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Strompuffer kostet bis zu 100 Mio. Euro

, Thomas Steinmann

Zur Absicherung der Energiewende sollen ab 2018 neue Reservekraftwerke für den Notfall bereitstehen. Für den Sicherheitspuffer zahlen die Verbaucher - aber weniger als zunächst kalkuliert

© Getty Images
Als Backup für den neuen Strommarkt plant der Bund eine fossile Kapazitätsreserve

Der künftige Sicherheitspuffer für den Strommarkt wird die Verbraucher weniger kosten als zunächst geplant. Wie aus dem Entwurf für die sogenannte Kapazitätsreserveverordnung hervorgeht, rechnet die Bundesregierung für die Bereithaltung von Reservekraftwerken mit einer Gesamtleistung von 2 Gigawatt mit Kosten von 50 bis 100 Mio. Euro pro Jahr. Ein früherer Verordnungsentwurf vom Oktober 2015 hatte noch einen Puffer von rund 4 Gigawatt vorgesehen. Damals hatte die Bundesregierung die Kosten für die Absicherung, die über die Netzentgelte auf die Verbraucher umgelegt werden, auf 130 bis 260 Mio. Euro pro Jahr geschätzt.

Die Kapazitätsreserve, die in etwa vier größeren Kohlekraftwerken entspricht, soll ab dem Winterhalbjahr 2018/2019 für den Notfall vorgehalten werden. Die Anlagen stehen außerhalb des Strommarktes, sie sollen nur in Ausnahmesituationen auf Anforderung der Übertragungsnetzbetreiber hochgefahren werden, wenn die Stromnachfrage das Angebot übersteigt – beispielsweise bei extremer Flaute und Dunkelheit. Welche Kraftwerke die Reserve bilden, sollen die Übertragungsnetzbetreiber alle zwei Jahre in einem Ausschreibungsverfahren ermitteln. Auf diese Weise sollen die Kosten für die Stromverbraucher möglichst niedrig gehalten werden.

Laut Verordnung erwartet die Bundesregierung durch den Sicherheitspuffer eine „geringfügige Erhöhung“ der Strompreise für Verbraucher im Bereich von 0,01 bis 0,021 Cent pro Kilowattstunde – je nach Ergebnis des Ausschreibungsverfahrens. In dem früheren Entwurf waren die Kosten noch auf 0,028 bis 0,055 Cent pro Kilowattstunde beziffert worden. Nach der Billigung im Bundeskabinett soll die Verordnung Anfang 2017 in Kraft treten. Kommendes Jahr soll auch die erste Ausschreibung erfolgen.

Die Kapazitätsreserve ist eine Ergänzung des „Strommarkts 2.0“, den die Bundesregierung für die Energiewende mit ihrem wachsenden, aber schwankenden Angebot an Ökostrom anstrebt. Demnach sollen die für die Versorgungssicherheit zuständigen Netzbetreiber ausschließlich bei Engpässen in den Markt eingreifen – nicht etwa, um in Knappheitssituationen extreme Preisspitzen abzufedern. Die Anlagen in der Kapazitätsreserve sollen daher nur als Absicherung für „nicht vorhersehbare Extremsituationen“ dienen – als „Gürtel zum Hosenträger“, wie es Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nennt.

Keine Rückkehr auf den Markt

Für das Vorhalten der Kraftwerksleistung für den Notfall erhalten die Betreiber eine Vergütung, die über die Netzentgelte finanziert wird. Hinzu kommen Zahlungen für den Fall, dass die Kraftwerke tatsächlich angefordert werden. Diese Kosten müssen die Verursacher eines Notfalleinsatzes tragen – also Stromlieferanten, die zu wenig Strom eingekauft haben und ihren Lieferverpflichtungen nicht nachgekommen sind. Der Verordnung zufolge dürfen Kraftwerke, die nach Ablauf der Vertragszeit von mindestens zwei Jahren aus der Kapazitätsreserve gehen, nicht auf den regulären Markt zurückkehren und müssen stillgelegt werden.

Der überarbeitete Verordnungsentwurf ist das Ergebnis einer Systemanalyse des deutschen Strommarkts, die Bundesregierung und EU-Kommission im Sommer vereinbart haben. In der Analyse sollte auch die grundstätzliche Notwendigkeit einer Kraftwerksreserve geprüft werden. Zuvor hatte es beihilferechtliche Bedenken gegen bestimmte Teilen der Strommarktreform gegeben – unter anderem gegen die geplante Kohlereserve.

Die Bundesregierung will – zusätzlich zu der Kapazitätsreserve – als Beitrag zum Klimaschutz acht Braunkohleblöcke mit einer Gesamtleistung von 2,7 Gigawatt in eine „Sicherheitsbereitschaft“ überführen und nach vier Jahren endgültig stilllegen. Dafür sollen die Betreiber eine Entschädigung in Höhe von 230 Mio. Euro pro Jahr kassieren. Auch diese Kosten werden auf die Netzentgelte umgelegt.

Der Entwurf der Kapazitätsreserveverordnung wurde Anfang November an die Bundesländer und Branchenverbände zur Stellungnahme verschickt. Der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne), der Energielieferanten und Anbieter von Energieservices vertritt, warnte in seiner Reaktion davor, sich ausschließlich auf die Erzeugungsseite zu konzentrieren. Über das Lastmanagement lasse sich viel günstiger Reserveleistung vorhalten als über Kraftwerke, sagte bne-Geschäftsführer Robert Busch. „Dafür könnten Pools von Anlagen aufgebaut werden, die dann bei Bedarf etwa den Strombezug aus dem Netz reduzieren.“ Dieser sinnvolle Ansatz sei im Verordnungsentwurf jedoch nicht vorgesehen, sagte Busch. Zwar sei dort von Technologieoffenheit für die benötigten Reservekapazitäten die Rede. „Tatsächlich sehen wir aber für regelbare Lasten und Speicher einige Hürden.“

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