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Die grosse Dürre

, Kathrin Werner

Kalifornien war das gelobte Land für Unternehmer und Landwirte. Bis die schlimmste Dürre seit Menschengedenken kam. Mit altem Pioniergeist wollen die Amerikaner ihr Paradies retten

Vier Jahre hat es in Kalifornien nicht mehr richtig geregnet. Die Dürre ist überall. Die Erde ist wie Staub, Wind bläst sie über die Felder © Justin Kaneps
Vier Jahre hat es in Kalifornien nicht mehr richtig geregnet. Die Dürre ist überall. Die Erde ist wie Staub, Wind bläst sie über die Felder

Der Typ zeigte ihm den Mittelfinger. Don Barton zuckte zusammen. An der Ampel kurbelte der Fremde das Autofenster herunter und brüllte: „Raus aus Kalifornien! Ihr ruiniert unser Land!“ Barton schrumpfte hinter dem Lenkrad, starrte geradeaus. Warum schrie der Typ ihn an? Was wollte der? Und was sollte er jetzt tun? „Es war bestimmt mein Autokennzeichen“, sagt er. „Das hat mich verraten.“

Er hatte jahrelang gewartet, bis das Nummernschild da war und er es an seinen goldfarbenen Hyundai schrauben konnte. Statt irgendwelcher Zahlen und Buchstaben stand da jetzt: WALNUT. Sein Kennzeichen entlarvte ihn als das, was er ist: ein Walnuss-Bauer – und damit einer der schlimmsten Wasserverschwender, glauben viele Kalifornier. Auch der Fremde mit dem Stinkefinger. „Es war ein schrecklicher Moment“, sagt Barton. „Es hat wehgetan.“

Kalifornien trocknet aus

Das grüne Paradies an der Westküste, der Golden State, steckt in der schlimmsten Dürre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Es fehlt ein gesamter Jahresregen. Und jeder streitet mit jedem: Die Städter, die ihre Vorgärten nicht mehr sprengen dürfen, mit den Bauern, die weiter bewässern – die Landwirtschaft verbraucht viermal so viel wie alle Siedlungen zusammen. Die Bauern streiten mit den Fischern, für die Trinkwasser in den Ozean gepumpt wird, damit die Lachse nicht sterben. Die Golfer mit den Paddlern. Die Klimaschützer mit den Klimawandel-Leugnern.

Es ist wie in dem Popklassiker aus den 70er-Jahren: It never rains in California!

Es ist nicht irgendein Flecken Erde, der hier brüchig und rissig und staubig wird. Es ist die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt, die Heimat von Hollywood und dem Silicon Valley, von Steve Jobs und Elon Musk und den innovativsten Unternehmen der Welt: Apple, Google, Facebook, Tesla, sie alle haben sich Kalifornien ausgesucht, weil hier die Dichter, Denker, Erfinder, Stars und Hippies zusammenkommen.

Es geht um die Existenz

Wer eine Idee hatte, wer sein Leben spannend machen wollte, ist nach Kalifornien gezogen. Kalifornien war Glamour, Hightech, Schönheit, Leichtigkeit, Geld und Träume. Seit Anfang der 60er-Jahre hat sich die Zahl der Menschen verdoppelt, die Volkswirtschaft vervierfacht.

Der Staat kannte Krisen: Haushaltslöcher, Stromausfälle, Erdbeben – und hatte immer eine Lösung. Kann das so weitergehen, inmitten der Jahrhundertdürre? Kann Los Angeles die Bling-Hauptstadt bleiben, wenn die Menschen nur noch fünf Minuten duschen dürfen? Können junge Gründer noch kluge Ideen haben, wenn es an den elementarsten Dingen fehlt? Werden die Touristen noch nach Palm Springs fliegen, wenn die Palmen vertrocknen?

Ist Kalifornien „over“?

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In der fünften Generation bauen Don Barton und seine Familie Walnüsse an. Jeden Tag beten sie für Wasser © Justin Kaneps
In der fünften Generation bauen Don Barton und seine Familie Walnüsse an. Jeden Tag beten sie für Wasser

20 Liter Wasser für eine Walnuss

„Walnüsse sind unser Leben. Sie haben College-Gebühren für fünf Generationen Bartons finanziert“, sagt Barton. „Wir kennen nichts ­anderes.“ Seine Familie pflanzt seit 1912 Walnüsse. Die neuen sind ­schmale Bäumchen voller dicker, grüner Nüsse. Die älteren Bäume sind ausschweifend und mit großem Abstand zueinander gepflanzt. Als Junge ist Barton auf der Plantage durch die Wassersprenkler gerannt, sein Sohn hat unter den alten Bäumen geheiratet. 103 Jahre lang haben die Walnüsse seiner Familie ein gutes, bescheidenes Leben gebracht, das Geschäft lief gut, sagt der 58-Jährige. Aus 53 Hektar wurden 670.

Jetzt will ihm der Staat die Wasserrechte kürzen, die ihm seit 103 Jahren erlauben, Wasser aus dem Flüsschen Stanislaus zu pumpen, das auf seinem Grundstück fließt. Dieses Jahr musste er schon um 20 Prozent reduzieren, nächstes Jahr könnte es noch weniger werden. Pro Walnuss braucht ein Baum fast 20 Liter Wasser. Erste Farmer, die weniger Wasserrechte haben als die Bartons, haben ihre Plantagen verkauft und sind Richtung Norden gezogen, nach ­Oregon. Vielleicht steht seiner Familie das auch bevor, sagt Barton. Vielleicht müssen sie Abschied nehmen vom ältesten Baum, der schon seit 1947 auf der Barton Ranch steht. Und der so viel Wasser schluckt.

Die Dürre ist überall

Kalifornien ist der Gemüsegarten der USA. Hier wachsen mehr als 90 Prozent aller amerikanischen Tomaten, Erdbeeren und Brokkoli. Der beste Wein kommt hierher und 99 Prozent der Artischocken und Walnüsse, 97 Prozent der Kiwis und Pflaumen. Kalifornisches Alfalfa-Heu geht als Viehfutter nach China, Mandeln und die Walnüsse landen auch in deutschen Supermärkten.

Doch wenn man heute in Kalifornien ankommt, sieht es so aus: Aus dem Flieger die braune Landschaft, sonnenverbrannte Steppe. Am Flughafen haben sie neue Wasserhähne installiert, es kommt nur ein Rinnsal. Die Autovermietung hat den Wagen nicht gewaschen, „Wasser sparen“, sagt der Mitarbeiter. Fahrt über staubige Straßen im Central Valley, das Gras ist gelb, nichts grünt, nichts blüht. Heißer Wind bläst Gestrüpp über den Highway wie im Western. Überall Warnschilder: Waldbrandgefahr. Die Sonne knallt, der Himmel ist blitzeblau, die Luft trocken, die Äcker rissig.

Im Restaurant wird das Wasser nicht wie sonst überall in Amerika automatisch auf den Tisch gestellt, man muss extra danach fragen. „Wenn die Gäste das nicht trinken, haben wir gleich doppelt verschwendet: Wir müssen das Wasser wegkippen und das Glas abspülen“, erklärt der Kellner. Die Dürre ist überall.

2,7 Mrd. Dollar Schaden – im Jahr

Der Dürre-Monitor, eine Onlinelandkarte des Nationalen Dürrebekämpfungszentrums, ist rotbraun, fast überall im Staat. Rotbraun steht für D4 (außergewöhnliche Dürre) – eine Stufe über extremer Dürre. Wissenschaftler glauben, dass es die schlimmste Dürre seit 1 200 Jahren ist. 2014 übertraf das bisher wärmste Jahr seit Beginn der ­Aufzeichnungen um mehr als einen halben Grad Celsius. Und 2015 ist noch wärmer. In über 500 Jahren lag noch nie so wenig Schnee in den Bergen. Das Schmelzwasser fehlt überall im Tal, die Stauseen sind fast leer. Der Pegel am Lake Mead, dem See am Hoover Dam, ist inzwischen so weit gefallen, dass das Wasserkraftwerk weniger Strom erzeugt. Am Rand zeigen die Kalkreste an den Bergen, dass der Wasserstand einst Dutzende Meter höher war.

Die Schäden sollen allein in diesem Jahr 2,7 Mrd. Dollar betragen: Bauern pflügen ihre Äcker um, 21 000 Arbeiter verlieren ihre Jobs. Aber Kalifornien wäre nicht Kalifornien, wenn die Menschen jetzt einfach aufgeben würden.

Man trifft hier Leute, die mit technischen Kniffen dem Land Wasser abtrotzen wollen – oder den Verbrauch reduzieren. Die mit unermüdlichem Westküsten-Optimismus die Monsteraufgabe angehen.

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Mark Schaefer baut Marihuana an, Kaliforniens Boompflanze. Er verkauft es ganz legal als Arznei © Justin Kaneps
Mark Schaefer baut Marihuana an, Kaliforniens Boompflanze. Er verkauft es ganz legal als Arznei

Der Marihuana-Krieg

Mark Schaefer und sein Partner James DeVinny bauen Kaliforniens Boom-Pflanze schlechthin an: Marihuana. Ihre Farm liegt an einer Huckelpiste nordwestlich von Sacramento im Grass Valley. Der Name ist Zufall, aber hier haben sich viele ­Marihuana-Bauern angesiedelt. Ihr Geschäft ist legal, solange sie eine gewisse Menge nicht überschreiten. Ihre 60 Pflanzen sind so hoch wie zwei Menschen, die Blätter sind grasgrün, aber staubig – kein Regen wäscht sie ab. Um das Haus herum ist alles gelb, die Erde ist wie Pulver.

Jeden Tag prüft DeVinny, ob der Brunnen noch Wasser hat. Der des Nachbarn ist schon trocken. „Das ist meine größte Sorge“, sagt der 43-Jährige. „Und es gibt kaum Warnzeichen. An einem Tag ist das Wasser etwas trüb, am nächsten ist es weg.“ Pro Woche brauchen seine Pflanzen fast 10 000 Liter.

„Dass die Leute uns vorwerfen, dass wir zu viel Wasser verbrauchen, ist doch nur eine weitere Sache, die sie sich ausdenken, um unsere Industrie schlechtzumachen“, sagt Schaefer. „Wir machen dumm, machen Kinder süchtig, sind eine Einstiegsdroge. Und jetzt verschwenden wir auch noch Wasser.“

Wassersparen ist Bürgerpflicht

Die wirklichen Dürresünder verstecken sich tief in den Wäldern des Valleys, dort gibt es Hunderte illegaler Plantagen für Cannabis. Deren Besitzer pumpen das Wasser einfach aus dem nächsten Fluss. Hunderttausende Pflanzen, Millionen Liter. So produziert Kalifornien gut 70 Prozent des US-Marihuanas – es ist zwischen 11 und 17 Mrd. Dollar wert. „Die ruinieren die Umwelt und den Ruf der Marihuanazüchter“, sagt Schaefer. DeVinny und er haben gerade ins Wassersparen investiert. Sie haben ihre Pflanzen in kleinere Pötte umgetopft, die mit einer Spezialplane gefüttert sind. Jetzt können sie ein Viertel weniger gießen.

Wassersparen ist inzwischen Bürgerpflicht. Gouverneur Jerry Brown hat per Notstandsverfügung hartes Sparen angeordnet: Jeder Haushalt und jeder Industriebetrieb muss den Verbrauch gegenüber dem Vorjahr um ­mindestens 25 ­Prozent reduzieren. Kurze Duschen reichen auch, sagt der Gouverneur, er selbst dusche nicht mehr jeden Morgen. „Ihr könnt nicht so weiterleben, wie ihr immer gelebt habt“, sagt Brown.

Zum ersten Mal wird in Kalifornien das Leben schlechter statt besser. Wenn die Bartons duschen, sammeln sie das Wasser in einem Eimer, um es zum Klospülen zu nutzen. DeVinny rasiert sich mit dem Rasierer im Wasserglas.

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Nur noch ein Rinnsal. Wassersparen ist zur Bürgerpflicht geworden © Justin Kaneps
Nur noch ein Rinnsal. Wassersparen ist zur Bürgerpflicht geworden

Nebelduschen und Grasfarbe

Die Not inspiriert aber auch Tüftler und Geschäftemacher. Carlos Gomez Andonaegui etwa hat eine Dusche entwickelt, die das Wasser zu einem Nebel zerstäubt. Statt 75 Litern in acht Minuten braucht seine Dusche nur knapp 23 Liter – 70 Prozent weniger. Apple-Chef Tim Cook hat das Gerät schon ausprobiert und Geld in das Start-up Nebia gesteckt, ebenso wie Google-Manager Eric Schmidt.

Wasserverschwender sind vor allem die Reichen. Beverly Hills verbraucht pro Kopf und Tag 674 Liter Wasser, Compton nur 216 Liter. Unter dem Hashtag #droughtshaming denunzieren Menschen ihre Nachbarn bei Twitter, oft mit Foto, wie der Dürresünder den Vorgarten sprengt. Neuerdings nennt man diese Leute Grasshole. Es gibt sogar Apps für das Droughtshaming. Und unter savewater.ca.gov kann man anonym bei den Behörden denunzieren.

Geschäfte mit der Krise machen

Jim Power ist einer, der von alldem profitiert. Er hat Lawnlift gegründet, den Marktführer für Rasenfarbe. Ja, Rasenfarbe! Die Idee hatte er in der Immobilienkrise, als Makler die leeren Häuser nicht loswurden, weil die lang nicht mehr bewässerten Vorgärten so schrecklich aussahen. So richtig los ging es mit seinem Geschäft aber erst seit der Dürre. Kalifornier, die kein Grasshole sein wollen, sprühen jetzt ihren vertrockneten Rasen einfach grün an. „Wir Amerikaner wollen einen perfekten Rasen, er spiegelt die Persönlichkeit wider“, sagt Power. „Kalifornien ist der Staat, wo Image alles ist. Hier will doch keiner der mit dem hässlichsten Vorgarten in der Straße sein.“

In einem Jahr ist sein Umsatz um mehr als 300 Prozent gestiegen. „Man braucht nur die richtige Idee, dann kann man mit jeder Krise Geschäfte machen“, sagt der 45-Jährige. In jedem Baumarkt gibt es „America’s best selling Grass Paint“, angeblich schadstofffrei und umweltfreundlich. „Sieht total natürlich aus, das Grün ist genau wie richtiges Grasgrün“, wirbt er. „Die Farbe wäscht noch nicht einmal ab, wenn es regnet. Aber es regnet ja sowieso nie.“

Kalifornien ist zu retten

Jeder weiß, wann es zuletzt geregnet hat. „Anfang Juni, wir lagen gerade im Garten, hat aber nur fünf Minuten gedauert“, sagt Schaefer, der Marihuana-Züchter. „Es war ein heftiger Schauer am Sonntag, dem 19. Juli, aber am nächsten Tag war wieder alles trocken“, sagt der Kellner, der kein Wasser bringt. „An einem Freitagnachmittag im Mai“, sagt Don Barton, der Walnuss-Farmer.

In San Francisco sitzt Nimesh Modak in seinem kleinen Büro mit Blick über die ganze Stadt und arbeitet am Silicon Valley für Wasser. Er leitet Imagine H2O, einen Accelerator für junge Unternehmen, die sich mit der Wasserwirtschaft beschäf­tigen – und die glauben, dass Kalifornien nicht „over“ ist, wenn es nur etwas schlauer wird. „Die Idee von Imagine­ H2O ist, Menschen zu inspi­rieren und voranzubringen, damit sie aus Herausforderungen Chancen machen“, sagt Modak.

Er und seine Kollegen beraten die Gründer, bringen sie mit Investoren und Kunden zusammen – sie sollen sich gegenseitig beflügeln genau wie die Techfirmen im Silicon Valley. Gerade hat Wells Fargo dafür 1 Mio. Dollar gegeben. Jedes Jahr schreibt er einen Wettbewerb aus. Es bewerben sich zehnmal so viele, wie er aufnehmen kann. In der Jury sitzen Leute von Googles Wagniskapital­arm Google Ventures oder von IBM.

Chance für Start-ups

Je trockener das Land wird, desto mehr wächst das Interesse der Investoren. 2014 haben sie Wassertechnik-Start-ups 281 Mio. Dollar gegeben, fast ein Fünftel mehr als im Vorjahr. „Es gibt eine Menge Ideen und Talente da draußen und schon viel mehr technische Lösungen, als man denkt“, sagt Modak. Auch Versorger und Bauern melden sich bei ihm auf der Suche nach schlauen neuen Ansätzen. Etwa beim Datenmanagement könnten seine Start-ups helfen. „Es ist schockierend, wie wenig wir überhaupt wissen, wo unser Wasser landet“, sagt Modak.

Da ist zum Beispiel Robb Barnitt, der Gründer von Dropcountr. Er verkauft eine App, mit der Wasserversorger und ihre Kunden besser überprüfen können, wie viel sie verbrauchen – und wie viel ihre Nachbarn verbrauchen. Auch Terravion gehört zum Accelerator. Das Start-up fliegt mit einer kleinen Propellermaschine wöchentlich über die trockenen Felder Kaliforniens und schießt Bilder mit fünf verschiedenen Kameras, zum Beispiel Infrarot- und Wärmebilder. Die Daten zeigen, wo zu viel und wo zu wenig bewässert wird. Das Unternehmen schickt sie auf eine iPad-App zum Bauern – vor allem zu Weinbauern wie Francis Ford Coppola und zu Mandelbauern.

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David Doll berät Mandelbauern bei der Pflege ihrer Bäume. Neben ­Apple sind Mandeln einer der wichtigsten Exportschlager des Landes © Justin Kaneps
David Doll berät Mandelbauern bei der Pflege ihrer Bäume. Neben ­Apple sind Mandeln einer der wichtigsten Exportschlager des Landes

Besuch beim Mandel-Doktor

Mandeln hassen die Kalifornier am meisten. Einst sind sie für Frühlingsfeste in die Mandelhaine gefahren, wenn diese so schön rosa blühten. Vorbei. Pro Mandel verschlingt ein Bäumchen eine Gallone Wasser, 3,8 Liter. Zehn Prozent des gesamten kalifornischen Wassers, das für die Landwirtschaft vorgesehen ist, geht an die Mandelbauern – dreimal so viel, wie ganz Los Angeles verbraucht. Und dann landen die Mandeln noch nicht mal in amerikanischen Mägen, die meisten gehen in den Export. Kalifornien produziert 80 Prozent der Mandeln der Welt.

David Doll zerreibt ein Blatt zwischen seinen Fingern. Doll ist der Mandel-Doktor, er berät für die University of California die Mandel-Bauern, wie sie ihre Bäume gesund halten und wenig Wasser verbrauchen. Er pflückt eine Mandel von dem blassgrünen Ast, sie ist fast reif, Doll zerdrückt die Schale. „Wow, die ist winzig“, sagt er. „Das sind die kleinsten Nüsse, die ich je gesehen habe.“

Dolls Kunde hat nicht genug Wasserrechte. „Wenn der weiter so gießt, machen es diese Bäume hier noch ein Jahr“, sagt der Mandel-Doktor. Das Problem an Walnüssen oder Mandeln ist, dass sie auf Bäumen wachsen. Wer Spargel oder Tomaten anbaut, kann mal ein Jahr aussetzen, wenn Wasser knapp ist. Ein Baum muss jedes Jahr bewässert werden.

Wer Glück hat, hat alte Rechtsansprüche auf Wasser vom Staat oder einen guten Brunnen auf dem Land. Wer Geld hat, kann Wasser per Lastwagen heranschaffen. Wem Glück und Geld fehlen, sieht seinen Plantagen beim Vertrocknen zu.

Recht auf Wasser

Es ist kompliziert mit den Wasserrechten. Manche verleiht der Staat, Bauern wie Walnuss-Farmer Barton haben Ansprüche, die mehr als 100 Jahre alt sind. Ein Teil des Wassers kommt auch aus Bundesreserven, zumindest theoretisch. Doch vom Bund kam seit zwei Jahren gar nichts, und Kalifornien steuerte nur fünf Prozent der üblichen Menge bei.

„Na klar, es ist leicht zu sagen, dass die Mandelbauern einfach zu viel gepflanzt haben“, sagt Doll. „Die Farmer haben genau so viel angebaut, wie es die Wasserzuteilung der vergangenen Jahrzehnte erlaubt hat. Das sind Geschäftsleute, die pflanzen Mandeln, weil es sich lohnt.“ Und die Mandelpreise sind hoch wie nie. ­Deshalb pflanzen sie noch immer, dieses Jahr noch mal mehr als 30 000 Hektar.

Auch die Lachse sterben

Was die Bauern vergießen, fehlt wiederum den Fischern – noch ein wichtiger Wirtschaftszweig: „Wir Kalifornier müssen uns entscheiden, ob wir Leben in unseren Flüssen haben wollen oder ob das Wasser bei den Bauern bleiben soll, damit sie 80 Prozent der Weltproduktion an Mandeln bewässern können“, sagt Mike Hudson. „Die Dürre tötet Fische. Der Ozean ist einfach zu warm.“ Er zieht einen fetten, silbrigen Lachs aus dem Eisfach seines Fischerboots. „Ein ganz schöner Brecher“, sagt er.

In guten Zeiten angelt er pro Tag 100 dieser Brecher. Jetzt sind schlechte Zeiten im Pazifik vor der Küste von San Francisco. Die Tiere sind Richtung Norden ausgewichen, glaubt ­Hudson. Er ist soeben zurück, in drei Tagen hat er gerade mal 15 Lachse gefangen.

Und ob es Nachschub gibt, ist unklar. Die Flüsse, in denen die Junglachse ins Meer hinabschwimmen, sind zu flach und zu warm. „Letztes Jahr sind 95 Prozent aller wild geschlüpften Lachse gestorben“, sagt Hudson. Eigentlich entlässt der Staat Wasser aus den Staudämmen, damit es mit den Fischen zusammen Richtung Meer in die Bucht von San Francisco fließen kann. Doch im Moment ist das schwierig.

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Mike Hudson ist Fischer, auch er leidet unter der Dürre. Weil die Flüsse weniger Wasser führen, sterben die Lachse © Justin Kaneps
Mike Hudson ist Fischer, auch er leidet unter der Dürre. Weil die Flüsse weniger Wasser führen, sterben die Lachse

Das Bizarre: Überall ist Wasser

Inzwischen bringen Zuchtbetriebe die Fische per Lastwagen ins Meer. Doch die Zuchtfische reichen nicht. Hudson und seine Kollegen, die ihre Boote neben Hudsons Cash Flo am Pier in Berkeley anlegen, fürchten, dass mit der Dürre die Lachse bald ganz verschwinden – und damit die Lebensgrundlage der Fischer, Bootswerften, Kühlhäuser und Lieferanten. Farmer gegen Fischer – es ist ein heftiger Streit in diesem trockenen Sommer.

„Die Dürre wird durch das gigantische Missmanagement bei der Wasserverteilung noch verschlimmert“, sagt Walnuss-Bauer Barton. „Wasser in den Ozean zu kippen scheint mir nicht sehr sinnvoll.“

Das Bizarre an Kalifornien: Wasser ist überall. Nur eben nicht das richtige – zu salzig. Die israelische Firma IDE Technologies will das ändern. Sie baut nördlich von San ­Diego die nach eigenen Angaben größte Meerwasserentsalzungsanlage der westlichen Hemisphäre. Planung und Bau dauerten 14 Jahre. In diesem Herbst wird sie fertig und hat dann rund 1 Mrd. Dollar gekostet. Mit viel Energie pressen Pumpen Pazifikwasser durch Membranen, in denen die Salzmoleküle hängen bleiben, während die Wassermoleküle durchkommen. Fast 200 Millionen Liter Trinkwasser pro Tag sollen herauskommen – klingt viel, deckt aber nur zehn Prozent des Wasserbedarfs von San Diego County. Der Rest muss importiert oder aus dem Colorado River abgezapft werden.

Kann man Wolken abernten?

Immer neue Ideen kommen auf, um Wasser zu sparen. Kann man Wolken verschieben und abernten? Lässt sich eine Pipeline aus Alaska verlegen? Kalifornien ist stolz auf den Pioniergeist – und der soll nicht vor den Naturgewalten versagen. Schließlich haben sie schon einmal, Anfang des 20. Jahrhunderts, mit einem Netz von Tunneln, Dämmen, Reservoirs, Kraftwerken und Aquädukten die Wasserversorgung neu erschlossen und so Golfplätze und Mandel-Plantagen erst möglich gemacht – an der Natur vorbei.

Der Wasserversorger von Los Angeles hat kürzlich 96 Millionen kleine schwarze Plastikbälle in die Trinkwasserseen der Stadt gekippt, um sie vor dem Austrocknen und vor Algen zu schützen. Die „Shade Balls“ sind mit einer Chemikalie beschichtet, die ultraviolettes Licht blockiert. Die Bartons nutzen für ihre Walnuss-Haine Tröpfchentechnik und nicht mehr große Flutsprenkelanlagen.

Agrar-Science-Fiction

Vom Tal bis in die staubbraunen Berge des Napa Valleys zieht sich das Weingut von John Terlato. Knurzelige Reben stehen in endlosen Reihen, daran fette, süße Trauben wie im Schlaraffenland. Das, worauf es hier ankommt, ist unscheinbar: ein Drahtwürfel, die Seiten gut 20 Zentimeter lang, der über den Bäumchen an eine Stange montiert ist. Darunter ein roter Kabelkasten, auf dem „Evapotranspiration Sensor“ steht. „Wir testen ständig neue Technik, um Wasser zu sparen“, sagt Terlato.

Die neueste Errungenschaft des Großwinzers sind die Drahtwürfel des Start-ups Tule aus San Francisco, das von Wagniskapitalgebern wie Khosla Ventures unterstützt wird. Auf mehr als einem Fünftel der 250 Hektar großen Ländereien der Terlato Wine Group messen die Tule-Sensoren nun die Luftfeuchtigkeit über den Weinstöcken. Wenn die Pflanzen zu viel Wasser verdunsten, kann man sie weniger gießen. Gut 20 Prozent Wasser spart Terlato dank Tule ein. Mehr als ein Dutzend der Geräte hat er schon gekauft, dieses Jahr will er weiter aufstocken. Jeder Sensor kostet 1 500 Dollar.

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Ken Armstrong zieht sein Gemüse in schwimmenden Styroporkästen, so benötigt er weniger Wasser © Justin Kaneps
Ken Armstrong zieht sein Gemüse in schwimmenden Styroporkästen, so benötigt er weniger Wasser

Landwirtschaft neu denken

„Wenn man das knallhart mit Blick auf die Kapitalrendite durchkalkuliert, lohnt sich das im Moment nicht, weil Wasser ja noch immer so billig ist“, sagt der 53-Jährige. „Aber wir glauben, dass sich das ändern wird. Wasser muss teurer werden. Und dann wird auch Technik zum Wassersparen teurer.“ Außerdem wird sein Wein besser, wenn er ihn weniger gießt.

Die Zukunft der Landwirtschaft wird in Half Moon Bay erprobt, einem Örtchen südlich von San Francisco. In einem Glashaus baut Ken Armstrong Salat, Grünkohl, Paprika, Hopfen, Basilikum, Kresse und noch ein paar andere Gemüse in Wasserbecken an. Der 45-Jährige hat Geld geerbt, eine Aufgabe gesucht und Aquaponic gefunden – so heißt diese Art des Anbaus, die er in seinem Start-up Ouroboros Farms pflegt. „Das ist meine Chance, ein Pionier in einer Zukunftsindustrie zu sein“, sagt Armstrong. Die Amerikaner müssten die Landwirtschaft neu denken, dann müsse es auch die Konflikte zwischen Bauern und Städtern nicht mehr geben.

Die Dürre - prima für das Geschäft

Auf der einen Seite seines Glashauses schwimmen 3 000 Fische in riesigen Wassertanks. Das durch Biofischfutter und Ausscheidungen gedüngte Wasser fließt weiter in eine Filteranlage und dann in schwimmbeckenlange Wasserkästen.

Auf den Becken treiben Styroporplatten, in die Armstrongs Freundin Setzlinge gesteckt hat. Viel Erde brauchen die Pflanzen nicht, ihre Wurzeln ziehen alle Nährstoffe aus dem Fischwasser. Die Pflanzen wachsen schneller als in der Erde und verbrauchen weniger Wasser, das Wasser verwenden die Start-up-Bauern immer wieder. Er ernte zwei- bis dreimal so oft wie normale Bauern und brauche nur fünf Prozent ihres Wassers, sagt Armstrong. „Unsere erste Ernte hat sich spektakulär angefühlt.“

Amerika ernähren kann Armstrong mit seiner Aquaponic nicht, noch ist die Technik eine Nische und zu teuer. Er beliefert einen Online-Biosupermarkt und Nobelrestaurants in der Nähe, zum Beispiel das Ritz-Carlton. Die Köche mögen seinen Salat, weil er mehr Geschmack hat – und weil sie damit werben können, den dürreunschuldigen Super­biosalat auf der Karte zu haben. „Klar, die Dürre ist schlimm, und ich will natürlich, dass sie vorbeigeht“, sagt Armstrong. „Aber für mein Geschäft ist sie prima.“

Die Reportage ist zuerst unter dem Titel "It never rains in California" in Capital 11/2015 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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