• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Reportage

Norwegen - das Tesla‑Paradies

, von Nils Kreimeier

Beim E-Auto prescht kein Land so voran wie Norwegen – mit einer Flut von Subventionen und staatlichen Anreizen. Taugt das zum Vorbild für Deutschland?

Elektro-Zweisitzer Buddy  ist ein norwegisches Fabrikat © Thomas Ekström
Der Elektro-Zweisitzer Buddy ist ein norwegisches Fabrikat. Es gibt allerdings nur gut 1500 Exemplare davon

Für die deutsche Autoindustrie ist Christina Bu so etwas wie das freundliche Schreckgespenst. Die junge Norwegerin hat ein herzliches Lachen, mit dem sie ihre Gäste empfängt, und Gäste hat Bu viele. Im vergangenen Jahr zum Beispiel kamen Mitglieder des Volkswagen-Vorstands, Ex-Opel-Chef Karl-Thomas Neumann und viele andere Autoleute, deren Unternehmen sie nicht nennen darf. Für all diese Besucher hatte Bu eine klare, nicht ganz so herzliche Botschaft: „Wenn Sie nicht schnell handeln, werden Sie enden wie Kodak oder Nokia.“ Mit anderen Worten: Sie werden zu den Verlierern der Wirtschaftsgeschichte gehören.

Wie aber kommt eine Frau zu einem solch harschen Satz, die ausgerechnet aus einem Land ohne eigene Autoindustrie stammt? Bu leitet den norwegischen Verband der Besitzer von Elektroautos – eine Organisation, die eines der vielleicht größten Experimente der Automobilgeschichte vorantreibt. Was anderswo eine Freakshow wäre, ist in dem nordischen Land eine mächtige Lobbyvereinigung. Denn Norwegen hat sich zum Ziel gesetzt, seine Pkw-Flotte so rasch wie möglich auf Elektrisch umzustellen. Die Führung des Landes ist überzeugt, dass E-Autos die Zukunft des Fahrens sein werden. Und diese Zukunft soll in Norwegen zuerst Gestalt annehmen. Damit das Land zu einem Beispiel für den Rest der Welt werden kann.

Christina Bu leitet den norwegischen Verband der Besitzer von Elektroautos © Thomas Ekström
Christina Bu leitet den norwegischen Verband der Besitzer von Elektroautos

Im vergangenen Jahr hatten fast ein Drittel der neu zugelassenen Autos in dem skandinavischen Land einen Elektroantrieb, die meisten waren reine Stromer. Das ist mit weitem Abstand Weltspitze, und es ist ein Wert, der auf deutschen Branchenkonferenzen manchmal als Ziel genannt wird, aber immer noch nach Science-Fiction klingt.

In Oslo sieht man an einem einzigen Tag so viele Teslas wie in München in einem ganzen Jahr. Auch günstigere Modelle wie der Renault Zoe oder der Nissan Leaf fahren überall herum. Der E-Golf, in Deutschland eine Kuriosität, ist hier mittlerweile die am häufigsten verkaufte Variante des Volkswagen-Klassikers. Opel will sein mit Pomp angekündigtes Elektroauto Ampera-e im Mai zuerst auf den norwegischen Markt bringen. Das Spezialkennzeichen „EL“, mit dem die Elektroautos gekennzeichnet werden, reichte den Behörden nicht mehr aus, weshalb jetzt auch das Kürzel „EK“ (für Elektrisk Kjøretøy – Elektrofahrzeug) genutzt wird. Nach absoluten Zahlen ist das kleine Land mit seinen fünf Millionen Einwohnern der drittgrößte Markt für Elektroautos – nach den Riesen China und USA.

Erreicht hat Norwegen dies mit einem weltweit einzigartigen Programm aus Subventionen und Vergünstigungen – neben dem die deutsche Kaufprämie für Stromer wirkt wie das Taschengeld eines Achtjährigen. Wer in dem Land ein Elektroauto kauft, muss keine Mehrwertsteuer zahlen, was bei einem Satz von 25 Prozent schon mal ein Argument ist. Zudem fällt die landesübliche Registrierungssteuer weg, die sonst mehrere Tausend Euro ausmachen kann. Ist das Fahrzeug gekauft, geht es dann richtig los: Elektroautos können in vielen norwegischen Städten umsonst parken, sie dürfen Mautstraßen, Busspuren und Fährverbindungen kostenlos nutzen. Die jährliche Kraftfahrzeugsteuer ist niedriger als bei Verbrennern. Und es gibt ein stetig wachsendes Netz öffentlicher Ladestationen, an denen die Besitzer von E-Mobilen ihre Autos auftanken können. Gratis.

Als das Parlament auch noch erwog, Diesel und Benziner ab 2025 komplett zu verbieten, schaltete sich sogar Elon Musk ein. „You guys rock“, jubelte der Tesla-Chef per Twitter den Norwegern zu. Verständlich: Dank der norwegischen Gesetze kommt ein Tesla auf den Preis normaler Oberklasselimousinen. „Norwegen will Elektroautos dabei helfen, wettbewerbsfähig zu werden“, sagt Bu. „Die Industrie hat immer gesagt, dass die Leute diese Autos nicht wollen. Wir zeigen, dass sie sie wollen, wenn sie es sich leisten können.“

[Seitenwechsel]

Zweifel an der Ökobilanz

Was aber soll das Ganze? Warum macht ein Land, dessen Wirtschaftsleistung zu einem Drittel durch den Verkauf von Erdöl entsteht, derartig Druck bei der Umstellung auf Elektromobilität? Die Befürworter, von denen es viele gibt in Norwegen, sagen, Elektroautos seien gut für die Luft, und die Klimaziele des Landes ließen sich dank ihnen leichter erreichen. Aber: Stimmt das überhaupt?

Besuch bei Bjart Holtsmark, der in der norwegischen Statistikbehörde arbeitet. Das moderne Gebäude liegt in einer ruhigen Seitenstraße Oslos. Am Bordstein parken eine elektrische B-Klasse von Mercedes, ein Nissan Leaf und ein BMW i3. Alle hängen an Ladesäulen, die die Stadt Oslo zur Verfügung stellt. Holtsmark, ein ruhiger, drahtiger Mann mit gebräunter Halbglatze, empfängt in der Bibliothek des Instituts. Gemeinsam mit einem Kollegen hatte der Ökonom eine Studie veröffentlicht, in der er die norwegische Förderung von E-Autos für „kontraproduktiv“ erklärte und forderte, sie „so schnell wie möglich“ zu beenden.

lektroautos von Tesla und BMW sind in der Osloer Altstadt ein normales Bild © Thomas Ekström
lektroautos von Tesla und BMW sind in der Osloer Altstadt ein normales Bild.

Folge waren Auftritte in Fernsehsendungen und heftige Kritik von Umweltschützern. Holtsmark sagt, ihm sei das alles etwas über den Kopf gewachsen. Bemerkenswert ist: Gegen Subventionen an sich hat Holtsmark nichts. Er bezweifelt nur, dass die umweltpolitischen Ziele durch die Förderpolitik Oslos überhaupt erreicht werden. „Wir fühlen uns gut mit dieser Idee“, sagt der Wissenschaftler mit feinem Lächeln. „Und wenn man sich zu gut fühlt, dann hört man auf nachzudenken.“

Seine Rechnung: Über den gesamten Lebenszyklus hinweg biete das Elektroauto kaum ökologische Vorteile gegenüber einem modernen Verbrenner – wenn man etwa die Herstellung und Entsorgung der Batterie mit einrechnet. Es ist eine Behauptung, bei der sich Holtsmark sogar auf aktuelle Studien im Auftrag der norwegischen Regierung stützen kann. Die Förderung aber koste den norwegischen Staat so viel Geld, dass man mit den gleichen Mitteln problemlos Emissionszertifikate auf dem europäischen Markt hätte einkaufen und einfach verfallen lassen können. Und zwar so viele, dass Norwegen heute damit bereits CO₂-neutral wäre. Zudem würden die Norweger durch die großzügige Förderung dazu gebracht, mehr und nicht weniger Auto zu fahren, was hohe soziale Kosten mit sich bringe. „Autofahren ist bei uns seit jeher aus guten Gründen sehr teuer“, sagt Holtsmark. „Warum sollten wir das aufgeben?“

Besonders problematisch wird das Konzept nach Ansicht des Ökonomen, wenn ein Land seinen Strom nicht größtenteils aus erneuerbaren Energien bezieht – so wie etwa Deutschland. Holtsmark rät dringend davon ab, das norwegische Modell nachzuahmen. Selbst in seinem Land, das Strom fast nur per Wasserkraft produziert, sei die Ökobilanz der Stromer zweifelhaft. Was also bringt der Elektrohype überhaupt?

[Seitenwechsel]

Ladesäulen für die Einöde

Eigene Elektroautos baut Norwegen im Grunde nicht. Es gibt einen kuriosen Zweisitzer namens Buddy, der seit Ende der 90er-Jahre im Land gefertigt wurde. Aber von dem fahren nur 1500 Exemplare herum. Als für den kommenden Hollywood-Blockbuster „Downsizing“ zehn weiße Buddys bestellt wurden, musste der Hersteller die Wagen von seinen Kunden zurückkaufen, um liefern zu können. Etwas größer ist die Hoffnung, dass die Ingenieure beim Aufbau der Ladeinfrastruktur so viel lernen, dass sich Norwegen zum technischen Vorreiter entwickelt.

Ole Hannisdahl sieht darin die größte Chance. Der Chef von Grønn Kontakt ist mit seinem roten Tesla auf eine Tankstelle in Oslo gefahren und steckt nun das klobige Ladekabel in die Buchse der dortigen Stromsäule. Das ist als Demonstration gedacht: Grønn Kontakt baut in Norwegen ein Netz aus Ladestationen. Das Unternehmen hat eine App entwickelt, mit der sich E-Autofahrer an den Stromtankstellen anmelden und ihren Tankvorgang abrechnen können. Das Ziel: Norwegen soll flächendeckend mit Ladestationen versorgt werden, am besten bis hinauf in die fast menschenleere Finnmark. „Wir sehen das natürlich als Geschäftsmodell“, sagt Hannisdahl. „Und wir können uns auch gut vorstellen, dieses Modell zu exportieren.“

Der Haken dabei: Grønn Kontakt gehört den staatlichen Energieversorgern Statkraft und Agder Energi. Das Unternehmen profitiert vom öffentlich vorangetriebenen Ausbau der Elektromobilität. Und es gewann im vergangenen Jahr den Auftrag für eine Kette von Schnellladestationen – der von der regierungseigenen Firma Enova vergeben wurde. Der norwegische Staat schafft sich also nicht nur seine eigene Nachfrage, sondern auch sein eigenes Angebot. Ein Phänomen, das beim elektrischen Fahren auch anderswo eine Rolle spielt, in Norwegen aber auf die Spitze getrieben wird.

Das Osloer Büro- und Einkaufszentrum Vulkan bietet in seiner Tiefgarage 100 Parkplätze mit Ladevorrichtungen © Thomas Ekström
Das Osloer Büro- und Einkaufszentrum Vulkan bietet in seiner Tiefgarage 100 Parkplätze mit Ladevorrichtungen

Dahinter steht eine grundsätzliche Sorge der Regierung: Die wichtigste Einnahmequelle Norwegens ist Öl, und dessen Preisverfall hat dem Land vor Augen geführt, dass sein Reichtum an einem dünnen Faden hängt. In Oslo fragt man sich nun, wovon man leben soll, wenn es eine Abkehr vom Öl gibt. Anders als die Nachbarn Schweden und Finnland haben die Norweger keine nennenswerte Industrie außerhalb des Energiesektors. Nun soll ein Netz von Industrieparks entstehen, in denen Unternehmen Technologien testen können – natürlich mit staatlicher Hilfe. Die Elektromobilität dürfte dabei eine zentrale Rolle spielen.

Auch die Lobbyistin Christina Bu hätte gern, dass der E-Auto-Boom neue Jobs schafft. „Da reden wir ja nicht nur vom Autobau“, sagt sie. „Es geht um alles andere drumherum. Mobilität als Service. IT-Lösungen. Ladeinfrastruktur.“ Da allerdings zeigt derzeit vor allem die finnische Firma Fortum, wie man sich einen Markt erobert. Bu seufzt. „Wir waren in Norwegen schon immer gut darin, neue Technologien zu nutzen“, sagt sie. „Nicht so gut sind wir, wenn es darum geht, sie zu produzieren.“

So könnte der Hype ums Elektroauto sich für Norwegen selbst am Ende als wenig hilfreich erweisen. Bu stürmt jetzt aus dem Büro, sie hat einen Termin mit Vertretern eines Autoherstellers, denen sie die Vorzüge des heimischen Modells erklären will. Bu geht zu Fuß. Ein eigenes Auto hat sie gar nicht.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 05/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen:


Artikel zum Thema