• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Lebensversicherung

Die Gebührenfalle der Versicherer

, Britta Langenberg

Lebens- und Rentenpolicen müssen neuerdings ihre Effektivkosten ausweisen. Ein Check zeigt: In den Gebühren versickert oft ein Viertel der Rendite. Und vergleichbar sind die Angebote auch nicht

Rechner
Rechenkünste: Die Versicherer verschleiern die Effektivkosten ihrer Policen

Wenn die Vorstände der deutschen Lebensversicherer das meistgehasste Wort des Jahres 2015 wählen dürften, hätte „Abschlusskosten“ die besten Aussichten. Was die Unternehmen an Provisionen zahlen, um neue Kunden zu gewinnen, ist zum Politikum geworden, und jeder redet bei dem Thema lautstark mit: Verbraucherschützer, Minister, Kunden und Vertriebspartner.

Der Druck auf die Manager ist gewaltig gestiegen. Viele ringen seit Wochen mit ihren Vertrieben, die weniger Geld nicht akzeptieren wollen. Doch die Regierung hat zum Jahreswechsel niedrigere Abschlussgebühren und mehr Preistransparenz angeordnet. Per Gesetz. Die Kunden sollen vergleichen können, bevor sie sich entscheiden.

Die Offenlegung ihrer Kosten kommt für die Branche zu einem höchst ungelegenen Zeitpunkt. Die Renditen von Rentenversicherungen sinken, gerade ging es wieder um ein paar Zehntelpunkte herunter. Die Kölner Ratingagentur Assekurata vermeldete für 2015 „historische Tiefstände“ bei den Überschüssen.

Lobbyisten wie Klaus Müller, Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, nutzen die desolate Lage, um für die Kunden bessere Konditionen zu fordern: Wenn die Rendite sinke, sagt er, müssten auch die Kosten runter. 7 bis 8 Mrd. Euro verbucht die Branche Jahr für Jahr an Abschlusskosten – rund fünf Prozent des Neugeschäfts. Seit nahezu einer Dekade ist dieser Anteil konstant geblieben, weil die Gesellschaften unverdrossen an ihren großen Vertriebsapparaten festhielten.

Rechenmethoden unterscheiden sich erheblich

Ihren Willen, mehr Durchblick bei den Gebühren zu gewähren, beschwören Branchenvertreter immer wieder. Sämtliche Initiativen sind jedoch bislang versandet. Selbst bei der Riester-Rente – einem staatlich geförderten Produkt, bei dem besondere Transparenz-Vorschriften gelten – schafften es die Versicherer, mit einem Zahlen-Wirrwarr die Vergleichbarkeit zu torpedieren. So erkor Axel Kleinlein, der streitbare Chef vom Bund der Versicherten, die neuen Reformziele in der Kostenfrage denn auch zum „Gewissenstest“.

Effektivkosten Versicherungen

Die erste Bilanz ist ernüchternd, wie eine Auswertung des Analysehauses Morgen & Morgen (M&M) zeigt. Zwar werden die Gesamtkosten von Rentenpolicen nach der neuen Maßzahl – den „Effektivkosten“ – ausgewiesen. Doch die Rechenmethoden unterscheiden sich erheblich. „Für Kunden sind Angebote mit der neuen Kostengröße nicht vergleichbar“, konstatiert M&M-Chef Joachim Geiberger. Auch sonst erleichtern die Versicherer ihren Kunden die Orientierung nicht. Die Effektivkosten sind in den Kundenunterlagen, oft Kataloge von bis zu 70 Seiten, nur mit Mühe auszumachen. Mal steckt die Information im Produktblatt, mal im Angebot – und mal auf einem eigenen Zettel. Formalien: erfüllt, Kundennutzen: Fehlanzeige.

Das ausdrückliche Ziel des Gesetzgebers, die Anfangskosten zu senken, erfüllen viele Versicherer bislang ebenfalls bloß der Form nach: Sie verlagern die Ausgaben einfach nach hinten. Viele Gesellschaften entlasten zwar die Verträge anfangs, erhöhen dafür aber die späteren laufenden Kosten. So halten es laut Morgen & Morgen etwa Allianz, Alte Leipziger und Neue Leben. Für Kunden kann diese Umschichtung bei den Kosten als Nullsummenspiel enden.

Der Capital-Expertencheck fördert zutage, welche Abzüge bei klassischen Renten anfallen. Um die Zahlen vergleichbar zu machen, hat Morgen & Morgen für einen Mustervertrag auf einheitlicher Basis nachgerechnet. Ergebnis: Ein Viertel der möglichen Rendite vor Kosten geht oft für Gebühren drauf. Die Spanne im Markt ist enorm: Während günstige Anbieter wie Cosmos und Europa den Ertrag nicht einmal um 0,4 Prozentpunkte schmälern, ziehen teure wie HDI und Helvetia das Dreifache ab. Auch Marktführer Allianz gehört zu den teuersten (siehe Tabelle unten).

[Seitenwechsel]

Fünf Lehren für Kaufinteressenten

Für Kunden ist das zurzeit besonders bitter. Hohe Abzüge schlagen wegen des niedrigen Zinsniveaus massiv auf ihren Profit durch. Geringe Kosten werden für sie immer wichtiger. Nach Beobachtung von Assekurata-Experte Lars Heermann gilt: „Große Gesellschaften sind tendenziell teurer als kleine.“

Noch wichtiger als die Abzüge ist für Kunden aber, was für sie am Ende herausspringt. Deshalb sollten sie ein besonderes Augenmerk auf das Renditeniveau nach Kosten legen. Die fünf wichtigsten Lehren für Kaufinteressenten:

Lehre 1: Vergleichen Sie nicht anhand der Effektivkosten

Die neue Kostengröße mit zwei Nachkommastellen erweckt den Eindruck einer präzisen, nach einheitlichen Methoden errechneten Kennzahl. Die Berechnungen der Gesellschaften weichen jedoch teils erheblich voneinander ab. Der Branchenverband GDV in Berlin hat zwar eine Formel empfohlen. Ein Sprecher erklärt aber, man könne Mitglieder „nicht zu einem einheitlichen Vorgehen zwingen“, wenn der Gesetzgeber Spielräume lasse. Die aktuellen Angaben führen folglich leicht in die Irre.

Die Kundenrendite nach Kosten weisen nicht einmal alle Anbieter aus. Bei der Europa bleibt der Abzug völlig vage, weil die Wertentwicklungen vor und nach Kosten fehlen. Auch die Allianz, die die neue Transparenz ausdrücklich begrüßte, windet sich: Sie hebt die jährliche Wertentwicklung vor Kosten und den Abzug optisch heraus. Was Kunden wirklich erwarten dürfen, verschwindet im Textwust darunter.

Lehre 2: Prüfen Sie, ob Sie Ihr Geld sicher zurückbekommen

Kunden können sich bei der neuen Tarifgeneration wegen gesunkener Garantien nicht mehr darauf verlassen, dass sie ihre Einzahlungen in jedem Fall wieder herausbekommen. Bei kurzen Laufzeiten von zwölf Jahren schafft das die Mehrzahl der Musterangebote nicht mehr. Selbst bei Policen über 25 Jahre patzen einzelne Anbieter.

Lehre 3: Lassen Sie die Finger von kurzen Laufzeiten

Rentenversicherungen mit kurzen Laufzeiten von zwölf Jahren lohnen zumeist nicht mehr. Sie sind zu teuer. Beim Modellvertrag, in den jährlich 2400 Euro fließen, versickert oft mehr als die Hälfte des möglichen Ertrags in den Gebühren. Wenig ergiebig ist etwa ein kurz laufender Vertrag der Barmenia: Von einer möglichen Wertsteigerung um 3,93 Prozent pro Jahr bleiben nach Gebühren noch 1,58 Prozent übrig. Der Kostenabzug liegt somit über der Restrendite.

Lehre 4: Hüten Sie sich vor Zahlentricks

Schon vor Einführung der Effektivkosten warnte Kritiker Kleinlein, die neue Maßzahl könne „massiv manipuliert“ werden. Der wirksamste Hebel ist die Laufzeit des Vertrags: Wer sie verlängert, senkt die Kostengröße und kann Gebühren schönrechnen. Das kann dazu führen, dass Vertriebsleute künftig Policen mit sehr langen Laufzeiten und einer Abrufphase offerieren – mit dem Hinweis, der Kunde könne ja früher aussteigen. Das optimiert die Provision des Vermittlers, der Kunde zahlt drauf.

Ohnehin gilt die Kostenangabe nur, wenn der Kunde den Vertrag durchhält. Wer vorzeitig kündigt, wird mit höheren Gebühren belastet.

Lehre 5: Verzichten Sie auf Minipolicen

Kleinverträge mit etwa 50 Euro Monatsbeitrag werden vom Abzug überproportional stark belastet. Im Vergleich zu Policen mit höheren Einzahlungen bringen sie oft einige Zehntelpunkte weniger Rendite. Bei einem Vertrag über 30 Jahre macht dies leicht einige Tausend Euro aus.

Die erste Bilanz der Effektivkosten fällt also gemischt aus. Immerhin: Die Größenordnung der Abzüge lässt sich erkennen. Ein Vergleich der Angebote anhand der neuen Maßzahl, wie ihn sich die Regierungskoalition noch im Juli vorstellte, bleibt jedoch ein Wunschtraum. Im harten Wettbewerb nutzen Versicherer auch kleine Spielräume, um gut auszusehen. „Transparent wollen alle sein, nur eben nicht unbedingt vergleichbar“, urteilt M&M-Chef Geiberger.

Das Finanzministerium will zumindest für den Kostenausweis bei Riester-Renten ab 2016 strengere Regeln einführen. Bis zur Jahresmitte wird eine offizielle Stelle eingerichtet, die exakte Vorgaben macht. Von der Rechenformel bis zur Platzierung in den Unterlagen. 

[Seitenwechsel]

Der Beitrag ist zuerst in Capital 03/2015 unter dem Titel „Ineffektiv“ erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten


Artikel zum Thema
Autor
  • Versicherung
Lebensversicherer wagen digitalen Aufbruch

Niedrigzinsen und Start-ups zwingen Lebensversicherer, ihr Geschäftsmodell neu auszurichten. Es ist ein mühsamer Aufbruch.MEHR

  • Versicherung
Lebensversicherung: So gut ist Ihr Anbieter

Kündigung lohnt selten, viele Altverträge bringen noch gute Zinsen. Ranking der besten Anbieter MEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.