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  • Editorial

Die falsche Rentenreform

, Horst von Buttlar

Die Rentenreform ist ungerecht und wird Schaden anrichten. Eigentlich wissen das alle, trotzdem ziehen die Koalitionäre das Vorhaben durch. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Trevor Good
Horst von Buttlar

Ich bin in einem Land aufgewachsen, das sich zu fett fühlte und deshalb dauerreformiert wurde. Als Otto Graf Lambsdorff sein berühmtes Papier schrieb, war ich sieben. Meine Kindheit war voll mit Helmut Kohl, Standortproblemen und alten, weisen Männern, die vor dem Abstieg warnten. Die Botschaft, mit der ich aufwuchs, passte in einen Satz mit Fragezeichen: Ist Deutschland noch zu retten? Okay, zwischendurch freuten wir uns mal über die Wende, die Einheit aber verschärfte die Krise nur, und fortan hörte ich Politiker über Sonntagsbackverbote streiten, über Sonderopfer für Krankenhäuser und Pflegestufen.

Irgendwann kam die Agenda 2010, ich war inzwischen fast 30, und ein paar Jahre später hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass es diesem Land ziemlich gut geht. Wie genau wir den Laden gedreht haben, weiß ich nicht, darüber streiten inzwischen Akademiker. Einige sagen, es waren Schröders Reformen; andere loben die zahmen Gewerkschaften, manche glauben, dass es an Jürgen Klinsmann lag, dessen Jungs im Sommer 2006 Deutschland verzauberten.

Streit um Unterrichtsfach

Capital-Cover
Die neue Capital, am 20. Februar im Handel

Wenn ich an Tischen sitze, an denen mürrische Menschen über Deutschland schimpfen, halte ich gern Gegenreden. Seit einiger Zeit aber merke ich, dass ich ein ungutes Gefühl habe. Als ich neulich dieses Buch „Die Schlafwandler“ in der Hand hatte, fragte ich mich, ob es um 1914 geht. Der Titel passt auch gut in unser Jahr. Warum?

Unsere Regierung plant eine „Rentenreform“. Sie wird durchgeführt von einer Ministerin, die etwas zu schnell zeigen will, dass sie etwas durchführen kann. Es ist geradezu bezeichnend, dass der einzige satisfaktionsfähige Widerstand offenbar von Franz Müntefering und Gerhard Schröder kommt. Müntefering, der die Rente mit 67 durchboxte, und Schröder, längst Symbol für den letzten deutschen Reformeifer, warnen in seltener Klarheit vor dem Plan.

Wer sich mit Großkoalitionären unterhält, spürt, dass einigen tatsächlich etwas mulmig zumute ist bei dem, was sie da veranstalten. Warum also das Vorhaben nicht stoppen? Dann verweisen sie auf den Koalitionsvertrag, der nun abgearbeitet wird. Diese Haltung erinnert an die Logik einer Hausordnung: Auch die muss stets eingehalten werden. Haben auch schlechte Ideen inzwischen einen Durchführungsautomatismus?

Experten rechnen schnell vor, dass die 200 Mrd. Euro, die das Ganze angeblich kosten soll, bis 2030 irgendwie zu stemmen sind. Doch es geht nicht nur um diese Summen, die man mal eben dem Sozialstaat aufbrummt. Ohne Not macht die Regierung eine Reform, die ungerecht ist, Schaden anrichtet und die wohl irgendwann ein Kanzler unter großem Geschrei wird korrigieren müssen (so zumindest unsere kleine Vision auf Seite 48 der neuen Capital). Hatten wir das Rentensystem nicht gerade im Griff?

Ich erwarte deshalb keinen Untergang. Aber ich sehe schon die Talkshows mit weisen Männern (und Frauen) vor mir, die vor dem Abstieg warnen. Ich höre Sätze mit Fragezeichen, ob Deutschland noch zu retten ist. Doch diesmal wird man sagen müssen, dass alles vermeidbar war, weil wir sehenden Auges eine falsche Reform gemacht haben, die ein völlig falsches Signal gesetzt hat.

Bis dahin tauchen Sie ein in die spannende Welt der Wirtschaft!

Horst von Buttlar

Chefredakteur 

Wenn Sie eintauchen woilen, brauchen Sie die neue Capital. Hier können Sie sich ab dem 20. Februar die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.

Eine Inhaltsübersicht gibt es hier.


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