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Das Ende einer Analogie

, Horst von Buttlar

Lange Zeit ging es für die deutsche Wirtschaft und den Fußball bergauf. Doch jetzt fällt die Wirtschaft zurück. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Trevor Good
Horst von Buttlar

Es tut mir leid, aber: Wir sind Weltmeister, und ich muss jetzt das Ende einer Analogie verkünden. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die deutsche­ Wirtschaft und der deutsche Fußball erstaunlich synchron entwickelt – von unten nach oben, von Scham zu Stolz. Vor zehn Jahren wurden wir bemitleidet, heute gefürchtet und bewundert. „Deutschland ist nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch in Sachen Fußball eine Supermacht“, schrieb die französische Zeitung „Le Parisien“ anerkennend nach dem Finale.

2004 gingen wir bei der Europameisterschaft unter. Ich sehe noch Rudi Völler vor mir, wie er sich beim Publikum entschuldigt, den Kopf schief, die Arme oben, tja, alles versucht, ging leider nicht besser.

das „Sommermärchen“ war der Startschuss

In jenen Jahren hatte sich dieses „Es läuft leider nicht“ wie ein düsterer Code in unser Betriebssystem geschrieben. Als Deutschland im September 2003 gegen Island 0:0 spielte, kämpfte es mit den Hartz-­Gesetzen, in der Halbzeitpause mussten wir Günter Netzers schneidende Sätze ertragen und am Sonntagabend Hans-Olaf Henkel bei „Sabine Christiansen“. Wir konnten weder vernünftig Fußball spielen noch eine Lkw-Maut einführen. Alle wussten, dass es so nicht weitergehen konnte, also sammelten wir unsere Kräfte zur Erneuerung.

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Die neue Capital, am 18. Juni im Handel

2006 kam das „Sommermärchen“, ein Land wachte auf, erblühte, fühlte sich wieder gut. Trotz Finanzkrise und einer historischen Rezession 2009 geht es seitdem bergauf. Die Ausreißer dazwischen (Berliner Flughafen, Algerien-Spiel) durchbrechen nicht den Trend. Nun also, 2014, der Triumph.

Doch ausgerechnet 2014 könnte das Jahr werden, in dem diese parallele Entwicklung aufhört, Wirtschaft und Fußball sich wieder entkoppeln. Der Fußball wird seine Stärke wohl bewahren und ­ausbauen. Für den deutschen Standort aber wird seit einiger Zeit der schleichende Abstieg vorbereitet.

Am Abend des Finales fiel mir auf, wie oft die Weltmeister auf die langwierige Arbeit verwiesen: Wir ernten, was wir vor zehn Jahren gesät, wofür wir zehn Jahre lang gearbeitet haben. Und – ganz wichtig – woran wir weiter arbeiten werden, mit neuen jungen Spielern, Teamgeist, Experimentierfreude.

Man spürte ein Energiefeld, das um jeden Preis aufrechterhalten werden soll, weil es eben nicht Wunder sind, die zum Erfolg führen (auch wenn die Mythen „Wirtschaftswunder“ und „Wunder von Bern“ etwas anderes suggerieren).

Kein Esprit, kein Aufbruch

In der Wirtschaft vermisse ich diese Energie. In den Unternehmen gibt es sie zwar – aber nicht in der Wirtschaftspolitik, nicht in den Entscheidungen für den Standort. Ob „Rentenpaket“, Mindestlohn oder die Pläne für die Pkw-Maut: Unsere Regierung hat seit ihrem Start eine Reihe von Entscheidungen getroffen oder geplant, die uns schaden und schwächen. Die Große Koalition sendet nichts aus, keinen Esprit, keinen Aufbruch. Sie führt einen Koalitionsvertrag aus wie eine Betriebsanleitung, nach einem immer absurderen Proporz: Jede Partei ist mal dran mit einer schlechten Idee.

Vielleicht erinnert der WM-Titel 2014 auch manchen Politiker kurz daran, dass Erfolge nicht selbstverständlich sind – sondern überall hart erkämpft werden müssen.

Horst von Buttlar

Chefredakteur

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