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  • Editorial

Europas Scheinwelt

, Horst von Buttlar

In Europa läuft immer noch das Simulationsprogramm Griechenland-Rettung. Gerettet wird aber schon lange nichts mehr. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Horst von Buttlar

Irgendwann inmitten dieses Spektakels, das wir „Griechenland-Rettung“ nennen, sehnte ich mich nach Morpheus. Nach dem Helden aus dem Film „Matrix“, der dem anderen Helden, Neo, zwei Pillen zeigt: eine blaue und eine rote. Die rote Pille, so der Deal, wird Neo endlich in die Realität führen. Ihm das Leben zeigen, wie es wirklich ist. Mit der blauen aber bliebe er in seiner Scheinwelt. Neo wählt die rote.

Hätte Europa diese Wahl – es würde wohl die blaue Pille nehmen. Wir bleiben gern in unserer Scheinwelt, in der wir so tun, als würden wir Länder wie Griechenland retten.

Griechenland braucht einen klaren Schuldenschnitt

Capital 08/2015
Die neue Capital erscheint am 23. Juli

Wenn Sie diese Zeilen lesen, kann alles schon wieder anders sein: die nächste Athener Volte, der nächste Aufstand, der nächste Gipfel mit Regierungschefs, die nicht mehr ihr Land regieren, sondern ständig über ein anderes verhandeln. Nur eines ist sicher: Gelöst sein wird das Problem nicht. Das ist der Kern der gigantischen Simulation, die wir seit 2010 erleben und gegen die die Matrix eine Playstation ist. „Gerettet“ wird hier, wenn überhaupt, mit immer neuen Fantasietöpfen und Krediten, die vor allem gebraucht werden, um alte zu tilgen. Was aber fehlt, ist ein Plan für Wachstum. Eine Perspektive. Und der Mut zu sagen: Ja, Griechenland braucht einen klaren (keinen verdeckten) Schuldenschnitt.

Fünf Jahre sollten die Rettungsschirme laufen, hatte Wolfgang Schäuble einst versprochen. „Danach ist Schluss.“ Das sagte er im Juli 2010. Und nun soll 2018 Schluss sein?

Am Anfang war diese Simulation sinnvoll und notwendig – das Ziel lautete Abschreckung: Mit Milliardensummen sollte die Eurozone verteidigt werden. Aber nun? Warum beenden wir nicht diesen griechischen Teil des Simulationsprogramms, der – wie das Programm „Mr Smith“ in der Matrix – außer Kontrolle geraten ist?

mit der falschen Strategie die richtige Lektion

Nach dem letzten (vorläufigen) Deal mit Athen, mit dem Alexis Tsipras sein eigenes Volk betrog, wurde viel über die deutsche Gnadenlosigkeit und Dominanz geschrieben. Tatsächlich war die erneute „Rettung“ auch eine deutsche Niederlage. Nicht nur weil sie uns erneut Milliarden kostet. Sie kostet uns Gestaltungskraft, weil wir uns weiter selbst betrügen und zwischen all diesen Gipfeln gefangen sind. Und sie kostet uns Ansehen. Vor einem Jahr erst wurden wir, nach dem Sieg bei der Weltmeisterschaft, gefeiert, als effiziente, leidenschaftliche Teamspieler und  als Europas „Powerhouse“. Jetzt dominiert wieder das Bild der harten, kalten Technokraten.

Man kann das ungerecht finden. Es ist auch ungerecht. In Teilen halte ich die Austeritätsanalysen dieser seltsamen Allianz aus US-Ökonomen und griechischen Marxisten für eine groteske Umdeutung der letzten Jahre. Zumal es gerade die Regierung Tsipras war, die ihr Land, das 2015 endlich wachsen sollte, erst in die Rezession und dann ins Chaos gestürzt hat. Aber diese Truppe hat uns mit der falschen Strategie die richtige Lektion erteilt: dass die „Rettung“ gescheitert ist. Das schrie sie uns entgegen, bis sie vorerst den Mut verlor und sich der Rettungssimulation ergab: der Matrix Europas, durch Milliarden am Leben gehalten – die am Ende aber doch nur eine der größten Insolvenzverschleppungen in der Geschichte der Schulden ist.

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