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Die grosse kleine Sehnsucht

, Anne Weitzdörfer

Wir gehen jeden Tag ins Büro. Plötzlich stirbt ein Kollege. Einfach so.  Und auf einmal stellt man das eigene Leben infrage. Von Anne Weitzdörfer

Geschäftsmann
Der Tod eines Kollegen kann die eigene Selbstsicherheit ins Wanken bringen

Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der BerufsweltAnne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt

 


Es war ein ganz normaler Morgen in einem großen deutschen Industrieunternehmen. Eine Abteilungsküche in schlichtem Beige mit einem angetrockneten Farn auf der Fensterbank, die Luft heizungstrocken. Ich war hier, um die Firma bei einer Umstrukturierung zu beraten. Gerade hatte ich mir einen Kaffee gemacht, als ein Kollege hereinkam, Mitte 40, Ingenieur im Anlagenbau – nennen wir ihn Roland.

Er setzte sich neben mich und sagte ohne jedes Geplänkel: „Ein früherer Kollege ist letzte Woche tot umgefallen. Einfach so beim Rasenmähen. Seitdem frage ich mich jeden Tag, was aus meinem Leben geworden ist. Ich bin gesund, habe Familie und einen Job, den ich mag. Und trotzdem habe ich irgendwann aufgehört, all das zu tun, was mir wichtig war. Und ich verstehe einfach nicht, warum.“ Dann stand er auf und ging.

Wir brauchen doch nur einen liebevollen Tritt in den Hintern

Ich weiß aus vielen Gesprächen als Coach, dass das ein weitverbreitetes Gefühl ist: etwas Wesentliches aus den Augen verloren zu haben. Es ist ungefähr so, als hätte uns das Leben früh ein Kuckucksjunges ins Nest gesetzt, das mit jedem Jahr größer und anspruchsvoller wird. Man zieht einen gemeinen Alltagskuckuck heran, bestehend aus Familie, Job und Verantwortung. Oder dem stillen Gefühl „Du musst noch …“. Wir rührenden Blaumeiseneltern füttern diesen Kuckuck jahrelang – mit viel Liebe und deutscher Gründlichkeit. Bis er groß und fett ist und all die anderen Bewohner aus dem Nest befördert hat. Was bleibt, ist eine leise Sehnsucht, die wir meist gekonnt beiseiteschieben. Sie bahnt sich erst dann ihren Weg ins Bewusstsein, wenn uns einer den Spiegel vorhält. So wie der tote Kollege von Roland.

Ich gebe zu, dass diese Überlegungen geradezu zum Selbstmitleid einladen. Aber statt uns dazu hinreißen zu lassen, sagen wir dem dicken Biest doch lieber den Kampf an: Was ist Ihre Sehnsucht? Bergsteigen, Rockkonzerte oder einfach nur mal wieder mit Freunden kicken? Ich habe herumgefragt und festgestellt: Es sind fast immer kleine Dinge. Ein Freund etwa gestand nach einigem Zögern, dass er gern singen würde. So richtig laut, am liebsten in einem Männerchor. „Und warum machst du es nicht?“, habe ich gefragt. „Weil ich es irgendwie spießig finde.“ Verstehe ich, lasse ich aber nicht gelten.

Denn mal ehrlich, wir wollen doch gar nicht den großen Ausstieg, das neue Leben mit der Tauchschule in Australien. Wir brauchen doch nur einen liebevollen Tritt in den Hintern. Nicht dass Sie mich darum gebeten hätten – aber ich wäre trotzdem bereit, Ihnen diesen zu spendieren. Hier und heute: Denken Sie also bitte jetzt darüber nach, was Ihre größte kleine Sehnsucht ist. Ganz konkret. Ich bin sicher, Sie haben sie in einer Sekunde. Und dann gehen Sie sie an. Noch heute. Das dauert nicht länger als fünf Minuten, und das sind wir Roland schuldig. Ich mache mit und kaufe mir endlich wieder ein Klavier.

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