• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Reportage

Die Spielermacher

, Thomas Steinmann, Nils Kreimeier, Martin Kaelble

Volker Struth ist einer der mächtigsten Spielerberater der Liga. Jetzt hat er sich von WM-Held Mario Götze getrennt. Capital hat Struth und andere führende Berater im Sommer 2013 getroffen. Eine Reportage über die Rolle der Strippenzieher, den Graumarkt Profifußball und das Image der Branche

© Albrecht Fuchs
Marktführer: Volker Struth in seiner Kölner Beraterfirma Sports Total

Cezary Kucharski spricht gerne im Plural, wenn er über seinen wichtigsten Klienten redet. "Wir haben für diesen Verein auf eine Menge Geld verzichtet", sagt er oder: "Die Entscheidung liegt bei Borussia Dortmund. Von uns aus ist alles klar." Der Berater des polnischen Fußballstars Robert Lewandowski klingt dann ein wenig wie die SPD: Das Wir entscheidet.

Mitte Mai 2013 empfängt Kucharski im Warschauer Büro seiner Firma CK Sport Management. Von hier ist es nicht weit zum Parlament, wo der damals 41-jährige Ex-Fußballprofi als Abgeordneter für die liberale Bürgerplattform sitzt. Der Raum ist eingerichtet in einem kitschigen Neobarock: verschnörkelte Sessel mit türkisfarbenen Polstern, Madonnenbildchen, dazu ein riesiger Flachbildfernseher. An der Wand hängen Trikots aus Kucharskis Profikarriere und ein Original-Shirt von Lionel Messi, das er bei einer Benefizauktion ersteigert hat. Der Blackberry klingelt in einem fort.

Einmal ruft eine Frau an, die er vertraut "Iwonka" nennt. Lewandowskis Mutter. Jeden Tag telefoniert Kucharski auch mit Robert. "Die Spieler dürfen sich nie allein fühlen."

Wochenlang tobte damals zwischen Kucharski und dem BVB ein Transferkrieg um den Stürmer, der nach seinen Toren in der Champions League fast 40 Mio. Euro wert sein soll. Lewandowskis Vertrag lief noch bis 2014, aber er wollte unbedingt in diesem Sommer zum FC Bayern München. Fast täglich gab es neue Gerüchte, Drohungen und Vorwürfe, die anderen hielten sich nicht an Absprachen. Der Höhepunkt war erreicht, als Kucharski den Wechsel als perfekt vermeldete - obwohl es gar keine Einigung gab. Die BVB-Bosse waren empört.

"Ich verstehe nicht, dass man sich bei Borussia Dortmund jetzt aufregt. Sie haben dank Robert eine Menge Geld verdient", sagte Kucharski. Er spannte seinen immer noch durchtrainierten Körper an und lehnte sich drohend nach vorn. "Will man ihm jetzt vorwerfen, dass er über sein eigenes Leben entscheiden will?"

Kampf um das Image

Millionengehälter, Wechselgerüchte, Provisionsgefeilsche - die Stammtische der Republik wären Kaffeekränzchen, gäbe es nicht die spektakulären Transfers von Fußballern. Da fiebern Millionen Fans mit, kochen Emotionen hoch. Es ist wohl der schönste Markt der Welt.

Auch in diesem Sommer wird in der Bundesliga, dem viertgrößten Transfermarkt der Welt, wieder besonders intensiv gedealt. Die englischen Premier-League-Clubs haben, gemästet mit den immer höheren Milliardensummen aus ihren Fernsehverträgen, auch die Ablösesummen in der Bundesliga in die Höhe getrieben. Selbst mittelmäßige Spieler kosten inzwischen viele Millionen. Auch die EM in Frankreich wird die Transferaktivitäten befeuern. Voraussichtlich werden die Bundesliga-Clubs bis zum Ablauf der Wechselfrist Ende August den Transferrekord der Vorsaison übertreffen. Im Sommer knackte die Liga erstmals die Grenze von 300 Mio. Euro.

Immer wenn die Vereine Millionen bewegen, mischen Agenten wie Kucharski mit. Ihre Macht ist rapide gewachsen, seit der Europäische Gerichtshof 1995 den internationalen Spielermarkt revolutionierte. Im Bosman-Urteil entschieden die Richter, dass Spieler nicht den Clubs gehören und nach Ablauf ihrer Vertragsdauer ablösefrei gehen können. Seither gibt es mehr Wechsel - und mehr Aufträge für die Vermittler.

Sie sind die heimlichen Spielmacher im Fußballgeschäft, einflussreiche Player auf einem Graumarkt, der nur wenige Regeln kennt - und noch weniger Regeln, die auch eingehalten werden. Der Fall Lewandowski war eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen klar wird, welche Rolle die Berater im Fußballbusiness spielen.

[Seitenwechsel]

Geschichten vom Graumarkt

© Karol Grygoruk
Lewandowski-Berater Cezary Kucharski: "Die Spieler dürfen sich nie alleine fühlen"

Mal offen, mal über Bande hat Lewandowskis Agent zusammen mit seinem Partner Maik Barthel versucht, Druck auf die Dortmunder aufzubauen, damit sie den Spieler rasch freigeben. Einmal hieß es, man werde Beweise vorlegen, dass das BVB-Management dem Spieler schon vor längerer Zeit die Zusage gegeben habe, er könne bereits im Sommer 2013 wechseln. Es folgte nichts. Vom FC Bayern kam nicht einmal die Bestätigung, dass er den Stürmer überhaupt verpflichten wolle. Lewandowski selbst wirkte in der ganzen Zeit wie ferngesteuert - und sein Berater wie einer, dem es vor allem um seine Transferprovision geht.

Kucharski habe sich verzockt, schimpften seine Kollegen in Deutschland. "Ich ärgere mich, dass er nicht Mitglied bei uns ist. Sonst könnten wir ihn rausschmeißen", sagte Gregor Reiter, Geschäftsführer der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung (DFVV), in der sich einige der Berater zusammengeschlossen haben. Für die Branche, deren Ansehen zwischen dem von Versicherungsvertretern und Handtaschenräubern rangiert, sind solche Vorgänge der GAU.

Immer wieder gibt es Geschichten, die den Ruf der gesamten Branche treffen - auch wenn viele Berater seriös arbeiten. Sie handeln meist von üppigen Provisionen. Oder von Kickback-Geschäften, bei denen Clubmanager einen Spieler kaufen, mit dem eingeschalteten Vermittler eine überhöhte Provision vereinbaren - und einen Teil davon selbst kassieren.

Nachdem der damalige Zweitligist TuS Koblenz 2007 mit den Agenten Fali Ramadani und Volker Graul den Transfer von Spielern aus Serbien eingefädelt hatte, tauchten plötzlich zwei unterschiedliche Dokumente auf: Der offizielle Transfervertrag sah vor, dass Koblenz 688 000 Euro Ablöse an Partizan Belgrad und 264 000 Euro Provision an die Vermittler bezahlt. In einem zweiten Vertrag waren die Zahlen deutlich höher: 2,5 Mio. Euro Ablöse und fast 670 000 Euro Provision. Vor Gericht konnte nie geklärt werden, was dahintersteckt - und warum so viele Transfers in Koblenz über den in der Branche einschlägig bekannten Ramadani abgewickelt wurden.

Jagd auf die Topspieler

Der Kampf der Spielerberater untereinander taugt ebenfalls regelmäßig für Schlagzeilen. Mal geht es vor Gericht um Provisionsanteile, wenn ein Spieler den Vermittler wechselt. Mal geht es darum, einem Rivalen die Topspieler abzujagen. In der Branche gehört die Blutgrätsche zum Geschäft.

Rund 400 beim Deutschen Fußball-Bund lizenzierte Vermittler gibt es in Deutschland. Hinzu kommen mindestens noch einmal so viele ohne Lizenz: Rechtsanwälte und Familienangehörige der Profis, die keine Lizenz benötigen. Und jede Menge illegale Berater, die darauf setzen, dass die Vereine trotzdem mit ihnen zusammenarbeiten, weil sie attraktive Spieler im Portfolio haben.

Sie alle balgen sich um die fast 130 Mio. Euro an Provisionen, die alleine die Clubs der Ersten und Zweiten Liga zuletzt im Jahr bezahlten. Auf Druck der FIFA legte die Deutsche Fußball-Liga im Frühjahr Zahlen vor. Anders als in England, wo die Zahlungen bei jedem Wechsel über eine Clearingstelle abgewickelt werden, gab es in Deutschland lange Zeit keine Veröffentlichungspflicht.

[Seitenwechsel]

Arbeitsplatz Hotel

© Werner Amann
Seit 25 Jahren im Geschäft: Khedira-Berater Jörg Neubauer

Über die Toptransfers entscheiden gerade einmal ein gutes Dutzend Berateragenturen. In keiner der wichtigsten Ligen ist die Konzentration auf dem Beratermarkt so hoch wie in der Bundesliga, hat das Schweizer Institut CIES Football Observatory 2011 in einer Studie festgestellt. "Wenn die Verbände nicht aufpassen, werden sie eines Tages feststellen, dass der Fußball nicht mehr von ihnen gesteuert wird, sondern zu einem großen Teil von den Beratern", prophezeit Wolfgang Holzhäuser, lange Zeit Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen.

Vermittler könnten schon heute durch geschicktes Verhandeln Spieler dort platzieren, wo diese ihnen den größten Profit bringen. Das gilt vor allem für die Topagenturen Sports Total, Pro Profil, Rogon, Stars & Friends oder T21plus - Firmen mit bis zu 20 Mitarbeitern und noch viel mehr Spielern, die ihren Kunden einen Rundumservice bieten: von der Vertragsverhandlung bis zur Putzfrau.

Die Branche hat sich professionalisiert, genauso wie es die Vereine getan haben. Einzelkämpfer wie Norbert Pflippen oder der Ballack-Berater Michael Becker, die den Beruf über viele Jahre geprägt haben, sind in der Topetage längst die Ausnahme. Bis heute legendär ist Beckers T-Shirt mit dem Aufdruck "JSHDBDEV", das er produzieren und verschicken ließ. Das Kürzel stand für: Jeder Spieler hat den Berater, den er verdient.

20 Leute zu beschäftigen ist nicht Jörg Neubauers Ding. Der Berliner Anwalt ist einer der letzten Einzelkämpfer in der Champions League der Spielerberater, seit 25 Jahren im Geschäft. Zu seinen Schützlingen gehören Roman Weidenfeller, René Adler und Kevin Trapp. Mit Nationalspieler Sami Khedira arbeitet er zusammen, seit dieser 16 Jahre alt ist.

Neubauer hat kein schickes Büro mit Sekretärin. Man kann ihn in einer Hotellobby in der Nähe seiner Wohnung in Berlin-Mitte treffen. Er trägt wie immer Dunkel, auf seinen Sneakers steht "JN 13" - wie bei den Profis, die sich ihre Rückennummern in die Fußballschuhe sticken lassen. Die 13 ist Neubauers Glückszahl.

"Pokern, nur mit richtig viel Geld"

Hotels sind wichtig in Neubauers Beruf, hier werden die großen Deals ausgehandelt. Als er vor einigen Jahren für den FC Schalke den Wechsel des spanischen Superstars Raúl von Real Madrid einfädelte, trafen sich die Parteien zuerst in einem Restaurant in Madrid, dann im Düsseldorfer Maritim-Hotel. Auch das Sheraton am Frankfurter Flughafen ist ein beliebter Ort für Verhandlungen. Die Vertreter der Clubs und die Berater fliegen ein, treffen sich in einem Konferenzraum und fliegen wieder weg. Diskreter geht es nicht.

In der Branche gilt Neubauer als einer, der sehr gute Verträge für seine Klienten und sich selbst macht: "Wenn man 100 Euro herausholen kann, schafft Neubauer 105", heißt es. Er selbst sieht Vertragsverhandlungen wie "Pokern, nur mit richtig viel Geld".

"Es gibt nur wenige gute Berater", findet Neubauer. Sich selbst zählt er natürlich dazu, schon allein, weil er als einer der Ersten anfing, Nachwuchskicker sehr früh zu sichten. Früher hätten Berater Talente erst ab 18 Jahren auf dem Schirm gehabt, heute gehe es schon bei 14-Jährigen los. "Wenn Sie das nicht machen, müssen Sie gar nicht erst anfangen", sagt Neubauer. "Von 100, die einem auffallen, entwickeln sich vielleicht drei. Aber warten geht nicht. Wenn die 17 oder 18 sind, ist schon ein anderer Berater da."

Im Sommer 2013 hatte Neubauer seinen eigenen Transferkrieg, fast wie bei Lewandowski. Mit dem VfL Bochum gab es Streit, weil der Neubauers Supertalent Leon Goretzka nicht zum FC Schalke wechseln lassen wollte. Am Ende fiel die Entscheidung, wie Neubauer sie wollte.

"Es wird nirgendwo so viel gelogen wie im Fußball", sagt Neubauer. Es klingt ein wenig resigniert. Das Geschäft sei härter geworden, niemand halte sich an die Statuten. "Das Beraterwesen hat zu Recht einen schlechten Ruf. Da wird jede Menge Blödsinn gemacht."

Auch vom Beraterverband DFVV, der sich für strengere Regeln einsetzt, erwartet Neubauer nichts. "Da sitzen Leute zusammen, die am nächsten Tag wieder versuchen, sich gegenseitig die Spieler wegzunehmen." Er selbst hat im Laufe seiner Karriere mehrere verloren, darunter Nationalspieler Jérôme Boateng. "Du solltest dein Herz nicht an Fußballer verschenken. Sie unterliegen allen möglichen Einflüssen und treffen manchmal irrationale Entscheidungen", sagt er und bemüht sich, möglichst nüchtern zu klingen. "Da wird oftmals vergessen, was man in der Vergangenheit eigentlich alles für sie getan hat." Aber natürlich komme es auch vor, dass sich neben dem Geschäft Freundschaften entwickeln.

[Seitenwechsel]

"24 Stunden Boateng"

Boatengs neuer Berater sitzt ein paar Kilometer weiter westlich, in einem Altbau am Kurfürstendamm. Er heißt Nicolai Schwarzer und kommt eigentlich aus dem Immobiliengeschäft. Auf seiner Visitenkarte stehen sechs Firmen. Früher hatte Schwarzer auch ein gemeinsames Unternehmen mit Neubauer. Im Herbst 2012 gründete er zusammen mit Michael Rummenigge, dem Bruder des Bayern-Bosses, eine Spielerberateragentur.

Im Mai 2013 nahm Schwarzer Boateng unter Vertrag, er war sein erster deutscher Nationalspieler. Von den vier Mitarbeitern seiner Agentur stellte er einen ab, "der sich 24 Stunden um alle Belange von Boateng kümmert". Imagepflege, Pressearbeit, Website betreuen, Marketing. Das Ganze ist für Schwarzer zuerst eine Investition - eine Provision fließt erst dann, wenn Boateng seinen Vertrag verlängert oder den Verein wechselt. Mittlerweile ist Boateng schon wieder weitergezogen, zu der Firma Sam Sports, bei der Ex-Bayern-Spieler Christian Nerlinger Geschäftsführer ist. Auch der Medienkonzern ProSiebenSat1 mischt bei der Agentur mit.

"Wir sind keine Samariter, wir wollen Geld verdienen", sagt Schwarzer, "aber wir sind mehr als Arbeitsvermittler." Die eigentliche Aufgabe sei es, "dem Spieler bei der Gestaltung der Karriere und seiner Vermögensanlage so zu helfen, dass er nach seiner aktiven Laufbahn sorgenfrei seine zweite Karriere planen kann". Leider komme es immer wieder vor, dass Spieler nach ihrer Zeit als Profi vor einem großen Scherbenhaufen stehen.

Das Handy summt, "Falko Götz" steht auf dem Display. Schwarzer geht ran, es ist wichtig. "Hallo, Trainer", sagt er und grinst. Schwarzer und Ex-Hertha-Coach Götz kennen sich schon lange. Götz trainierte seinerzeit den Zweitligisten Aue und hatte Interesse an einem von Schwarzers Spielern. Der nigerianische Stürmer Solomon Okoronkwo sollte zum Probetraining kommen. "Hotel ist gebucht, Gastspielgenehmigung liegt vor", spricht Schwarzer ins Handy. "Wir haben alles im Griff", sagt Schwarzer. Einige Wochen später ist Okoronkwos Wechsel nach Aue perfekt, ablösefrei.

Acht bis zwölf Prozent Provision - offiziell

Auch wenn die Vereine oft über die Berater schimpfen - im modernen Fußball kommen sie selbst nicht mehr ohne aus. Gerne lassen sie über Vermittler eigene Spieler auf dem Markt platzieren oder bei anderen Spielern vorfühlen, ob sie wechseln wollen. Häufig lassen die Clubs auch sondieren, wenn die Wunschspieler anderswo noch lang laufende Verträge haben - was die FIFA eigentlich verbietet.

Auch bei der Höhe der Provision, die nach dem Reglement nur auf Basis des Jahresbruttogehalts des Spielers berechnet werden darf und üblicherweise acht bis zwölf Prozent beträgt, sind viele Clubmanager kompromissbereit. In der Praxis gibt es oft auch einen Anteil an der Transfersumme - obwohl dies Anreize für einen Wechsel setzt. "Ich weiß, dass die Branche auch mit Vermittlern zusammenarbeitet, die unübliche Methoden anwenden, wenn man einen wichtigen Spieler bekommen kann", sagt Leverkusens Ex-Geschäftsführer Holzhäuser. "Die Clubs stehen nun einmal im Wettbewerb untereinander."

Konstantin Liolios, der Berater von Nationalspieler Kevin Großkreutz, hat daher immer zwei Sätze parat, wenn er Clubmanager über Agenten klagen hört. Der eine lautet: "Es gehören immer zwei dazu." Der andere: "Die Vereine erziehen sich ihre Berater." Die Clubs wollten gar keine ernsthafte Regulierung, sagt der britische Sportökonom Stefan Szymanski. "Sie bevorzugen ein intransparentes System." Die Vereine wünschten ein "paternalistisches Verhältnis" zu ihren Spielern, sagt Szymanski. Gerade bei komplexen Verträgen seien die Profis nicht in der Lage, ihre Interessen allein zu vertreten.

"Es war immer gut zu wissen, dass da jemand sitzt, der für mich verhandelt", erinnert sich Ex-Nationalspieler Carsten Ramelow. Doch mittlerweile entschieden viele Fußballer kaum noch etwas selbst. "Manche fragen ihre Berater sogar, ob sie aufs Klo gehen dürfen", sagt Ramelow.

Bei vielen Beratern ist das Verhältnis zu den Spielern so eng, dass der Eindruck entsteht, sie gehörten zur Familie. Cezary Kucharski, der Mann hinter Lewandowski, spricht fast zärtlich über den Moment, als er seinen Goldjungen entdeckte: "Es war, als hätte ich meine zukünftige Frau getroffen. Ich wusste, dass etwas zwischen uns entstehen wird."

Götze-Berater Volker Struth flog eigens für einen Tag nach Ibiza, als der Fußballer und sein Bruder nach Saisonende dort mit ein paar Kumpels Geburtstag feierten. Götze und sein Berater haben im Sommer 2013 ein paar harte Wochen hinter sich: Als der Wechsel des Dortmunders zum FC Bayern im April durchsickerte, zog sich nicht nur der Mittelfeldstar den Zorn der Fans zu, sondern auch sein Agent.

[Seitenwechsel]

Bentley vor der Firma

Struths Firma Sports Total, Marktführer unter den großen Agenturen, findet man in einem grauen Kölner Gewerbegebiet. Nur der Bentley vor der Tür deutet darauf hin, dass hier das Glamourbusiness zu Hause ist. Struth bittet in den Konferenzraum. Hier hat auch Götze gesessen, als Struth mit ihm über den Wechsel nach München beriet.

Der Agenturchef wirkt jünger als Ende 40, vor ihm liegen zwei Handys, im Gespräch kritzelt er ungeduldig Kreise auf einen Block. Struth glaubt daran, dass die Schnellen die Langsamen fressen. Sein erstes Unternehmen gründete er mit 24, er organisierte Events und vertrieb zur WM 2006 die Fahnen fürs Auto, mit denen Hunderttausende herumfuhren.

"Ich war immer Kaufmann und habe immer geguckt: Wo ist Bedarf? Wo sind Märkte? Und ich habe schon immer gerne mit Menschen zusammengearbeitet", sagt er. Als er 2007 mit seinem Freund Reiner Calmund und Ex-Profi Dirk Hebel zusammensaß, ermunterte der frühere Fußballmanager die beiden, ins Beratergeschäft einzusteigen. "Ich habe zu ihm gesagt: Du bist doch ein Straßenköter, du hast das Feeling", erzählt Calmund.

Inzwischen werden mehr als Spieler von Köln-Ossendorf aus betreut, darunter ein großer Teil der Nationalelf. Marco Reus, Toni Kroos, Benedikt Höwedes. Alle Topstars und fast alle jünger als 25. "Kaum einer unserer Jungs ist schon auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt", sagt Struth. Mit WM-Held Götze verliert er einen seiner wertvollsten Spieler - angeblich einvernehmlich, wie beide Seiten verbreiten ließen.

Wenn sich die Spieler weiterentwickeln, ins Ausland wechseln, wird auch die Agentur profitieren. Derzeit liegt ihr Umsatz im mittleren einstelligen Millionenbereich. Darüber hinaus hielt Struth bislang einen 50-Prozent-Anteil an der Götze Marketing GmbH, die er zusammen mit Mario Götzes Vater Jürgen führte und in der die Werbeeinnahmen des Stars landeten. Götzes goldenes Tor im WM-Finale von Rio wird dem Geschäft nicht geschadet haben. In Zukunft will sich der Nationalspieler komplett von seinem Vater, einem Professor für Elektrotechnik, vertreten lassen.

Das Geld bleibt in der Familie

Für alles hat Struth seine Leute. Unter den 17 Mitarbeitern gibt es Marketingexperten, vier Mitarbeiter scouten Nachwuchstalente. Einer macht den ganzen Tag nichts anderes, als zu schauen, was in den sozialen Netzwerken über die Schützlinge steht. "Die Spieler genießen hier eine Rundumbetreuung", sagt Struth. Seine Mitarbeiter haben sich seinerzeit auch um Götzes Umzug nach München gekümmert. Als der Neuzugang bei den Bayern seinen Dienst antrat, reiste der Chef persönlich an.

Und was ist dran an dem Getratsche in der Branche, dass er einen Teil der Provision aus dem Transfer an Vater Götze weiterreichte? Struth kneift die Augen zusammen, dann sagt er: "Man kann in diesem Geschäft keine unseriösen Sachen machen, wenn man so im Fokus steht wie wir. Wir sind sehr strikt unter Kontrolle, und das ist auch richtig so." Dem DFB muss er regelmäßig ein polizeiliches Führungszeugnis schicken.

[Seitenwechsel]

"Wie Wehner gegen Strauß"

© Tanja Kernweiss
Der Spielervater: Hermann Hummels ist Manager von Weltmeister Mats

Struth hat eine Marktposition erreicht, in der viele Talente von allein kommen. Auch Hermann Hummels hätte er gerne verpflichtet - vor allem, weil der einen interessanten Sohn hat.

Hermann Hummels ist nicht nur der Vater von Nationalspieler Mats Hummels, sondern auch der Berater, der im Frühjahr 2016 auch beim Transfer seines Sohns nach München mitgemischt hat. Im Millionengeschäft Fußball gibt es immer noch einige wenige Spieler, die ihre Interessen von Familienmitgliedern vertreten lassen: Weltfußballer Lionel Messi, die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan, FC-Bayern-Star David Alaba.

"Blut ist verdammt viel dicker als Wasser", sagt Hermann Hummels, ein kantiger Westfale, der 17 Jahre lang Jugendtrainer bei Bayern München war und Stars wie Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger ausgebildet hat. Er trägt Latschen ohne Socken, beim Reden rudert er mit den Armen wie ein Coach auf der Bank. Natürlich wolle er seine Söhne Mats und Jonas nicht als Investment sehen, "das kann ich nicht". Aber auf der anderen Seite soll das Geld auch in der Familie bleiben.

"Ich will nicht mit aller Macht das Maximum, das ein Vertrag hergibt. Aber ich will mich auch nicht über den Tisch ziehen lassen", sagt Hummels, und seine Stimme wird laut. "Meine Spieler haben ein Recht darauf, dass ich mich mit ihren Vereinen auch einmal streite, wenn es um ihre Interessen geht."

Nachdem Hummels 2012 bei den Bayern rausgeflogen war, machte er die Vermittlerlizenz und startete als selbstständiger Berater. Für seine Söhne - und für andere Sportler. Ein paar Nachwuchsspieler hat seine Firma HMH Sportmanagement schon. Hummels ist jetzt ein Konkurrent für die großen Agenturen und muss um die Talente kämpfen. "Das Geschäft ist ein Hauen und Stechen. Das läuft wie einst Wehner gegen Strauß", sagt er. Mit zwei Agenturleuten grüßt er sich nicht mehr.

Obstsalat und Playstation

Seit einiger Zeit hat Hummels ein Büro in Unterhaching, in der Nähe des Stadions. Noch ist es hier ziemlich kahl. Aber eine Couch, ein Flachbildfernseher und ein Kühlschrank sind schon da, damit seine Spieler kommen und auf der Playstation spielen können. "Die großen Agenturen machen ,Player Service'. Da kann ich nicht mithalten. Bei mir gibt es nur immer frischen Obstsalat im Kühlschrank", sagt Hummels. Einer seiner Spieler behaupte sogar, der Salat sei "Weltklasse".

"Das ist Romantik", findet ein anderer Berater, der groß im Geschäft ist. Und auch Hummels spürt, dass ein Vater allein mit den Dimensionen, um die es heute im Profigeschäft geht, überfordert ist. Am liebsten würde er sich ganz auf das Sportliche konzentrieren und jedes Spiel seiner Jungs beobachten. Aber da sind eben auch Werbeverträge, Steuersachen, Vermögensanlage, Versicherungen. Für die wichtigen Bereiche hat Hummels Vertraute, mit denen er zusammenarbeitet.

Der Profifußball ist ein hartes Geschäft. Das hat auch Lewandowski-Berater Kucharski zu spüren bekommen. Am Ende des Transfersommers 2013 steht er als der große Verlierer da. Er ist abgetaucht, gibt keine Interviews mehr.

Dennoch ist Kucharski kein armer Mann. In Unterlagen für das polnische Parlament gibt der Abgeordnete ein Geldvermögen von fast 800 000 Euro an, hinzu kommt ein umfangreiches Immobilienportfolio. Seine Beraterfirma brachte Kucharski 2012 fast 500 000 Euro ein.

Als man ihn im Frühjahr 2013 doch einmal am Telefon erwischt, klingt Kucharski, als habe er die Niederlage akzeptiert. Der scharfe Ton, der noch vor ein paar Wochen zuvor mitschwang, als er über die BVB-Chefs sprach, ist weg. Alles hänge von Dortmund ab, sagte Kucharski. "Wir wollen weiter einen Wechsel. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen."

Hinweis: Der Artikel erschien in seiner Erstfassung in der Capital-Ausgabe August/2013.


Artikel zum Thema

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.