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  • Interview

Wohin mit dem Windradmüll?

, Jenny von Zepelin und Monika Dunkel

Remondis ist einer der größten Abfallentsorger der Welt und einer der verschlossensten Konzerne des Landes. Nur der „Außenminister“ Herwart Wilms darf reden – und er warnt, dass die Energiewende einen gewaltigen Müllberg produziert

Havariertes Windrad im Windpark Sitten © dpa
Havariertes Windrad im Windpark Sitten: Der Müll lässt sich nicht recyclen

Herwart Wilms ist Geschäftsführer der Remondis Assets & Services, der wichtigsten Tochtergesellschaft von Remondis. Sie übernimmt übergreifende Funktionen wie IT, Technik oder Marketing für den führenden deutschen Recyclingkonzern. Wilms vertritt das Unternehmen auch nach außen.


Herr Wilms, Sie sind der wichtigste Müllmann des Landes, 30 Millionen Deutsche entsorgen bei Ihnen Abfall – und halten sich für Weltmeister im Recycling und Müllvermeiden. Stimmt das eigentlich?

In der Tat trennt niemand besser als der Deutsche die Abfälle in seinem Haushalt. Bei Papier, Glas und Kunststoff macht ihm keiner was vor. Da haben wir eine tolle Qualität, keine Maschine bekäme das besser hin. Es gibt zwar Menschen, die alles in eine Tonne schmeißen, weil sie glauben, Roboter würden das schon sortieren. Aber so weit sind wir lange noch nicht.

Das klingt, als seien Sie mit der Industrie dagegen nicht so zufrieden.

Ja, hier werden noch zu viele Rohstoffe verschwendet. Unsere Welt funktioniert heute so: Der Produzent entwickelt ein Produkt und bringt es in den Markt; der Konsument nutzt es und schmeißt es dann weg. Dann kommen wir und sollen daraus noch etwas machen. Aber das funktioniert nicht.

Warum nicht?

Weil die Unternehmen, die Hersteller mit uns vorab zu wenig über die Wiederverwertbarkeit reden. Wenn sie das Produkt so gestalten, dass wir zum Schluss noch etwas damit anfangen und wir die eingesetzten Rohstoffe wieder herausholen können, dann erst haben wir die Kreislaufwirtschaft, von der immer alle reden. Heute aber verschwenden wir noch viel zu viele Rohstoffe.

"Windräder können wir nicht recyclen!"

Was sagen die Unternehmen denn zu Ihrer Kritik?

Ganz vereinzelt merken wir, dass Unternehmen umdenken, im Großen und Ganzen aber noch zu wenig. Die Fehler werden schon am Anfang gemacht. Ein Beispiel: Die Bundesregierung hat die Energiewende beschlossen – raus aus der Atomenergie, rein in die erneuerbare Energie. Die Windräder sind aber aus Verbundstoffen gebaut, die wir nicht mehr auseinanderbekommen. Die können wir nicht recyceln! Wir können sie auch nicht verbrennen, da die Stoffe die Filter der Verbrennungsanlagen verstopfen. Also: Wir steigen bei der einen Technologie aus – unter anderem weil wir nicht wissen, was wir mit dem Atommüll machen sollen – und bei einer neuen Technologie ein, bei der wir auch nicht wissen, wie wir mit dem Abfall klarkommen.

Das heißt, es gibt bald riesige Windradmüllhalden?

Da kommt ein Riesenproblem auf uns zu. Wir haben inzwischen 24.867 installierte Windanlagen. Es wird schwieriger, neue Standorte zu finden, also werden an den vorhandenen größere Motoren und Rotoren angebracht. Momentan weiß aber niemand, wohin mit dem unbrauchbaren Windradmüll. Die Betreiber bieten uns viel Geld, damit wir ihnen das abnehmen. Wir können aber auch nur ganz wenig davon zwischenlagern. Momentan versuchen wir, Verfahren zu entwickeln, um die Räder etwa durch Erhitzung, wir nennen das Pyrolyse, in ihre Elemente zu zerlegen. Ironischerweise ist das sehr energieintensiv.

Wenn selbst Windradbauer eine schlechte Ökobilanz haben, wie ist es dann in anderen Branchen?

Ganz ähnlich. Wir haben ein großes Problem mit Fotovoltaikanlagen. Oder mit Elektroautos. Für die E-Mobilität sind die Hersteller gezwungen, leichtere Fahrzeuge zu bauen, weil die Reichweite hoch sein soll, aber die Batterie so schwer ist. Aber anstatt das endlos recycelfähige Aluminium zu nehmen, setzen sie günstigere Leichtstoffverbunde aus Kunststoff und Metall ein, die so fest miteinander chemisch verbunden sind, dass sie nicht mehr trennbar sind. Der Rohstoff ist damit für immer weg.

Und was ist mit den ganzen Batterien für Elektroautos, die irgendwann auch ausgelaugt sind?

Auch die machen uns Sorgen. Lithium-Batterien sind nicht so konstruiert, dass wir sie recyceln könnten.

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"Irgendwann gehen den Unternehmen die Rohstoffe aus"

Herwart Wilms © Espen Eichhöfer
Herwart Wilms, Geschäftsführer im Remondis-Konzern

Dann ersticken wir irgendwann am Hightechmüll. Versuchen Sie denn, mit den Herstellern zu sprechen?

Ja, wir führen Gespräche mit VW, Audi, BMW und Mercedes. Die hören uns schon zu.

Aber die wollen sich von Müllexperten wohl nicht sagen lassen, wie sie ihre Autos bauen sollen.

Wir versuchen trotzdem, sie davon zu überzeugen, dass die Untrennbarkeit ihrer Materialien nicht richtig ist. Wir wissen, welche Stoffe trennbar sind und wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden können. Ansonsten könnte man es ja auch so machen, dass die Hersteller ihre Autos wieder zurücknehmen, auseinanderbauen und die Rohstoffe direkt selbst wieder verwerten. Spätestens dann würden sie sich die Gedanken machen.

Warum sollten die den Aufwand betreiben?

Weil ihnen irgendwann die Rohstoffe ausgehen! Davon sind unsere Auto- und Maschinenhersteller aber abhängig. Wir haben zum Beispiel kein einziges Erzbergwerk in Deutschland. Wir sind die Generation, die womöglich erstmals erlebt, dass Rohstoffe knapp oder verbraucht und nicht ersetzbar sind. Die Phosphor-Vorräte werden je nach Prognose in 130 oder auch schon in 90 Jahren aufgebraucht sein. Wenn es bis dahin keine Lösung gibt, werden wir in der Landwirtschaft und damit bei der Ernährung der Weltbevölkerung massive Probleme bekommen.

Jetzt dramatisieren Sie aber.

Wir können uns auch darauf verständigen, dass wir weiter abwarten und in die Knappheit laufen, irgendwie kriegen wir es dann vielleicht doch geregelt. Ich mache nur den Vorschlag, dass es besser wäre, gemeinsam Lösungen zu suchen.

Auf die Energiewende folgt die Rohstoffwende

Wie kann man die Hersteller davon überzeugen?

Auf freiwilliger Basis passiert da noch wenig. Dafür braucht es wieder einen gesetzlichen Rahmen. Es gibt auch eine Verpackungsverordnung, nach der Kekse in Deutschland nur in Umlauf gebracht werden dürfen, wenn ihre Verpackung lizenziert ist. Aber ein Auto, das nicht recycelt werden kann, darf in den Verkehr gebracht werden. Warum wird das eigentlich nicht geregelt?

Sie wollen ein Gesetz, das Hersteller bestraft, deren Produkte nicht recycelt werden können?

Ich fände es umgekehrt besser: Hersteller, die recycelbare Produkte und Produkte, die Recyclingrohstoffe enthalten, in Umlauf bringen, sollten Vergünstigungen bekommen. Die sollten aus einem Fonds gezahlt werden, in den Hersteller einzahlen müssen, die nicht recycelbare Produkte in Umlauf bringen. Ich glaube, dass wir nach der Energiewende irgendwann eine Rohstoffwende haben werden.

Aus dem Haushaltsmüll können Sie aber nichts mehr rausholen, oder?

Bei Sperrmüll und Bioabfall ist mehr drin. Obwohl es ein Gesetz gibt, das überall Biotonnen vorschreibt, verbrennen wir immer noch 4,8 Millionen Tonnen pro Jahr. Da sind wichtige Nährstoffe drin, die wir eigentlich in den Boden geben sollten. Bei Papier könnten wir auch noch mehr rausholen. Im Hausmüll landen über drei Millionen Tonnen Metall und Kunststoffe, die einfach verfeuert werden.

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"Verwertung und Recycling sind Aufgaben der Privatwirtschaft"

Beim Geschäft mit dem Hausmüll mischen jetzt auch wieder die Kommunen mit. Haben Sie zu schlecht gearbeitet?

Wir stellen uns dem Wettbewerb und sind unschlagbar günstig, sonst hätten wir die Ausschreibungen der Kommunen ja nicht gewonnen. Aber die Kommunen denken, dass sie mit dem Sammeln von Abfällen viel Geld verdienen könnten. Bei den Sparkassen geht das kaum noch, die Stromnetze werfen auch immer weniger ab. Also stürzen sich jetzt viele auf die Abfallsammlung. Denn hier bestimmen sie selbst die Gebühren und müssen sich keinem Wettbewerb stellen.

Das Kartellamt hat ja angekündigt, die Müllgebühren und den Markt zu durchleuchten. Fürchten Sie sich davor?

Das ist uns nur recht. Ich wünsche mir, dass die wahren Markt- und Machtverhältnisse endlich aufgedeckt werden. Tatsächlich sind doch die Kommunen die Monopolisten, die ohne Ausschreibung und ohne Nachweis, dass sie es besser können, die Müllabfuhr einfach selbst erledigen.

Müll ist eben Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge.

Daseinsvorsorge, das klingt nett und fürsorglich. Aber es bedeutet am Ende das Aus für den Wettbewerb. Die Frage ist, wo hört die kommunale Zuständigkeit auf. Ist morgen die medizinische Versorgung Daseinsvorsorge und findet die Rekommunalisierung der Ärzteschaft statt?

Na ja, umgekehrt sind einige kommunale Privatisierungen auch nicht besonders gut gelaufen.

Das stimmt. Manche Kommune hat sich von Privaten über den Tisch ziehen lassen. Bei unserem Modell bilden Kommune und Entsorger eine gemeinsame Gesellschaft, wo beide gleichberechtigt mitreden. Den Kommunen geht es um das Thema Sammlung. Verwertung und Recycling sind Aufgaben der Privatwirtschaft. Das ist auch unbestritten. Wir wünschen uns, dass es um die Müllabfuhr einen Wettbewerb gibt, daran können sich alle, auch die Kommunen, beteiligen, aber bitte unter gleichen Bedingungen.

"Wir sind weltweit einer der größten Industriereiniger"

An mangelndem Wettbewerb haben Sie auch Ihren Anteil: Sie kaufen reihenweise kleine Entsorger auf.

Moment, wir beobachten auch, dass sich immer weniger Unternehmen an den Ausschreibungen der Kommunen beteiligen. Das liegt aber nicht an uns. Viele Ausschreibungen sind völlig realitätsfremd. Ein Beispiel: Die dualen Systeme schreiben für Köln die Sammlung der gelben Tonne für drei Jahre aus. Wenn Entsorger das übernehmen, müssen sie aber die Tonnen nicht nur abholen, sie müssten die kompletten Behälter der Stadt, also Behälter für eine Million Einwohner, kaufen. Das finanziert keine Bank, erst recht nicht, wenn der Auftrag nur über drei Jahre läuft. Deshalb geben viele kleinere Anbieter auf.

So ist Ihr Unternehmen zu einem der größten Müllentsorger der Welt aufgestiegen. Schlecht laufen Ihre Geschäfte also nicht.

Das stimmt, wir haben ein gutes Jahr. Ich weiß zwar nicht, ob wir den Gesamtumsatz von zuletzt 6,5 Mrd. Euro übertreffen. Aber den Rückgang im Umsatz durch die niedrigen Rohstoffpreise, also im Recycling, können wir durch Dienstleistungen ausgleichen. Wir sind weltweit einer der größten Industriereiniger und putzen auch Raffinerien und Kraftwerke. Diese gigantischen Projekte bringen auch große Umsätze.

Wenn Sie so zufrieden sein können, warum ist Ihr Unternehmen trotzdem so verschlossen?

Die Familie Rethmann, der Remondis gehört, hat sich entschieden, öffentlich nicht in Erscheinung zu treten. Das mögen viele komisch finden. Aber wichtig ist, dass sie das Unternehmen klug führt – und das tut sie. In manchen Jahren entnimmt sie praktisch nichts vom Gewinn, unsere Thesaurierungsquote, also der Gewinn, der reinvestiert wird, liegt immer über 90 Prozent. So kommen wir auf weit mehr als 2 Mrd. Euro Eigenkapital. Wir können es uns leisten, nicht die Glamourösesten zu sein. Aber das passt ja auch zu unserem Geschäft.

Das Interview ist zuerst in Capital 2/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon 


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