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  • Reportage

Gold - die ewige Währung

, Claus Hecking

Von Gold kriegt der Mensch nie genug – da mag der Kurs noch so verrücktspielen. Capital hat einen der rätselhaftesten und faszinierendsten Märkte der Welt durchleuchtet.

Goldbarren © Katrin Binner

Als der erste Crash beginnt, ­stürmen sie zur Degussa-Zentrale. Es ist Montagmorgen, der 15. April 2013, bis auf die Straße drängen sich die Kunden am Eingang der Villa im Frankfurter Finanzviertel. Wie ein bank run wirkt es an diesem schwarzen Montag des Goldmarktes: 1 486 Dollar hat die Feinunze gekostet, dann eröffnet der Handel, der Preis rutscht ins Bodenlose: 1458 Dollar, 1429, 1416, 1398, 1375, 1349 Dollar – der übelste Tag seit drei Jahrzehnten. Fonds, Lebensversicherer, Großbanken verramschen ihre Bestände in Tokio, London, New York. Und in Frankfurt will die Menschenschlange nicht enden.

Doch zum Degussa-Schalter kommen die Anleger nicht, um ihr Gold loszuwerden. Nein, neun von zehn wollen ein Schnäppchen machen. Endlich einen Barren kaufen.

Barren, was für ein großes Wort. Ein Plättchen ist es, das Wolfgang Wrzesniok-Roßbach da in der Hand hält, der Chef des Degussa Goldhandels. Dünn wie ein After Eight, etwas länger als eine Fotospeicherkarte, dafür schmaler. Das also ist die berühmte Feinunze, um die sich Wrzesnioks Kunden reißen, als gäbe es kein Morgen im globalen Finanzsystem.

Ende Juni ist die nächste Ausverkaufswelle über den Markt he­reingebrochen, der Kurs unter 1200 Dollar gesackt. An den Weltmärkten erlebt der Goldpreis seinen bösesten Einbruch seit 1980. Und die Degussa? Setzt dreimal mehr ab als je zuvor.

Was ist Gold wert?

Das Goldstückchen glänzt matt im Licht. 31,103 Gramm wiegt es, wenig Masse für viel Geld: Etwa 950 Euro kostet eine Feinunze nach dem jüngsten Einbruch, rund dreimal so viel wie vor zehn Jahren. Haben die deutschen Privatanleger recht, die nun horten? Oder die großen institutionellen Investoren, die abstoßen?

Ist dieses Plättchen Gold wirklich an die 1 000 Euro wert?

Degussa-Schalter © Binner/Maramotti
Wirtschaftswunder-Charme: Degussa-Verkaufsschalter hinter Glas

Wolfgang Wrzesniok lächelt, rückt seine Hornbrille gerade, erwägt die passende Antwort. Die Frage hat er schon ein paar Tausend Mal gehört: Was ist Gold wert? Sein halbes Leben hat er damit verbracht, sie anderen zu beantworten. Seit 1986 ist der 49-Jährige­ in diesem Geschäft. Als Lehrling und Leiter des Edelmetallhandels der Dresdner Bank, Verkaufschef bei ­Heraeus – und nun zwei Jahre als CEO der Degussa.

Er hat mit den großen Konzernen Deals gemacht, Barrick, Newmont, Anglo, wie sie alle heißen. Er weiß, dass die Industrie Gold nur beschränkt benötigt, weil es zu teuer ist, zu weich. Dass das meiste Material an Hälsen hängt und Fingern steckt. Und vor allem als Barren in dunklen Tresoren angehäuft wird: ohne Zinsen, Dividenden oder sinnliche Freude abzuwerfen. Dass die Menschheit längst nicht so viel von dem 79. Element braucht, wie sie verlangt.

Und doch schlägt das Gold fast alle in seinen Bann: die Rentner, die Ein-Gramm-Barren zum Einnähen ins Kissen anschaffen; die Manager der Investmentfonds, die täglich mit Hunderten Kilos jonglieren; die Chefs der Zentralbanken, die Tausende Tonnen in Hochsicherheitstrakten bunkern. Sie alle mischen mit in einem der intransparentesten, volatilsten, faszinierendsten, rätselhaftesten, unberechenbarsten Finanzmärkte der Welt.

Mal bricht der Preis ein, dann jagt er auf 1 900 Dollar hoch, gerade stürzt er wieder in unbekannte Tiefen. Die Kunden der Degussa stört es kaum. Sie lassen sich anziehen von diesem Stoff, der seit 6000 Jahren Menschen aller Kulturen fasziniert.

„Fleisch der Götter“ nannten es die alten Ägypter. Sie drängten zum Gold wie auch die Griechen und Römer, die Israeliten tanzten ums Kalb, die Helden der Nibelungensage versenkten ihren Schatz im Rhein. Spaniens Eroberer suchten nach el dorado und fanden Amerika; später lieferten sich Europas Großmächte Piratenkriege in der Karibik. Goldräusche leiteten im 19. Jahrhundert die Besiedlung Sibiriens, Kaliforniens, Australiens und weiter Teile Südafrikas ein. Millionen Menschen fielen der Jagd nach dem Mythos zum Opfer, Weltwährungssysteme bauten auf Gold auf – und scheiterten. Warum nur können wir nie genug von diesem Stoff kriegen?

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Minenfahrzeug in einer Goldgrube © Binner/Maramotti
Goldgräberstimmung: ein Minenfahrzeug vor seinem Einsatz in einer Grube des schwedischen Konzerns Boliden

Die Entdecker

Kaum hat der Geländewagen den Grubeneingang passiert, gleicht die Fahrt mit Peter Bergman einem Blindflug. Eine Nebelsuppe steht in dem engen Schacht, sofort beschlagen die Scheiben. „Das ist immer so, wenn wärmere Luft von unten kommt“, sagt der Chef der Kankberg-Mine, während er an medizinballgroßen Felsbrocken vorbeisteuert. Zweimal pro Woche fährt Bergman, 40, diese Schotterrampe hinab in die Erde, in Nordeuropas jüngste Goldgrube. 2012 hat der schwedische Konzern Boliden die Ende der 1960er-Jahre stillgelegte Mine am Polarkreis, 800 Kilometer nördlich von Stockholm, neu eröffnet. Weil es sich wieder gerechnet hat bei diesem Preis. „Hier kommt die Action“, sagt Bergman. Licht am Ende des Tunnels, 400 Meter unter Tage öffnet sich eine Höhle. 1000-Volt-Hochspannungskabel führen an der Decke entlang.

Es dröhnt ohrenbetäubend: Ein Minengerät steht im fast knietiefen Wasser, wie ein Traktor sieht es aus, statt Schaufel trägt es einen Metallarm mit einem überdimensionalen Presslufthammer. Der Apparat donnert am Felsen entlang, bricht erzhaltige Brocken raus. Es riecht nach Ammoniak, so stechend, dass der Kopf schmerzt. Vor drei Stunden haben sie hier gesprengt. Dann sind die Monstertrucks ­gekommen und haben es abtransportiert: das Erz von Kankberg.

Unspektakulär sieht es aus. Nichts funkelt auf dem Gestein, keine Spur Metall erkennt das Auge, so winzig sind die Partikel. 4,1 Gramm Gold gewinnt Boliden im Schnitt aus einer Tonne; früher waren es in der Gegend bis zu 50-mal mehr. Würde das Erz zermahlen und zu einer ein Kilometer hohen Säule aufgetürmt, wäre die Goldschicht 0,6 Millimeter dick.

Für heutige Zeiten ist das eine Menge. Anderswo operieren Minen mit Erträgen von zwei Gramm pro Tonne. Wer mehr will, muss noch tiefer unter Tage, wo die Luftzufuhr schwieriger wird, das Unfallrisiko größer, die Temperatur unerträglich.

In Südafrika etwa gehen sie schon an die 4000 Meter in den Boden, ohne Kühlung ist es 60 Grad heiß da unten. Trotzdem fällt die Ausbeute dramatisch: 2012 brachten die Südafrikaner noch 167 Tonnen zutage. 2002 waren es 400 Tonnen.

Hohe Investitionen

„Die Ära des einfachen Goldes ist zu Ende, überall“, sagt Degussa-Chef Wrzesniok. Nuggets in Bodennähe findet man kaum noch; solche Vorkommen haben die Konzerne schon vor Jahrzehnten ausgebeutet. Nun müssen sie für immer weniger Gold immer höheren Aufwand treiben. Laut dem Branchendienst GFMS schossen die durchschnittlichen weltweiten Förderkosten auf Vollkostenbasis seit 2010 von 857 auf 1221 Dollar je Feinunze hoch. Beim jetzigen Marktpreis schreiben viele Minen also Verluste. Aber die sofortige Stilllegung wäre für die Betreiber noch teurer nach all den Investitionen.

Die Spezialfahrzeuge etwa, die Bergman in seiner Mine einsetzt, kosten pro Stück bis zu 1,3 Mio. Dollar. Und doch ist Kankberg für die Manager ein Glücksfall. Nie hätten sie die Grube binnen weniger Monate wieder eröffnen können, wäre nicht die gute Anbindung gewesen. Straßen, Hochspannungsleitungen, Kraftwerke, Abwasserteiche, ein Hafen – alles war in der Nähe. Wegen der anderen Bergwerke, die Boliden hier betreibt.

Eingang zur Kankberg-Mine © Binner/Maramotti
Dieses Loch ist der Eingang zur Kankberg-Mine, 400 Meter unter der Erde

Andere Goldförderer haben es schwerer. Sie müssen die Infra­struktur für ihre Mine in der Wildnis meist selbst schaffen. Das ist teuer – und dauert. Vom Vorstandsbeschluss bis zum Produktionsstart vergehen oft zwischen fünf und zehn Jahre. Die globale Förderung ist heute mit rund 2800 Tonnen pro Jahr keine zehn Prozent höher als zu Beginn des Jahrtausends. Obwohl die Nachfrage stark gestiegen ist, obwohl die Konzerne pro Unze viermal so viel Dollar wie damals kassieren könnten.

Der jüngste Preisrutsch fördert die Knappheit. Gerade verschiebt die Industrie wieder einige Erschließungsvorhaben – allen voran Barrick mit seinem einstigen Paradeprojekt Pascua-Lama. Der kanadische Weltmarktführer hat bekannt gegeben, den Start der riesigen Andenmine auf 5000 Meter Seehöhe noch mal um ein Jahr auf 2015 zu vertagen.

Barrick begründet das mit harschen Umweltauflagen. Experten halten das Projekt für unwirtschaftlich. Als der Konzern 2006 loslegte, rechnete er mit Kosten von 2,3 Mrd. Dollar. Mittlerweile sind es mindestens 8,5 Mrd. Dollar. Die Kankberg-Mine­ indes ist fertig – und durchfinanziert. Schon vor Eröffnung hat Boliden 80 Prozent der Produktion bis 2017 am Terminmarkt verkauft: für 1460 Dollar pro Unze. Das macht unabhängig vom Auf und Ab der Preise. Und Bergmans Leute können sich auf ihre Arbeit konzentrieren. „Wir müssen hier jeden Tag für jedes einzelne Gramm Gold hart arbeiten“, sagt der Grubenchef. „Aber das macht diesen Job so faszinierend.“

Dem Boden seinen kostbarsten Schatz abringen, das ist Bergmans Leidenschaft. Er steuert zurück ans Tageslicht. Halden aus Gestein, Hunderte Meter lang und hoch wie ein Wohnhaus, türmen sich auf. Kipplaster schütteln ihre Fuhre ab, 30 Tonnen Erz können sie tragen. Das Gold darin wird am Ende vielleicht für vier Feinunzen reichen. Und bis zum Plättchen ist es noch ein weiter Weg.

Zunächst muss das Erz zum Crusher. Ein Höllenlärm herrscht in der Brecheranlage. Krachend zermahlen Mühlen die Brocken zu feinem Sand. Der wird im Konzentrator mit Wasser vermengt. Chemikalien und Luft trennen Gold und andere schwere Partikel heraus.

Die Essenz, eine schlammige Brühe, wird noch mal raffiniert, gefiltert, entwässert. Übrig bleibt ein körniges Konzentrat. Gülden schimmert es, dank rund 30 Prozent Goldanteil. Boliden wird es schmelzen, schmutzig gelbe Doré-Barren daraus gießen. Für die Raffinerie.

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12,5-Kilo-Barren Gold © Binner/Maramotti
Drei neue 12,5-Kilo-Barren werden nach dem Guss abgekühlt. Minutenlang steigt Dampf in die Luft, so groß ist die innere Hitze in den Goldquadern

Der Goldfabrikant

Gerade hat er wieder eine Palette von dem Zeug reinbekommen. Akkurat abgewogen hat es der Wareneingangskontrolleur. Nun steht er vor dem PC, trägt die Daten ein. „Goldfinger would be envious“, Goldfinger wäre neidisch, steht auf dem Poster über ihm. Daneben, auf dem zerkratzten Holztisch, stapelt sich die neue Charge: 24 Doré-Barren, 250 Kilo schwer, 73,7 Prozent Goldanteil. Millionen von Euro ist der Haufen wert, aber die Arbeiter in ihren Blaumännern würdigen ihn keines Blickes. Alltagsmaterial ist es in der „Goldfabrik“, wie sie hier im Tessin die Argor-Heraeus-Schmelze nennen.

Wie eine Festung sieht sie aus, die Edelmetall-Raffinerie in der Kleinstadt Mendrisio. Mauern, Panzerdraht, Alarmanlagen schirmen sie ab vor unerwünschten Besuchern. 400 Tonnen Gold pro Jahr, ein Siebtel der globalen Förderung, kann die Fabrik von Gesteinsresten, anderen Metallen und sonstigen Verunreinigungen befreien. Und anschließend verarbeiten: zu Barren für Privatkunden, Banken und Fonds. Oder zu Granulaten, Blechen, Drähten, Uhrenschalen für die Schmuck- und Elektroindustrie. Je nachdem, ob Europas Wirtschaft gerade kriselt oder boomt. Seit 2008 sind vor allem Barren gefragt.

Gold-Schmelze © Binner/Maramotti
Mehr als 1100 Grad heiß ist das Gold, wenn es in die Barrenform gegossen wird

Hier in der Schweiz schlägt das Herz der Goldwelt. Vier riesige Raffinerien verarbeiten mehr als die Hälfte der globalen Minenproduktion. Als sie nach dem Krieg gegründet wurden, hatten sie zwei Standortvorteile. Zum einen Großkunden vor Ort: heimische Uhrenbauer und Italiens Juwelenfabriken. Vor allem aber waren die Schmelzen Töchter der Schweizer Banken. „Das Finanzsystem und die Logistik haben hier immer zuverlässig funktioniert“, sagt Argor-He­raeus-Chef Erhard Oberli, 63, den einst die UBS hersandte. Und diskret sind sie, die Schweizer. Auch unter ihrem neuen Namensgeber und Miteigner: dem Hanauer Konzern Heraeus.

„Silence is golden“ steht auf einer Tür. Über Kunden und Umsätze spricht Oberli ungern. Nur so viel: Das Gold gehört dem Auftraggeber, Argor-Heraeus ist Dienstleister. Und das Geschäft läuft richtig gut. Produzierte die Fabrik 2007 noch 300.000 Kleinbarren bis 100 Gramm, waren es 2011 schon 1,5 Millionen. „In der Finanzkrise kamen wir zeitweilig mit der Produktion nicht hinterher“, sagt Oberli. „Gold ist wieder sexy geworden.“

Das Raffinieren ist so archaisch wie vor 60 Jahren. Muskulöse Männer schieben die Doré-Barren und Altgold wie Ringe, Armbänder, Colliers in 1150 Grad heiße Induktionsöfen, gießen die geschmolzene Masse zu Platten fürs Elektrolysebad, wo Strom das Gold von den anderen Metallen abscheidet. Nichts darf verloren gehen: die Uniformen der Arbeiter kommen in die Spezialreinigung; extrafeine Filter in Waschbecken, ­Toiletten, Luftschächten sieben kleinste Metallpartikelchen heraus.

Beliebig recyclebar

Am Ende wandert alles in den Strangguss. Der Arbeiter füttert den alten Schmelztiegel mit Goldstücken. Drinnen kochen 290 Kilo im Wert von fast 9 Mio. Euro. Dann kippt er das Gefäß, glühendes Metall fließt herab in zwei lang gestreckte Formen, die sich langsam vorwärts bewegen: Gold am laufenden Band. Alle paar Sekunden fällt ein Beil, hackt Ein-Kilo-Rohlinge von den Strängen ab. Diese Klumpen schmelzen die Arbeiter nochmal ein, dann gießen sie das Gold in die Form, Degussa-Stempel drauf, fertig. Ist der Barren nicht perfekt, wandert er zurück in den Strangguss.

„Das ist das Faszinierende an Gold: Es ist beliebig recycelbar“, sagt Oberli. „Man kann es immer wieder einschmelzen, auseinanderdehnen, platt walzen. Und es geht nie unter.“

Unsterblich ist es. Weil es so teuer ist, dass es sich für hoch spezialisierte Unternehmen sogar lohnt, ein paar Milligramm aus Smartphone-Platinen rauszuholen. Von den etwa 174.000 Tonnen Gold, die der Mensch je gefördert hat, sind noch immer 171 000 Tonnen da. Sie sind Teil eines ewigen Kreislaufs: einschmelzen, neu formen, einschmelzen, neu formen.

In den meisten Argor-Heraeus-Barren von heute stecken ein paar Atome Kelten-Gold, Azteken-Gold, Klondike-Gold. Und einige Dutzend besonders mächtige Stücke lagern im Fabriktresor auf Holzpaletten. 400 Unzen, fast 12,5 Kilo wiegt ein jeder, mit einer Hand kann man ihn kaum hochheben. Die „Standard Bars“ sind das Lieblingsspielzeug der Leute, die den Markt auf den Kopf gestellt haben.

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Jedes Gramm zu viel wird abgeschabt © Binner/Maramotti
In der Argor-Heraeus-Fabrik lagern die Barren: Jedes Gramm zu viel wird abgeschabt

Die Movers and Shakers

Neulich hat Bernhard Wenger das Depot der Exchange-Traded Funds (ETFs) besucht, irgendwo in der Schweiz. Wie ein Ikea-Lager habe es ausgesehen, erzählt der Deutschlandchef des Fondshauses ETF ­Securities: eine Halle mit voneinander abgetrennten Regalfächern für die einzelnen Fonds, voller Europaletten, ohne jeden Schmuck.

Die Ware auf den Paletten verbreitet ja genug Glanz: 12,5-Kilo-Barren noch und nöcher, jeder einzelne nummeriert. Jedes Mal, wenn einer der Fonds einem anderen Marktteilnehmer irgendwo über den Computer Gold abgekauft oder verkauft hat, fährt ein Gabelstapler durch die Schatzkammer, schiebt Achtelzentner von einem Fach zum anderen. Oder bei großen Deals auch mal eine ganze Palette voll. „Faszinierend war das“, sagt Wenger, 38, „eine andere Welt.“

Die Exchange-Traded Funds bewegen die Massen. Allein am London Bullion Market, dem wichtigsten Handelsplatz für physisches Gold, wechselten im April 753 Tonnen den Besitzer: gut ein Viertel der jährlichen Weltproduktion. Die Umsätze sind fünf- bis siebenmal so hoch wie vor zehn Jahren. Damals, als Bernhard Wengers Chef den Gold-ETF erfand.

Graham Tuckwell hat den Markt salonfähig gemacht. Indem er 2003 den Gold Bullion Securities lancierte, den ersten börsengehandelten Indexfonds auf das begehrteste aller Edelmetalle. Zuvor hatten Goldanleger nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie kauften Zertifikate – oder Barren. Letzteres war nicht nur zeitraubend und teuer, sondern irgendwo musste das ­Material gelagert werden. Für Lebensversicherer oder Pensionsfonds war Gold damit tabu. Obwohl viele von ihnen gerne ein paar Prozent ihres Portfolios in Gold investieren wollten.

Verkäufe im großen Stil

ETFs lösen das Problem. Ihre Papiere, deren Wert den Goldpreis abbildet, können rund um die Uhr an der Börse gehandelt werden. Um die Verwahrung des Goldes und die Verwaltung kümmern sich ETF Securities und andere Anbieter, gegen eine jährliche Gebühr von etwa 0,4 Prozent. Anders als bei Zertifikaten müssen die Anleger eine Pleite des Fondshauses nicht fürchten, da die ETFs ihre Wertpapiere mit physischem Gold hinterlegen. Beim Bankrott gehören den ETF-Inhabern die Barren in der Schweizer Schatzkammer. Und die wird von unabhängigen Kontrolleuren überwacht.

Die ETFs haben jahrelang den Goldmarkt leer gekauft und maßgeblich dafür gesorgt, dass sich der Preis zwischen 2003 und 2007 verdoppelte, noch vor Ausbruch der Finanzkrise. An die 2500 Tonnen hatten sie Anfang 2013 in ihren Schatzkammern gebunkert, macht fast eine Weltjahresproduktion. Zurzeit aber verkaufen sie im großen Stil, seit Jahreswechsel mindestens 300 Tonnen. Ihre Verkäufe drücken den Kurs gerade nach unten. Sie sind es, die Barrick, Anglo und den anderen Minenkonzernen Kopfzerbrechen bereiten. „Kurzfristig orientierte, taktische Investoren gehen gerade raus“, sagt Wenger.

Hedgefonds etwa, die sich von Aktien und Anleihen mehr Rendite versprechen und einen weiteren Preisverfall des Goldes fürchten. Mittel- und langfristig erwartet Wenger aber wieder steigende Kurse. „Überlegen Sie mal: Alles je geförderte Gold der Geschichte passt in einen Würfel mit nicht einmal 21 Metern Kantenlänge, so rar ist es“, sagt der Österreicher.­ „Die strategischen Investoren sind im Markt geblieben.“ Und die mächtigsten Spieler am Goldmarkt nutzen den Verfall sogar für Zukäufe.

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Wie Nuggets sehen die Kristalle aus © Binner/Maramotti
Goldene Verführer: Wie Nuggets sehen die Kristalle aus. Zum Kaffee reicht Degussa leider nur gefärbten Zucker

Die Tresorwächter

Seine Rede vom vergangenen September hat Jens Weidmann viele Freunde in der Gold-Community beschert. Ein „ zeitloser Klassiker“ sei das Edelmetall als Tausch-, Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel, erklärte der Bundesbankchef damals. Und fügte hinzu: „Heutiges Geld ist durch keinerlei Sachwerte mehr gedeckt. Banknoten sind bedrucktes Papier – die Kenner unter Ihnen wissen, dass es sich im Fall des Euro eigentlich um Baumwolle handelt.“ Und gegen Baumwolle wird die Bundesbank ihre 3391 Tonnen Gold kaum eintauschen.

Im Gegenteil, Weidmanns Leute arbeiten daran, einen Teil des Schatzes heimzuholen. Hat sich die Bundesbank doch zum Ziel gesetzt, „zur Vertrauensbildung im Inland“ künftig die Hälfte ihrer Reserven auf deutschem Boden zu lagern. Es ist eine abenteuerliche Idee der Deutschen, zumal es Legenden gibt, dass ihr Gold gar nicht mehr da sei. Also muss die Bundesbank bis 2020 insgesamt 674 Tonnen aus den Tresoren der französischen Nationalbank in Paris und der New Yorker Fed nach Frankfurt schaffen.

Die Bundesbank verweigert eine offizielle Auskunft über die Geheimtransporte. Insider sprechen von einem „logistischen Kraftakt“. Ihnen zufolge müssen Spezialisten zunächst jeden der rund 54000 Barren in Paris und New York wiegen, mit Ultraschall- sowie Röntgenfluoreszenzanalyse auf Echtheit und seinen Goldgehalt überprüfen. Danach wird jedes Stück eingebucht, mit einer eigenen Chargennummer versehen. Und dann der Transport! Derartige Goldmengen werden aus Sicherheitsgründen ausschließlich per Flugzeug befördert. Die Jets dürfen pro Flug höchstens eine Tonne mitführen; zu groß wäre der Wertverlust im Falle eines Absturzes. „Wenn sie es bis 2020 hinkriegen, ist das schnell“, sagt ein Szenekenner.

So viel Gold besitzen die Zen­tralbanken, dass sie den Preis in ihrer Hand haben. 31700 Tonnen haben sie in ihren Tresorräumen, die Weltproduktion von elf Jahren. Ein Hundertstel davon auf den Markt geworfen, und sie würden einen historischen Crash auslösen. Das macht diesen Markt so besonders; weil so viele mitspielen – vom Kleinanleger bis zur Notenbank. Aber diese verkaufen nicht, sie kaufen. Russland etwa, die Türkei und Kasachstan haben ihre Horte gerade um mehrere Tonnen aufgestockt.

Die Haltung der Währungshüter zum Gold hat sich mehrmals gedreht, der Goldstandard – also eine durch Gold gedeckte Währung – wurde in der Geschichte der Menschheit mehrmals eingeführt und wieder aufgegeben. Zuletzt 1973, als das in den 40er-Jahren etablierte System von Bretton Woods scheiterte. Seit den 80ern verkauften die Notenbanken deshalb ihre Bestände. Ergebnis: der Feinunzenpreis sackte bis auf 253 Dollar ab. Der Wendepunkt kam 1999: 15 führende Zentralbanken, ­unter ihnen die Bundesbank, verpflichteten sich, zusammen maximal 400 Tonnen pro Jahr auf den Markt zu werfen. Dieses Limit tasten sie seit der Eskalation der Finanzkrise 2008 nicht mehr an. 2010, zur Euro-Rettung, konvertierten die Notenbanken zu Goldkäufern. Gerade aufstrebende Volkswirtschaften wie China oder Südkorea nutzen Gold immer stärker als Währungsreserve. Kein Wunder: Ob Dollar, Euro oder Yen – das Misstrauen wächst gegenüber den gängigen Leitwährungen und ihren hoch verschuldeten Volkswirtschaften. In den obersten Etagen der Bankentürme. Und auf der Straße.

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Barren der Degussa © Binner/Maramotti
Barren der Degussa: Oben links eingeschweißt, liegt die Feinunze Gold

Der An- und Verkäufer

Seine besten Kunden bittet der Degussa-Chef in die erste Etage der Gründerzeitvilla. Die Stuckverzierungen an der Decke schimmern im gleichen Farbton wie die metallüberzogene Rose oder das Sonne-Mond-Logo am Revers von Wolfgang Wrzesniok. Alles, was glänzt, ist Gold, hier im Goldenen Saal des Hauptquartiers. Außer den Haribo-Goldbären, die zum Kaffee gereicht werden. Und die güldenen Zuckerkristalle in den durchsichtigen Briefchen, die aussehen wie kleine Nuggets, sind auch bloß eingefärbt.

„Wir verkaufen unsere Produkte über Emotion“, sagt Wrzesniok. Angefangen mit dem Firmennamen und dem Logo – das einzige, was sein Haus mit der alten Degussa gemein hat. Die traditionsreiche Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt produziert seit 2000 keine Edelmetalle mehr; sie gehört zum Evonik-Konzern. 2010 belebte August von Finck den Namen wieder. Der Milliardär kaufte Evonik die Markenrechte ab und startete den Goldhandel für jedermann – punktgenau zum neuen Edelmetallboom.

Degussa-Chef Wolfgang Wrzesniok © Binner/Maramotti
Degussa-Chef Wolfgang Wrzesniok: Jeden Tag wird der Markt analysiert

Die Emotionen, die Degussa verbreitet, sind nicht nur ­positiv. „Staatsschulden auf ­Rekordhöhe, hemmungslose Ausweitung der Geldmenge, Angst vor der weltweiten Rezession“, heißt es in der Anzeigenkampagne. „Noch nie war die ­Vermögensabsicherung durch physisches Gold so alternativlos.“

Klingt nach Panikmache. Aber genau so, behauptet Wrzesniok, denke auch die Kundschaft: „Man hat ein diffuses Gefühl, dass sich der Wert unseres Geldes verändert. Alle anderen Bankprodukte sind abstrakt, bestehen aus Papier. Hier kriegen die Menschen etwas zum Anfassen in die Hand.“ Und das lassen sie sich etwas kosten. Sie verzichten auf Zinsen, zahlen ein paar Euro Preisaufschlag für die Barren. Sogar eine Tafel mit 50 abbrechbaren Minis à ein Gramm können sie hier erwerben: Falls das Papiergeldsystem eines Tages kollabiert – und der Bäcker bezahlt werden muss. Ist das pure Paranoia?

Als Wrzesniok 1986 anfing, galt man in der Finanzwelt als Spinner, wenn man sich outete, physisches Gold zu horten. Dann platzte die Dotcom-Blase, lenkten Terroristen Flugzeuge in Hochhäuser, standen Banken und Staaten vor dem Ruin. Heute hat wohl ein beträchtlicher Teil der Trader, Fondsmanager, Ökonomen und Vorstände Barren im Tresor, ein paar halt: als Versicherung für ganz schlechte Zeiten.

Warten auf günstigere Kurse

Wer jetzt einsteigt, im großen Crash, sucht kaum den kurzfristigen Gewinn – zu steil zeigt der Trend nach unten. Er will sich für künftige Krisen wappnen. „Mein Eindruck ist, dass viele Anleger schon lange beschlossen haben, Gold zu kaufen“, sagt ­Wrzesniok. „Sie haben nur auf günstigere Kurse gewartet.“ Und seine besten Kunden seien keine Kleinanleger, sondern Vermögende.

Es ist der immense Aufwand, der Gold so begehrt macht. Letztlich bezahlen die Käufer all den Schweiß, den Peter Bergmans Minenarbeiter Hunderte Meter unter Tage und Erhard Oberlis Schmelzer vor ihren 1150 Grad heißen Öfen vergießen. Den Tüftlergeist, die Computermodelle, die Hightechgeräte, ohne die nichts geht in der heutigen Industrie.

Sie wissen, dass der Mensch den Euro seit 13 Jahren als Zahlungsmittel akzeptiert und dem Gold seit der Antike hinterherjagt. Dass sich Papiergeld beliebig vermehren lässt, Edelmetall aber nicht. Würde man alles je gefundene Gold verteilen, bekäme jeder Erdenbürger nicht mal 25 Gramm in die Hand: ein Stückchen, kleiner als eine Fotospeicherkarte, kleiner als die Feinunze in Wrzesnioks Hand. Ist dieses Plättchen an die 1 000 Euro wert?

„Das bestätigen 6000 Jahre Geschichte“, sagt Wrzesniok. „Damals hätte sich die Menschheit auch für seltene Muscheln als Wertaufbewahrungsmittel entscheiden können.“

Hat sie aber nicht. Dazu glitzert es einfach zu schön, das Gold.

Der Text erschien zuerst in Capital 08/2013. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.  


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