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Die neue Eigenheimlichtuerei

, Horst von Buttlar

Ist das Normalität am Immobilienmarkt oder Wahnsinn? Jedenfalls müssen wir viel Geld fürs Wohnen aufbringen. Von Horst von Buttlar

Vor einiger Zeit sagte ein Freund von mir einen ganz merkwürdigen Satz: „Ich finde, Wohnen ist ziemlich anstrengend geworden.“ Sagen Sie diese Wörter noch mal laut vor sich hin: Wohnen. Anstrengend. Wie kann das sein? Ich will jetzt kein Idyll voll wohnriesternder Wärme in den eigenen vier Wänden zeichnen – doch „Wohnen“, sofern man ihm überhaupt eine Eigenschaft zuordnet, sollte nicht anstrengend sein.

Allerdings haben sich seit einiger Zeit ganz andere Bilder eingeschlichen: Wir sehen sie im Fernsehen, wenn sich Wohnungssuchende DDR-schlangenartig durch Treppenhäuser anstellen, wo irgendwo im fünften Stock 120 Quadratmeter für 1600 Euro/kalt warten. Wir lesen diese Schlagzeilen über Immobilienpreise, Sprünge von zehn, 20, 30 Prozent.

Ist das normal?

Und wir hören diese Geschichten im Bekanntenkreis, wo immer mehr im Stressnest hocken, weil 50 Prozent für Miete oder Rate draufgehen. Wild werden absurd teure Wohnungen angemietet oder irgendwelche Häuser aus den Sechzigern gekauft, und dann wird erst mal eine Drainage fällig, ach ja, und dämmen sollte man die Hütte auch gleich, Fenster neu sowieso. Der Wahnsinn funktioniert oft nur über vorgezogene Eilerbschaften und weil Eltern ab und zu die Skiurlaube finanzieren. Wo­rüber natürlich kaum einer spricht. Das ist die neue Eigenheimlichtuerei.

Und dann, wenn man darüber mal ehrlich spricht, höre ich oft mein Lieblingsargument: „Wir holen ja nur nach, was in London und Paris normal ist.“ Unsere Kriminalitätsrate ist auch nichts gegen São Paulo und Nairobi. Sollen wir da auch nachholen?

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Manchmal frage ich mich, ob wir alle verrückt geworden sind und wer bei diesem Treiben der nackte Kaiser ist. Oder ob wir einfach selbst schuld sind, wenn wir den Stuck abreißen, um noch mal Thermohanfblöcke darunterzulegen.

Ich bin übrigens nicht frei davon: Wir haben auch gebaut, nicht übertrieben, aber sportlich. Ob das Ganze zu teuer war, weiß ich nicht. Bestimmt. Aber es gab, als unser dritter Sohn kam, keine intelligente Alternative. Insofern ist es auch ungerecht zu sagen, dass unsere Generation verrückt und verzogen ist.

Ich erwarte nicht, dass uns in Deutschland bald eine teutonische Subprime-Krise droht – auch wenn man immer öfter über waghalsige 100-Prozent-Finanzierungen liest.

Zum einen spielen diese Geschichten meist in Städten und da in den Trendvierteln. Zum anderen wird oft Vermögen umgeschichtet: Eine Generation investiert liquide Mittel in die Immobilien ihrer Kinder. Zwischen 2011 und 2020 werden 2600 Mrd. Euro in Geld und Sachwerten vererbt, der Nachschub ist also da. Ob das Haus 50.000 Euro zu teuer war, ist zweitrangig – Haupt­sache, der Nachwuchs ist glücklich und nicht zu quadratmeterschwach.

Zu unserer Ausgabe: Für den Immobilien-Kompass recherchierten zwei Dutzend Journalisten wochenlang in Deutschland. Das erste Mal präsentieren wir Ihnen 25 Städte in zwei aufeinanderfolgenden Sonderheften. Unabhängig von den Lagekarten interessieren mich die Geschichten hinter dem Phänomen, das ich beschrieben habe. Was sind Ihre Erfahrungen? Schreiben Sie mir an ­chefredaktion@capital.de.

Horst von Buttlar

Chefredakteur 

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