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Endspiel der Finanzkrise

, Horst von Buttlar

Die Notenbanken haben alles in die Waagschale geworfen - vergeblich. Bei der nächsten Krise wird sich das rächen. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

„Irgendwann muss es doch mal knallen, anders kommen wir da gar nicht raus.“ Solche Sätze höre ich in letzter Zeit öfter, und zwar nicht von meiner Nachbarin oder einem zornigen Onkel, sondern von den berühmten Experten, von Analysten, Investoren, sogar vom Chef einer deutschen Bank. Bestimmt stellen auch Sie sich diese Knallfrage. Unsere Intuition besteht eben nicht nur aus animal spirits, die uns zu Herdentrieb und irrationalen Entscheidungen verleiten. Wir ahnen oft zu Recht, dass etwas faul ist.

Viele Menschen fürchten eine neue Krise unseres Banken- und Finanzsystems. Aber warum neu? Ich glaube eher, dass wir nur die dritte Phase jener Krise erleben, die unsere Welt 2008 mit dem Untergang von Lehman Brothers im Mark erschüttert hat. Eine dritte, vielleicht finale Phase, eine Art Endgame.

Die Munition ist ausgegangen

In der ersten Phase haben damals Staaten Banken gerettet; in der zweiten haben Staaten andere Staaten gerettet, im Verbund mit Notenbanken und Institutionen wie der EU und dem IWF. Die dritte Phase klingt ein wenig nach diesem Roman von Friedrich Dürrenmatt („Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“). In ihr sind den Rettern der Retter der Retter die Munition und die Ideen ausgegangen: Die Zentralbanken versuchen in ihrem Großsteuerungswahn, in immer neuen Verzweiflungsakten unser Finanzsystem – ja, was: zu stabilisieren, zu normalisieren, zu vitalisieren?

Capital 03/2016
Die neue Capital

Das Ziel lautet mehr Inflation, mehr Wachstum. Doch so einfach sich das anhört, so unerreichbar und unerklärbar scheinen die Wege und Mittel. Als das neue Jahr ziemlich turbulent startete, gab es Vorschläge, ob Notenbanken nicht auch Öl oder Bankaktien kaufen sollten. Warum nicht auch Zucker, Kakaokontrakte, Gelsenkirchener Sozialwohnungen oder gleich die ganze Welt?

Wenn Kinder spielen, wer die höchste Zahl sagen kann, sagt irgendwann eines: unendlich. Dieser Ratio folgen wir seit Mario Draghis „Whatever it takes“. Ein Schlachtruf, der das Finanzsystem zwar stabilisiert hat, der also richtig und klug war – und uns bisher keinen einzigen Euro gekostet hat. Doch genau solche ultimativen Sätze haben uns in dieses Endspiel geführt. Die Notenbanken haben ihre klassischen Waffen wie Zinsen vergeblich eingesetzt, und deshalb erleben wir das „verhängnisvolle Trio“, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich es ausdrückt: Die Produktivität sinkt, die Schulden steigen – und der Handlungsspielraum wird kleiner.

Und so wirken die Notenbanken seltsam erschlafft, die Allmächtigen ohnmächtig – zumal sich von 28 EU-Ländern aktuell nur eines in der Rezession befindet: Griechenland. Was machen wir eigentlich, wenn es wirklich einen scharfen Abschwung gibt?

Kern des Problems ist, dass die Wette der Zentralbanker nicht aufgegangen ist: Sie wollten den Regierungen Zeit verschaffen. Kaum ein Land, mit Ausnahme von Irland und Spanien, hat dieses unmoralische Angebot genutzt, um sich neu aufzustellen – der Rest hat laviert, verzögert, verschleppt oder von Deutschland höhere Defizite gefordert. Und deshalb fürchten wir, wohl zu Recht, den Knall.

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