• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Editorial

Ein bisschen mehr Rauflust, bitte!

, Horst von Buttlar

Es gab eine Zeit, da hatte die Wirtschaft Typen. Heute hat sie ein paar Funktionäre und Verbandsvertreter, aber keiner hat Profil. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Trevor Good
Horst von Buttlar

Vor Kurzem saß ich an einem dieser Tische, an denen Menschen nach zwei Gläsern Wein anfangen zu reden, an denen mal endlich wieder Kragen platzen und Adern schwellen. „Wir sind doch selbst schuld“, sagte der Mann und beugte sich zu mir. „Keiner sagt mehr was. Keiner traut sich mehr, Widerstand zu zeigen.“

Nehmen wir den Wein und die Dramatik aus der Szene. Worum ging es? An diesem Tisch hatten wir zunächst über die Energiewende geredet („ein Desaster“), über deutsche Wettbewerbsfähigkeit („wir spüren nicht, wie wir sie verlieren“) und schließlich über den Machtwechsel in Thüringen („viele haben das kalte Grauen“). Das sind recht unterschiedliche Themen, aber ich stellte schließlich eine einfache Frage: „Warum klagt niemand öffentlich?“

Diese Frage mag erstaunen, aber schon mehrmals habe ich solche Abendrunden erlebt, und wenn man lange genug zuhört, sehnen sich irgendwann tatsächlich einige nach Hans-Olaf Henkel wie nach einem verlorenen Sohn. Dem BDI-Henkel der Neunziger, der damals dem Standort Deutschland und dem siechen Kohl-Regime ordentlich einheizte.

Schauen wir nach Thüringen

Es gab offenbar eine Zeit, da hatte die Wirtschaft Gesichter und Typen. Heute hat sie ein paar Funktionäre und Verbandsvertreter, aber keiner hat Profil, keiner mag sich raufen. Da ist sicher auch Verklärung im Spiel, zumal die Sehnsucht nach Hans-Olaf Henkel ein etwas merkwürdiges Gefühl ist. Aber schauen wir genauer hin.

Capital-Cover
Die neue Capital, am 20. November im Handel

Nehmen wir Thüringen. Was sich hier abspielt, nennt man Demokratie, und doch ist es ein spannendes Experiment: erstmals ein Ministerpräsident der Linken, und das auch noch in einem erfolgreichen ostdeutschen Bundesland. Thüringen hat wirtschaftliche Kraftzentren und eines der besten Bildungssysteme. Wer hier umgestalten will, kann auch viel kaputt machen.

Thüringer Unternehmer halten sich zurück, bis auf Michael Militzer, Chef des Autozulieferers Mitec in Eisenach. Er riet, einen „neutralen“ Wirtschaftsminister zu berufen, und zitierte Maos Nachfolger Deng Xiaoping: Ob die Katze schwarz oder weiß sei, sei egal, Hauptsache, sie fange Mäuse. Will heißen: Auch eine linke Regierung muss mit der Wirtschaft reden. Wer überdies etwas Kritisches sagte, wurde gleich gerüffelt. Wie der Erfurter IHK-Präsident, Mittelthüringens Sparkassenchef Dieter Bauhaus, der warnte: „Unser Freistaat steht bei der Mehrzahl der ökonomischen Kennziffern an der Spitze der neuen Bundesländer. Das alles darf jetzt nicht aufs Spiel gesetzt werden.“

Prompt beklagten Linke-Politiker „Einmischung“ und forderten, den Mann in die „rechtlichen Schranken zu weisen“. (Tja, früher ging das etwas einfacher, Kritiker loszuwerden.) Thüringen mag ein Spezialfall sein, aber es ist auch ein Symptom.

Schweigen ist auf Dauer nicht gut

Auf Bundesebene lässt sich das Ganze auf eine einfache Formel bringen: „Niemand will es sich mit Mutti verscherzen.“ Lieber schweigt man zur Energiewende oder zu CO₂-Auflagen – außer man ist vielleicht Chef eines taumelnden Energiekonzerns.

Dieses Schweigen ist auf Dauer nicht gut. Es muss Widerstand geben, auch mal Krawall, ja: Es muss ein Leben nach Hans-Olaf Henkel geben. Denn nur so entstehen neue Ideen: wenn wir ringen und streiten und wenn Unternehmer und Manager zeigen, dass ihnen nicht alles passt.

Hier können Sie sich ab dem 20. November die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


Artikel zum Thema
Autor
  • Unternehmen
Wie Sioux den Grashopper wiederbelebt

In den 60er-Jahren war Sioux eine Kultmarke. Vor einigen Jahren stand der Schuhhersteller vor dem Aus. Bis ein junger Investor kam.MEHR

  • Editorial
Der defekte Wohlstandsmechanismus

Die Wahl Donald Trumps zeigt eine Schwäche der westlichen Welt: Ihr Wohlstandsversprechen funktioniert nicht mehr. Von Horst von ButtlarMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.