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Handelszentrum Flüchtlingslager

, Rico Grimm

Selbst im Elend betreiben die Menschen Handel. Das syrische Flüchtlingslager Saatari in Jordanien ist der Beweis.

Mit ihrer Arbeit erkämpfen sich die Menschen wie Fouad Hamad auch ein kleines bisschen Würde © Rico Grimm
Mit ihrer Arbeit erkämpfen sich die Menschen wie Fouad Hamad auch ein kleines bisschen Würde

Rico Grimm ist freier Text- und Fotojournalist aus Berlin. Er hat sich auf Themen der Außenpolitik, Globalisierung und des Nahen Ostens spezialisiert.Rico Grimm ist freier Text- und Fotojournalist aus Berlin. Er hat sich auf Themen der Außenpolitik, Globalisierung und des Nahen Ostens spezialisiert. Das ist sein Twitter-Account.

 


Berlin, September 2014 - Ungefähr zwei Millionen Menschen waren auf der Flucht, aus Homs, Aleppo, Damaskus, aus Syrien, wo der Bürgerkrieg wütet. Als wir uns vor fast genau einem Jahr entschlossen, ein Flüchtlingslager für Syrer zu besuchen, hatten wir gehofft, dass die Situation sich bessert. Alles ist schlimmer geworden. Noch immer kämpfen Regierung, Rebellen und Islamisten, um die Macht in Syrien – und seit die Dschihadisten-Miliz ISIS ihren eigenen Staat ausgerufen hat, fliehen nicht nur Syrer, sondern auch Iraker. Mehr als drei Millionen Menschen sollen nach neuesten UN-Zahlen in der ganzen Region auf der Flucht sein, ihre Existenz ist zerstört. Sie sind ohne eigenes Zutun abhängig geworden von fremder Hilfe. Aber dennoch: bei unserer Recherche sind wir auf Menschen gestoßen, die sich nicht ihrem Schicksal ergeben, sondern arbeiten, die versuchen, sich etwas mit der kargen Hilfe aufzubauen, die handeln in jedem Sinne des Wortes.

Der Text ist ein Jahr alt, einige der porträtierten Menschen leben inzwischen nicht mehr im Camp. Aber wir stellen ihn trotzdem online. Denn der Wille, für sich selbst zu sorgen und sich so etwas Würde zurückzuholen, ist geblieben. Und darüber sollte man auch mal schreiben.


Saatari, September 2013 - Der Kunde von Seraf, dem Geldwechsler, zieht die Augenbrauen nach oben, rollt mit den Augen und schnalzt leicht mit der Zunge. Das hätte jetzt nicht auch noch sein müssen.

"50 Dollar", hat Seraf dem Kunden zugemurmelt. Mehr wird er für einen Schein in diesem Zustand nicht mehr bekommen. Die 100-Dollar-Note ist zerknittert, mehrfach geklebt. Er werde sich aber erst einmal umhören, sagt der Geldwechsler dann, morgen wisse er Genaueres.

Seraf betreibt die inoffizielle Filiale von Western Union in Saatari, dem größten Flüchtlingslager für Syrer im Norden Jordaniens. Der Kunde lässt den traurigen Schein bei Seraf zurück und tritt nach draußen in die Herbstsonne, in das große, staubige Gewusel des Lagers.

120 000 syrische Flüchtlinge leben hier, eine ganze Stadt ist als Folge des Krieges in Syrien entstanden, dort, wo vor zwei Jahren nur Staub und Sonne waren. Ein Lager, das bedeutet Elend und Not; doch auch in der Not macht der Mensch das, was er immer tut: Er wirtschaftet. Er arbeitet und betreibt Geschäfte.

In Saatari leben heute 120 000 Menschen, aber sie sind nicht nur Flüchtlinge. Sie sind Busunternehmer, Schuhputzer, Falafelverkäufer, Großhändler, Kioskbetreiber, Handwerker, Hausfrauen.

Oday etwa, der jeden Tag stundenlang im Staub steht und Schuhe verkauft. Er hat früher Zahnmedizin studiert und würde gerne nach Hannover. Oder Mohammed, der mit seiner Schubkarre durch die Straßen rennt und Dinge transportiert. Rehab, die zweimal fliehen musste: vor dem Krieg und der Familie ihres Mannes - und nun einen Schönheitssalon betreibt. Fouad, der Schweißer, der in seinem kleinen Verschlag schon die erste Krise des Geschäfts erlebt. Und über allem wacht Kilian Kleinschmidt, der deutsche UN-Chef des Lagers, den alle hier achten, weil er nicht nur Elend verwalten will.

Hier in Saatari ist innerhalb von zwei Jahren ein neuer Wirtschaftskreislauf entstanden, den kaum ein Lehrbuch beschreibt.

Zaatari ist eines der größten Flüchtlingslager der Erde - und das Wirtschaftszentrum der Region

Diese Zelte verteilt die UN, vor dem Eingang kann man sie für ein paar Dollar kaufen © Rico Grimm
Diese Zelte verteilt die UN, vor dem Eingang kann man sie für ein paar Dollar kaufen
Der Komplex für die internationalen Hilfskräfte ist abgetrennt vom Rest des Lagers © Rico Grimm
Der Komplex für die internationalen Hilfskräfte ist abgetrennt vom Rest des Lagers

Das Lager liegt nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, an klaren Tagen sehen seine Bewohner Rauchsäulen am Horizont aufsteigen, und wenn der Wind von Norden kommt, können sie das dumpfe Gewummer des Krieges hören. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat Saatari im Juli vergangenen Jahres eröffnet, nachdem schon Hunderttausende syrische Flüchtlinge nach Jordanien gekommen waren.

Es gab zu Beginn schwerwiegende Probleme in dem Lager: Frauen wurden vergewaltigt, Banden trieben ihr Unwesen, die Wasserversorgung war schlecht, ständig gab es Demonstrationen. Ende Oktober brachte die UN große Metallcontainer zum Wohnen ins Camp, das half. Das Technische Hilfswerk kümmerte sich um die Wasserversorgung, und irgendwann war den UN-Mitarbeitern klar: Diese Ansammlung von 120 000 Menschen ist zwar offiziell ein Flüchtlingslager, sie funktioniert aber wie eine Stadt.

Es war Kilian Kleinschmidt, seit März Chef des Flüchtlingslagers, der diesen neuen Blick durchsetzte. Kleinschmidt ist ein kleiner, wuchtiger Mann mit kurzen, blonden Haaren.Offen und freundlich, in einer Hand scheint er immer ein Handy zu halten. Jetzt aber liegt es still neben einem Teller mit einem Hamburger. Einen Bericht mit einer TV-Crew hat er an diesem Tag gedreht, es ging um den Bau eines privaten Swimmingpools hier imLager. Ja, so etwas gibt es inzwischen auch.
Mittagspause im Restaurant des UN-Basiscamps. Flüchtlinge haben hier keinen Zutritt. Selbst wenn, sie könnten sich einen Hamburger für 3 Dinar kaum leisten.

Kleinschmidt weiß das. Er fragt: "Was hat eine Stadt von 120 000 Menschen an Entwicklungsmöglichkeiten?" Er will, dass die Flüchtlinge unabhängiger werden von der UN, mittelfristig sollen sie sogar für einen Teil der Infrastruktur selbst zahlen. Zurzeit gibt seine Organisation jeden Monat 310 000 Euro allein für Energie aus und versorgt damit 25 000 Haushalte. "100 000 Euro können die Bürger Saataris schon selbst tragen", findet Kleinschmidt. Das würden pro Haushalt etwa 4 Euro im Monat bedeuten. Um das bezahlen zu können, müssen die Menschen allerdings Geld verdienen - was nicht immer ganz einfach ist

Im Lager hören die Menschen das dunkle Wummern des Krieges

Diese Jungs arbeiten für einen Großhändler
Diese Jungs arbeiten für einen Großhändler
Mohammed transportiert mit der Schubkarre Einkäufe, Koffer, Baumaterialien durchs Lager. Mit dem Handtuch um seinen Hals fängt er seinen Schweiß auf
Mohammed transportiert mit der Schubkarre Einkäufe, Koffer, Baumaterialien durchs Lager. Mit dem Handtuch um seinen Hals fängt er seinen Schweiß auf
Rehab kam ins Lager als Mutter von sechs Kindern. Jetzt ist sie Unternehmerin mit ihrem eigenen Schönheitssalon © Rico Grimm
Rehab kam ins Lager als Mutter von sechs Kindern. Jetzt ist sie Unternehmerin mit ihrem eigenen Schönheitssalon

Für den Großhändler Khaled etwa sind die jordanischen Behörden das größte Ärgernis seines täglichen Lebens: "Wenn ich nach Hause will, um mit meiner Frau zu schlafen, muss ich den jordanischen Soldaten bezahlen", klagt er. "Wenn ich meine Waren in das Lager transportieren will, muss ich die Polizei bestechen." In seinem Laden stapeln sich chinesische Drei-Minuten-Nudeln, Plastiktüten, in denen wiederum andere Plastiktüten stecken, Schokolade, Cola, Reis. Hinter dem Tresen stehen zwei Jungs, elf und 17 Jahre alt, und grinsen - Khaleds Angestellte. Als er nach Saatari kam, musste er zunächst ein neues Lieferantennetz aufbauen; seine alten Kontakte aus Syrien halfen dabei. Bekannte empfahlen Bekannte, jetzt arbeitet er mit Jordaniern in Amman zusammen und bestellt Waren in großen Mengen, die ihm dann die vielen kleinen Einzelhändler des Lagers abkaufen. Aber kaum einer seiner Kunden zahlt mit Bargeld, fast alle lassen anschreiben.

Khaled notiert dann Namen, Artikel und Summe in einem dicken, verschlissenen Buch und streicht die Schulden, sobald bezahlt wurde. Das funktioniere, sagt er, weil sie sich hier alle kennen würden. "Wir sind eine große Familie." Für die Jordanier allerdings sind viele der Lagerbewohner Fremde - und manchmal auch Gegner. Im Mai sagte der jordanische Premierminister Abdullah Ensur in einem Interview: "Sie können sich vorstellen, welche Last wir tragen: Der Aufenthalt so vieler Flüchtlinge, die nichts bei sich haben, die eine Unterkunft, Essen, Medizin brauchen, hat Auswirkungen. Das setzt unsere Ressourcen unter Druck." Als Großhändler Khaled solche Sätze hört, schüttelt er heftig seinenrechten Zeigefinger und fällt ins Wort: "Ich habe Geld aus Syrien mit hergebracht und investiert. Die Regierung sollte das wissen!" Khaled fühlt sich als Geschäftsmann, die jordanische Regierung sieht ihn als mittellosen Flüchtling. Auf den Straßen in Amman und Irbid, den beiden größten Städten des Landes, beschweren sich viele Jordanier oft, dass Syrer ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen würden. Die jordanische Regierung verteilt fast keine Arbeitsgenehmigungen an Syrer mehr. Diejenigen, die in den Lagern wie Khaled ein Geschäft betreiben, agieren in einer rechtlichen Grauzone.

In afrikanischen Flüchtlingslagern konnten Wissenschaftler beobachten, wie solch ein legaler Seiltanz alle Versuche der Flüchtlinge erschwert, sich selbst ihr Auskommen zu verdienen. Sie müssen den einheimischen Wachen des Lagers Schmiergelder zahlen, um ihre Waren ins Lager zu bringen, bei Rechtsstreitigkeiten können sie sich nicht an den Staat wenden. Denn offiziell darf es ihre Geschäfte ja nicht geben. Und der Markt in einem Flüchtlingslager ist klein, durch die Restriktionen wird er noch kleiner: Es gibt dann nicht mehr viele Möglichkeiten, sich zu spezialisieren, zumal das Angebot in erster Linie Dienstleistungen sind. Die Produktivität der Flüchtlinge ist zwangsläufig niedriger.

Das stimmt auch in Saatari.

Entlang der Marktstraße reihen sich Falafelverkäufer, Kioske und Kleinhandwerker aneinander, in sich immer wiederholenden Formationen.

UN-Lagerchef Kleinschmidt muss sich überlegen, wie er die Wirtschaft des Lagers fördern kann, ohne viel über die Struktur zu wissen. Zahlen gibt es nur wenige: 680 Geschäfte soll es im Lager geben, die meisten von ihnen sind Joint Ventures zwischen Syrern und Jordaniern. Aber wie viel Geld ins Lager fließt? Weiß Kleinschmidt nicht. Wie hoch das Durchschnittseinkommen ist?

Kopfschütteln. Die Arbeitslosigkeit? Ja, selbst wie viel die UN im Lager ausgibt, kann er nicht beziffern. Es gab bisher andere Dinge zu tun. Nun sucht Kleinschmidt nach Experten, die Saataris Wirtschaft im Detail kartografieren könnten.

Wie viel Regulierung braucht ein Flüchtlingslager?

Am Rand des Lagers wurde mit Spendengeldern ein kleines Fußballfeld errichtet © Rico Grimm
Am Rand des Lagers wurde mit Spendengeldern ein kleines Fußballfeld errichtet

Zu wissen, was hier passiert, ist aber nur der erste Schritt. Zu wissen, was er dann tun soll, der ungleich schwierigere. Für ihn gehe es darum, ein "enabling environment" zu schaffen und eine Servicementalität bei der UN einzuführen, sagt Kleinschmidt.

Wenn man ihm so zuhört, dann hätte er es wohl am liebsten, wenn aus den 120 000 Bewohnern Saataris 120 000 Unternehmer werden und die UN nur noch den Rahmen abstecken und kontrollieren müsste, dass nichts Gefährliches passiert. Ordoliberalismus im Flüchtlingslager.

Auf den ersten Blick mag das ungewöhnlich, ja sogar zynisch wirken. Profitstreben im Elend? Aber Kleinschmidt akzeptiert einfach die Strukturen, die er vorgefunden hat. "Darüber nachzudenken, wie man die wirtschaftlichen Ergebnisse in einem Flüchtlingslager maximieren kann, ist ein ziemlich unüblicher Weg, um das Ziel von Flüchtlingshilfe zu beschreiben", schreibt der Ökonom Eric Werker in einer der wenigen Untersuchungen zum Thema. Konkrete Empfehlungen für Kleinschmidt gibt es daher wenige.

Wie könnte er etwa Fouad, dem Schweißer, helfen? Oder Mohammed, dem Karrenschieber? Sollte er ihnen überhaupt helfen?

Der 20-jährige Mohammed schiebt jeden Tag unermüdlich eine Schubkarre über die Straßen des Lagers - jedenfalls wenn die Karre leer ist. Wenn sie richtig voll ist, dann gleicht das Schieben mehr einem Tragen. Seine Unterarme sind sehnig, um seinen Hals hat er sich ein Handtuch gelegt, das den Schweiß auffängt. Er steht neben einem kleinen Kabuff aus Wellblech und raucht. Wenn bei Khaled, dem Großhändler, eine Bestellung eingegangen ist, schwärmen Schubkarrenjungs wie Mohammed aus und liefern die Waren bei dem Kunden ab. Die Schubkarre ist der Lkw von Saatari.
Mohammeds Geschäfte gehen allerdings schlecht, denn Großhändler gibt es nur wenige. Und so sind seine Haupteinnahmequelle die Neuankömmlinge, die mit großen Säcken aus Syrien eintreffen und von der Registrierungsstelle am Eingang bis zu ihrem neuen Heim, einem Zelt oder einem Container, bis zu fünf Kilometer laufen müssen. Zwar gibt es auch ein inoffizielles Minibus-System im Lager, aber das können oder wollen sich nicht alle Familien leisten.
Für fünf Kilometer verlangt Mohammed 1 Dinar, die Kurzstrecke kostet einen Vierteldinar, 30 Eurocent. 35 Dinar verdient Mohammed damit in einem Monat, 35 Dinar hat auch seine Schubkarre gekostet, die er sich in einer nahe gelegenen jordanischen Stadt von seinem Ersparten gekauft hat.

Das Geschäft flaut inzwischen ab, weil der Zustrom ins Lager versiegt - und ständig muss er auch die Schubkarre reparieren lassen. "4 Dinar für ein neues Rad", sagt Mohammed und schaut dabei nach rechts zu einem Kabuff, mit fast anklagendem Blick. Darin kniet Fouad, der Schubkarrenmeister, ein väterlicher, herzlicher Typ, der die Karren der Jungs repariert.
Gerade schweißt er einen gebrochenen Haltebügel wieder zusammen. Manchmal flickt er die Blechwannen, wenn sie löchrig sind, oder tauscht zerschlissene Räder aus. Das Kabuff hat er sich aus Wellblech und ein paar Brettern zusammengenagelt, auf dem Boden liegt grüner Kunstrasen, an den Wänden hängt Werkzeug, baumeln Reifen und Ersatzteile. Alles ist mit Öl überzogen. Fast wie in seiner Werkstatt zu Hause in Daraa, sagt Fouad, nur dass er da Motorräder repariert habe. Das Werkzeug hat er von zu Hause mitgenommen, jedenfalls jenes, das nicht zu schwer war.
Er sagt wenig zu seinen Preisen. So sei der Markt eben, und überhaupt, das Geschäft gehe schlechter. Vor ein paar Monaten noch konnte er rund 100 Euro jeden Monat verdienen, jetzt verdient er weniger als die Karrenschieber, und wenn es weiter so geht, wenn es immer wenigerSchubkarren zu reparieren gibt, dann wird er sein Geschäft schließen müssen, dann wird er seine Sachen packen und in die Hauptstadt Amman gehen. Da habe er Freunde.

Kilian Kleinschmidt organisiert das Lager nach der Methode "Versuch und Irrtum". Es gibt wenige Erfahrungen, die er aus anderen Lagern direkt übertragen kann. Zu unterschiedlich sind Kultur, Herkunft, demografische Zusammensetzung von Lager zu Lager.

Die Schneider im Lager nähen große Säcke aus den Zeltplanen, die die Menschen brauchen, um wieder zurück nach Syrien zu gehen © Rico Grimm
Die Schneider im Lager nähen große Säcke aus den Zeltplanen, die die Menschen brauchen, um wieder zurück nach Syrien zu gehen

Nur die Essensgutscheine, die gab es vorher schon in afrikanischen Flüchtlingslagern. Die hat er auch hier eingeführt. Im Gegensatz zu den üblichen Essensrationen können die Flüchtlinge mit ihnen selbst entscheiden, was sie einkaufen, wann und ob. Einige Handwerker berichten, dass ihnen die Gutscheine schon als Bezahlung für eine Dienstleistung angeboten wurden. So werden aus einfachen Konsumenten Händler, und da die Coupons als eine Art Ersatzwährung verwendet werden, zirkuliert mehr Kapital im Lager.

Geld fließt dabei aus verschiedenen Quellen ins Lager. Oft haben die Flüchtlinge ihre Ersparnisse aus Syrien mitgebracht, NGOs vor Ort geben Kredite, oder besser situierte Verwandte im Ausland helfen ihnen, indem sie Geld überweisen. Um dieses Geld zu empfangen, gehen die Syrer dann zu Seraf, dem Geldwechsler.

Durch dessen Tür tritt an diesem Tag ein älteres Mädchen. Der Kunde, der die 100 Dollar bei Seraf eintauschen wollte, ist da schon längst verschwunden. Seraf hatte den Geldschein noch einmal begutachtet und ihn schließlich wieder auf den Tisch geworfen, wo er jetzt zwischen den wichtigsten Utensilien eines arabischen Geschäftes liegt: zwischen leeren Teetassen und Zigaretten. Der Raum ist sonst fast leer, zwei Klappstühle, ein Fernseher und eine mobile Klimaanlage. Das Mädchen ist vielleicht 18 Jahre alt und erkundigt sich nach den Formalitäten für die Überweisung. Seraf händigt ihr eine Karte aus und gibt zwei knappe Erklärungen. Das Geld sei auf den Namen zu überweisen, der auf der Visitenkarte stehe. Das sei ein Vertrauensmann in Amman. Wenn dieser das Geld empfangen habe, werde er, Seraf, hier das Geld auszahlen. Keine Verträge, höchstens ein Handschlag.

"Das ganze System beruht auf Vertrauen", sagt Seraf, nachdem die Kundin verschwunden ist. "Außerdem sind es nur selten wirklich große Summen. Die wirklich Reichen wohnen nicht in Saatari." Neben Seraf steht einer seiner Freunde, auch ein Geldwechsler mit einem Büdchen, das ein Stück die Straße hinauf steht. Weißes Hemd, Sonnenbrille, man sieht, dass er auf sich achtgibt. Er heißt Youssef und erzählt von seinem Sohn Oday: Topnoten in der Schule, Studium der Zahnmedizin an der Universität Damaskus. "Jetzt verkauft mein Sohn Schuhe", sagt er.

Zu Beginn wollten der deutsche Lagerleiter und die UN alle Bewohner gleich behandeln - das war ein Fehler

Im Lager gibt es Dienstleister wie überall auch. Hier sieht man eine Umzugsfirma - die allerdings gleich einen ganzen Wohncontainer umsetzt. Die Wohncontainer wurden von Saudi-Arabien gestiftet und sind inzwischen begehrte Handelsware © Rico Grimm
Im Lager gibt es Dienstleister wie überall auch. Hier sieht man eine Umzugsfirma - die allerdings gleich einen ganzen Wohncontainer umsetzt. Die Wohncontainer wurden von Saudi-Arabien gestiftet und sind inzwischen begehrte Handelsware

Youssef läuft die Straße lang, ein paar Hundert Meter weiter zu seiner Geldwechselstube. Darin sitzt Oday, ein smarter Junge mit leicht abstehenden Ohren, gegelten Haaren, weißem T-Shirt, Sneakers. Er zieht ein gefälschtes Samsung Galaxy IV aus der Jeans. "Für 80 Dollar gekauft", sagt er. Auf dem Display leuchtet ein Bild, es zeigt den Stempel eines Übersetzungsbüros. "Oday, Sohn des Youssef und der Khoula", steht da auf Deutsch. Sein Abschlusszeugnis. 97 Prozent hat Oday geholt bei der Prüfung, eine glatte Eins, und danach vier Semester studiert, Zahnmedizin.

Jetzt würde er gerne nach Hannover, dort ist schon ein Bekannter von ihm, dort würde er gerne weiterstudieren. "Ich habe gehört, dass die deutschen Unis ziemlich gut sein sollen", sagt er. Aber für ein Visum braucht er 9 000 Euro als Sicherheit, die er nicht hat. Das wusste er nicht, als er sein Zeugnis übersetzen ließ. Wenn Oday sein Studium irgendwann abschließen könnte, wäre er einer von der zukünftigen Elite eines neuen Syriens.

Oday geht nach draußen und verkauft weiter Schuhe. Er hasst diesen Job; aber irgendwie muss er sein Telefon ja bezahlen. Gerade ist eine Kundin an die Auslage herangetreten. 3 bis 10 Dinar kosten die Schuhpaare, die Oday und sein Vater in Zarqa, einer Stadt nördlich von Amman, kaufen und hier wieder verkaufen. An guten Tagen wird Oday zwölf Paare los, an schlechten vier, vor allem an die Angestellten der NGOs in Saatari. Sie besetzen Rezeptionen, geben Workshops oder bewachen nachts die Anlagen. Sie verdienen so im Schnitt 250 Dollar und sind konsumfreudig. Sie bilden die Mittelschicht des Flüchtlingslagers.

Auch Rehab gehört zu dieser Mittelschicht. Als sie nach Saatari kam, war sie Hausfrau, hatte sechs Kinder und einen Mann, der nicht fliehen wollte. Jetzt sitzt Rehab in einem klimatisierten weißen Container, der als Wohnzimmer dient. In einem zweiten schläft die Familie, in einem dritten betreibt sie einen Schönheitssalon. Sie spricht konzentriert, wenn sie schweigt, lächelt sie. Wenn das Teeglas leer ist, schickt sie die Jüngste los, Nachschub zu holen. Rehab ist jetzt Familienoberhaupt - und Unternehmerin mit eigenem Heim samt Innenhof, das in einem abgesperrten Areal liegt.

Als sie nach Saatari kam, zog sie zu Verwandten ihres Mannes. In den arabischen Gesellschaften ist es üblich, dass die Schwiegertochter zur Familie des Mannes zieht. Ihre angeheirateten Verwandten "kümmerten" sich: Sie kontrollierten Rehab,sie durfte nichts machen ohne Begleitung. Ihr Mann hatte ihr die Flucht übel genommen. So floh Rehab wieder. Dieses Mal wechselte sie aber nicht das Land, sondern nur die Seite des Flüchtlingslagers. Wenn sie ihren Mann erwähnt, setzt sie nun immer die Vorsilbe "Ex" davor.

Rehab arbeitete für eine Frauenorganisation, am Anfang unentgeltlich, später gegen Bezahlung. Sie verschaffte ihren zwei erwachsenen Töchtern Jobs, den Schönheitssalon hat sie gerade erst eröffnet. Haare schneiden kostet 1 Dinar, Schminken und Gesichtspflege 3 Dinar. Wie man so etwas macht, hatte sie bei der Frauenorganisation gelernt. Noch läuft es zäh, derzeit kommen etwa 15 Kundinnen pro Monat.

Während sie spricht, beobachten zwei junge Männer jede ihrer Bewegungen: Es sind die Männer ihrer Töchter, ihre Schwiegersöhne. Sie sind, entgegen der arabischen Sitte, ins Haus der Braut gezogen. Sie hatten keine Wahl - denn das Geld verdienen in dieser Familie die Frauen.

Kilian Kleinschmidt hat sein Mittagessen beendet. Danach hat er in fließendem Französisch einen Termin mit dem Kommandanten des französischen Militärkrankenhauses vereinbart. Er redet immer noch über die Wirtschaft des Lagers. Unternehmertum, Investition, Perspektiven. "Wir kamen hierher und wollten alle Flüchtlinge gleich behandeln, wir wollten den absoluten Kommunismus einführen", sagt er. Das war ein Fehler.

Mitarbeit: Nader Daoud

Die Reportage erschien zuerst unter dem Titel "Auf Sand gebaut" in Capital 12/2013. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten

 

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