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Fake-News-Business

, Kathrin Werner

Fake News sind eine Gefahr für die Demokratie? Stimmt. Nebenbei sind sie ein einträgliches Geschäft. Von Kathrin Werner

© Getty Images

Der Mogul der Fake News hockt am Straßenrand. Aschblonde Stoppelfrisur, runder Kopf, weißer Hemdkragen unterm Pulli, 40 Jahre alt, unauffälliger kann man kaum aussehen. Jestin Coler rutscht auf dem Bordstein hin und her. Die Stirn in Falten tippt er auf sein Smartphone. Schon wieder so viele E-Mails, die er beantworten muss. Anfragen von Journalisten und Geschäftskontakten, Glückwünsche von Kollegen. Coler ist ein gefragter Mann.

Kaum jemand kann besser davon erzählen, wie man die hungrigen Mäuler der extremen Rechten in den Vereinigten Staaten mit den Nachrichten füttert, nach denen sie gieren: Geschichten, die in ihr Weltbild passen, aber nicht unbedingt stimmen. Colers Geschichten stimmten nie. Er hat mit ihnen ein Fake-News-Imperium hochgezogen, eine Maschinerie, die frei erfundene Nachrichten in die Welt setzt. Er hatte kaum Medienerfahrung, keinen Verlag, keine Firmenzentrale – aber lukrative Einkünfte. Coler weiß genau, wie Fake News funktionieren. Er ist nach Austin in Texas gereist, um beim Medienfestival South By Southwest von seinem Aufstieg in der Unterwelt der Lügenmedien zu erzählen. Nun, nach seinem Auftritt vor Tausenden kopfschüttelnden und empört grummelnden Konferenzbesuchern, hockt er auf dem Bürgersteig.

Kurz vor der US-Wahl behauptete der „Denver Guardian“, dass ein FBI-Agent, der zu Hillary Clintons E-Mail-Affäre ermittelte, seine Frau und dann sich selbst getötet habe. Es gab weder die Morde noch den Agenten
Kurz vor der US-Wahl behauptete der „Denver Guardian“, dass ein FBI-Agent, der zu Hillary Clintons E-Mail-Affäre ermittelte, seine Frau und dann sich selbst getötet habe. Es gab weder die Morde noch den Agenten

Disinfomedia hat Coler sein Unternehmen genannt, seine Medien trugen seriös klingende Namen: „National Report“, „Denver Guardian“, dazu noch Abklatsche tatsächlicher Zeitungen unter Links wie USAToday.com.co. Verschwörungstheorien, Geschichten über Sozialschmarotzer oder Hillary Clintons Schandtaten liefen besonders gut, erzählt er. Seine berühmteste Geschichte erschien drei Tage vor der US-Präsidentenwahl. Sie handelt von einem frei erfundenen FBI-Agenten, der Clintons E-Mail-Server-Missbrauch recherchieren sollte – und dann tot aufgefunden wurde. Selbstmord. „FBI Agent Suspected In Hillary Email Leaks Found Dead In Apparent Murder-Suicide“, titelte Coler auf seiner Website „Denver Guardian“. 1,6 Millionen Menschen lasen den Artikel. Bei Facebook wurde er mehr als 500.000-mal gelikt, kommentiert und weiterverbreitet. Er zählte zu den fünf größten Fake-News-Geschichten in dem sozialen Netzwerk. Drei Tage nach der Veröffentlichung verlor Clinton die Wahl.

Coler zuckt mit den Schultern. „Ist es wirklich die Verantwortung von Herausgebern, nur Geschichten zu veröffentlichen, die wahr sind?“, fragt er. „Die Leute sollten selbst die Fakten checken. Es ist einfach. Bei manchen meiner Geschichten hätte man in zwei Sekunden herausfinden können, dass sie erfunden sind.”

Wie groß der Einfluss von falschen Nachrichten wie Colers auf die US-Wahl tatsächlich war, lässt sich schwer messen. Eine Studie der Universität Stanford kam gerade zu dem Ergebnis, dass soziale Medien, die Fake-News-Seiten wie die von Coler für ihre Verbreitung brauchen, bei Weitem nicht die wichtigste Nachrichtenquelle für die meisten Amerikaner war. Nur 14 Prozent gaben in einer Umfrage an, Facebook und andere Netzwerke seien ihre bevorzugte Quelle für politische Informationen. Bei den meistverbreiteten Lügenartikeln war laut der Studie außerdem gut der Hälfte der Leser klar, dass sie erfunden waren. Trotzdem bleibt es ein Fakt, dass gefälschte News aus der Pro-Trump-Ecke in den drei Monaten vor der Wahl 30 Millionen Mal weiterverbreitet wurden. Nachrichten, die zu Clintons Gunsten erfunden wurden, kamen gerade mal auf ein Viertel davon.

Parodie der rechten Medien

Die US-Website „Buzzfeed“ hat festgestellt, dass sich in den drei Monaten vor der Wahl komplett erfundene Artikel in sozialen Medien sogar weiter verbreitet haben als die wichtigsten Nachrichten von Seiten wie der „New York Times“ oder „Washington Post“. Wahrscheinlich waren Fake News und die Möglichkeit, sie so schnell und einfach über soziale Medien zu verbreiten, ein Faktor von vielen, der für Stimmung gegen Clinton gesorgt, die Glaubwürdigkeit der etablierten Medien schleichend ausgehöhlt und die ohnehin verfeindeten Lager in den USA gegeneinander aufgehetzt hat, sagt Studienautor und Stanford-Professor Matthew Gentzkow. All das habe „möglicherweise den Grad der Polarisierung in diesem Land radikal verändert.“ Und je mehr sich Fake News verbreiten, desto schwerer wird es, Wahrheit und Lüge auseinanderzuhalten. Besonders in einer Zeit, in der die Gesellschaft ohnehin gespalten ist und der Präsident selbst Verschwörungstheorien verbreitet.

Für Coler und viele seiner Branchenkollegen geht es gar nicht um Politik und Polarisierung, Fake News sind vor allem ein Geschäft. Umsätze bringen die Werbeanzeigen neben den Geschichten. 5000 bis 7000 Dollar pro Story seien realistisch, im besten Jahr habe er so eine sechsstellige Summe eingenommen, sagt Coler. Trump zum Sieg verhelfen wollte er ganz und gar nicht, er ist Demokrat und alles andere als Trump-Fan. Er lebt mit Frau und zwei Kinder in einem Mittelklasse-Vorort von Los Angeles. Angefangen hat sein Imperium im Jahr 2013 mit der Website „National Report“. Sie war als Satire gedacht. „Ich wollte einfach sehen, was die Leute alles glauben.“ Coler, der Politik und Kommunikationswissenschaften studiert hat, war fasziniert davon, wie sich Gedanken im Internet verbreiten. „Die Inhalte der Seite waren politisch. Aber das Ziel war nicht, die Wahl zu drehen. Es war überhaupt nicht politisch“, sagt er. „Der ,National Report‘ war eine Parodie der rechten Medien.“

Jestin Coler © Getty Images
Jestin Coler ist Gründer und Betreiber von Fake-News-Seiten wie dem "Denver Guardian"

Fake News an sich sind kein neues Phänomen, sie sind eine Form der Propaganda, eine Verwandte der politischen Lüge. Neu ist die Mechanik ihrer Verbreitung. Und dass nicht mehr unbedingt politische, sondern wirtschaftliche Interessen dahinterstehen. Im Internet lässt sich die Lüge schnell und ohne großen Aufwand oder Kosten vertreiben. Wer früher erfundene Artikel streuen wollte, musste Journalisten anlügen oder bestechen – oder selbst eine Zeitung besitzen, und das war teuer. Das Internet, dessen Stärke eigentlich darin liegt, Menschen Zugang zu Informationen zu geben, erreicht das Gegenteil: Es senkt die Eintrittsbarrieren in den Fake-News-Markt.

Ebola in den USA? Das Bild zeigt tatsächlich tote Truthähne – bloß ist es Jahre alt, die Tiere starben in einem Wirbelsturm - Foto: Getty Images

Coler und sein wachsender Stab beim „National Report“ hatten Spaß daran, sich neuen Irrsinn einfallen zu lassen – und dann zu beobachten, wie die Leute darauf hereinfielen: Obamacare-Versicherte sollen zwangsweise Funkchips implantiert werden! In Purdon, Texas, ist Ebola ausgebrochen! (Dabei gibt es nicht einmal die Stadt.) Mit Colers besten Geschichten, zum Beispiel darüber, dass die Empfänger von Lebensmittelmarken in Colorado diese für Marihuana-Einkäufe nutzten, kam er auf fast sieben Millionen Leser. Er und seine Schreiber jubelten, als ein echter Parlamentarier aus Colorado ein Gesetz ins Parlament einbrachte, mit dem er Lebensmittelmarkenkäufe von Gras verbieten wollte. Je mehr Aufmerksamkeit Colers Artikel bekamen, desto mehr Leute wollten bei ihm mitmachen. 2014 hatte er 20 Teilzeitmitarbeiter und Freiberufler, die für seine Seite schrieben.

„Am Anfang war alles nur ein Jux, ein paar Freunde, die online rumblödeln“, sagt Coler. „Dann kamen die Werbefirmen und wollten unsere Partner werden, das Ganze wurde mehr zu einem finanziellen Anreiz.“ 2015 bekam der „National Report“ Probleme, Facebook hatte den Algorithmus geändert und lenkte darum keine Facebook-Nutzer mehr auf seine Seite. „Wir hatten einen drastischen Einbruch der Leserzahlen“, sagt Coler. Und damit auch der Einnahmen. Ein bisschen war das Ganze wie eine Sucht, erzählt er. Er saß vor seinem Computer und beobachtete die Klickzahlen. „Du siehst, wie es abhebt“, sagt er. „Und danach willst du es wieder.”

FBI zahlt Hypothek

Nach einigen ruhigen Monaten setzte sich Coler an sein neues Projekt: den „Denver Guardian“. Es dauerte einen Nachmittag, die Seite zu programmieren. Sie lebte nicht lang, nach vier Tagen nahm er die Inhalte wieder runter, einen Tag nach der Wahl. „Ich habe in den Tagen vor der Wahl gesehen, wie meine Kollegen diese großen Geschichten veröffentlichen“, erzählt Coler. Das wollte er auch.

Über den „Denver Guardian“ hatte er schon lange nachgedacht. Die Adresse denverguardian.com war noch frei. Die echte Lokalzeitung der Stadt heißt „Denver Post“, aber wer weiß das schon, wenn er die Artikel aus Kansas oder Texas abruft? Er baute das lokale Wetter ein, gefälschte Horoskope, Traueranzeigen und kleine Lokalnachrichten, was man eben so braucht, um wenigstens auf den ersten Blick glaubwürdig zu scheinen. Dann schrieb er die Geschichte über Clinton und den FBI-Ermittler. „Ehrlich gesagt war meine Hypothek gerade fällig“, sagt Coler und grinst.

Er redet nicht gern über sich selbst. Eigentlich sei er jemand, der seine Privatsphäre schätzt, sagt er. Er ist nur deshalb bekannt, weil ihn der öffentlich-rechtliche Radiosender NPR aufgespürt hat und plötzlich mit Mikrofonen vor seiner Tür stand. Laut seinem Linkedin-Profil arbeitet Coler hauptberuflich bei einer Firma, die Software für Onlinemedien verkauft. Er hat eine Weile als freier Journalist gejobbt, etwa für ein Segelmagazin. Er glaubt nicht, dass einer wie er die Wahl wirklich drehen konnte. „Fake News haben die Demokratie nicht kaputt gemacht“, sagt er. „Wenn ein paar Typen mit Computer die Demokratie kaputt machen könnten, wäre sie von vornherein nicht sehr robust gewesen.“

Wie viele Menschen seine Geschichten aber glaubten, weiß er nicht. „Ich glaube, dass Fake News überbewertet sind“, sagt er. „Das Land war schon zerrissen, bevor es überhaupt Fake-News-Seiten gab. Sie haben die Menschen in ihren Ansichten nur bestätigt, sie haben keine Ansichten geändert.“

Einer der größten Coups der Fake-News-Seiten: Kurz vor der Wahl meldet „WTO 5 News“, dass der Papst sich für Trump als Präsidenten ausgesprochen habe.

Es gibt andere erfolgreiche Fake-News-Seiten wie „Ending the Fed“, hinter der offenbar ein 24-jähriger Rumäne steckt. Ein weiterer aufgeflogener Fake-News-Schreiber ist Paul Horner, wie Coler im richtigen Leben kein Trump-Fan. Auch seine Geschichten erreichten Millionen. Sogar Trumps Sohn Eric und Trumps Wahlkampfmanager Corey Lewandowski twitterten Links zu seinen Artikeln. Er verdiente damit im Monat 10.000 Dollar über Adsense, erzählte er der „Washington Post“. Adsense ist ein Angebot von Google für Betreiber kleinerer Webseiten: Google platziert auf ihren Seiten Werbung, und die Betreiber bekommen eine Provision, wenn ein Nutzer auf eine dieser Anzeigen klickt. Twittert jemand wie Eric Trump einen Fake-Artikel, können dessen Einnahmen laut Medienexperten schnell um mehrere Tausend Dollar steigen.

Viele der Fake-News-Seiten sind billig gemachte und schlecht programmierte Kopien von tatsächlichen Nachrichtenwebsites. Dass sie unprofessionell aussehen, schadet aber nicht. Die Leute steuern die Artikel meist direkt über die Links in den sozialen Netzwerken an und ignorieren die Homepage, die dazugehört. Und wenn die Website nach ein paar Tagen als Fälschung auffliegt, schadet das kaum – sie hat ihren Dienst getan, die Werbedollars sind geflossen. Die nächste Website lässt sich schnell aufsetzen. Es gibt sogar eine Kleinstadt in Mazedonien, Veles heißt sie, in der Teenager leichtgläubige Amerikaner als Einkommensquelle entdeckt haben. Mehr als 100 Pro-Trump-Internetseiten wie WorldPoliticus.com, USConservativeToday.com, oder USADailyPolitics.com stammen von hier. Mit Geschichten, die sie meist bloß von anderen Fake-News-Seiten weiterkopiert hatten, nahmen die erfolgreichsten Betreiber vor der Wahl mehrere Tausend Dollar im Monat ein. Mit wahren Geschichten lässt sich nicht so leicht so viel verdienen.

Coler hadert inzwischen mit seiner Rolle. Er veröffentlicht keine falschen Nachrichten mehr, aber er blickt mit einer gewissen Wehmut auf die Zeit zurück, auf das Geld und den Spaß. „Ich würde es wieder tun“, sagt er. „Alles außer die Clinton-Geschichte im ,Denver Guardian‘, die war eine Fehleinschätzung.“ Er hätte nie gedacht, dass Trump die Wahl gewinnen könnte, schließlich lag Clinton in allen Prognosen weit vorn. Die Wahl war ein gewaltiger Schock für ihn. „Ich versuche immer noch zu verstehen, was passiert ist.“

Die Werbung folgt

Auch ohne Coler floriert das Fake-News-Geschäft und wirft die Frage auf: Lässt sich das irgendwie unterbinden? Das Geschäftsmodell von Fake News funktioniert nur so gut, weil sich die Werbestrategie fast aller Unternehmen in den vergangenen Jahren komplett verändert hat. Neben den Ausgaben für TV-Werbung und Zeitungsanzeigen zahlen die Marketingabteilungen amerikanischer Unternehmen inzwischen gigantische 22 Mrd. Dollar im Jahr für sogenannte „programmatische Anzeigen“, hat die Recherchefirma eMarketer ermittelt. Diese Milliarden werden nicht von Werbemenschen nach vorher festgelegten Kriterien verteilt, sondern automatisch.

Wenn ein Internetnutzer irgendeinen Link anklickt, löst das ein Signal aus. In Sekundenbruchteilen bieten die Algorithmen Preise, die verschiedene Unternehmen für den Werbeplatz auf der angeklickten Seite zahlen würden – das Höchstgebot gewinnt, die Anzeige des jeweiligen Unternehmens erscheint. So kann es auch sein, dass eine bestimmte Anzeige einem bestimmten Kunden durch das Internet folgt. Wer etwa längere Zeit Neuwagen im Internet angeschaut hat, sieht Autowerbung auf jeder Seite, die er anklickt, selbst wenn die Website gar nichts mit Autos zu tun hat. Jede einzelne dieser targeted ads kostet weniger als einen Cent, aber alle zusammen addieren sich zu einem lukrativen Geschäft – das weltweit funktioniert. Selbst in China generieren gefälschte Geschichten aus den USA mittlerweile gewaltige Werbeumsätze.

Die Werbekunden sind allerdings nicht komplett hilflos. Auch automatisierte Anzeigen lassen sich programmieren. Etliche Marketing-abteilungen führen mittlerweile schwarze Listen und haben etwa entschieden, dass ihre Werbung nicht auf Rechtsaußen-Seiten wie „Breitbart News“ geschaltet werden soll.

Technisch ist das leicht, die Firmen haben ihre Werbe-Algorithmen schon lange so eingestellt, dass die Anzeigen etwa nicht auf Pornoseiten erscheinen. Die Sache mit Fake News ist aber etwas komplizierter, schließlich erfinden Fake-News-Mogule wie Coler immer wieder neue Websites, die erst nach und nach entdeckt und dann manuell ausgeschlossen werden müssen. Firmen können stattdessen eine Whitelist erstellen mit Webseiten, die ihnen genehm sind und nur noch auf diesen ihre Anzeigen erscheinen lassen – das widerspricht allerdings der Grundidee, dass die Anzeige dem Kunden durch das Internet folgt, wohin auch immer er geht. Es wäre wieder näher am nicht automatisierten Modell. Und damit teurer und weniger effektiv.

Lässt sich das Fake-News-Problem technisch lösen?

Verschiedene Techfirmen, Universitäten und Aktivistengruppen beschäftigen sich mit technischen Lösungen des Problems. Lässt sich mit Technik das Geschäftsmodell von Fake News untergraben? Die Google-Schwesterfirma Jigsaw hat bereits einen Dienst gestartet, mit dem im Netz leichter sogenannte Hate-Speech-Kommentare identifiziert werden können, und hat sich auch Fake News vorgenommen.

Bei Twitter gibt es Gruppen wie Sleeping Giants und Adstrike, die Unternehmen darauf hinweisen, wenn ihre Anzeige neben einem Artikel erscheint, der zum Beispiel rassistische Inhalte hat. Firmen haben oft keine Ahnung, wo ihre Produkte überhaupt beworben werden. Auch Google und Facebook haben inzwischen ihre Regeln geändert. Adsense hat nach der Wahl schon Hunderte Websites aus dem Werbedienst verbannt. Gerade hat Google verkündet, den mächtigen Algorithmus der Suchmaschine so zu ändern, dass Fake News nach unten rutschen und schwerer gefunden werden können.

Die Scharia in den USA? So behauptet es Jestin Colers „National Report“ im Oktober 2013.
Die Scharia in den USA? So behauptet es Jestin Colers „National Report“ im Oktober 2013.

Auch bei der Google-Tochter Youtube soll es Änderungen geben. Rund 250 Marken, von VW bis L’Oréal, hatten im März angekündigt, ihre Anzeigen nicht mehr bei dem Video-dienst schalten zu wollen, solange sie nicht sichergehen können, dass die Werbung nicht neben extremistischen Inhalten gezeigt wird. -Google hat Nachbesserung versprochen. Und Facebook arbeitet mittlerweile mit externen Faktencheckern zusammen und warnt Nutzer vor sogenanntem disputed content – Inhalten, deren Wahrheitsgehalt von anderen Nutzern angezweifelt wird.

Doch sowohl Coler als auch Horner erzählen, dass Google und Facebook längst nicht die Einzigen sind, über die sich Leser und Werbung auf ihre Seiten locken ließen. Selbst wenn sie die Adsense-Umsätze verlören, seien sie anpassungsfähig, sagte Horner. Die technische Lösung für das Fake-News-Problem, die etwa Jigsaw sucht, soll deshalb gründlicher und allumfassender sein.

Coler hat da seine Zweifel. „Ich glaube nicht, dass Technik die Lösung ist“, sagt er. „Wichtiger ist, das Vertrauen in die traditionellen Medien wiederherzustellen.“ Außerdem sei jede Technik, die gefälschte Nachrichten herausfiltert, immer auch ein Eingriff in das Recht auf freie Rede im Internet. Und wer kontrolliere dann überhaupt die Kontrolleure? Er sieht die Verantwortung bei den Konsumenten selbst. „Ich finde es erstaunlich, dass wir so weit im digitalen Zeitalter sind und es trotzdem noch Menschen gibt, die glauben, was sie im Internet lesen“, sagt er. „Es ist verrückt.“

Wie Coler setzen auch Facebook, Google und andere Gruppen vor allem auf die Korrektur der Nachfrage statt des Angebots: Statt Fake News das Geschäft zu vermiesen und damit das Angebot an Lügen im Netz zu verringern, versuchen sie, die Nachfrage zu bremsen, indem sie Nutzern beibringen, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Inzwischen wird die Suche nach Fake News selbst zum Geschäft. Die deutsche Redaktionsgruppe Correctiv hat zum Beispiel gerade von der Stiftung des US-Milliardärs George Soros 100.000 Euro erhalten, um ein Faktencheck-Team zu finanzieren.

Auch Coler, inzwischen in Fake-News-Rente, sieht seine neue Rolle nun als Aufklärer in Sachen Lügen und arbeitet an einem Buch über seinen Aufstieg zum Mogul. Er schimpft, wie voreingenommen die „Mainstream-Medien“ vor der Präsidentenwahl berichtet haben – sie seien die eigentlich Schuldigen, nicht Leute wie er. „Aber es gibt auch Positives“, sagt er. „Die Leute checken mehr Fakten, es gibt da ein größeres Bewusstsein. Und auch die Medienbranche geht jetzt ernsthaft in sich, was guter Journalismus ist. Wenn Hillary gewonnen hätte, würde jetzt niemand über diese Dinge reden.“

Capital hat die in diesem Beitrag gezeigten Fake News übersetzt. Die Originale finden Sie hier: bit.ly/FBImord; bit.ly/truthahntod; bit.ly/papstdonald und bit.ly/scharia-usa

Der Beitrag ist zuerst in Capital 06/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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