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  • Reportage

Angriff der Telekom

, Thomas Wendel

Die Telekom will endlich ein digitaler Konzern werden. Deshalb hat sie einen kühnen Plan geschmiedet: Mit dem Berliner Start-up Immmr will sie Whatsapp, Skype und Apple angreifen

System-Review: Zweimal im Monat sitzen bei Immmr alle zusammen, um Probleme und Fortschritte zu besprechen © Jan Philip Welchering
System-Review: Zweimal im Monat sitzen bei Immmr alle zusammen, um Probleme und Fortschritte zu besprechen

Jörg Weimann mag es gern unkonventionell, doch diesen Morgen hatte er sich wirklich anders vorgestellt. Erst U-Bahn-Streik, dann Dauerlauf über das riesige Messegelände von Barcelona. Gut, dass Weimann immer Jeans und halboffenes Hemd trägt, im Anzug wäre der Sprint unmöglich gewesen. Er schafft es fast pünktlich an sein Ziel, und trotzdem gibt es Stress. „Sie sind zwei Minuten zu spät“, herrscht ihn ein Anzugträger an, als er endlich da ist.

Am Stand der Deutschen Telekom auf dem Mobile World Congress, der wichtigsten Mobilfunkmesse der Welt, sind alle Chefs schon da. Ein zweiter Mann im Business-Outfit tritt auf Weimann zu, freundlicher Handschlag, aufmunternde Worte: Timotheus Höttges ist ganz entspannt. Vorstandschefs ist die Aufregung ja selten anzumerken, die ihre Anwesenheit um sie herum auslöst. „Nach König Felipe waren wir die Nummer zwei auf seinem Terminkalender“, erinnert sich Weimann an die kurze Begegnung mit seinem obersten Boss.

Grafik Telekom Umsatz Gewinn Schulden

Es ist in der Tat eine unglaubliche Geschichte. Eine voller Hoffnungen. Und auch eine voller Risiko. Timotheus Höttges, 54, führt einen Weltkonzern mitten in einem gewaltigen Umbruch. Auf der einen Seite stehen 161 Millionen Mobilfunkkunden, 29 Millionen Festnetzanschlüsse, 221.000 Mitarbeiter, 69 Mrd. Euro Jahresumsatz und 3,3 Mrd. Euro Gewinn. Solche Zahlen bedeuten nicht nur Macht, sondern immer auch gewaltige Strukturen und immense Beharrungskräfte. Und auf der anderen Seite poppen jeden Monat irgendwo auf der Welt Konkurrenten und technische Finessen auf, die Höttges’ Reich neu infrage stellen.

Deswegen hat der Chef dem Konzern einen radikalen Umbau verordnet. Alles soll anders werden: die Geschäfte, mit denen die Telekom Geld verdient; die Art zu arbeiten; der Umgang mit den Kunden; die Qualifikationen der Mitarbeiter. Höttges will die Telekom grundlegend umbauen – und dazu braucht er Leute wie Weimann.

Jörg Weimann ist Produktmanager bei Immmr, einem Berliner Start-up mit 70 Mitarbeitern. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Software-Entwicklern und Digitaldesignern, die bisher keinen einzigen Cent verdient, dafür aber Millionen verbrannt haben. Deutsche, Amerikaner, Polen, Russen, Ukrainer, Chinesen, Israelis, Brasilianer, Mexikaner. Sie sitzen in Berlin, Tel Aviv oder Warschau. Oder irgendwo sonst, Hauptsache, es gibt Internet.

Jörg Weimann © Jan Philip Welchering
Notfalls joggt Jörg Weimann zu seinen Terminen, ein Anzug wäre da nur hinderlich

Sie entwickeln seit 2014 eine Technologie, mit der die Telekom hofft, die Vorherrschaft der Amerikaner im Kommunikationsgeschäft zu knacken; des Messengers von Facebook etwa, von Whatsapp, Apples Facetime, Microsofts Skype. Diese Over-the-Top-Dienste (OTT) degradieren die alten Telefonkonzerne immer mehr zu einer Art Wasserwerk fürs Internet: zu Lieferanten margenschwacher Datenflüsse, die man jederzeit an- und abstellen kann.

345 Mrd. Euro an Umsatz verlören die alten Platzhirsche zwischen 2012 und 2018 wegen der OTT-Konkurrenz, rechnet die Londoner Marktforschungsfirma Ovum vor. Rund zehn Prozent des globalen Telekommunikationsumsatzes hätten die Angreifer bereits erobert, warnt das Beratungsunternehmen Ernst & Young (EY). Und das in wenigen Jahren und ohne größere Gegenwehr.

Weimann und Kollegen sollen das jetzt ändern. „Mit Immmr bringen wir die mobile Kommunikation unserer Kunden in die Cloud“, wirbt Claudia Nemat, Technologie-Vorstandsfrau der Telekom, kurz nach Höttges’ Standbesuch vor einer riesigen Immmr-Werbevideowand in Barcelona. „Mobilfunknummer, Anrufe, Nachrichten und Kontakte sind auf vielen Endgeräten von überall nutzbar“, preist sie die bunte Truppe an.

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Start in der Slowakei

Den Anfang machte die Tochter Slovak Telekom. Ein erster Testballon in einem kleinen Markt, aber mit vielen technikbegeisterten jungen Kunden. Klingelt bei ihnen das Telefon, wird das Gespräch von nun an etwa auch an den Schreibtischcomputer weitergeleitet, an dem der Angerufene gerade arbeitet. Bricht bei einer Videokonferenz die Verbindung ab, weil das Internet irgendwo schlappmacht, schaltet Immmr sofort auf Handyverbindung um – so kann man sich wenigstens weiter unterhalten, ohne Extrakosten. Oder umgekehrt: Gibt es in Gebäuden keinen Handyempfang, dann übernimmt das Büro-WLAN den Gesprächstransport.

Dank des Zusammenspiels von Software im Smartphone und einem computerisierten „intelligenten“ Telekomnetz ist man so über alle Kanäle erreichbar. Und – im Unterscheid zu Whatsapp und Co – kann man auch mit allen sprechen: selbst jenen, die keine Software extra installiert oder nur einen Festnetzanschluss zu Hause haben. Hauptsache, sie besitzen eine Telefonnummer. Weiterer Nebeneffekt: Überall im Ausland lassen sich so die teuren Aufschläge, die Roaminggebühren, umgehen.

Wenn der neue Service in der Slowakei funktioniert, soll der Dienst demnächst auch in Kroatien und später bei anderen Telekom-Töchtern eingeführt werden. Und irgendwann ist auch Deutschland dran. „Immmr ist ein globales Produkt, mit dem wir weltweit Telekomdienste anbieten können“, sagt Telekomvorstand Nemat.

Der Weg dahin ist jedoch weit. Er führt über viele Umwege. Nicht nur über „Workarounds“, wie Programmierer Software-Brücken nennen, die Code-Teile verbinden, die eigentlich gar nicht verbunden werden können. Es geht auch um attraktives App-Design, um geschicktes Marketing. Vor allem aber um Schnelligkeit, Organisation. Um Arbeitsweisen, die eine Revolution für Konzerne wie die Telekom bedeuten, etwa um gnadenlose Offenheit.

„Ich hatte nie Lust auf einen Großkonzern“, bekennt Marten Schönherr. Er kommt im Sweatshirt zur Arbeit, sein Designerrad trägt er jeden Morgen über die Schulter gelegt ins Büro. Der 46-Jährige ist Technikchef bei Immmr. Er gehört zu den drei Gründern des Start-ups, das die Telekom auf sein Betreiben hin aus ihrer Berliner Innovationsschmiede T-Labs herausgelöst hat.

In einem kleinen Büro, nur durch eine Glasscheibe von dem weitläufigen Loft der Entwickler getrennt, spricht Schönherr Klartext: „Wir gehören zu einer altmodischen Industrie“, sagt er. Sich mit einer Führungskraft des Mutterkonzerns zu unterhalten, sei mitunter so, als würde man „mit einem VW-Manager über Elektroautos“ diskutieren.

Grafik Nutzer von Messenger-, Sprach- und Videodiensten

Kurze Mittagspause, beim Thai um die Ecke. „Es wird schwierig für uns“, meint einer am Stehtisch, während der Wind über das grüne Curry fegt. „Vor allem wissen wir nicht, was die anderen machen.“ Google, Facebook, Apple. „Die entwickeln ja auch weiter.“ Viel Zeit für Selbstzweifel bleibt allerdings nicht. Es geht im Büro gleich weiter: Teammeeting folgt auf Teammeeting, Abstimmung auf Abstimmung.

Etwa bei Christoph Henzelmann. Er ist für die Smartphone-Software verantwortlich. Als Erstes holt der App-Spezialist das Team für Apples iOS in einem kleinen Raum zusammen. Auf einem Monitor erscheinen Crashreports von der Software, Codezeilen. Anschließend kommt das „Time-Boxing“: Mit Spielkarten, auf denen Zahlen aufgedruckt sind, stimmen alle ab, wie viel Zeit für jede Aufgabe veranschlagt werden soll. Henzelmann hat das letzte Wort.

Dann ist das Android-Team dran. Wieder stehen sechs Notebooks auf dem Tisch, diesmal ohne Apfel-Logo. Die Entwickler sind älter, meist aus Osteuropa. Die ­Runde sieht aus wie aus einem ­Kusturica-Film. Die Liste der Aufgaben ist lang. Henzelmann treibt das fehlerfreie Anpassen des Startbildschirms um: „Es gibt bei An­droid dutzende Bildschirmgrößen. Das muss überall funktionieren.“

Statt, wie üblich in Konzernen, nach halbjährlichen Zielen tickt Immmr im Rhythmus 14-täglicher Sprints, Reviews und ständiger Team- und Crossteam-Konferenzen. Statt Konzern-Meilensteinen zählt „agiles Arbeiten“ – das aus der Internetbranche in die reale Welt schwappt. Nichts wird zu Ende entwickelt, alles wird erst einmal ausprobiert, getestet, ein paar Kunden präsentiert, um danach weiter perfektioniert – oder gleich vergessen – zu werden.

Marten Schönherr © Jan Philip Welchering
Telekom ganz neu: Marten Schönherr ist einer der Gründer von Immmr und heute Technikchef des Start-ups

Kritik muss man aushalten

Das sind starke Worte. Kritik gehört für Schönherr dazu. Seine ganze Arbeit, so scheint’s, dreht sich um Widerspruch und Diskussion.

So wie an einem Mittwoch vor einigen Monaten: Draußen ist es noch kalt, keine zehn Grad, trotzdem sind die Fenster weit aufgerissen. Rund 60 Leute, fast die ganze Belegschaft, sitzen auf Bierbänken, in poppig-bunten Sesseln oder gleich auf dem Holzboden, viele mit Macbooks auf dem Schoß. Die meisten sind Mitte 20, Anfang 30.

Jeder Mitarbeiter kann sich bei Immmr seine Arbeit selbst einteilen. Nur jeden zweiten Mittwoch, besteht Präsenzpflicht, zur „Review“.

Im Stakkato treten drei Stunden am Stück alle Teams an. Es geht um Datenbank-Synchronisationen, einheitliches Design von Bedienoberflächen; um Codezeilen, die auf einem großen Flachbildschirm aufleuchten und für Diskussionen sorgen.

Für die Sprecher tickt die Stoppuhr: Selten haben sie mehr als fünf Minuten. Die Führungsriege sitzt in der Mitte des Raums an einem Konferenztisch. Neun Köpfe, einige mit Pferdeschwänzen, andere mit bunt-gefärbten Haaren; gekleidet in Hoodies oder T-Shirts. Viele Bartträger sind darunter, so, wie es sich für die Hipster-Hauptstadt Berlin gehört. Nur einer, ein Manager der Telekom, trägt Sakko.

Sie stellen viele Fragen, geben Arbeitsaufträge. Und sind nervös: Es ist kein halbes Jahr mehr bis zum Marktstart. Und die Vorversion der Software hinkt Wochen hinter dem Zeitplan hinterher. „Alle Softwarekorrekturen müssen morgen fertig sein“, sagt Marten Schönherr. Die 20 Tester der slowakischen Telekom in Bratislava könnten nicht länger warten. „Heute Abend gibt’s Bier!“, schließt er die Runde.

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Der neue Stil macht Tempo

Das sorgt für Schnelligkeit. Und schnell muss man sein, will man Apple, Google, Facebook widerstehen. „Wir teilen alles in kleine Salamischeiben auf – und können so alle zwei Wochen mit einem neuen Produkt rauskommen“, sagt Markus Willner von der Großkundentochter T-Systems, der den neuen Arbeitsstil einzuführen half.

Früher, in den alten Bonner Zeiten, habe es bei der Telekom mindestens sechs Monate gedauert, bis man wusste, ob ein Produkt etwas taugte oder nicht, sagt der Betriebswirt. „Techniker haben oft Dinge perfektioniert, die die Kunden am Schluss nicht haben wollten.“

Auch am Rhein brütet jetzt ein Team von Technologie-Chefin Nemat über Ideen, die dem Konzern wieder Schwung geben können – und nicht nur Kosten sparen bedeuten. Ein großer Wurf muss her. Zwar hat sich die Telekom in den vergangenen Jahren oftmals besser geschlagen als die internationale ­Konkurrenz. Aber das ging großteils auf die in Bonn eher ungeliebte amerikanische Mobilfunktochter T-Mobile US zurück, die auf mehr als 67 Millionen Handykunden kommt. In Deutschland hingegen stagniert das Geschäft. Im dritten wichtigen Markt, in Osteuropa, gab es gar deutliche Rückschläge.

Die Aktie mag sich halbwegs ordentlich entwickelt haben; dahinter stehen aber hohe Dividendenzahlungen, die sich der Konzern eigentlich nicht mehr leisten kann: Die Nettoschulden sind jedenfalls seit Anfang 2013 um fast 12 Mrd. auf zuletzt 48,7 Mrd. Euro gestiegen.

Und die Aussichten sind ernüchternd: Die Zahl der SMS, die deutsche Handynutzer verschicken, ist laut Bundesnetzagentur von 2012 bis 2015 von 59,8 Milliarden auf jährlich 16,6 Milliarden gesunken; mehr als doppelt so viele Nachrichten werden inzwischen weltweit per Whatsapp versandt – täglich.

Grafik verschickte Kurznachrichten SMS

Das Debakel wiegt besonders schwer, da SMS eine Cashcow waren: Preisen von bis zu 20 Cent pro Nachricht standen Kosten von fast null gegenüber. Kein Wunder, dass der Telekom-Vorstand mit Unbehagen die Ausweitung von Whatsapp auf Telefongespräche verfolgt. Passiert am Ende mit Telefongesprächen das Gleiche wie mit der SMS? Wohl auch deshalb haben die Bonner grünes Licht für Immmr gegeben.

Eine Flat für alles weltweit

Seit Juni 2016 läuft das System, ausgewählte Kunden in der Slowakei können es testen. Aber es hakt immer wieder. In Berlin wird dann schnell Software umgestrickt oder etwa das App-Design angepasst. Eine schnieke Webseite hat Immmr inzwischen: Darauf posieren Mitarbeiter mit aufgesetzten Tierköpfen. Die wilden 70 der Deutschen Telekom.

Im Café Hubraum, einer Art Kantine der T-Labs, hat es sich Ole Heydekamp bequem gemacht. Er ist Leiter des Berliner Designteams der Telekom. Er trägt ein dunkelblaues Jeanshemd, beige Chinos, Lederhalsband mit schwarzem Stein – und fühlt sich sichtlich wohl zwischen den alten Sofas. „Immmr“, sagt er, „ist einmalig. Es gibt nirgends etwas Vergleichbares weltweit.“

Ole Heydekamp © Jan Philip Welchering
Ole Heydekamp leitet das Berliner Designteam der Telekom. Er hält Immmr für „einmalig“

Der 38-Jährige gehörte zu den Ersten, die am Konzept des Berliner Start-ups mitgebastelt haben. Er sagt, dass die Telekom anders als in der Vergangenheit an „Produkte herangehen“ müsse: Man müsse vom „Kunden aus“ denken.

Fragt man Branchenkenner, was sie von solchen Versprechen halten, ist die Antwort klar: nichts. Konzerne wie die Telekom seien „langsame und bürokratische Organisationen“, sagt Benedict Evans, einer der angesehensten Tech-Analysten in den USA. Angebote wie Immmr ähnelten dem Versuch eines „städtischen Wasserwerks, nun Mineralwasser abfüllen zu wollen“, ätzt er.

Mag sein, dass er recht behält. Aber was wäre die Alternative: einfach kampflos aufgeben? So weit sind sie in Bonn und Berlin nicht. Im Gegenteil. Bei Immmr planen sie schon weiter, man könne mit der Plattform ja auch ein ganz neues Angebot machen: telefonieren, chatten, SMS versenden, Videogespräche – für maximal 40 Euro im Jahr. Globale Kommunikation zum Pauschalpreis, das wäre es, sagen sie bei Immmr.

Auf jeden Fall wäre es ein Angebot, das selbst Whatsapp und Facebook alt aussehen lassen würde.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 11/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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