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Die Detektive der Banken

, Jens Brambusch

Moderne Bankräuber verzichten auf Strumpfmaske und Pistole. Sie nehmen Banken eleganter aus – durch Betrug. Capital hat eine Ermittlerin getroffen, die genau das verhindern soll. Es ist ein Wettlauf, in dem es um Millionen geht

Spurensicherung im Bankturm: Fragwürdige Belege werden vorsichtshalber nur mit Handschuhen angefasst - um keine Fingerabdrücke zu verwischen © Dominik Asbach
Spurensicherung im Bankturm: Fragwürdige Belege werden vorsichtshalber nur mit Handschuhen angefasst - um keine Fingerabdrücke zu verwischen

Die Adresse in Berlin erregt in ganz Deutschland Verdacht, dabei sieht das Haus wie eine ganz normale Mietskaserne aus: grauer Putz, Satellitenschüsseln an den Balkonen, davor parken schwarze Limousinen mit breiten Reifen in zweiter Reihe. Hinter der tristen Fassade in der Wilmersdorfer Straße wohnen auf sechs Stockwerken 30 Parteien. So behaupten es die Klingelschilder. Nur: Angemeldet sind hier viel, viel mehr Menschen.

Verena Bittscheidt arbeitet in Duisburg bei der Targobank, doch auch sie kennt die Adresse nur zu gut. Zusammen mit 32 Kollegen sitzt sie im vierten Stock eines Betonklotzes direkt neben den Bahngleisen des Duisburger Hauptbahnhofs. Ein schlichter Großraum im Dienstleistungszentrum der Bank, ein paar Pflanzen auf dunkler Auslegware, Schreibtisch an Schreibtisch, Menschen mit Headsets. Es sieht aus wie in einem Callcenter. Bittscheidt aber ist Profilerin bei der Targobank - eine Art Kriminalistin, Detektivin des Geldinstituts. Mit dem Haus in Berlin und seinen Bewohnern hatte sie in den letzten Monaten oft zu tun. Es ist Teil einer Betrugsmasche, mit der Gauner versuchen, Banken in Deutschland auszunehmen. Bittscheidts Job ist es, das zu verhindern.

Die deutschen Banken rüsten auf

Sie ist nicht die Einzige, die das tut. Die deutschen Banken rüsten auf und beschäftigen heute flächendeckend eigene Betrugsbekämpfer wie Bittscheidt. Sie reagieren damit auf einen Trend. Moderne Bankräub er tragen weder Strumpfmaske noch Pistole, sie versuchen stattdessen, Banken mit ausgefuchsten Betrügereien auszunehmen. Und das immer häufiger. Mit Giro- und Kreditkartenbetrug, mit Tricks beim Onlinebanking oder mit Scheckund Überweisungsbetrug. Es gibt Maschen wie das Skimming, bei dem mit manipulierten Geldautomaten die Daten von EC-Karten ausgelesen werden, oder das sogenannte Phishing, wenn mit gefälschten E-Mails und Websites Kontodaten im Internet ergaunert werden. Derzeit aber das größte Problem der Banken: Kreditbetrug. Das Bundeskriminalamt verzeichnet hier einen „deutlichen Anstieg" der Fälle.

Die Schäden bei all diesen Maschen gehen in die Millionen. Wie hoch sie genau sind, darüber schweigen die Banken. Wer will schon ein Depot bei Geldinstituten eröffnen, die sich ausnehmen lassen? Und wie sieht es dann erst mit der Sicherheit des eigenen Kontos aus? Selbst dem Bankenverband sind die Zahlen nicht bekannt.

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Verena Bittscheidt kämpft gegen das organisierte Verbrechen © Dominik Asbach
Verena Bittscheidt kämpft gegen das organisierte Verbrechen

Die Targobank gibt immerhin eine Zahl heraus: 3o. So oft klicken im Schnitt jeden Monat in einer der 346 Filialen die Handschellen. Dann, wenn wieder jemand versucht, einen Kredit zu ergaunern. Und auffliegt, weil Bittscheidt und ihre Kollegen von ihrem Schreibtisch aus die Betrüger überführt haben.

Spuren am Wasserglas

Die Masche beim Kreditbetrug ist eigentlich einfach: Die Täter nehmen einen Kredit auf, meist zwischen 5 000 und 15 000 Euro - und setzten sich ab, bevor die erste Rückzahlungsrate fällig wird. Der kriminelle Aufwand dabei steckt in der Vorbereitung. Um hinterher spurlos verschwinden zu können, brauchen die Betrüger vorher falsche Identitäten. Ermittler gehen deshalb davon aus, dass hinter einem Kreditbetrug fast nie Einzeltäter stecken. Meist sind es gut organisierte Banden, oft aus Osteuropa. Sie koordinieren den Betrug gleich massenhaft.

Busladungen von Handlangern, so schildern es Polizei und Banken, werden dafür nach Berlin gekarrt, um in der Stadt ihren Wohnsitz anzumelden. Wenn sie einen haben, besorgen sie sich ein Girokonto. Haben sie das, nehmen sie einen Kredit auf. Denn ohne Girokonto kein Kredit und ohne Adresse kein Girokonto. Die Ausweise aber, die zur Anmeldung verwendet werden, sind oft gefälscht oder geklaut.

Sind die Täter und das Geld erst einmal verschwunden, wird es schwer, ihre Spur aufzunehmen. Die Ermittler der Targobank setzen darum früher an: noch bevor der Kreditvertrag unterschrieben ist. Die Herausforderung der Profiler ist es, binnen Minuten Betrüger zu erkennen - noch während sie im Beratungsgespräch in der Filiale sitzen. Im besten Fall so schnell, dass sie noch in der Bank verhaftet werden können.

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Mithilfe von Schwarzlicht prüfen die Profiler Dokumente auf ihre Echtheit – wie hier einen Reisepass © Dominik Asbach
Mithilfe von Schwarzlicht prüfen die Profiler Dokumente auf ihre Echtheit – wie hier einen Reisepass

Sind die Täter und das Geld erst einmal verschwunden, wird es schwer, ihre Spur aufzunehmen. Die Ermittler der Targobank setzen darum früher an: noch bevor der Kreditvertrag unterschrieben ist. Die Herausforderung der Profiler ist es, binnen Minuten Betrüger zu erkennen - noch während sie im Beratungsgespräch in der Filiale sitzen. Im besten Fall so schnell, dass sie noch in der Bank verhaftet werden können.

Nicht jeder Kreditantrag wird von den Profilern geprüft. Aber wenn die Berater in einer der Filialen Bedenken haben, schalten sie Duisburg ein. Dann ist Verena Bittscheidt gefragt. Sie lässt sich so viele Unterlagen wie möglich schicken, eingescannt oder per Fax. Zunächst checkt sie den Personalausweis. Mit einer speziellen Software kann sie ermitteln, ob das Dokument echt ist. Dazu tippt sie die sogenannte maschinenlesbare Zeile in eine Suchmaske. „Das Geburtsdatum muss mit einer bestimmten Prüfziffer auf dem Ausweis korrespondieren", erklärt Bittscheidt. Was sie allerdings nicht wissen kann: Ist die Person, die den Kredit beantragt, identisch mit der auf dem Ausweis? Oder ist der Pass gestohlen?

Jedes Detail kann zu einem Muster führen

Dann füttert sie den Computer mit allen verfügbaren Daten: Namen, Adressen, Arbeitgeber, Bankverbindungen. Jedes Detail, ede Zahl kann bereits zu einem Muster führen, das Betrügerbanden verwenden. Zum Beispiel wenn als Meldeadresse die Mietskaserne in der Wilmersdorfer Straße in Berlin angegeben ist - von der Ermittler wissen, dass sie gern für diese Masche verwendet wird.

Bittscheidt schaut sich außerdem die Gehaltsabrechnungen an. In der Vergangenheit haben Betrüger oft Lohnbescheide der Telekom gefälscht oder Dokumente, die über den IT-Dienstleister Datev erstellt wurden. „Doch auch die haben Schlüsselzahlen“, sagt Bittscheidt. Zum Vergleich zieht die Profilerin Musterabrechnungen heran. Nur: Auch die Betrüger werden immer professioneller, kennen ähnlich wie Bittscheidt die Muster.

Deshalb greift sie auch schon mal zum Telefonhörer, ruft bei dem vermeintlichen Arbeitgeber unter einem Vorwand an, um zu überprüfen, ob dort jemand dieses Namens arbeitet und ob die Person gerade zu sprechen ist - obwohl sie ja eigentlich in der Filiale sitzen müsste. Vermehrt helfen sich die Banken mittlerweile auch untereinander. Ein frisch eröffnetes Girokonto beispielsweise kann ein weiterer Hinweis für einen Betrugsversuch sein. Alles Indizien, die einen Täter entlarven könnten.

„Wenn wir einen Betrüger überführt haben", sagt Bittscheidt, „versuchen die Kollegen in der Filiale, das Gespräch auszudehnen, bis die Polizei eintrifft." Es käme aber auch vor, dass die Betrüger merkten, dass sie aufgeflogen sind, und flüchteten. Doch oft können sie dann doch noch im Nachhinein ermittelt werden. „Wir bieten gerne mal ein Glas Wasser an", sagt Bittscheidt. „So haben wir die Fingerabdrücke."

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Direkt neben dem Duisburger Hauptbahnhof ragt das Dienstleistungszentrum der Targobank in den Himmel. In der vierten Etage sitzt die Betrugsabteilung © Dominik Asbach
Direkt neben dem Duisburger Hauptbahnhof ragt das Dienstleistungszentrum der Targobank in den Himmel. In der vierten Etage sitzt die Betrugsabteilung

Verena Bittscheidt ist eigentlich gelernte Bankkauffrau. Angefangen hat die heute 35-Jährige in einer „HeileWelt-Filiale" im Rheinland. Das war ihr irgendwann zu langweilig. Vor zehn Jahren wechselte sie in die Betrugsbekämpfung, hat seitdem viel gelernt - hauptsächlich von den Betrügern. „50 Prozent meines Jobs sind Bauchgefühl", sagt sie. Der Rest ist hartnäckige Recherche. Sie analysiert die Fälle, sucht nach Parallelen, nach Mustern. Wie eben der Adresse in Berlin.

Über Jahre haben Bittscheidt und ihre Kollegen Datenbanken angelegt, mit Namen, Adressen, Ausweisnummern und gefälschten Dokumenten. Haben alle Betrugsfälle katalogisiert. Haben daraus Parameter für ein automatisches Monitoring entwickelt, mit dem sie auffällige Kredit- und Girokartenumsätze oder zweifelhafte Kontobewegungen entdecken. Sie haben Blacklists erstellt und die Prüfung von Dokumenten professionalisiert, Musterabrechnungen besorgt, sie bis ins Detail studiert, um Abweichungen auf den ersten Blick zu entdecken. Im Monat landen einige Tausend Kreditanträge in der Betrugsabteilung der Bank. Immer dann, wenn es einen Anfangsverdacht gibt. Den kann eine Software liefern oder aber ein Kollege aus einer Filiale.

Risiken erst spät erkannt

Früher als andere deutsche Geldhäuser ist die Targobank mit ihren mehr als drei Millionen Kunden in die Betrugsbekämpfung eingestiegen. Die Abteilung wurde schon 1999 ins Leben gerufen, anfangs mit nur einem Mitarbeiter. Geschuldet ist das den US-Wurzeln des Instituts, das einst als Citibank firmierte. In Zeiten, in denen hierzulande die Gefahr durch Betrug oft noch verkannt wurde, gab es in den USA bereits in den meisten Geldinstituten Fraud-Abteilungen. Sie hatten realisiert, dass Investitionen in mehr Sicherheit nicht unbedingt nur dickere Tresortüren bedeuten müssen.

Ende 2008, die Bankenlandschaft war durch die Finanzkrise ins Trudeln geraten, übernahm die französische Credit Mutuel das deutsche Privatkundengeschäft der Citibank - für 4,9 Mrd. Euro. Im Februar 2010 änderte das Institut dann seinen Namen in Targobank. Was blieb, war die Betrugsabteilung, die mittlerweile auf knapp drei Dutzend Mitarbeiter angewachsen ist.

„Die Branche hat die Risiken erst spät erkannt", sagt Dirk Böck, der Leiter der Betrugsabteilung. Manche Institute würden erst jetzt beginnen, in Betrugsbekämpfung zu investieren. Andere seien seit vier, fünf Jahren dabei. Insgesamt aber rüstet die Branche auf - und verbündet sich. Ein Netzwerk aus Banken und Sparkassen, Kreditkartenunternehmen, Internethändlern und der Polizei ist entstanden. Es gibt regelmäßige Treffen zum Erfahrungsaustausch.

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LKA: Mehrere hundert Scheinadressen allein in Berlin bekannt

Beim jüngsten Round Table der Betrugsbekämpfer etwa waren auch die Adressen Gesprächsthema. „Wir könnten aktuell in Berlin mehrere Hundert Anschriften nennen, die in den letzten Monaten von Betrügern als Scheinadressen genutzt wurden", sagt Thomas Simmroß vom Landeskriminalamt der Hauptstadt. Das Haus in der Wilmersdorfer Straße steht mittlerweile auf einer Blacklist, ebenso wie etliche weitere Immobilien, viele davon in Berlin.

Der Kampf gegen den Betrug allerdings ist ein ständiger Wettlauf mit den Tätern. Sobald die Profiler eine Masche entlarvt haben, ändern die Banden ihr Vorgehen. Als die Banken vor einigen Jahren zum Beispiel den Kreditkartenbetrug erschwerten, indem sie anfingen, Zahlungen automatisch mit dem jeweiligen Kundenprofil abzugleichen, sattelten die Täter um. Auch andere Maschen geraten aus der Mode. „Vor drei Jahren hatten wir es noch viel mit Phänomenen wie Skimming oder Phishing zu tun. Heute spielt das bei uns kaum eine Rolle mehr", sagt Böck.

Oft reichen schon kleine Maßnahmen, um den Tätern das Leben schwer zu machen. „Unsere Geldautomaten sind zum Beispiel alle innen liegend", sagt Böck. Und sie werden von mehreren Kameras überwacht - „von vorne und von hinten". Dadurch seien sie schwer unbemerkt zu manipulieren. Zudem sei der Magnetstreifen, den die Täter ausgelesen und dann kopiert haben, mittlerweile durch einen fälschungssicheren Chip ersetzt.

Ob sich der Aufwand lohnt? Einmal im Monat rechnet Dirk Böck zusammen, was seine Profiler der Bank an Schaden erspart haben. Konkrete Summen will er nicht nennen. „Aber mit jedem in Sicherheit investierten Euro verhindern wir Betrug in 50-facher Höhe."

Der Artikel ist zuerst unter der Überschrift „Diebstahlsicherung“ in Capital 08/2014 erschienen.


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