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Emmanuel Macron - Le Hoffnungsträger

, Leo Klimm

Zwei Jahre lang diente Emmanuel Macron als Wirtschaftsminister unter François Hollande. Nun will er selbst Präsident Frankreichs werden. Kann der 38-Jährige das? Capital hat ihn begleitet

Macron besucht ein Einwandererviertel in Montpellier und wird mit marokkanischem Gebäck bewirtet © Stephanie Füssenich
Macron besucht ein Einwandererviertel in Montpellier und wird mit marokkanischem Gebäck bewirtet

Der alte Mann mit dem Käppi hält Emmanuel Macron ein Einmachglas unter die Nase. Darin klebt eine schwarze Masse. Macron schnuppert neugierig hinein. „Was ist das?“, fragt er. „Trüffel?“ Der Mann mit dem Käppi grinst: „Es ist ein Traum!“ Ja, sicher, Joël Joie handelt mit Trüffeln. Vor allem aber verkauft er mit der Spezialität eben: „einen Traum“. Macron lächelt den Mann an und erwidert: „Da haben wir ja denselben Beruf!“ Träume von Frankreich verkaufen.

Es ist früh am Morgen, Emmanuel Macron sitzt in einem TGV, der mit Tempo 320 nach Paris donnert. Am Vorabend hatte der Jungstar der französischen Politik einen Auftritt vor 1500 Anhängern in einer Konzerthalle in Montpellier. Draußen ist es noch dunkel, aber sein jugendliches Gesicht zeigt keine Spur von Müdigkeit. Anzug und Krawatte sitzen perfekt, wie immer. Macron, seine Mitarbeiter und seine Frau lesen Zeitung und halten Morgenbesprechung, dazwischen wischt Macron über seine zwei Smartphones, checkt Nachrichten, schreibt Mails.

„Monsieur le Président“, so hat ihn der Trüffel-Mann angesprochen, der im selben Wagen fährt. Die Anrede als Staatschef ist kein bisschen ironisch gemeint, eher Ausdruck eines Wunsches. Eigentlich, sagt Joël Joie, hatte er beschlossen, nicht mehr wählen zu gehen. Aber wenn Macron – der gerade Frankreichs politisches Establishment aufscheucht – im Frühjahr zur Präsidentenwahl antreten sollte, dann würde Joie ihm seine Stimme geben. „Treten Sie an?“, fragt ihn der Trüffelhändler. Macron lächelt – und schweigt.

„Es sind Helden nötig“

Das Schweigen währte nicht lange: Macron kandidiert. Der Traum, den Macron seit Monaten seinen Landsleuten verkauft, lautet: „Frankreich neu gründen.“ Nichts weniger. Um ihn zu verwirklichen, muss sich aber erst ein anderer Traum erfüllen, den er bisher nicht laut ausgesprochen hat: Macron, studierter Philosoph, Ex-Bankier und Ex-Wirtschaftsminister, müsste zum Präsidenten gewählt werden. „Sky is the limit“, sagt Macron, wenn er auf seinen Ehrgeiz angesprochen wird. Das ist mehr als eine Andeutung. „In der Politik sind Helden nötig“, sagt er. Umfragen sehen ihn auf Platz zwei vor dem konservativen Kandidaten François Fillon und hinter der Rechtspopulistin Marine Le Pen. In einer möglichen Stichwahl hat er gute Chancen gegen die Kandidatin des Front National.

Das Gefühl, zum höchsten Staatsamt der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt berufen zu sein, mag sich aus Macrons bisherigem Leben erklären, aus seinem kometenhaften Aufstieg. Vor zweieinhalb Jahren kannte ihn außerhalb der Pariser Elitezirkel niemand. Bis der Sozialist Hollande, der doch als „Feind der Hochfinanz“ angetreten war, seinen wirtschaftsfreundlichen Berater zum Minister machte. Der überflügelte dann nicht nur den Präsidenten an Beliebtheit, sondern fast alle Politiker. „Kann sein, dass ihm das etwas zu Kopf gestiegen ist“, sagt einer, der Macrons Wandlung zum Spitzenpolitiker aus nächster Nähe im Ministerium verfolgt hat. Macron – der sich einmal als Sozialdemokrat verstand, heute aber lieber als „Progressist“ bezeichnet, als Anti-Konservativer – hat sich schließlich nie einer Wahl gestellt. Da könnten die Ambitionen wie Übermut wirken. Wie Größenwahn.

Auf Trüffelhändler Joie und Millionen andere wirkt das nicht so. Für sie ist der junge Mann die Hoffnung auf Veränderung. Frankreichs politisches System nährt seit Jahrzehnten eine selbstgefällige Kaste, die eine Erneuerung der Personen und Programme unterdrückt – und so den Aufstieg des rechtsextremen Front National (FN) begünstigt hat. Die Wirtschaft dümpelt seit der Finanzkrise vor sich hin, die Arbeitslosenquote pendelt um die zehn Prozent. Als Antrieb für Europa fällt Frankreich schon lange aus.

Eine blau-weiß-rot angestrahlte Halle – und zum Schluss die Hymne. Beim Meeting seiner Bewegung in Montpellier zeigt sich Macron staatsmännisch © Stephanie Füssenich
Eine blau-weiß-rot angestrahlte Halle – und zum Schluss die Hymne. Beim Meeting seiner Bewegung in Montpellier zeigt sich Macron staatsmännisch

Macrons Traum ist das Gegenteil des verzagten Frankreich der vergangenen Jahre. Er will, dass „liberal“ in seiner Heimat nicht mehr als Synonym für „Raubtierkapitalismus“ steht, er will das Land für die Globalisierung öffnen und sieht in der Digitalisierung mehr Chancen als Risiken. Er bricht mit französischen Tabus, wenn er die gesetzliche 35-Stunden-Woche, den Beamtenstatus und die Vermögenssteuer infrage stellt. Wenn er Gewerkschaftern, die ihn auf der Straße wegen seiner Maßanzüge angreifen, aufreizend entgegnet: „Die beste Art, sich einen Anzug zu leisten, ist zu arbeiten.“ Auf die Frage, was ihm zufolge das französische Kernproblem ist, antwortet er: „Es ist die Beziehung zur Arbeit, zum Geld, zur Innovation, zur Globalisierung, zu Europa, zu Ungleichheiten.“

Mit dieser Schonungslosigkeit hat Macron die linke Regierungsmehrheit gespalten. Doch es gibt viele, die von den etablierten Parteien frustriert sind und denen er aus der Seele spricht – die aber nicht die Abschottung des FN wünschen. Macron sieht sich als Gegenangebot zu FN-Chefin Le Pen. Der frühere Premierminister Manuel Valls wirft ihm Populismus vor, weil Macron sich gegen „das System“ in Stellung bringt. Sollte Demokratie Populismus sein, so sei er gerne Populist, sagt Macron.

Wo er auftaucht, drängen sich die Menschen um ihn wie um einen Rockstar. Auch im TGV nach Paris kommen ständig Fahrgäste und sogar der Schaffner, um Selfies mit ihm zu machen. Macron sagt nie Nein. Er kann schlecht verbergen, wenn er sich in seiner Eitelkeit geschmeichelt fühlt. Er knipst dann sein Passepartout-Lächeln an und richtet die stahlblauen Augen auf das hingestreckte Smartphone.

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Mit 38 hat er sieben Enkel

Der Blick geradeheraus, meist freundlich, manchmal fordernd, nie misstrauisch. Das Gesicht glatt, die Geheimratsecken glänzend. Nicht immer bescheiden, aber stets beherrscht. Entspannt, aber die Manieren tadellos. So ist Emmanuel Macron. In seinem Ministerjob, berichten ehemalige Mitarbeiter, habe er auch in Stresssituationen immer die Fassung behalten, sei nie laut geworden. Für einen, der politisch Kante zeigt, wirkt er manchmal fast zu glatt. Es gehört zu Macrons Widersprüchen, dass er geschliffen-elitär und unkonventionell-rebellisch zugleich daherkommt.

Unkonventionell etwa ist die Ehe mit seiner 20 Jahre älteren Frau. Genauer: mit seiner früheren Lehrerin am Jesuitenkolleg seiner Geburtsstadt Amiens. Als 17-Jähriger macht ihr der Arztsohn in der Theater-AG Avancen. Emmanuel und Brigitte werden schnell ein Paar. Sie lässt sich scheiden, bringt drei Kinder in die 2007 geschlossene Ehe mit. Inzwischen ist Macron siebenfacher Großvater, wenn auch nicht leiblicher. Bei Auftritten beklatscht die große Blonde ihn stolz aus der ersten Reihe. Längst zählt die Pariser Regenbogenpresse das Paar zu ihren Lieblingen.

Macron und seine Frau Brigitte lesen, was die Zeitungen über seinen Auftritt am Vortag schreiben. Seit er nicht mehr Minister ist, reist er öfter zweiter Klasse. Da er keine Partei im Rücken hat, muss gespart werden © Stephanie Füssenich
Macron und seine Frau Brigitte lesen, was die Zeitungen über seinen Auftritt am Vortag schreiben. Seit er nicht mehr Minister ist, reist er öfter zweiter Klasse. Da er keine Partei im Rücken hat, muss gespart werden

Die Frau aber, die Macron am meisten geprägt hat, jedenfalls politisch, ist seine Großmutter. Sie war Schuldirektorin und hat ihn großgezogen. Ihretwegen verortet er sich eher links. Sie hat ihm die Werte der französischen „Meritokratie“ vermittelt, der zufolge Schule sowohl soziale Gerechtigkeit garantieren als auch die Besten belohnen muss.

Der Wunderknabe Emmanuel war immer unter den Besten. In der Schule, bei Klavierwettbewerben oder später als Philosophiestudent. 2002 schafft er den Sprung an die Hochschule ENA, Frankreichs Kaderschmiede. Er arbeitet drei Jahre als Topbeamter in der Finanzverwaltung – bis vom Geldhaus Rothschild ein Angebot kommt, das er nicht ausschlagen kann. Er wird M-&-A-Banker, Spezialist für Fusionen und Übernahmen. Mit nicht einmal 30 Jahren gehört er zur Pariser Staats- und Geldelite zugleich. Nebenbei frönt er mit Savate, einer Art Kickboxen, einem aparten Hobby. Heute ist er braver: Er joggt und spielt Tennis.

Die frühere Tätigkeit als Partner bei Rothschild nutzen seine Gegner von der extremen Linken und Rechten für den Vorwurf, Macron sei ein Büttel des globalen Finanzkapitalismus. „Ich betrachte meine Vergangenheit als Bankier als Trumpf“, sagt Macron trotzig. „Ich weiß, wie die Globalisierung läuft und was die private Wirtschaft ist.“ Nie in einem Unternehmen gearbeitet zu haben, wie das bei Frankreichs Politikern die Regel ist, sei dagegen kaum eine Qualifikation, um die Welt des 21. Jahrhunderts zu verstehen und Probleme zu lösen.

Ein Motiv Macrons für den Wechsel zu Rothschild 2007: Er will finanziell unabhängig werden – weil er damals schon von einer späteren Karriere in der Politik träumt. 2011 ergibt sich eine Gelegenheit: Macron beginnt, den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Hollande in Wirtschaftsfragen zu beraten. Im Frühjahr 2012 schließt er als Banker noch schnell einen 12-Mrd.-Dollar-Deal zwischen Nestlé und Pfizer. Dann nimmt er den Job als Vizeamtsleiter des frisch gewählten Hollande an. Er tauscht das Büro bei Rothschild gegen ein bescheidenes Zimmer im Elysée-Palast und das Millionärsgehalt gegen Macht. Oder gegen das, was er für Macht hält.

Die Arbeit an Hollandes Seite beschleunigt seinen Aufstieg zwar weiter. Doch sie gründet in einem tiefen Missverständnis, das sich Macron erst allmählich eingesteht: Hollande glaubt, Frankreich sei nur im Schongang zu reformieren. Macron dagegen meint, das Land brauche radikale Veränderungen in Wirtschaftspolitik und Sozialsystem.

Blitzeinschlag

Am 15. Mai 2012 sprüht Macron noch vor Optimismus. Es ist der Tag von Hollandes Amtsübernahme. Der neue Staatschef stattet Angela Merkel mit seinen engsten Mitarbeitern sofort den Antrittsbesuch ab. Der Flug nach Berlin ist abenteuerlich. Ein Blitz trifft den Präsidentenjet so schwer, dass er zunächst nach Paris umkehren muss. Am Abend, endlich, steht ein sichtbar glücklicher Macron im strömenden Regen vor dem Kanzleramt. Als Merkel und Hollande den roten Teppich abschreiten, grinst er die deutsche Kanzlerin an und schüttelt ihr energisch die Hand. „Ich hatte das Gefühl, es würde sich ein neues Kapitel öffnen“, erzählt er. „Ich hoffte, dass wir in Frankreich Reformen vornehmen und Europa verwandeln würden.“

Denn das ist Macrons Grundidee: Wenn Frankreich spart und seine Wirtschaft dynamischer macht, wird Deutschland im Gegenzug zu einem europäischen Budget, einem Finanzausgleich und zu Investitionen bereit sein. Zu mehr Europa. Hollande folgt der Idee nicht. Doch Macron hat sie nicht aufgegeben: „Wenn wir es schaffen, die Dinge in Frankreich zu verändern, wird das eine wichtige Botschaft an die Deutschen sein.“

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Anfang 2014, als er noch Präsidentenberater ist, bewegt er Hollande immerhin zu einer deutlichen Entlastung von Unternehmen. Trotzdem quittiert er im Frühsommer frustriert den Job. Um sich kurz darauf doch wieder von Hollande ködern zu lassen – mit dem Posten als Wirtschaftsminister. Sofort trifft ein Gesetz, das eher behutsam Dienstleistungsmärkte liberalisiert, auf heftigen Widerstand. Der Kampf macht Macron erst richtig bekannt.

Im Herbst 2015 stoppen Hollande und Premier Valls alle weiteren Pläne ihres Sturm-und-Drang-Ministers. Den Bruch bringt aber ein anderes Thema: Nach den islamistischen Anschlägen vom 13. November 2015 spricht Macron Frankreichs eigene Verantwortung an. Die Problemviertel des Landes seien ein „Mutterboden“ für radikale Islamisten. Er wendet sich auch gegen die Aberkennung der französischen Staatsbürgerschaft für Terrorverdächtige, die Hollande von den Rechten übernehmen will. Für diese Abweichungen von der Regierungslinie wird er öffentlich gerügt. Wer ihm in jenen Wochen begegnet, erlebt ihn ungewöhnlich angespannt, er kann seine miese Stimmung nicht verbergen.

In dieser Zeit reift aber auch ein Plan zur Machteroberung – und den exekutiert Macron seitdem eiskalt. Nicht umsonst ist der Philosoph ein Machiavelli-Spezialist. Im April 2016 gründet er seine Bewegung „En Marche!“ – was etwa „In Bewegung setzen“ bedeutet. Die Initialen sind auch die seines eigenen Namens.

Emmanuel Macron (l.) und Francois Hollande © Getty Images
Präsident Hollande (r.) machte Macron zu seinem Wirtschaftsminister. 2015 kam es zum Bruch

Macron schickt Freiwillige los, die von Tür zu Tür ziehen, um 25.000 Menschen nach ihren politischen Wünschen zu befragen. Es mangelt ihm nicht an freiwilligen – oft jugendlichen – Helfern. Ende August schließlich tritt er als Minister zurück, um, wie er sagt, seine Freiheit zurückzugewinnen. Er könnte auch sagen: um anzugreifen. Mangelnde Loyalität gegenüber Hollande bestreitet er aber. Womöglich wartet er nur ab, ob der frühere Mentor auf eine Kandidatur verzichtet, bevor er selbst aus der Deckung kommt.

Was Macron noch fehlt, ist ein Wahlprogramm. Eckpunkte hat er im Kopf, es geht um Bildung und Arbeit – klassische sozialliberale Themen. Öffentlich hat Macron bisher mehr kritisiert und proklamiert als konkrete Vorschläge gemacht.

Das ist auch bei dem Auftritt in der Konzerthalle von Montpellier so. Konkret wird er nur flüchtig, als er die Umstellung der Arbeitslosenversicherung auf Steuerfinanzierung vorschlägt, um den Faktor Arbeit zu entlasten. Ansonsten bleibt er vage: „Ich will einen Staat, der nicht nur die schützt, die ohnehin schon geschützt sind.“ Zugleich versichert er, an der Tradition des starken Staates festzuhalten. Als Minister zeigte sich Macron auch durchaus interventionistisch. Und als Wahlkämpfer übt sich der Ex-Investmentbanker neuerdings in Kapitalismuskritik. Der Liberalismus, den er vertreten will, ist der, den ihm seine Großmutter mitgab: Der Staat hat für Chancengleichheit und soziale Mobilität durch Bildung und durch Infrastruktur zu sorgen. Und für Sicherheit und Ordnung natürlich.

Macron will konsensfähig werden. Man merkt, wie ihn das manchmal schon konventionell macht. In Montpellier spricht er über sein Bild von Frankreich. Er beschwört die gleichen nationalen Symbole wie alle französischen Politiker – von Johanna von Orléans bis Charles de ­Gaulle. Er trägt auch Krawatte, obwohl er sie früher gern wegließ. Das habe mit dem Respekt vor seinen Anhängern zu tun, verteidigt er sich. „Es gibt so Erwartungen. Es gibt Dinge, die sind statusbezogen.“ Subtext: Von einem, der sich das höchste Amt zutraut, verlangen die Franzosen Schlips.

Natürlich hat er Schwächen. In Montpellier etwa liest Macron vom Blatt – und darin ist er nicht gut. Er hat Mühe, sein eigentlich williges Mittelschichtpublikum mitzureißen. Charismatisch ist Macron, wenn er frei spricht. Oder im direkten Kontakt mit Leuten.

Vor der Rede hat er in einem von Montpelliers Elendsvierteln ein Heim besucht, in dem ein Verein Alphabetisierungskurse anbietet. Die meisten Zuhörer stammen aus dem Maghreb, er sitzt ihnen als feiner Herr aus Paris gegenüber. Aber es herrscht keine Distanz. Die Menschen klagen ihm ihre Sorgen: Arbeitslosigkeit, Drogen, Gettoisierung. Macron hört zu. Dann sagt er: „Sie leben hier wie unter Hausarrest! Sie werden mit Sozialhilfe und Geld für Renovierungsprojekte ruhiggestellt.“ Raunen. Projekte aus Staatsgeld seien ihm aber lieber, ergänzt Macron, als wenn Salafisten das Viertel mit ihren sozialen Einrichtungen und Schulen unterwandern.

Beim Ausstieg aus dem TGV  in Paris macht eine Anhängerin  ein Selfie mit Macron © Stephanie Füssenich
Beim Ausstieg aus dem TGV in Paris macht eine Anhängerin ein Selfie mit Macron

„Monsieur Macron, Sie diskriminieren hier unsere Religion!“, ruft da ein Mann und wird ziemlich laut. „Sie setzen uns gleich mit Terroristen!“ – „Okay“, antwortet Macron, „lassen Sie uns cash miteinander reden. Ihre Religion ist mir egal. Nicht egal ist, wenn Salafisten gegen die Werte und Gesetze der Republik verstoßen!“ Der Streit ist heftig. Am Ende aber hat Macron die meisten im Publikum auf seiner Seite. Als er geht, dauert es wieder lang, bis alle Fans ein Selfie mit ihm haben.

„Wir müssen dafür sorgen“, sagt Macron später, „dass sie in diesen Vierteln stolzer darauf sind, Franzosen zu sein als Muslime.“ Er wiederum muss dafür sorgen, dass er mit anderen als nur mit Wirtschaftsthemen wahrgenommen wird. Die Wahl 2017 wird sich mindestens so sehr um Integration, Islam und Terrorbekämpfung drehen wie um Wirtschaft und Arbeit.

Umfragen deuteten darauf hin, dass Macron zwar der stärkste Anwärter links der Konservativen ist – dass die Wahl 2017 jedoch zwischen den Konservativen und Marine Le Pen entschieden wird. Eigentlich hat Macron keine Chance. Diesmal. Doch Fillon wird verdächtigt, seiner Frau in seiner Abgeordnetenzeit 500.000 Euro an Staatsgeldern zugeschoben zu haben, ohne dass sie dafür gearbeitet habe. Fillons Glaubwürdigkeit ist angekratzt, das erhöht die Chancen Macrons.

Im TGV blinzelt Macron in die Morgensonne, die hereinscheint. „Ich werde nicht mein Leben mit Politik verbringen“, sagt er. Und fügt etwas pathetisch an: „Aber ich bin entschlossen, meinem Land mehrere Jahre zu schenken.“ Und wenn es diesmal nicht klappt, 2022 ist die nächste Präsidentschaftswahl. Er ist dann ja erst 44 Jahre alt.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 12/2016 erschienen. Er wurde leicht aktualisiert.


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