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Die Mini-Payback-Show

, Heinz-Roger Dohms

Sie sind beide erst 26, aber gelten als Wunderkinder der deutschen Fonds­szene. Marc Profitlich und Nicolas Schmidlin haben mit abseitigen Invest­ments spektakuläre Renditen erzielt. Sind sie wirklich so gut, wie ihre Performance vermuten lässt?

Marc Profitlich (links) und Nicolas Schmidlin, beide sind erst 26 Jahre alt © Markus Burke
Marc Profitlich (links) und Nicolas Schmidlin, beide sind erst 26 Jahre alt

Der Mann heißt wirklich so, es steht in seinem Ausweis: Profitlich. Als wäre der Name eine Bestimmung. Und dort steht auch sein Alter: 26 Jahre. Frühere Kommilitonen absolvieren gerade ihre Trainee-Programme, Marc Profitlich kann bereits einen atemberaubenden Track-Record vorweisen, wie man in der Finanzbranche sagt: 132 Prozent Rendite in viereinhalb Jahren, im Schnitt also rund 20 Prozent per annum. Eine solche Performance erreichen nicht einmal die ganz Großen der Investmentszene.

Profitlich („Sorry, ich hatte noch kein Frühstück“) macht sich gerade an einem Stück Karottenkuchen zu schaffen, während er am Beispiel der Capital-Trust-Anleihe der BayernLB erläutert, wie eine solche Traumrendite möglich war:

Man schreibt den 25. Juli 2012, als die EU-Kommission ihr Beihilfeverfahren gegen die in der Finanzkrise gerettete Landesbank abschließt. In der englischsprachigen Pressemitteilung ist von einem „hybrid ban“ die Rede, was in der deutschen Fassung mit „Hybridkapitalbedienungsverbot“ übersetzt wird. Die BayernLB soll also, um Geld zu sparen, ihre Zahlungen an bestimmte Gläubigergruppen einstellen. Betroffen davon ist, so scheint es, auch besagte Capital-Trust-Anleihe – denn sie gehört zweifelsohne zur Gattung der Hybridpapiere.

Der neue heiße Scheiß

Marc Profitlich und sein Kompagnon Nicolas Schmidlin allerdings glauben es besser zu wissen. Sie haben die juristischen Klauseln des Papiers genau studiert. Ihrer Meinung nach ist die BayernLB verpflichtet, die Anleihe zu bedienen – auch wenn die EU-Kommission anscheinend etwas anderes sagt. Es kommt, wie es kommen muss: In den folgenden Tagen stellt sich heraus, dass die Pressemitteilung ungenau formuliert war, das „Bedienungsverbot“ tatsächlich nicht für alle Hybridpapiere gilt, Profitlich und Schmidlin also Recht hatten. Der Kurs der Anleihe schießt binnen kurzer Zeit von 31 auf 42 Prozent, bald darauf verkaufen die beiden sie sogar zu einem Kurs von 47 Prozent. Ein Coup! „Und nur, weil wir den Prospekt genau gelesen hatten“, sagt Profitlich. Und lacht dabei, als ob er es selbst nicht fassen kann.

Profitlich und der gleichaltrige Schmidlin sind die Jungstars der deutschen Geldvermehrerszene, „der neue heiße Scheiß“, wie ein renommierter Vermögensverwalter die beiden nennt. Es bleibt unklar, ob er es ironisch meint oder völlig ernst. Erst im Januar vorigen Jahres haben die beiden Wunderkinder ihren ersten Fonds aufgelegt, den ProfitlichSchmidlin Fonds UI. Rasch wuchs die Anlagesumme auf mehr als 50 Mio. Euro, mittlerweile steht der Fonds bei beeindruckenden 65 Mio. Euro.

Kein Büro, eher eine Kammer

Unter Insidern hat sich die Vorgeschichte herumgesprochen: besagter Track-Record nämlich, den das Duo zwischen 2009 und 2013 mit ­einem privaten Investmentclub und meist äußerst abseitigen Anlagen erzielte. Bis heute rätselt die Szene jedoch: Wie machen die beiden das eigentlich? Sind die wirklich so gut? Oder hatten sie einfach nur Glück?

Marc Profitlich empfängt in seinem Büro in der Kölner Innenstadt, wobei Büro ein wohlmeinender Ausdruck ist – es handelt sich eher um eine Kammer. Auf der einen Längsseite stehen ein Computer und ein Terminal des Finanzdatendienstleisters Bloomberg, auf der anderen eine Regalwand, dazwischen zwei Tische und zwei Stühle. „Mehr brauche ich nicht“, sagt Profitlich. Tagein, tagaus macht er wenig anderes, als Zahlen zu analysieren, die das Terminal ausspuckt, und Vertragstexte zu studieren. Gegen 8.30 Uhr fängt er damit an. Und wenn er mal früh nach Hause geht, nimmt er sich meist einen Stapel Papiere mit und liest bis Mitternacht weiter.

Was Profitlich und Schmidlin machen, läuft letztlich auf das gute, alte „Picking“ hinaus. Sie wollen also Papiere aufspüren, die unterbewertet sind und bei denen die Aussicht besteht, dass die Unterbewertung in naher Zukunft so offensichtlich wird, dass sie auch der breiten Masse auffällt – und ein Run einsetzt.

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Marc Profitlich studierte Wirtschaftsrecht und machte danach einen Management-Master. Sein Job ist es, die passenden Wertpapiere für den Fonds aufzuspüren © Markus Burke
Marc Profitlich studierte Wirtschaftsrecht und machte danach einen Management-Master. Sein Job ist es, die passenden Wertpapiere für den Fonds aufzuspüren

Eine Internetbekanntschaft

Nun ist die Zahl der Investoren höchst überschaubar, denen es gelingt, den Markt mit der Picking-Strategie dauerhaft zu schlagen. Warum soll das ausgerechnet zwei Twens gelingen, von denen einer in seiner Kölner Kammer sitzt und der andere zwischen zwei noch kleineren Büros in Frankfurt und London hin- und herpendelt?

Profitlich stammt aus einem kleinen Ort bei Köln, Schmidlin wuchs in einem Dorf im Schwarzwald auf. Sie kennen einander, seit sie 17 waren, ihre Wege kreuzten sich damals in einem Finanzforum im Internet. „Wer sich als Teenager für die Analyse von Firmenkennzahlen interessiert, findet im örtlichen Fußballclub oder in der Schule eher keine Gleichgesinnten“, sagt Profitlich.

Parallel zum Wirtschaftsstudium beginnen die beiden, Wertpapier­analysen zu verfassen, 2009 starten sie ihren Investmentclub. Die ersten Anleger: sie selbst mit je 2 000 Euro, daneben die Eltern, ein paar andere Verwandte und Bekannte – ­sowie ein Manager von Flossbach von Storch, einem der größten unabhängigen deutschen Vermögensverwalter. Er kennt Profitlich von einem Praktikum, macht eher aus Neugier denn aus Profitstreben mit. Und sieht dann, wie die paar Tausend Euro, die er beigesteuert hat, sich zu vermehren beginnen.

Anlage in Zinspapiere

So einen Investmentclub, sagt Profitlich, dürfe man nicht mit einem Börsenspiel verwechseln. „Auch wenn es damals insgesamt nur um eine bescheidene sechsstellige Summe ging, war es keine Simulation. Es war echtes Geld, und zwar überwiegend fremdes Geld.“

Sie fühlen sich damals gleich wie richtige Vermögensverwalter, auch wenn sie erst Anfang 20 sind, beginnen mit dem Versand eines vierteljährlichen Investorenbriefs, in dem sie ihren Kunden ihre neuesten Anlage­entscheidungen erläutern. Es geht in diesen Briefen allerdings nicht um Aktien von Daimler, Deutscher Bank oder BASF, sondern meist um ziemlich abseitige Invest­ments, zum Beispiel um Genussscheine der alten Württembergischen Hypothekenbank.

Gern legt der Profitlich-­Schmid­lin’sche Investmentclub in Zinspapieren an, die weit unter Nennwert notieren. Häufig handelt es sich um Nachranganleihen angeschlagener Banken – die nach Ansicht des Duos gar nicht so nachrangig sind. Oder auch mal um ausfallgefährdete griechische Staatsanleihen – die nach Ansicht von Profitlich und Schmidlin gar nicht so ausfallgefährdet sind.

Das Kleingedruckte entscheidet

Die abweichende Meinung speist sich aus dem Kleingedruckten der Verkaufsprospekte. „Zwei Anleihen ein und desselben Emittenten können völlig unterschiedliche Zahlungsbedingungen aufweisen“, sagt Profitlich. Gerade die Klauseln zum Gläubigerschutz unterschieden sich häufig. Im Krisenfall habe das maßgeblichen Einfluss auf die Frage, in welcher Form die Anleihe restrukturiert werden könne.

Nicht nur bei der hybriden Capital-­Trust-Anleihe der BayernLB geht die Strategie der beiden Jung­spunde auf. Sondern auch in einem halben Dutzend ähnlich gearteter Fälle. Selbst beim griechischen Schuldenschnitt 2012 erweist sich das Kalkül des Duos als richtig. Gezielt hat es in jene wenigen Athener Anleihen investiert, die nach ausländischem Recht emittiert worden waren und deshalb vom sogenannten Haircut ausgenommen sind.

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Nicolas Schmidlin studierte Wirtschaft in Frankfurt und zog fürs Masterstudium nach London. Verträge, Prospekte und Regulierung sind seine Haupttätigkeit © Markus Burke
Nicolas Schmidlin studierte Wirtschaft in Frankfurt und zog fürs Masterstudium nach London. Verträge, Prospekte und Regulierung sind seine Haupttätigkeit

Profitjagd im Pulli

Die Coups der Newcomer sprechen sich herum, ihre Investorenbriefe werden bald in einschlägigen Zirkeln herumgereicht, als enthielten sie eine Anleitung zum Gelddrucken. Eine namhafte deutsche Fondsboutique lässt sich bei ihrer Anlagepolitik schon 2012 von Profitlich und Schmidlin beraten. Ende 2013 gründen beide schließlich ihre eigene Firma, an der sich unter anderem Flossbach von Storch beteiligt – ein Ritterschlag. „Wir schätzen die Art, wie sich die beiden der Kapitalmarktanalyse nähern“, sagt Bert Flossbach, „immer bereit, Strukturen zu hinterfragen und sich nicht auf das Urteil anderer zu verlassen.“

Marc Profitlich bittet aus seinem Büro hinaus auf die Straße, dann steuert er das ­gegenüberliegende Café Waidmeister an. Er ist fast zwei Meter groß, trägt eine verwaschene Jeans, einen Wollpulli und die Haare kurz geraspelt. Auf den ersten Blick ähnelt er den Fintech-Gründern, die der eta­blierten Geldbranche momentan das Fürchten lehren – doch dieser Eindruck täuscht. Das lässige Outfit ist bei Profitlich, anders als bei den Fintech-Jungs, kein Statement, sondern nur der Bequemlichkeit geschuldet, „wenn man den ganzen Tag im Büro vor dem Rechner sitzt“. Selbstverständlich, sagt er, trage er bei Investorenterminen einen Anzug.

Schmidlin und er wollen nicht zwingend anders sein als andere Fondsmanager. Sondern nur besser. Aber sind sie das?

132 Prozent Profit

Die 132 Prozent Profit ihres Investmentclubs sind nicht nur beeindruckend, sie sind spektakulär. Zwar gewann der Dax im selben Zeitraum 110 Prozent. Doch einen großen Teil ihrer Performance erzielten Profitlich und Schmidlin nicht mit dem Markt, sondern unabhängig von ihm – was das Ergebnis aufwertet.

Die Schwankungen waren zudem gering, die Volatilität betrug gerade einmal 7,4 Prozent. Im Horrormonat August 2011 zum Beispiel, als der Dax um 19 Prozent einbrach, verlor der Investmentclub gerade einmal 3,5 Prozent. Trotzdem bleibt die ­Frage, ob sich Coups wie der bei der BayernLB wiederholen lassen. Ob Profitlich und Schmidlin also in der Lage sind, neue Nischen ­aufzuspüren. 

Per Ende März 2015, also knapp 15 Monate nach seiner Auflage, notiert der ProfitlichSchmidlin Fonds UI mit 11,6 Prozent im Plus. Das ist nicht schlecht, aber auch nicht überragend. Die beiden Wunderkinder wissen inzwischen, wie sich Niederlagen anfühlen.

Fehler und Rückschläge

März 2014. In der Finanzbranche kocht erstmals der Verdacht hoch, die Anleihen der österreichischen Krisenbank Hypo Group Alpe Adria könnten ausfallen. Viele Investoren reagieren panisch und werfen die Papiere auf den Markt, Profitlich und Schmidlin nutzen den Kursverfall zum Einstieg. Sie wissen schließlich nicht bloß, was jeder weiß: dass es nämlich eine Staatsgarantie für die Anleihen gibt. Sondern auch – so heißt es selbstbewusst im Investorenbrief –, dass „einige Anleihen nach deutschem Recht aufgelegt wurden“, wodurch „eine unilaterale Änderung der Zahlungsbedingungen ausgeschlossen“ sei.

Rechtlich liegt das Duo damit zweifellos richtig. Politisch ist es eine grandiose Fehleinschätzung. Im März 2015 verkündet die österreichische Regierung, die Anleihen vorerst nicht mehr zu bedienen. Ein Haircut von rund 50 Prozent scheint wahrscheinlich. „In diesem Fall haben wir das politische Risiko nicht ausreichend berücksichtigt“, schreiben Profitlich und Schmidlin kleinlaut ihren Investoren, ein Verlust sei „realisiert worden“. Es war nicht der einzige Rückschlag. Auch griechische Staatspapiere belasteten trotz aller Gläubigerklauseln das Ergebnis.

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Es geht um Disziplin

Dennoch überwiegen bislang auch im Fonds die kleinen und großen Coups. Mit der Aktie der Immobilienfirma Patrizia zum Beispiel machten Profitlich und Schmidlin binnen weniger Monate gut 65 Prozent Gewinn – sie hatten die krasse Unterbewertung des Unternehmens so früh erkannt wie kaum ein anderer. Eine ähnliche Performance traut Profitlich dem britischen Immobiliendienstleister Regus zu, bei dem er in Köln selber Mieter ist.

Ein paar originelle Profitbringer ­haben die beiden Geschäftspartner zuletzt auch wieder aufgespürt: Mit britischen Kriegsanleihen fuhr der Fonds in kurzer Zeit zehn Prozent Rendite ein, weil sie die Kündigung der Papiere mit unbegrenzter Laufzeit durch die Londoner Regierung richtig antizipierten. Bei der Übernahme der Schweizer Telekomfirma Matterhorn durch die britische Firma Orange fuhr das Duo „quasi eine Rendite ohne Risiko“ ein, wie Profitlich sagt. Orange hatte nämlich angekündigt, sämtliche ausstehenden Anleihen vorzeitig zurückzuzahlen – was bei einigen Papieren aufgrund spezieller Prospektklauseln nur mit einem deutlichen Aufschlag auf den Marktpreis möglich war.

IQ von 140? Braucht man nicht!

Also doch Genies? „Geldanlage ist keine Rocket-Science“, sagt Profitlich, verputzt das letzte Stück Karottenkuchen – und guckt treuherzig aus seinen großen Augen. Und dann zitiert er den legendären Investor Warren Buffett. „Der sagt auch, dass man keinen IQ von 140 braucht.“ Stattdessen gehe es um Disziplin, darum, die Unternehmen und Emittenten zu verstehen und sich nicht zu sehr von Marktstimmungen beeinflussen zu lassen.

Zum Abschied meint Profitlich: „Wir versuchen alles zu vermeiden, was sich dem analytischen Ansatz widersetzt. Und darum wollen wir auch vermeiden, uns selbst zu überschätzen.“

Der Artikel ist zuerst in Capital 07/2015 erschienen.


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