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Die Maschen der E-Mail-Betrüger

, Jens Brambusch

Betrüger locken mit Angeboten im Postfach. Capital hat die fünf gängisten Tricks unter die Lupe genommen.

E-Mai-Falle © Getty Images
Vorsicht vor E-Mail-Fallen

Mindestens eine der folgenden Mails haben Sie sicherlich auch schon ­bekommen. Binnen wenigen Tagen flatterten sie in das Postfach der Redaktion. Wir fragten uns: Gibt es wirklich Leute, die auf die offensichtlichen Betrügereien hereinfallen?

Oh ja, sogar Tausende. Das Bundeskriminalamt spricht von einem Massenphänomen. Umso wichtiger ist es, die Abzocke zu erkennen. Capital stellt fünf typische Mails vor

Der Klassiker: Nigeria-Connection

Jamba Musukoi erklärt In schlechtem Deutsch das Geschäft. Er arbeite bei einer Bank in Sambia, und dort sei er auf das Konto des verstorbenen Deutschen Johannes Horn gestoßen – darauf 7,5 Mio. Dollar. Einen Erben gebe es nicht. Dann macht er das unanständige Angebot: Warum nicht teilen? Zwei Drittel für ihn, ein Drittel für den Adressaten der Mail, den er als Erben einsetzen will. Ein Notar in Sambia werde alles regeln. Deal?

Nein, kein Deal. Sondern plumpe Abzocke. Es gibt Hunderte solcher Geschichten voller ergreifender Schicksale. Mal geht es um afrikanische Prinzen oder Präsidentensöhne im Exil, mal um bei Unfällen verstorbene Geschäftsleute. Und immer geht es um das ganz große Geld – um Millionen.

Unglaublich, aber die Masche zieht auch nach Jahrzehnten. Anfänglich kamen die Täter aus Nigeria, daher auch der Name Nigeria-Connection. Mittlerweile sind die Betrüger um den ganzen Globus verteilt. Früher wurden Briefe verschickt, später Faxe und heute eben Mails. In Erwartung von Millionen gehen die Opfer in Vorleistung – für angebliche Anwaltskosten, Bankgebühren und Bestechungsgelder. Kleinere Beträge, die sich aber summieren. Gier frisst eben Hirn.

Das niederländische Institut Ultrascan hat errechnet, dass die Nigeria-Connection im Jahr 2010 rund 6,7 Mrd. Euro ergaunert haben dürfte – weltweit. Allein in Deutschland identifizierte das Institut 24 Betrugsringe mit insgesamt 455 Mitgliedern. Dafür wertete es 8 000 reale Fälle aus. Die erschreckende Erkenntnis: Die Opfer sind meist gut situiert und gebildet. Selbst Anwälte sind darunter, aber auch Ärzte und Unternehmer. Der Schaden liegt meist zwischen einigen Tausend und 400 000 Euro. Laut Bundes-kriminalamt steigt die Zahl der Opfer sogar – weil das Verschicken von Massenmails immer leichter wird.

Tradersoftware: Projekt 95

„Letzte Woche wurden wieder sagenhaft hohe Einnahmen ausgeschüttet“, freut sich „Thomas“. „Claudia“ hat endlich einen Weg gefunden, „an viel Geld zu kommen“. Und „Uwe“ macht gleich Druck: Wegen der Flut an Interessenten „haben wir uns entschlossen, nur noch ausgewählte Leute aufzunehmen“. Alle drei Mails führen zu Projekt95 – einer Tradersoftware.

Die Website ist voller Empfehlungen – von N-TV, CNBC und CNN. Das ZDF war sogar so begeistert, dass es eine Eilmeldung verschickte. „Neue Software verdient für Sie 143,50 Euro pro Stunde.“ Natürlich alles gelogen! Auch das Gütesiegel auf der Website gibt es nicht, die präsentierten Auszeichnungen wurden nie gewonnen. In einem 20-minütigen Video erklärt der 47-jährige Ex-Trader „Richard“ seine Handelssoftware. Kollegen der ersten Stunde, sagt er, verdienten damit im Monat mehr als Manager und Anwälte im Jahr. Die Software laufe auf einem Superserver, sekündlich würden Tausende Börsenbewegungen analysiert und Trends erkannt. Die Treffsicherheit liege bei sagenhaften 91,3 Prozent.

Mit Projekt95 werden Wetten auf Wechselkurse abgeschlossen – und das kinderleicht. Die Wette wird vorgeschlagen, der Nutzer muss nur bestätigen, und schon sieht er wenig später, wie sein Vermögen wächst. Zum Beweis bekommt jeder Neuling 500 Euro Spielgeld, um die Software zu testen. Auch Capital hat den Test gemacht – und nur gewonnen.

„Richard“, ein Robin Hood der Finanzbranche? Von Ex-Kollegen wurde er betrogen, belogen und ausgenutzt. Seine Chefs haben seinen Bonus eingesackt. Das ist seine Rache: Er verhilft dem kleinen Mann zu Reichtum, vorbei an Banken und Brokern. Alles, was „Richard“ will, sind fünf Prozent vom Gewinn – als eine Art Erfolgshonorar. Doch wer echtes Geld einsetzt, der verliert. Diese Erfahrung haben unzählige Nutzer gemacht. In Internetforen machen sie ihrem Frust Luft.

Das Geschäft mit solchen Handelsplattformen muss gut laufen. Denn „Richard“ ist nicht allein. Es gibt diverse Partnerangebote – wie Signal95 oder Regal Options, die sich sogar die Anmeldedaten teilen. Oder Legal Insider Bot, wo Verluste angeblich sogar versichert sind.

BKA und die Finanzaufsicht Bafin sind alarmiert. „Da müssen die Alarmglocken schrillen“, sagt ein Bafin-Sprecher. Gegen die Betreiber der Plattformen zu ermitteln, sei enorm schwer, räumt das BKA ein. Denn die säßen im Ausland. Dennoch rät das BKA zur Anzeige.

Falsche Rechnungen: Gefährlicher Anhang

Täuschend echt sehen die Mails von Amazon, Telekom oder DHL aus. Mal geht es um Details zu einer Bestellung, eine Rechnung oder die Ware, die in einer Filiale abgegeben worden ist. Nähere Informationen sollen dem angehängten PDF entnommen werden. Doch wer das PDF anklickt, hat bereits verloren. Zwar kein Geld, zumindest nicht sofort, aber die Hoheit über seinen Computer. Denn in dem PDF ist ein Virus versteckt.

Philippe Schaeffer ist IT-Sicherheitsexperte. Der ehemalige Hacker ist Gründer von Jester -Secure, berät Unternehmen und Konzerne. Er hat etliche dieser Mails untersucht. „Bei den jüngsten Attacken handelt es sich meist um einen Botnet-Virus, der in den Anhängen versteckt ist“, sagt Schaeffer. Der Virus ziele meist auf Sicherheitslücken im Acrobat Reader ab und sei daher für jedes Betriebssystem gefährlich. Der Acrobat Reader sei ein beliebtes Einfallstor, da die Software von den Anwendern nur selten aktualisiert werde – da auch alte Versionen voll funktionsfähig sind.

Der Virus ist quasi der Türöffner für andere Programme, die später auf dem gekaperten Rechner installiert werden können – je nach Intention der Täter.

„Hinter solchen Angriffen steht eine arbeitsteilige Industrie“, sagt Schaeffer. Die einen infiltrieren die Computer, schaffen den Zugang. Andere kaufen die Daten, können dann je nach Bedarf Schadsoftware nachladen. Mal geht es um Kennwörter, mal um Onlinebanking, mal werden über die ferngesteuerten Computer Waren bestellt oder die Adressbücher der Mailprogramme ausgelesen. Auch sei es möglich, alles aufzuzeichnen, was an dem Computer getippt wird. Deshalb rät Schaeffer zu absoluter Vorsicht: Nie Anhänge öffnen von Absendern, denen man nicht traut. Und nie die gleichen Passwörter verwenden.

350.000 Euro in 14 Wochen: XXL Vermögensaufbau

Gegenüber anderen Mails erscheint das Angebot fast seriös. Eine ordentliche Ansprache, ein klarer Absender, wenig Marktschreierei. Robert Scheffert, angeblich Geschäftsführer des XXL International Finance Service in der Dominikanischen Republik, muss nicht trommeln. Er lässt das Angebot für sich sprechen: ein Kapitalaufbauprogramm, das binnen 14 Wochen zu 350 000 Euro führen soll – und das ganz ohne Erspartes. 600 000 Euro kommen nach 15 Jahren sogar noch obendrauf. Wer Näheres wissen will, soll die Infobroschüre anfordern.

Das Material ist umfangreich. Akribisch wird das Modell beschrieben. Der neue Klient soll Scheffert bevollmächtigen, in seinem Namen einen Kredit über 2 000 Euro zu beschaffen. Dieser Kredit werde als Eigenkapital für einen größeren Kredit benutzt. Das Prozedere wiederholt sich mehrmals. So werden aus 2 000 Euro bald 1,25 Mio. Euro. Mit 600 000 Euro würden Fondsanteile gekauft, mit dem restlichen Geld Kredite, Provisionen, Notargebühren und Ähnliches bezahlt. Und nach 14 Wochen würden dem neuen Klienten die 350 000 Euro ausbezahlt.

Die Offerte erinnert an den Global Pension Plan (GPP), der jahrelang Geld einwarb. Dabei bewarb der Anbieter rhetorisch perfekt ein Versicherungsprodukt, das komplett unsinnig war. Aus 30 Euro sollten nach kurzer Zeit – wenn sich 100 000 Menschen beteiligt haben – 55 000 Euro werden. Das Geld war natürlich weg – so wie der Anbieter. Tausende Opfer fielen auf die Masche herein.

„Das Problem ist“, so eine BKA-Sprecherin, „dass viele Leute auch ihre Bankberater nicht verstehen. Also hinterfragen sie auch die Offerten im Netz nicht kritisch.“ Und so werden wieder viele auf den XXL Vermögenausaufbau hereinfallen.

Wer Scheffert beauftragt, der muss zunächst nämlich zahlen. 67 Euro für Notargebühren. Das Geld soll mit Western Union in die Karibik überwiesen werden. Zudem muss der Kunde private Daten wie Ausweisnummern und Bankverbindungen preisgeben. Und die Vollmacht unterzeichnen, dass Scheffert für ihn Kredite aufnehmen darf.

Gekaperte Mailadressen: Freund in Not

Der Hilferuf kommt aus dem Ausland. Ein Bekannter wurde ausgeraubt. Ausweis, Geld, Kreditkarten, Handy – alles weg. Doch er muss sein Hotel bezahlen. Mit der Bank hat er gesprochen, doch die Überweisung dauert zu lange. Und der Flieger geht doch schon bald. Eine Überweisung mit Western Union ginge schneller. „Bitte lass mich wissen, ob ich auf Deine Hilfe zählen kann!“, fleht der Bekannte.

Hilferufe wie diese kursieren gerade wieder. Über gekaperte Mail-Accounts werden alle im Adressbuch vermerkten Personen kontaktiert.

Laut Polizei eine Masche, die häufig funktioniert. Deshalb rät sie, nie ungeprüft Geld zu versenden. Die Chance, es wiederzubekommen, ist gering. Auch rät die Polizei, sich die Nachricht genau anzuschauen. Passt der Duktus zum Sprachgebrauch des Bekannten? Und würde er bei Ihnen um Geld anfragen? Versuchen Sie unbedingt, die Person zu kontaktieren.

Die Mail, die die Redaktion erreichte, stammte übrigens vom E-Mail-Konto des früheren israelischen Botschafters Schimon Stein. Unwahrscheinlich aber, dass Stein in dieser misslichen Lage ausgerechnet einen Journalisten angepumpt hätte.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 11/2014 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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