• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Reportage

Der Kampf der Kinder für Kinderarbeit

, Andrzej Rybak

Kinderarbeit in Bolivien wird legalisiert. Ein Skandal? Unsere Reportage über eine Kindergewerkschaft zeigt, dass es keine einfache Antwort gibt.

Kinderarbeit in Bolivien
„Du musst immer auf der Hut sein“, sagt Rodrigo Medrano, der in den Kneipen von La Paz Zigaretten verkauft. „Die Leute sind oft aggressiv.“ In einer guten Nacht verdient der 15-Jährige umgerechnet 6 Euro

„Bolivien erlaubt Kinderarbeit“ – Schlagzeilen dieser Art ging vergangene Woche um die Welt. Das Parlament in La Paz billigte ein Gesetz, nach dem Kinder ab 10 Jahren unter bestimmten Bedingungen legal arbeiten dürfen. Der linksgerichtete Präsident Evo Morales muss das Gesetz noch unterzeichnen, er hat sich in der Vergangenheit aber für eine Legalisierung der Kinderarbeit unter 14 Jahren ausgesprochen. In der April-Ausgabe von Capital stellten wir eine Kindergewerkschaft in Bolivien vor. Sie kämpft nicht gegen Kinderarbeit, sondern dafür. Jetzt hat sie ihre Ziele erreicht. Capital-Autor Andrzej Rybak hat sich den Alltag der jungen Gewerkschafter in Bolivien und ihren Kampf für mehr Rechte angesehen.

Wenn sich die Nacht über La Paz legt, fängt für Rodrigo Medrano die Arbeit an. Der Junge packt seine Hosentaschen mit den Kaugummi- und Zigarettenschachteln voll, die er billig auf dem Markt gekauft hat, zieht die Kapuze seines Pullis tief ins Gesicht und beginnt, die dunklen Gassen der bolivianischen Hauptstadt zu durchstreifen. Sein Ziel sind die namenlosen Tanzlokale und billigen Kaschemmen, die allein an dem roten Schild der lokalen Biermarke zu erkennen sind.

Schon im Eingang der ersten Spelunke schlägt ihm der Geruch von Bier, Rauch und Pisse entgegen. Der Kellner kennt den Jungen und winkt ihn herein. Die meisten Gäste sind betrunken, einige schlafen zurückgelehnt auf ihren Stühlen, die anderen schreien, in der Hoffnung, die Musik zu übertönen. Unter dem Gewicht der leeren Bierflaschen biegen sich die Tische beinahe. Farbiges Neonlicht schafft billige Puffatmosphäre.

Kinderarbeit in Bolivien
Je mehr in den Lokalen getrunken wird, desto freigebiger sind Rodrigos Kunden

Rodrigo tritt an jeden Tisch, meist streckt er seine Waren wortlos den Leuten entgegen. Manche winken ihn verärgert weg oder geben ihm einen Schubs. Doch einige greifen zu. Der Junge steckt das Geld ein, zündet dem Käufer die Zigarette an und verschwindet.

„Du musst immer auf der Hut sein“, sagt der 15-Jährige. „Die Leute sind oft aggressiv.“ Einmal wurde er verprügelt, und man hat ihm sein ganzes Geld abgenommen. „Aber in den Kneipen verdiene ich deutlich mehr, als wenn ich Süßigkeiten auf der Straße verkaufe“, sagt Rodrigo. Er kassiert einen Boliviano für zwei Zigaretten, das sind 10 Centavos Gewinn pro Kippe. In einer guten Nacht macht er 60 Boliviano Gewinn, etwa sechs Euro.

„Wahl zwischen Hunger oder Arbeit“

Auf arbeitende Kinder wie ihn trifft man überall in Bolivien. Sie verkaufen auf Märkten, putzen Schuhe, helfen bei der Ernte, kassieren in Minibussen, besorgen den Haushalt, bewachen Viehherden. Rund 850.000 Kinderarbeiter gibt es in dem ärmsten Land Südamerikas, schätzt das Arbeitsministerium. Bei nur zehn Millionen Einwohnern. Wahrscheinlich liegt die Zahl sogar höher.

Zwar hat Bolivien, wie die meisten anderen Länder der Welt, die internationalen Abkommen gegen Kinderarbeit unterzeichnet. Doch für viele Familien ist die Arbeit der Kinder überlebenswichtig. In den Armenvierteln von La Paz, Cochabamba oder Potosí kann ein großer Teil der Eltern seinen Nachwuchs nicht ernähren. Viele Kinder, wenige Jobs, niedrige Löhne, und oft vertrinken die Väter ihren Verdienst, statt Essen zu kaufen. Fast jedes vierte Kind in Bolivien ist unterernährt. „Viele von uns haben nur die Wahl zwischen Hunger oder Arbeit“, sagt Rodrigo.

Rodrigos Vater soff und schlug ihn. Er floh zu einer Tante, die ihn aber nicht auch noch durchfüttern konnte. Also fing er mit sieben an, Süßigkeiten zu verkaufen. Später goss er Blumen auf dem Friedhof, schob Schubkarren mit Waren auf dem Markt, lebte eine Weile auf der Straße und schnüffelte Klebstoff, um Kälte und Hunger zu vergessen. „Manchmal habe ich auch Leute ausgeraubt“, gibt er zu. Um überhaupt arbeiten zu dürfen, musste er oft Schutzgeld zahlen, manchmal auch an die Polizei. Sein Lohn hing von der Laune der Erwachsenen ab, und die war meistens schlecht. Aber beschweren konnte er sich bei niemandem. Kinderarbeit war ja illegal.

Vor gut vier Jahren hat sich Rodrigo darum der Kindergewerkschaft Unatsbo angeschlossen, der Vereinigung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen Boliviens. Unatsbo ist nicht die erste Kindergewerkschaft Südamerikas, aber sie gehört zu den stärksten. Die Mitgliederzahl liegt irgendwo zwischen 2000 und 4000; es gibt keine Mitgliederlisten, keine Beiträge. Wer will, kann kommen und sich beteiligen – nur über 18 Jahre alt dürfen Mitglieder nicht sein. Es gibt ein paar ehrenamtliche Helfer und nur selten ein wenig Förderung aus dem Ausland. Ansonsten sind die Kinder bei ihrem Kampf auf sich allein gestellt. Denn Unatsbo kämpft nicht gegen Kinderarbeit. Sondern dafür.

[Seitenwechsel]

Kinderarbeit in Bolivien
Mit sieben Jahren hat Rodrigo angefangen, als Straßenhändler Süßigkeiten zu verkaufen. Um überhaupt arbeiten zu können, musste er oft Schutzgeld an Kriminelle oder die Polizei zahlen

„Ein faules Ding“

Es ist Samstag. Gewerkschaftsversammlung, wie jede Woche. Pedro Mamani schließt die Tür zu einem Haus in der Calle Chuquisaca 616 auf. Hier mietet Unatsbo für etwa 40 Euro im Monat einen fensterlosen Raum, rotbraun bemalte Wände, vielleicht 25 Quadratmeter groß. Die Gewerkschaftszentrale. Das ganze Mobiliar sieht aus, als hätte man es auf dem Müll erbeutet, zwei alte Schreibtische, ein Holztisch mit zwei langen Sitzbänken, Computer, Fernseher. Auf den Schreibtischen stapeln sich Papiere, darunter die Gründungsurkunde und zahlreiche Auszeichnungen von der Stadt La Paz und dem bolivianischen Menschenrechtsbeauftragten. Für den Einsatz im Kampf für die Rechte der Kinder.

Trotz der Anerkennung fällt es der Kindergewerkschaft schwer, eine dauerhafte Finanzierung zu finden. „Wir wollen kein Geld von der Regierung, wir wollen unabhängig bleiben“, sagt Pedro Mamani. Er ist 28, ein ehemaliger Kinderarbeiter, der nun den Kindern bei der Gewerkschaftsarbeit hilft. Aber nur wenige internationale NGOs wagen sich an das heikle Thema, um ihre Spender nicht zu verschrecken. Eine Zeit lang hat Save the Children die Aktivitäten der Unatsbo finanziert. Seit 2011 wird sie von der bolivianischen Hilfsorganisation CUNA unterstützt, doch deren von der EU finanziertes Projekt „El trabajo de Crecer“ („Arbeiten, um zu wachsen“) läuft gerade aus. Für die Zukunft sieht es düster aus.

Kinderarbeit in Bolivien
Die Räume der Kindergewerkschaft funktionieren auch als Jugendclub. Es gibt einen Computer, einen Fernseher und auch ein paar Brettspiele

Die Gewerkschaftssitzung hätte eigentlich schon vor einer halben Stunde beginnen sollen, aber immer noch sind nicht alle da. „Die meisten wohnen weit weg, die Fahrt dauert“, sagt Mamani entschuldigend. „Wahrscheinlich kommen auch gar nicht alle. Es ist Prüfungszeit, viele müssen für die Schule büffeln.“ Dabei gibt es einiges zu besprechen. In ein paar Tagen hat Unatsbo einen Termin im Parlament, beim Vorsitzenden der Kommission für Kinder- und Jugendangelegenheiten. Sie wollen sich über das neue Jugendgesetzbuch beschweren, das gerade verabschiedet wurde. Danach dürfen in Bolivien Kinder nur dann ohne Weiteres arbeiten, wenn sie mindestens 14 Jahre alt sind – und das auch nur in bestimmten Branchen: Bergbau und mehr als 20 andere Tätigkeiten wurden als zu schwer und zu gefährlich eingestuft. Kinder zwischen zwölf und 14 Jahren brauchten dem Gesetz nach für einen Job die ausdrückliche Genehmigung ihrer Eltern. Kinder unter zwölf dürfen nur in den jeweiligen Familienbetrieben helfen.

Als die Sitzung mit mehr als einer Stunde Verspätung endlich beginnt, drängt sich ein Dutzend Kinder um den Tisch, der Jüngste sieben, der Älteste 17. „Das Gesetzbuch ist doch ein faules Ding“, schimpft Felix Mamani, 16. Tagsüber hilft er seinem Vater im Fleischerladen, aber hier nennen sie ihn alle nur den Dichter – weil er gern Gedichte rezitiert. Felix ärgert sich besonders über die Regelung für die Jüngsten: „Auf dem Familienhof dürfen sie schuften, aber bezahlt werden dürfen sie nicht.“

Faire Bedingungen statt Verbote

Rodrigo, der Zigarettenverkäufer, stottert vor Empörung: „Die meisten Kinderarbeiter sind unter 14! Wer soll ihnen Arbeit genehmigen, wenn die Eltern tot sind und sie auf der Straße leben?“ Revelino, 17, Schneidergehilfe, prangert die doppelte Moral der Politiker an: „Die behaupten, das in unserem Interesse zu tun. Aber warum gibt es dann nicht die kostenlose medizinische Versorgung für jedes Kind, die wir verlangt haben?“ Alle sind sich einig: Sie dürfen das Jugendgesetzbuch nicht so ohne Weiteres hinnehmen, sie müssen protestieren. Sie wollen die Arbeit nicht weiter einschränken, sondern besser regulieren lassen. Faire Bedingungen statt Verbote.

Sie haben durchaus schon Erfolg gehabt mit ihren Protesten. Als das Parlament 2008 über eine neue Verfassung beriet, marschierten Hunderte Kinder mit Pfeifen und Plakaten durch die Straßen von La Paz und demonstrierten. Unter dem Druck der Kinder ließen die Abgeordneten das generelle Verbot der Kinderarbeit aus dem Grundgesetz streichen. Es wurde durch das Verbot der Ausbeutung von Kindern ersetzt.

Damals wurden rund 200 Kinder vom Staatsoberhaupt Evo Morales im Präsidentenpalast empfangen. Morales, Sohn eines Kokabauern, half als Kind seiner Familie bei Zuckerrohr- und Kokaernten und arbeitete in einer Bäckerei. „Er hat unsere Sache unterstützt“, sagt Pedro Mamani.

Viele bolivianische Soziologen feierten die Verfassungsänderung damals als ein historisches Ereignis, aber der Westen reagierte empört und drohte offen mit Streichung der Entwicklungshilfe. Denn international ist Kinderarbeit mindestens so geächtet wie Landminen und Streubomben. In seltener Eintracht halten Kirchen, Parteien und Verbände, die Vereinten Nationen, die Weltbank und die Internationale Arbeitsorganisation am strikten Verbot der Kinderarbeit fest. In regelmäßigen Abständen rufen westliche Kinderschützer zum Boykott von Waren auf, die von Kindern produziert wurden. Das Ergebnis: Die Kinderarbeit wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgeübt, im Untergrund, wo die Ausbeutung noch größer ist. Trotz aller Verbote müssen derzeit nach Schätzungen etwa 200 Millionen Kinder weltweit arbeiten.

[Seitenwechsel]

Kinder in Bolivien
David und Brandon Caballero wohnen mit ihrer Mutter und ihren zwei Geschwistern in einem Armenviertel an den Hängen über La Paz. Der Vater hat die Familie verlassen. Nun schlagen sie sich als Straßenverkäufer durch

weg von der straße

Die Familie Caballero lebt an den Hängen hoch über La Paz. Dort, wo die Armen wohnen. Der Blick über die Stadt in den Bergkessel ist grandios, doch die kleine Zweizimmerwohnung hat keine Heizung und nur ein Plumpsklo auf der Terrasse, die bei jedem Regen unter Wasser steht. Jeden Nachmittag steigt Sandra Caballero, 30, mit ihren vier Kindern ins Zentrum hinab, wo sie an der Kreuzung von Avenida Buenos Aires und Max Paredes Krimskrams verkaufen. Die ganze Gegend ist ein einziger Marktplatz mit Hunderten Läden und Ständen am Straßenrand. Sie verkaufen Kleider, Schuhe, Taschen, Spielzeug, Kosmetika, Essen und alles andere. Fußgänger laufen auf der Fahrbahn, die Fahrer hupen, Stau, es stinkt nach Abgasen.

„Wir kommen immer nach der Schule hierher“, sagt David, 13, einer der Söhne. Der Abstieg dauert 45 Minuten, meist gehen sie zu Fuß, um Geld zu sparen. Die Mutter trägt den einjährigen Mateo auf dem Rücken, neben ihr tapst lustlos die dreijährige Luz. „Zu Hause ist niemand, der auf die Kinder aufpassen könnte“, sagt Sandra Caballero. Der Vater von David und seinem Bruder Brandon ist abgehauen, er interessiert sich nicht für die Familie. Auch ihr zweiter Mann ist gegangen. „Aber der versucht uns immerhin zu helfen“, sagt sie, „wenn er selbst Geld hat.“ Das ist allerdings selten.

Am Straßenrand steht Brandon, zehn, mit Bonbons und Kaugummi. Wegen des dichten Verkehrs bleiben die Busse immer wieder stehen. Das nutzt der Junge, er springt durch die offen stehenden Türen hi­nein und bietet den Passagieren seine Süßigkeiten an. Immer wieder greift jemand zu. Brandon kassiert das Geld und springt grinsend wieder heraus.

KInder in Bolivien
Sandra Caballero ist froh, dass ihre Söhne sich in der Kindergewerk­schaft engagieren: „Da lernen sie, Verantwortung für andere zu übernehmen“

Brandon und David sind beide Mitglieder von Unatsbo. Aber auch ihre Mutter kommt oft mit zu den Gewerkschaftsversammlungen, denn sie hat Angst, ihre Söhne abends allein in die Stadt zu lassen. „Ich bin froh, dass sie in der Gewerkschaft sind, sie ist wie eine zweite Familie“, sagt Sandra. „Die Kinder lernen, Verantwortung für andere zu übernehmen. Sie bleiben weg von der Straße, Drogen und Kriminalität.“ David sieht das Ganze etwas lockerer: „Wir haben da Freunde gefunden, wir gucken gemeinsam Fernsehen oder spielen Computer.“

An der Kreuzung verkauft David mit seiner Mutter Horoskope und Schutzfolien für Handybildschirme. „Horoskope 2014“, ruft er immer wieder den Passanten zu. „Lernen Sie, wie man aus der Hand die Zukunft lesen kann!“ Sandra preist ihre Folien an und versucht, Luz nicht aus den Augen zu verlieren, das Mädchen kann keine Sekunde still sitzen. „Es ist schwer, vier Kinder allein großzuziehen“, seufzt sie. Sandra hat früher Klebstoff inhaliert, war jeden Tag zugedröhnt. Vor drei Jahren hat sie aufgehört. „Die Kinder haben mir dabei geholfen.“ Bei der Gewerkschaft hat sie neuen Mut gefasst und gemerkt, dass es Leute gibt, die viel schlimmer dran sind als sie.

Gegen 6 Uhr, vor Einbruch der Dunkelheit, machen sich die Caballeros auf den Rückweg, immer den Berg hinauf. „Wenn wir gut verdient haben, fahren wir mit dem Bus“, sagt Sandra. Dann streicht sie David durchs Haar und sagt: „Ohne die beiden Jungs hätte ich es nicht geschafft, die ganze Familie zu ernähren.“

[Seitenwechsel]

KInder in Bolivien
Der Abgeordnete Javier Zavaleta erklärte den jungen Besuchern, warum das Land Kinderarbeit nicht erlauben darf. Die sehen das anders

Kuschen vor den Gringos

Das Treffen mit dem Abgeordneten Javier Zavaleta ist für 15 Uhr angesetzt, doch die Kindergewerkschafter kommen wieder zu spät. Die Wachen vor dem Palast, in dem die Büros der Abgeordneten liegen, wollen sie nicht hineinlassen, weil keiner von ihnen einen Ausweis hat. Zavaletas Assistentin geht nicht ans Telefon. David, Brandon und die anderen müssen warten. Es dauert eine Viertelstunde, bis die Kinder hineindürfen. Als sie das Gebäude betreten, senken sie ihre Stimmen. Die Säulengänge, die hohen Deckenbögen und geschwungenen Treppen der Eingangshalle machen Eindruck auf sie. Allerdings nur, bis sie im Konferenzraum sind.

Die Wände sind kahl, nur an der Stirnseite hängt das bolivianische Wappen. Die Kinder setzen sich an den Konferenztisch, auf dem Mikrofone stehen, die in dem kleinen Zimmer eher sinnlos sind. Sie bleiben aus. Zavaleta lässt sich Zeit.

Als er schließlich den Raum betritt, begrüßt er die Kinder freundlich, aber distanziert. Der 43-Jährige ist von Beruf eigentlich Architekt und gehört zur wohlhabenden Mittelklasse des Landes, macht aber politische Karriere. Den Kindern ist er suspekt. Doch sie wissen, dass sein Wort Gewicht hat: Er ist nicht nur Vorsitzender der Kommission für Kinder- und Jugendangelegenheiten, sondern auch Vizepräsident der Abgeordnetenkammer.

Kinderarbeit in Bolivien
Der zehnjährige Pedro Díaz macht das, was schon sein Vater als Junge tat: Er putzt Passanten die Schuhe. Später einmal will Pedro Polizist werden – um Kinderarbeitern zu helfen

Zavaleta holt aus und erklärt lange, dass in Bolivien beim Thema Kinderarbeit keine Einigkeit herrsche. Deswegen sei das Jugendgesetzbuch ein Kompromiss. Außerdem sei das Land an internationale Verträge gebunden, die die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren verbieten. Die Verträge aufzukündigen würde lange dauern, und die Folgen seien nicht absehbar.

Die Kinder sind mit der Erklärung nicht zufrieden. „Bolivien ist ein unabhängiges Land“, sagt Rodrigo Medrano, der Zigarettenverkäufer, „der Westen kann uns doch nicht seine Vorstellungen aufzwingen, und dann hungern die Kinder!“ Das Gesetz, meint er, zwinge Kinderarbeiter in ein Schattendasein und Ausbeutung.

Zavaleta schweigt kurz. Dann weist er darauf hin, dass dem neuen Gesetz nach die Regierung ein Sozialprogramm aufstellen muss, um den ärmsten Familien zu helfen – denen, die ihre Kinder arbeiten lassen, um zu überleben. „So Programme sind eine Idee aus dem Ausland, bei uns klappt das doch nicht“, sagt Rodrigo. „Hier sind die Beamten korrupt, die stecken sich das Geld selbst in die Taschen. Wir müssen doch sogar Lehrer schmieren, damit wir in die nächste Klasse kommen.“ Zavaleta bleibt unbeeindruckt.

Felix Mamani, der Fleischersohn, wagt einen letzten Vorstoß. „Wir arbeiten doch auch nicht nur, weil wir arm sind“, sagt er. „Unsere Eltern haben als Kinder gearbeitet, deren Eltern auch, das ist ein Teil der Kultur. Wir wollen auch unseren Familien helfen und dabei einen Beruf lernen.“ Darauf geht Zavaleta aber nicht mehr ein, die Audienz ist beendet. Bedrückt verlassen die Kinder den Palast.

„Die Politiker haben uns noch nie geholfen“, sagt eines von ihnen. „Sie kuschen vor den Gringos, die ihre Löhne bezahlen!“

Kinderarbeit in Bolivien
Ein Job, den das Gesetz Kindern bis jetzt verbietet, ist „Voceador“: Marktschreier für öffentliche Busse. Der Junge in der Bustür lotst trotzdem Passagiere heran und wird dafür bezahlt

Es gibt durchaus Intellektuelle in Lateinamerika, die das ähnlich sehen. Alejandro Cussianovich etwa, Professor an der San-Marcos-Universität in Lima, hält das Verbot der Kinderarbeit für „ein neokoloniales Kriterium“ der Wohlstandsgesellschaften, die den Entwicklungsländern ihre Vorstellungen aufzwingen wollen. Andere Soziologen warnen vor den Konsequenzen des Verbots. „Wenn wir auf einem strikten Verbot der Kinderarbeit bestehen, wird das nur die Lage der Kleinen verschlimmern“, sagt Jorge Domic, Präsident der bolivianischen NGO Fundación La Paz. „Stattdessen müssten wir dafür sorgen, dass Kinder unter würdigen Bedingungen arbeiten und gleichzeitig die Schule besuchen können.“

Verbrecher jagen

Die Kinder schlendern nach der Audienz noch über die Plaza Murillo, den Hauptplatz von La Paz und Mittelpunkt des politischen Lebens. Vor dem Präsidentenpalast bleiben sie stehen, dort bewachen zwei Soldaten in historischen Uniformen mit roten Jacken und langen Lanzen den Eingang. Pedro, 10, geht auf die beiden zu und fragt, ob er sich mit ihnen fotografieren lassen darf. Sie nicken kurz und lächeln, Rodrigo hält den Augenblick mit dem Gewerkschaftshandy fest.

Pedro verdient sein Geld als Schuhputzer, aber auf einem Platz wie der Plaza Murillo darf er nicht arbeiten. „Man braucht eine Lizenz, und die kriegen nur Erwachsene“, schimpft er. „Wenn ich mit meinen Sachen hier auftauche, werde ich sofort von den Alten verjagt, ein paar Kinder haben sie auch schon verprügelt.“ Pedro findet das ungerecht – aber wenn er erwachsen ist, will er sowieso etwas anderes machen. Auch eine Uniform tragen. „Ich will Polizist werden“, sagt er. „Dann werde ich Verbrecher jagen und allen Kinderarbeitern helfen, die von Erwachsenen schikaniert werden.“

Fotos: © Andrzej Rybak

Die Reportage erschien zuerst in Capital 04/2014 unter dem Titel „Kinder an die Macht“. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten


Artikel zum Thema
Autor
  • Aktien
Das indische Wirtschaftswunder

Indiens Vorzeige-Unternehmer Mahindra sagt einen Boom seines Landes voraus. Premierminister Modi bringe „frische Luft“.MEHR

  • Köpfe
Wie Eike Batista sein Vermögen verlor

Er war der Business-Pelé und die Symbolfigur für den brasilianischen Boom. Innerhalb weniger Jahre schuf er ein Rohstoff- und Logistikimperium und zählte zu den reichsten Menschen der Welt. Dann verlor er fast alles.MEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.