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Akku leer oder Akku voll?

, Horst von Buttlar

Seine Kräfte richtig einzuteilen, ist eine Kunst. Das gilt für Unternehmen ebenso wie für uns selbst. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Horst von Buttlar

Es läuft gut, aber irgendwie ist alles auch kompletter Wahnsinn. Das sagte mir neulich ein Kollege, der für einen anderen Verlag arbeitet.
 Er hatte gerade von den neuen Produkten erzählt, die sie gestartet hatten, von Sonderheften, einer neuen Submarke (wir nennen so etwas „Line Extension“) und neuen Konferenzen. Alles spannend, alles gut, viel zu tun. Eine Aufgabe des Kollegen war es, kurze Einführungen für einen neuen Newsletter zu schreiben, der um 6 Uhr morgens verschickt wurde, was er entweder vor dem Schlafengehen machte – oder er stand um halb 6 auf.

Irgendwie gut und irgendwie kompletter Wahnsinn. Kennen Sie dieses Gefühl auch? Ich muss dabei immer an diese Musikanten in Fußgängerzonen denken, die mehrere Instrumente spielen, mit einem Fuß eine Schelle, mit dem anderen eine Trommel, in der Hand eine Gitarre, im Mund eine Mundharmonika.

Mitarbeiter brauchen immer einen Sinn

Capital 09/2015
Die neue Capital erscheint am 20. August.

Im Büro gilt das Gleiche wie auf der Straße: Nicht immer ergibt so etwas gute Musik. Weil wir uns im Rausch des Machens zu viel aufladen. Uns verzetteln. Weil wir dann vergessen, was wichtig ist. Gerade Unternehmen in der Krise, die zum Innovativsein verdammt sind, erfinden sich manchmal zu Tode vor lauter Zukunft. Der Wahnsinn wird zur Strategie – und die Mitarbeiter werden Straßenmusiker, die man fragt: Könntest du noch die Orgel spielen? Die Kunst, seine Kräfte richtig einzuteilen – ich muss zugeben: Ich bin selbst nur mäßig darin. Während ich dies schreibe, höre ich die Kinder lachen und spielen. Es ist halb 7 am Morgen, heute Nachmittag will ich auf die Autobahn, Richtung Südfrankreich. Das ist gut. Aber jetzt gerade auch irgendwie wahnsinnig.

Vor Kurzem habe ich einen interessanten Manager getroffen, der viel über diese Kräfte nachdenkt: Thorsten Muck führt ein kleines und doch großes Unternehmen: Thonet, eine der letzten Möbelmanufakturen in Deutschland (siehe S. 88). Ich bin selten jemandem begegnet, der so intensiv über die Energie reflektiert, die in Unternehmen und damit in den Mitarbeitern steckt. Muck sprach über die sogenannte Salutogenese, also die Wissenschaft des Gesundbleibens, die auch für Unternehmen gilt. Mitarbeiter, sagte er, brauchten immer einen Sinn.

Zweitens gehe es um Verstehbarkeit: Sie müssen wissen, wie die Systeme, in denen sie arbeiten, funktionieren. Drittens: Handhabbarkeit. Mitarbeiter müssten auch umsetzen können, was sie verstanden haben. Das klingt alles fast banal, aber wenn man darüber nachdenkt, ist es längst nicht selbstverständlich.

Energiediebe und Energiestifter

Denn es gibt Menschen, die zwar alles umsetzen können, aber keinen Sinn in ihrem Tun sehen. Und viele erkennen zwar den Sinn, scheitern im Alltag aber am System.

Dabei geht es nicht nur um kollektive Kräfte, sondern um die eigenen: Es gibt Tätigkeiten, die unsere Akkus füllen, andere leeren sie. (Das Einzige übrigens, das die Akkus gleichzeitig laden und leeren kann, sind Kinder.) Die Kunst ist zu wissen, was uns leert und was uns füllt. Das sind wir unseren Kollegen schuldig, unseren Mitarbeitern, Familien und Arbeitgebern. Vor allem aber: uns selbst.

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