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"Der Gotthard-Tunnel ist ein Showcase"

, Monika Dunkel

Großprojekte enden häufig im Chaos. Anton Affentranger vom Baukonzern Implenia erklärt, warum es beim Gotthard-Tunnel reibungslos lief.

Zug im Gotthard-Tunnel © SBB CFF FFS
Testverkehr im Gotthard-Tunnel: Die Eröffnung ist für den Sommer geplant

Anton Affentranger ist CEO des Schweizer Baukonzerns Implenia. Das Unternehmen baut weltweit. Es hat vor kurzem die Infrastruktursparte von Bilfinger in Deutschland übernommen und treibt in Berlin den Ausbau der U-Bahnlinie U5 voran. Den Gotthard-Basistunnel durch die Alpen hat Implenia maßgeblich mitgebaut.Anton Affentranger ist CEO des Schweizer Baukonzerns Implenia. Das Unternehmen baut weltweit. Es hat vor kurzem die Infrastruktursparte von Bilfinger in Deutschland übernommen und treibt in Berlin den Ausbau der U-Bahnlinie U5 voran. Den Gotthard-Basistunnel durch die Alpen hat Implenia maßgeblich mitgebaut.


Capital: Der Gotthardbasistunnel wird als Sensation gefeiert. Zu Recht?

Affentranger: Für mich ist der Gotthard-Tunnel ein weltweiter Showcase – in technischer, politischer und gesellschaftlicher Hinsicht. Die Schweiz hat hier gezeigt, dass ein konstruktives Zusammenspiel von Bauherren, Auftragnehmern, Aufsichtsbehörden und überhaupt allen Interessengruppen möglich ist. Als Schweizer sage ich mit Stolz: Der Bau der Alpentransversale (Neat) ist ein sensationelles Ergebnis für das ganze Land.

Der Bau von Großprojekten endet häufig im Chaos, Kosten- und Terminpläne laufen aus dem Ruder. Deutschland blamiert sich gerade mit dem Bau des Flughafen BER. Was hat die Schweiz besser gemacht?

Ich denke, das Wichtigste am Gotthard war und ist, dass er sehr breit abgestützt war. Er genießt in der Bevölkerung, in der Wirtschaft, in der Politik eine riesige Unterstützung. Alle Parteien sind das Projekt mit großem Eifer angegangen. Es ging ja darum, im Sinne des in der Schweizer Verfassung festgeschriebenen Alpenschutzes den Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlegen. Dies betrifft vor allem den Güterverkehr von Norden nach Süden. Darüber bestand Konsens. Wir haben darüber in der Schweiz in den 90er-Jahren viel diskutiert, wie verlagern wir den Verkehr, wie viel lassen wir uns das kosten und wo soll das geschehen? Wenn sie ein ganzes Land von einem Jahrhundertprojekt überzeugen und einen Volksentscheid gewinnen wollen, müssen sie Zugeständnisse machen. Denn aus Sicht der Genfer etwa bringt der Gotthard ja wenig. Man hat deshalb die Alpentransversale, die Neat-Initiative lanciert, und gleich drei Tunnel gebaut. Einen, den Lötschberg-Tunnel, um die westlichen Kantone ins Boot zu holen. Ohne dieses Zugeständnis an den Föderalismus wäre der Bau des Gotthards nicht möglich gewesen.

Oft explodieren bei solchen Projekten ja die Kosten.

Es gab nicht einen Moment, wo man das Gefühl hätte haben können, dass die Finanzierung nicht gesichert ist. Auch hier war die Bevölkerung eingebunden, es gab eine Volksabstimmung über das Finanzierungskonzept, einen Fonds mit verschiedenen Abgaben. Diese Sicherheit bei der Finanzierung war sehr wichtig. Aber auch die Transparenz. Anfangs gab es ja Überlegungen, den Tunnel privat zu finanzieren, man hat da alle möglichen Studien gemacht. Im Nachhinein war es gut, ihn öffentlich zu finanzieren. Hinzu kommt: Die geologischen Risiken wären privatwirtschaftlich kaum finanzierbar gewesen. Diese haben zwar Mehrkosten verursacht, doch insgesamt ist der Tunnel trotzdem im Kostenrahmen geblieben.

"Digitales Bauen ist für mich entscheidend"

Capital 06/2016
Die neue Capital

Warum hat es funktioniert?

Die Zusammenarbeit zwischen Bauherrn und Bauunternehmen war sehr vertrauensvoll. Auch wir hatten einige heikle Situationen im Tunnel, mussten zum Beispiel aufgrund der geologischen Verhältnisse die Ausgrabungsroute ändern. Über diese unvorhergesehenen Ereignisse und Schwierigkeiten konnten wir sehr offen mit dem Bauherrn, der Alptransit, sprechen. Es ging nicht um die Suche nach dem Schuldigen oder Vorwürfe, sondern um Lösungen. Dabei stand immer die Technik im Vordergrund. Es gab so einen gemeinsamen Mindset, wie wir das Problem anpacken wollen. Es ist sehr wichtig, dass beide Parteien sich nicht per se misstrauen.

Wie schafft man so ein konstruktives Miteinander bei einem derartigen Großprojekt?

Gut war, dass beim Gotthard viele Bauingenieure, technische Spezialisten, Techniker miteinander gearbeitet haben und wenig Juristen. Das waren Leute, die sich sehr gut kannten, die großes technisches Verständnis hatten. Das erzeugt eine andere Kultur, Juristen wollen jedes erdenkliche Risiko über Verträge abdecken. Das endet dann oft im Streit, in Prozessen, und führt zu Verzögerungen.

Wie könnten Großprojekte künftig besser gelingen?

Digitales Bauen ist für mich entscheidend. Die technische Entwicklung wird das Bauen in den nächsten Jahren grundlegend verändern, etwa indem wir künftig mit drei- oder vierdimensionalen Modellen arbeiten. Weil alle Beteiligten über den gleichen Informationsstand verfügen, lassen sich so viele Reibereien zwischen Planern und Baufirmen vermeiden. In Norwegen und Schweden haben sie als Bauunternehmen keine Chance mehr, wenn sie diese Technik nicht anbieten. Beim Gotthard haben wir das noch nicht praktiziert, die Lücke zwischen Planung und Ausführung aber über gutes Projektmanagement geschlossen. Wie schnell sich die Technik durchsetzt, hängt im Übrigen auch wesentlich davon ab, wie schnell Stararchitekten diese neuen Modelle akzeptieren.

Die ganze Geschichte über den Gotthard-Tunnel lesen Sie in der neuen Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.

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