• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Editorial

Die neue Capital

, Horst von Buttlar

Weltmarktführer, Wirtschaftswunder – die Deutschen sind stolz auf ihre Erfolge. Trotzdem hat die Wirtschaft ein Imageproblem, was sich nicht zuletzt am Streit um Wirtschaft als Unterrichtsfach zeigt.

Das Ganze ist ein großes Rätsel: Wir sind ein Volk, das arbeitet, schafft, tüftelt. Wir sind Weltmarktführer bei der Anzahl der Weltmarktführer. Unser Lieblingsmythos ist das Wirtschaftswunder und die Ikone dazu ein dicker Mann mit Zigarre. Und trotzdem reden viele in diesem Land, als sei die Wirtschaft etwas Böses, das uns gefangen hält, und der Kapitalismus eine Krankheit, die wir nur abschütteln müssen. Da passt etwas nicht zusammen.

Die Suche nach einer Antwort beginnt am Kiosk. Vielleicht haben Sie diese Ausgabe von Capital­ ja dort gekauft. Haben Sie einmal die Aufteilung der Ladenfläche angeschaut? Fünf Regalmeter „Hobby & Garten“, drei Meter „Computer“, vier für „Frauen“. Hinten links, ein Meter: „Wirtschaft“. Manchmal zusammengepfercht mit „Kultur“ (oder, neulich gesehen: „Wirtschaft/Kultur/Erotik“, was allerdings verkaufsfördernd sein dürfte). Das klingt etwas beleidigt, doch die Frage stellt sich: Warum ist Wirtschaft in Deutschland nahezu Special Interest? In einem Land, das am liebsten Exportweltmeister ist?

Streit um Unterrichtsfach

Capital-Cover
Die neue Capital, am 23. Januar im Handel

Anfang des Jahres las ich einen interessanten Bericht über Modellversuche an Schulen, das Fach Wirtschaft einzuführen. Die Lehrer müssen sich ihr Lehrmaterial meist selbst aus Zeitungsartikeln und Aufsätzen zusammenstellen, gute Bücher gibt es nicht. Interessanterweise ist in vielen Bundesländern ein kleiner Kulturkampf darüber entbrannt. In Nordrhein-Westfalen etwa, wo seit 2012 an ausgewählten Realschulen Wirtschaft unterrichtet wird. 30 Schulen sollten an dem Programm teilnehmen, das Interesse war größer, 70 wurden es. Laut einer Umfrage wollen 80 Prozent das Fach unbefristet haben. Doch die Grünen, die hier regieren, sind skeptisch. Auch die Gewerkschaften, die noch im Jahr 2000 für das Fach Wirtschaft warben, gehen auf Distanz.

Der Artikel zitiert den Sozialwissenschaftler Tim Engartner, der gegen ein „von Lobbyverbänden gefordertes Separatfach Wirtschaft“ ist und fordert, es „in bester Tradition“ in sozialwissenschaftliche Fächer zu integrieren. Sonst drohe die auf die „Totalbewirtschaftung des ­Lebens zielende Kosten-Nutzen-Kalkula­tion“ zum Fixpunkt ökonomischer Bildung zu werden.

Ich denke, dass der Käse, den der junge Professor da verzapft, eine Schlüsselerkenntnis liefert: Niemand schreit, dass im Fach Religion missioniert wird. Warum sollten im Wirtschaftsunterricht lauter Heuschrecken herangezüchtet und das „Ich“ einer Vollökonomisierung unterzogen werden? Wenn man schon in der Schule etwas über die Megathemen unserer Zeit, über Staatsschulden, Finanzkrisen und Leistungsbilanzen lernen würde, wäre das doch ausgesprochen nützlich. Stattdessen wird Wirtschaft den Sozialkunde-Schluffis überlassen.

Der Streit zeigt, dass dieses Zerrbild von Menschen geschaffen wird, die nichts von Wirtschaft verstehen, die uns die Entfremdung zwar nicht in die Wiege, aber in die Erziehung legen. Es gibt eine Kluft in Deutschland zwischen denen, die den Wohlstand schaffen, und jenen, die darüber urteilen und befinden.

Was ist Ihre Erfahrung dazu? Schreiben Sie mir (chefredaktion@capital.de)! Und nun tauchen Sie (erst recht) in die wirklich wunderbare Welt der Wirtschaft ein!

Horst von Buttlar

Chefredakteur

 

Eine Inhaltsübersicht finden Sie auf der nächsten Seite.

[Seitenwechsel]

Titel-Thema

Oben bleiben - Der Aufstieg an die Spitze ist für jeden Menschen hart. Sich dort zu halten noch härter. Das Gleiche gilt für Teams, Unternehmen, Vereine. Wie sieht die Zauberformel aus? Erfolgreiche Persönlichkeiten und Institutionen haben Capital verraten, wie es gelungen ist, oben zu bleiben – vom FC Bayern über Merck-Chef Karl-Ludwig Kley, den Sportler Georg Hackl bis zum Kopfhörerhersteller Sennheiser

Top-Themen

Wenn das Licht ausgeht - Bedroht die Energiewende unsere sichere Stromversorgung? Viele halten das für Panikmache. Doch immer mehr Unternehmen rüsten sich für den Ernstfall. Denn die Gefahr größerer Stromausfälle steigt

Die Nationbuilder - Griechenland bekommt nicht nur Kredite; eine Truppe von Europäern hilft, das Land neu aufzubauen. Niederländer arbeiten an einem Kataster, Franzosen trainieren Steuerbeamte und die Deutschen reformieren das Gesundheitssystem

Heimliche Herrscher - Mit ihren Milliarden bestimmen Staatsfonds die Geschicke an den Märkten – und kaufen sich weltweit ein, auch in Deutschland. Capital hat den norwegischen Ölfonds besucht

Rückkehr der Barbaren - Der legendäre Investor Carl Icahn will Apple zur Ausschüttung seiner Milliarden zwingen. Ein Erfolg könnte andere Hedgefonds-Manager anspornen

Boom-Markt Marihuana - Die USA liberalisieren den Cannabiskonsum. Und prompt rüsten sich Unternehmer für ein neues Milliardengeschäft

Schwerpunkt Index-Fonds - ETFs werden immer beliebter, das Angebot differenzierter. Nun kann der Privatanleger damit eine eigene Vermögensverwaltung aufbauen

Weitere Themen

Datenschutz-Allianz - Interview mit Steve Bennett: Der Chef des Softwarekonzerns Symantec fordert mehr Kooperation der IT-Firmen

Verschwörungstheorien - Macht Labello süchtig? Die schönsten und skurrilsten Spekulationen über dunkle Mächte in der Wirtschaft

Kulturkampf um Wein - Chinesische Investoren kaufen sich in französische Bordeaux-Güter ein. Und mischen den Markt auf

Versicherung - Mithilfe der Krankenversicherung kann der Beitragszahler geschickt Steuern sparen 

Interesse? Hier können Sie sich ab dem 23.1. die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.  


Artikel zum Thema
Autor
  • Editorial
Ein Sommer voller Entsetzen

Ein Sommer voller Eilmeldungen und Entsetzen. Wir sollten uns Zeit zum Nachdenken nehmen, damit wir nicht hilflos werden. Von Horst von ButtlarMEHR

  • Editorial
Wenn der Regelbruch zur Regel wird

Die EU gibt sich Regeln, die sie dann bricht. Bei den italienischen Krisen-Banken wird es wohl wieder so sein. Von Horst von ButtlarMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.