, dabei behandle ich höchstens 30 Patienten.

Dann ist klar, warum Sie sich keine Kassenpatienten leisten können...

Ich brauche 20 bis 30 Minuten für einen Patienten. Bei einem Erstbesuch nehme ich mir oft 30 bis 40 Minuten Zeit. Zuerst bitte ich den Patienten, mir seine Leidensgeschichte zu erzählen. Wenn man gut zuhört, steht die Diagnose schon fast geschrieben. Danach muss sich jeder bis auf die Unterwäsche ausziehen, damit ich eine eingehende klinische Untersuchung vornehmen kann. Das ist wichtig, weil etwa Beschwerden an der peripheren Muskulatur oder Gelenken nicht immer da entstehen, wo sie auftreten. In den meisten Fällen ist die tiefere Ursache an der Wirbelsäule zu finden.

Wie sieht Ihre Therapie aus?

Ich infiltriere Mischungen aus homöopathischen und biologischen Medikamenten in und an die Wirbelsäule. Dabei ist es wichtig, dass die Nadeln punktgenau eingebracht werden an Nervenwurzeln, Entzündungsherden, Muskelverspannungen und sogenannten Tender- und Triggerpoints. Kortison verwende ich nie. Danach folgt eine Infiltration zur Lockerung der womöglich verkürzten und verspannten Muskulatur. Dann werden entzündungshemmende Mittel am Beschwerdeort selbst eingebracht.

Und wie rechnen Sie ab?

Nach der deutschen Gebührenordnung für Ärzte. Die ist bindend.


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