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  • Reportage

Der neue Kampf auf dem Ölmarkt

, Sabine Muscat, Thomas Steinmann, Nils Kreimeier, Christian Schütte

Der Fracking-Boom in den USA hat die Welt des Öls auf den Kopf gestellt. Die OPEC-Staaten wehren sich gegen die Angreifer. Der Preis stürzte ab. Frisst die Revolution ihre Kinder?

Ölborhtürme in Westtexas
Dutzende Bohrtürme prägen die staubige Landschaft von Westtexas. Die Vorräte dort galten als ausgelaugt - bis der Schieferöl-Boom kam - Foto: Brent Humphreys

Der Mann, der die Ölindustrie in Westtexas gerettet hat,
hat heute weiße Haare und geht an einem Gehstock. Jim Henry ist 80 Jahre alt, vor Kurzem musste er sich an der Hüfte operieren lassen. Aus dem Tagesgeschäft seines Unternehmens Henry Resources hat er sich zurückgezogen. Dennoch kommt Henry regelmäßig in die Firmenzentrale, einen Klinkerbau am Stadtrand von Midland, in dem Fotos an den Wänden hängen, die ihn Arm in Arm mit Mitgliedern der Familie Bush zeigen.

Seit fünf Jahrzehnten ist Henry ein großer Name in der texanischen Ölbranche. Seit einigen Jahren ist er eine Legende. Henry, immer noch ein Bild von einem Mann mit perfekt sitzendem dunkelblauen Blazer und darunter blitzenden Hosenträgern, hat das Fracking in die engen Schieferfelsen um Midland gebracht. Der Unternehmer stand am Anfang jener Revolution, die Texas wieder zu einem Paradies für Ölfirmen gemacht hat – und die Vereinigten Staaten zu einer Energiesupermacht.

Vor der Zentrale von Henry Resources flattert die texanische Flagge. In den Fluren schmücken Gemälde von Ölfeldern und Baupläne für Pumpen und Bohrtürme fast jede Wand. Selbst im Aufzug hängen Poster, die Pumpen im Sonnenuntergang zeigen. Wer hier arbeitet, liebt das Öl.

Im Konferenzraum deutet Henry auf eine Tabelle, die er mit Bleistift gezeichnet hat: die Entwicklung des Ölpreises. Von der großen Krise 1986, die an den jüngsten Preiscrash erinnert, bis Ende der 90er-Jahre bleibt die Kurve flach. „Und selbst danach ging der Preis nicht auf das Niveau zurück, wo er vor der Krise war“, sagt Henry.

Als Henry 2003 in der Gegend um Midland damit begann, in bislang unzugänglichen Gesteinsschichten nach Öl zu bohren, steckte das früher so stolze Ölrevier in einer tiefen Depression. Nach dem Rausch in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren waren die großen Ölkonzerne aus dem Permian Basin abgezogen. Die Vorräte galten als ausgelaugt.

Niemand glaubte daran, dass das „hydraulic fracturing“, bei dem eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien mit hohem Druck in Bohrlöcher gepumpt wird, um Öl und Gas in großer Tiefe zu befreien, auch in engen Schiefergesteinen funktioniert. Nur Henry wettete auf die erweiterte Frackingmethode, mit der der Ölunternehmer George Mitchell in der vier Autostunden entfernten Barnett-Formation experimentierte. „Alle dachten, Mitchell habe den Verstand verloren, als er die Frac-Methode auf Schieferformationen anwenden wollte“, erinnert sich Henry.

Heute ist es in Midland Routine, in die tiefen Gesteinsschichten des „Wolfcamp“ vorzudringen. In der staubigen Landschaft stehen Hunderte Pumpen. Mit jedem Nicken ihrer Pferdeköpfe holen sie Öl aus mehr als 3 000 Metern Tiefe. „Wir haben im Permian Basin die größten Vorkommen dieser sehr engen Formationen in den ganzen USA“, sagt Henry. „Und seitdem wir wissen, wie wir an diese Vorkommen herankommen, haben wir plötzlich Unmengen an Reserven."

Dank der Fördermethode – die in Deutschland von Bürgern und Umweltschützern heftig bekämpft und per Gesetz praktisch unmöglich gemacht werden soll – ist die Ölproduktion in Texas in fünf Jahren um 180 Prozent nach oben geschossen. Im Permian Basin spucken die Pumpen täglich 2 Millionen Barrel aus – ein Fünftel der US-Produktion.

Der Ölunternehmer Jim Henry sthet vor einem Auto
Der Ölunternehmer Jim Henry brachte die Fracking-Technologie nach Midland - Foto: Brent Humphreys

Unternehmer wie Henry haben den USA zu einer Wiederauferstehung verholfen, wie sie die moderne Energiewelt noch nicht gesehen hat. Seit die Schieferöl-Revolution in Texas und North Dakota begann, haben die Amerikaner ihre Förderung auf heute 9,3 Millionen Barrel (je 159 Liter) am Tag fast verdoppelt. Allein 2014 fuhren sie ihre Produktion um 1,2 Millionen Barrel pro Tag hoch.

Es war der größte Zuwachs in der US-Geschichte – und das, obwohl der Preis für den Rohstoff seit dem Sommer um mehr als 50 Prozent auf zwischenzeitlich nur noch 45 Dollar pro Barrel absackte. Im kommenden Jahr wollen die USA Russland und Saudi-Arabien überholen und größter Produzent der Welt werden. Nordamerika entwickele sich im Geschäft mit Ölprodukten zu einem „Titan beispiellosen Ausmaßes“, schreibt die Internationale Energieagentur (IEA).

Diese tektonische Verschiebung hat auch die Weltpolitik verändert. Durch den Fracking-Boom wird Nordamerika Ende des Jahrzehnts unabhängig von Energieimporten sein, erwartet die IEA. Die Ölwaffe, mit der Regime in Nahost dem weltgrößten Verbraucher drohen können, verliert ihren Schrecken.

Aber wie nachhaltig ist dieser Umbruch, wenn der Ölpreis so niedrig bleibt? Hat das Fracking seinen Höhepunkt bereits überschritten? Haben die alten Ölmächte dann doch wieder das Sagen?

Der Kampf um die Vorherrschaft ist in vollem Gang, der Ausgang ungewiss. Fest steht, dass sich die Gesetze auf dem Ölmarkt verändert haben. Von einer „neuen Mathematik des Öls“ spricht das US-Magazin „Fortune“. Die alte Formel ging seit Jahrzehnten so: Die Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC), dominiert von Saudi-Arabien, steuert den Preis. Sie konnte eine Rally stoppen oder einen Preisverfall aufhalten – indem sie ihre Förderung ausweitete oder drosselte. Seit dem Boom in den USA gibt es ein Überangebot – und einen Player, der nicht auf politische Steuerung reagiert. Sondern auf den Markt.

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Ein neuer swing producer

Das Schieferöl hat den klassischen Investitionszyklus auf den Kopf gestellt. Der war bisher lang, träge und teuer. Ölfelder mussten mühsam erschlossen werden, was Milliarden verschlang. Auch neue konventionelle Großprojekte in der Tiefsee oder in der Arktis folgen diesem Zyklus.

Ein einzelnes Bohrloch in Texas zu fracken kostet wenige Millionen Dollar. „Wenn Sie heute auf Ebay einen Bohrturm kaufen und eine Förderlizenz beantragen, können Sie in einem Monat loslegen“, sagt Spencer Dale, der Chefvolkswirt des Ölkonzerns BP. Wenn der Preis fällt, können Frackingfirmen ebenso leicht Projekte zurückstellen.

Als „swing producer“ bezeichnen Experten den zentralen Akteur auf dem Ölmarkt, der seine Förderung schnell anpassen und damit Preisschocks abfedern kann. In den 80er-Jahren hat Texas diese Rolle an Saudi-Arabien und die OPEC verloren. Dank des Schieferöl-Booms sind die USA dabei, ihre Vormachtstellung zurückzugewinnen, glauben US-Energieökonomen wie Philip Verleger, ein früherer Berater der Präsidenten Ford und Carter.

Auch Jim Henry hat festgestellt, dass die Ölwelt nicht mehr die gleiche ist, seitdem sie in Texas immer mehr von dem Stoff aus dem Boden pumpen. „Saudi-Arabien hat in der Vergangenheit sehr dabei geholfen, allzu wilde Preisschwankungen zu vermeiden“, sagt Henry. Diesmal sei alles anders. Die Saudis dächten nicht daran, Marktanteile an die Angreifer aus der Frackingbranche abzugeben, erzählt man sich in Midland. Deshalb hielten die Scheichs ihre Produktion hoch, obwohl das Überangebot den Preis drückt.

Im November hörte Henry, wie der saudische Ölminister Ali bin Ibrahim al-Naimi Produzenten wie ihm den Kampf ansagte. Da hatten die alten Ölmächte in der OPEC gerade in einer historischen Kehrtwende beschlossen, auf eine Förderkürzung zu verzichten – und damit alle überrumpelt. „Wenn der Preis fällt, dann fällt er“, sagte Al-Naimi. „Andere wird das bereits dann hart treffen, wenn wir noch gar nichts davon spüren.“

Von einer „Kriegserklärung“ an die neuen Wettbewerber sprachen Analysten damals. Bis Januar stürzte der Ölpreis um weitere 30 Dollar.

Drei Monate später steht Al-Naimi im dunkelgrauen Anzug an einem Pult mit dem Bundesadler, vor ihm sitzen Abgeordnete, Diplomaten und Ölmanager. Der Minister aus Riad ist der wichtigste Redner auf der Energiekonferenz eines außenpolitischen Thinktanks der Bundesregierung im Berliner Schloss Schönhausen. Seit 20 Jahren dient Al-Naimi dem saudischen Königshaus als Ölminister. Der 1,58 Meter kleine Mann war der König der alten Ölwelt.

Doch seit dem dramatischen Kurswechsel der Saudis muss Al-Naimi viel erklären. Der Minister muss die nervösen Märkte beruhigen, Gerüchte über eine amerikanisch-saudische Verschwörung gegen Russland und Iran zerstreuen. Und Analysten Kontra geben, die behaupten, mit dem Verzicht auf eine Förderkürzung habe sich das Kartell faktisch aufgelöst.

Der saudische Ölminister Ali Al-Naimi
Der saudische Ölminister Ali Al-Naimi zwingt die OPEC auf einen neuen Kurs - Foto: dpa

Es gebe viele „bizarre Theorien“ über die Motive der OPEC, sagt Al-Naimi in seinem schnarrenden Englisch. Diese seien alle falsch. „Wir haben einfach die historische Entscheidung getroffen, die Kräfte des Marktes wirken zu lassen.“ Dann folgt seine zentrale Botschaft: Es sei nicht die Aufgabe der arabischen Ölstaaten, „Anbieter mit höheren Kosten zu subventionieren“. Im Saal wissen alle sofort, wen Al-Naimi meint: die Amerikaner. In den Frackingrevieren kostet die Förderung mindestens zehnmal so viel wie in den Feldern unter der Wüste, in denen die Saudis für vier Dollar pro Fass produzieren können.

Dann ist Al-Naimi plötzlich verschwunden. Als er vom Podium zurücktritt, verliert er den Halt und kippt nach hinten in die Kulissen. Nicht einmal der graue Schopf des 80-Jährigen ist noch zu sehen. Entsetzte Rufe gehen durch den Saal. Ein Schwächeanfall? Eine Herzattacke? Der saudische Ölminister ist immer noch ein Mann, auf den alle an den Märkten schauen. Wäre Al-Naimi etwas passiert, würde die Meldung sofort um den Globus jagen und hektische Reaktionen auslösen. Aber schon kurz darauf taucht er wieder auf und setzt sich auf seinen Stuhl, als wäre nichts passiert. Das Bild symbolisiert ein wenig das neue Machtgefüge auf dem Ölmarkt: Saudi-Arabien ist noch da. Aber es ist etwas derangiert.

„Berichte über den Tod der OPEC sind übertrieben“, sagt BP-Chefökonom Dale. Noch immer sind die Saudis der größte Exporteur. Über die OPEC kontrollieren sie mehr als ein Drittel der globalen Ölproduktion. Das Kartell verfügt über den Großteil der nachgewiesenen Reserven, während niemand weiß, wie lange die US-Produktion noch wachsen kann.

Doch durch die Rückkehr der Amerikaner als Ölgroßmacht sind die Zeiten vorbei, in denen die Araber allein globale Krisen heraufbeschwören und Volkswirtschaften in Geiselhaft nehmen konnten. War die Angst vor Peak Oil, dem Überschreiten des Förderhöhepunkts, das Kennzeichen der alten Ölwelt, steht die Ölschwemme für die neue Zeit.

Auf bis zu 1,5 Millionen Barrel pro Tag schätzt Dale das Überangebot – bei einem weltweiten Verbrauch von rund 93 Millionen Barrel. Und Großproduzenten wie der Irak, der Iran und Libyen, deren Industrie derzeit noch durch Bürgerkriege oder Sanktionen gelähmt ist, wollen ihre Förderung schon bald deutlich hochfahren. Dass der Rohstoff auf absehbare Zeit wieder an die 100-Dollar-Marke heranreicht, glaubt kaum jemand.

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Risse in der OPEC

Immer schon hat der Ölpreis die Welt in Gewinner und Verlierer geteilt. Bei niedrigen Kursen profitieren Importländer wie Deutschland, wo der Preisverfall wie ein Konjunkturpaket wirkt. Verlierer sind Produzenten wie Russland, Venezuela oder der Iran, deren Haushalte auf Preise von mehr als 100 Dollar angewiesen sind. Die USA führten einen „Ölkrieg“ gegen sein Volk, schimpfte Venezuelas Präsident Nicolás Maduro. Er braucht die Exportmilliarden für seine Sozialprogramme.

Verlierer sind auch die internationalen Ölkonzerne. Allein die sogenannten Big Five – ExxonMobil, BP, Royal Dutch Shell, Chevron und ConocoPhillips – haben ihre Investitionsbudgets gegenüber 2014 um mehr als 20 Mrd. Dollar gekappt. Die Branche streicht Tausende Jobs. Die Übernahme der BG Group durch Shell, die nach Ostern bekannt wurde, werteten viele Experten eher als eine Flucht nach vorn, als Konsolidierung und möglichen Beginn einer neuen Welle von Fusionen.

Auch in Midland sind die Folgen der Ölschwemme nicht zu übersehen. In der Region hängen rund 80 Prozent der Wirtschaft an der Ölproduktion. Jetzt kämpft sie mit den Folgen des Preisverfalls, den sie mit ihrem atemlosen Förderwachstum mitverursacht hat. An der Landstraße, die in die Nachbarstadt Odessa führt, stehen mehr als 20 Bohrtürme dicht an dicht auf einem Abstellplatz. Eine Reihe großer Dienstleistungsfirmen hat bereits Entlassungen angekündigt. Die Zeit des Überschwangs, in der Lkw-Fahrer mit 100 000 Dollar nach Hause gingen, ist vorbei.

„Wenn man nur noch halb so viel einnimmt wie vor ein paar Monaten, muss man schnell reagieren“, sagt Jimmy Davis, Manager der Fasken Oil and Ranch, einer Firma mit 235 Mitarbeitern. Der Mittsechziger, der im Büro Jeans und Karohemd trägt, will die Zahl seiner aktiven Bohrtürme von fünf auf einen reduzieren. Die Produktion in den USA sei etwas zu hoch geraten, glaubt Davis. „Der Weltmarkt versucht gerade herauszufinden, wie viel er absorbieren kann.“

So wie Fasken haben viele der kleinen und mittleren Firmen neue Bohrungen verschoben, solange der Ölpreis um die 50 Dollar pendelt. Anfang April zählte die Servicefirma Baker Hughes noch 760 Bohranlagen in den USA – etwa halb so viele wie auf dem Höchststand im Oktober 2014.

Bislang ist eine Handvoll Unternehmen pleitegegangen, andere ächzen unter Schulden. Analysten erwarten eine Marktbereinigung, wenn sich der Preis nicht erholt. Frisst also die Revolution ihre Kinder? Alarmstimmung, Angst, ja, die sieht und spürt man in den USA. Aber keiner redet vom Untergang. Immer noch wächst die Fördermenge in den USA – wenn auch nicht mehr überall und so rasant wie vor Beginn des Preisverfalls. Die IEA erwartet, dass die USA bis 2020 für den größten Teil des weltweiten Produktionswachstums verantwortlich bleiben. Das Preistief werde nicht dazu führen, dass die „Party“ in Nordamerika endet, schreiben die IEA-Ökonomen. Sie erwarten nur eine Pause.

Treffen der Ölminister in der Wiener OPEC-Zentrale
Treffen der Ölminister in der Wiener OPEC-Zentrale: Das Kartell schottet sich ab - Foto: Ullstein

Die Frackingbranche hat ihre Kosten, so wie die großen Ölkonzerne auch, bereits drastisch gedrückt. Fasken-Manager Davis rechnet damit, dass die Dienstleister ihre Preise für Bohrtürme und andere Ausrüstung um 30 Prozent senken müssen – um genau so viel also, wie sie im Boom gestiegen waren.

Nach Daten der US-Energiebehörde EIA erreichten die Firmen im Permian Basin 2014 bei neuen Bohrlöchern einen Produktivitätsgewinn von 30 Prozent. Selten hat eine Branche so schnell gelernt, eine Technologie so weiterzuentwickeln, als wäre sie ein Produkt, das massenhaft hergestellt wird.

Der Ökonom Verleger hat dafür den Begriff des „ManuFracturing“ geprägt, eine Wortverbindung aus „Manufacturing“ und „Fracturing“ (Langform für Fracking). Die Effizienzgewinne führen dazu, dass die Schwelle, ab der Bohrlöcher profitabel sind, ständig sinkt. Die Hälfte der neuen Bohranlagen könne bereits ab einer Notierung von 40 Dollar Geld verdienen, schätzen die Rohstoffanalysten von Bank of America Merrill Lynch.

Kleine Unternehmen wie Fasken können es sich zudem leisten, sich auf die produktivsten Löcher zu konzentrieren und andere Bohrungen zurückzustellen, bis der Ölpreis wieder klettert. Fasken ist im Familienbesitz, hat keine Schulden und den Vorteil, dass den Eigentümern nicht nur der Boden gehört, sondern auch die Mineralrechte. „Wir haben keinen Druck zu bohren“, sagt Davis. „Wenn die Marktsituation sich verbessert, können wir schnell wieder hochfahren. Die Frage ist nur: Wie lange wird es dauern?“

Es ist die entscheidende Frage – nicht nur für die Frackingindustrie, sondern auch für die alten Ölmächte in der OPEC. Deren Wette, die Angreifer über den Preis aus dem Markt zu drängen, ist bislang nicht aufgegangen. Stattdessen haben sich die US-Produzenten als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen. Und die OPEC-Staaten spüren die Nebenwirkungen ihrer neuen Linie, die die Analystin Samira Kawar von der Londoner Preisagentur Argus Media eine „ziemlich große Zockerei“ nennt: Nach Berechnungen der EIA werden die OPEC-Mitglieder ohne Iran in diesem Jahr nur noch 380 Mrd. Dollar aus dem Ölexport kassieren – rund halb so viel wie 2014.

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"Ihre Fragen helfen dem Markt nicht"

Für die OPEC bergen diese Aussichten Sprengstoff. Bislang war das gemeinsame Interesse an einem hohen Ölpreis der Kitt, der die zwölf so unterschiedlichen Länder aus Nahost, Afrika und Lateinamerika zusammenhielt. Seitdem die Saudis den Kurswechsel im November brutal durchgeboxt haben, werden die Risse im Kartell immer größer.

Auf der einen Seite stehen die reichen Golfstaaten. Sie können sich einen Preiskrieg dank hoher Devisenreserven leisten. Auf der anderen Seite stehen Venezolaner, Algerier, Nigerianer und Iraner, die jede Milliarde aus dem Export benötigen. Sie dringen auf eine Förderkürzung – zumal Kürzungen in der OPEC bisher faktisch immer zulasten ihres größten Mitglieds Saudi-Arabien gingen.

Weltmarktanteile wichtiger Förderstaaten

Trotz der wachsenden Nervosität traut sich bislang allerdings niemand, gegen die Saudis aufzubegehren. Das Kartell schottet sich noch mehr ab als üblich. Sprecher dürfen in der Öffentlichkeit nicht sprechen. Generalsekretär Abdallah al-Badri, ein Libyer, der den Strategiewechsel zunächst abgelehnt hatte, produziert bei seinen Pflichtauftritten noch mehr Floskeln als sonst.

Auch die OPEC-Mitgliedsstaaten machen komplett zu. Als der algerische Botschafter in Berlin auf einer Tagung seinem Energieminister einen Gesprächswunsch übermittelt, kann man beobachten, wie der Minister sein Gesicht verzieht und mit beiden Händen abwinkt. Sein Kollege aus Kuwait wehrt freundlicher, aber ebenso bestimmt ab: „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Nein sage?“ Und Al-Naimi scheucht Reporter nach seiner Rede im Schloss Schönhausen davon wie lästige Fliegen: „Ihre Fragen helfen dem Markt nicht!“, ruft er verärgert, bevor er mit seinem Tross aus dem Saal rauscht.

Zur Kraftprobe kommen könnte es am ersten Juni-Wochenende, wenn die Ölminister auf dem 167. OPEC-Treffen in Wien wieder über die Strategie beraten. Bis dahin werden weiter jeden Tag viel zu viele Barrel auf den Markt schwappen. Die Angebotsflut führt dazu, dass der Preis für in Zukunft zu lieferndes Öl deutlich über dem für sofortige Lieferung liegt. In dieser Situation, Contango genannt, trägt gelagertes Öl gleichsam Zinsen. Zuletzt bunkerten Ölfirmen, Händler und Spekulanten in den USA nach Angaben der EIA bereits 480 Millionen Barrel – den höchsten Wert seit 80 Jahren. Die Menge reicht aus, um den Gesamtbedarf der USA fast einen Monat lang zu decken.

Förderung in den wichtigsten US-Frackingrevieren

Im Zeitalter der Ölschwemme sind Lager eine knappe Ware. Schon kurz nach dem Beginn des Preisverfalls schwirrten Gerüchte über eine Jagd nach Supertankern, mit denen Rohöl auch auf hoher See zwischengeparkt werden kann. Die Terminbörse New York Mercantile Exchange, an der seit 1983 Kontrakte auf die US-Referenzölsorte West Texas Intermediate (WTI) gehandelt werden, bietet seit Kurzem auch Optionen auf Lagerkapazitäten an – auch in Cushing in Oklahoma, dem zentralen Lieferpunkt für WTI in den USA.

„Die Höhe der Lagerbestände macht langsam Angst“, sagt Harish Sundaresh von der US-Investmentfirma Loomis, Sayles & Co. Die Ölflut und die prall gefüllten Speicher in den USA zementieren auch die Preisdifferenz zwischen WTI und der europäischen Referenzsorte Brent, die an der Londoner Intercontinental Exchange gehandelt wird. Nach dem Tiefpunkt des aktuellen Crashs im Februar, als WTI bei 44,30 Dollar notierte und Brent bei 48,10 Dollar, erreichte der Spread sogar einen Höchstwert von mehr als 12 Dollar.

Ein weiterer Grund für die Preisdifferenz ist das Exportverbot für US-Rohöl, das den amerikanischen Produzenten den Weltmarkt versperrt. Nach der Ölkrise 1973, als der Lieferboykott der Araber den Westen aufschreckte, blockierte die Regierung alle Ausfuhren. Erlaubt ist allein der Export von raffinierten Produkten. Der Schieferöl-Boom hat auch hier die Fronten aufgebrochen. Es mehren sich die Stimmen, die ein Ende des Exportbanns fordern. Für eine leichte Ölsorte hat die US-Regierung vor Kurzem sogar schon eine Ausnahmegenehmigung erteilt.

US-Ölproduktion in MIo. Barrel pro Tag und Zahl der aktiven Bohranlagen

Sollten die USA zur Exportmacht aufsteigen, würde dies auch den europäischen Markt umwälzen. Schon heute lassen sich in Europas wichtigstem Ölhafen Rotterdam die Folgen der US-Energierevolution für die Ströme auf dem Weltmarkt beobachten. „Seit die USA ihre heimische Produktion stark erhöht haben, wird Öl aus Westafrika vermehrt nach Europa umgeleitet“, berichtet Ronald Backers, Analyst beim Hafenbetreiber Port of Rotterdam.

Bis zu 15 Prozent des gelieferten Öls kommen nun von dort. Aus dem Nahen Osten stammen etwa 20 Prozent. Jeweils rund ein Drittel der Lieferungen kommt von Bohrplattformen in der Nordsee und von Ural-Importen aus Russland. Beides ist auf Dauer ein Problem: Die heimische Förderung hat ihren Höhepunkt überschritten. Und bei den Russen mehren sich die Anzeichen, dass sie langfristig einen größeren Teil ihres Öls nach Asien liefern – weil dort anders als im Westen die Nachfrage wächst. Aber auch, weil die Ukraine-Krise das Verhältnis zu Europa vergiftet. Für die Europäer und ihr Bemühen, sich unabhängiger von Russland zu machen, wäre es ein Trumpf, wenn bald Öltanker aus den USA in Rotterdam anlegen.

Zurzeit liegt dort in einem abgelegenen Hafenbecken das größte Schiff der Welt. Die Pioneering Spirit ist eine Art Katamaran aus zwei Supertankern, eine schwimmende Demontagefabrik, mit der künftig ausgemusterte Bohrinseln von ihren Stelzen gehoben und dann zerlegt werden sollen. Das große Decommissioning auf den Nordseefeldern, das durch den Preiscrash beschleunigt wird, könnte ein Wachstumsgeschäft für Rotterdam werden.

Auch in Midland, Texas, wollen sie sich nicht mehr darauf verlassen, dass ihnen das Öl noch für viele Jahre ein gutes Leben garantiert. Irgendwann wird sich im Permian Basin auch die Schieferölförderung nicht mehr lohnen. Jim Henry, der texanische Öl-Veteran, der gerne über Umweltauflagen der Obama-Regierung schimpft, hat in guten Zeiten immer wieder Teile seiner Firma verkauft und die Hälfte der Erlöse in Aktien, Anleihen und Immobilien investiert. „Wir wollten diversifizieren und nicht alles auf Öl setzen“, sagt er.

Vor seiner Firmenzentrale fährt Henry in einem Tesla vor – ein Geschenk seiner Frau zur goldenen Hochzeit. „Ein tolles Auto“, schwärmt er. „Die Beschleunigung ist großartig.“ Henry hebt die Kühlerhaube hoch, unter der statt des Motors nur eine Tasche mit Schwimmzeug liegt. „Keine Flüssigkeiten, kein Öl, keine Keilriemen, die reißen können“, sagt er. „Eine saubere Sache.“


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